Beispiel – Blog vom Bleiben http://www.blogvombleiben.de Kinderbücher, Kinofilme und mehr! Thu, 04 Oct 2018 10:18:48 +0000 de-DE hourly 1 https://wordpress.org/?v=4.9.8 http://www.blogvombleiben.de/wp-content/uploads/2017/03/Website-Icon-dark.png?fit=32,32 Beispiel – Blog vom Bleiben http://www.blogvombleiben.de 32 32 138411988 FINDET NEMO, FINDET DORIE, findet den Fehler | Filme 2003, 2016 http://www.blogvombleiben.de/film-findet-nemo-findet-dorie-2003-2016/ http://www.blogvombleiben.de/film-findet-nemo-findet-dorie-2003-2016/#respond Fri, 10 Aug 2018 07:00:42 +0000 http://www.blogvombleiben.de/?p=4854 »Du hattest mich bei Fisch«, so reagierte Pixar’s Chief Creative Officer gegenüber Andrew Stanton, nachdem dieser…

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»Du hattest mich bei Fisch«, so reagierte Pixar’s Chief Creative Officer gegenüber Andrew Stanton, nachdem dieser ihm lang und breit sein Herzensprojekt gepitcht hatte: Der Fisch-Film, aus dem später Findet Nemo (2003) werden würde. Als sich Stanton sein Werk mit 7 Jahren Abstand noch einmal ansah, da machte er sich Sorgen um Dorie: Sie weiß ja immer noch nicht, wo sie herkommt! »Sie könnte Marlin und Nemo schon am nächsten Tag vergessen, während sie herumstreunt, und wäre wieder am Ausgangspunkt – das gefiel mir nicht.« So kam es, dass der Schöpfer von Dorie ihr schließlich einen eigenen Film schuf: Findet Dori (2016).

Vorweg: Hier werden die Filme Findet Nemo und Findet Dori als Animationsfilme aus der Erwachsenen-Perspektive besprochen. In ihrem Dasein als Kinderfilme wird Sonia die beiden Pixar-Abenteuer in Zukunft nochmal näher unter die Lupe nehmen.

Marlin und Dorie in Findet Nemo

Im Meer der Möglichkeiten

Inhalt: Im ersten Film geht es darum, wie ein Familienvater erst zum Witwer wird und dann seinen Sohn verliert. Das Kind wird von einem unbekannten Mann gekidnappt und verschleppt, während sich der Vater auf der Suche nach ihm mit einer vergesslichen Freundin verirrt und in allerlei Gefahren begibt. Im zweiten Film erinnert sich diese vergessliche Freundin daran, dass sie ja auch eine Familie hat, von der sie als Kind getrennt wurde. Später findet sie heraus, dass ihre Eltern seither gefangen gehalten und zur Schau gestellt werden. Klingt gar nicht nach Kinderfilmen? ABER ES SIND DOCH NUR FISCHE! Na schau, dann ist alles nur noch halb so grausam…

Hinweis: Dieser Text enthält keine Spoiler. Bei JustWatch finden sich aktuelle Streaming-Möglichkeiten zu Findet Nemo und Findet Dorie.

Totale: Nemo & Dorie im Zusammenhang

Cineastischer Kontext

Es war nach Der Herr der Ringe III – Die Rückkehr des Königs der erfolgreichste Film des Jahres 2003. Und obwohl Pixar bereits eigene und sehr gute Erfahrungen mit Sequels hatte (Toy Story 2 wurde 1999 trotz turbulenter Produktionsphase von Publikum und Kritik gefeiert), dauerte es satte 13 Jahre (!) ehe Findet Nemo mit Findet Dorie eine Fortsetzung bekam. Regisseur Andrew Stanton gestand seine große Nervosität vor einem solchen Sequel mit all den Erwartungen, die Fans des Originals daran hätten – doch er und sein Team taten, was Dorie tun würde: Sich optimistisch ins Risiko stürzen! Und vergessen, dass es sich um ein Sequel handelt.

Was würde Dorie tun?

Um eine Chance zu haben, eine anständige Fortsetzung zu drehen, muss man vergessen, dass es eine Fortsetzung ist – und versuchen, den Film so eigenständig wie möglich zu machen. Als hätte es keinen Film davor gegeben. 

Andrew Stanton

Persönlicher Kontext

Als Findet Nemo ins Kino kam, war ich 14 Jahre alt – und ich habe diesen Film vielleicht etwas öfter gesehen, als es für 14-Jährige cool ist. Ich hatte sogar eine Findet-Nemo-DVD mit virtuellem Aquarium im Bonusmaterial. Und das hab ich benutzt. Stundenlang blubberten die animierten Fische über meinen alten Computer-Monitor, der auch die Ausmaße eines Aquariums hatte – die Illusion war perfekt (man muss dazu sagen, das ich ein Fisch-Nerd war, mit über einem Dutzend echter Aquarien in der Garage).

Als Findet Dorie dann ins Kino kam, da war ich natürlich schon viel zu alt für solche Filme. Also nahm ich die einmalige Chance wahr, 4 Kinder von befreundeten Familie sozusagen als »erwachsene Begleitung« mit ins Kino zu nehmen (wie gesagt: einmal, alle 4 Kids auf einmal – ich war nicht 4 Mal im Kino… das wäre ja total verrückt…) | Kurz die eigene statistische Erhebung: Die LKW-Szene in Findet Dorie kam bei den Kindern, gemessen an der Lach-Lautstärke, definitiv am besten an.

Schnuppe ob geschuppt oder gefiedert

Zu der Zeit hatte ich die Aquaristik als Hobby längst aufgegeben und der Fisch-Nerd war dem Film-Nerd gewichen. Aber so ein Herz für diese schuppigen, flossigen, quirligen Tiere, das hört wohl nie wirklich auf zu schlagen. 

Vögel sind im Übrigen auch echt in Ordnung. An dem Pixar-Kurzfilm Piper (2016), der als Vorfilm zu Findet Dorie im Kino gezeigt wurde, hatte ich jedenfalls meine Freude. Hier ein kleiner Einblick in dieser beeindruckend detailliert animierte Werk:

Close-up: Nemo & Dorie im Fokus

Erster Eindruck | zum Inhalt der Filme

Findet Nemo beginnt mit einem Prolog, der die »Nachbarschaft« und Lage des neuen Zuhauses am äußeren Rand des Korallenriffs behandelt. Die anfängliche Harmonie wird, ziemlich abrupt, von einem Barracuda unterbrochen. Dieser Zwischenfall hat zur Folge, dass der kleine Clownfisch Nemo ohne Mutter und 399 Geschwister aufwächst. Dafür mit einem umso besorgteren Vater namens Marlin.

Die Auftaktszene nach dem Prolog zeigt die beiden an Nemos erstem Schultag. Der kleine Fisch hat, vermutlich aufgrund der Barracuda-Attacke von damals, eine unterentwickelte Brustflosse – seine »Glücksflosse«, wie Vater Marlin sie nennt. Nemo schwirrt so aufgedreht umher, als würde er durch Kaffee statt Salzwasser schwimmen – und sein Vater ist sehr bedrückt darüber, sein einziges Kind gehen lassen zu müssen. Nemo könne mit dem Schuleinsteig doch noch warten, meint Marlin, »so 5 bis 6 Jahre…«

Glücksflosse und Siebgedächtnis

Findet Dorie hat eine ähnliche Ausgangssituation: Ohne düsteren Prolog geht’s direkt zur kleinen Dorie. Ein Palettendoktorfischchen, das quasi nur aus Augen besteht. Riesigen, putzigen Kulleraugen. Dahinter ist nicht mehr viel Platz für ein vollausgereiftes Gedächtnis, so scheint es. Denn Dorie leidet, zur großen Sorge ihrer Eltern, an Amnesie. Sie vergisst sehr vieles sehr schnell. Und so wie Nemo im ersten Film seinem Vater entrissen wird, kommt Dorie ihren Eltern abhanden. Die Fischkinder müssen, mit Glücksflosse und Siebgedächtnis, ohne ihre Familien klarkommen.

Filmfehler gefunden? Wäre Findet Nemo wissenschaftlich korrekt, hätte es ein ziemlich kurzer Film werden können. Erstmal leben Clownfische nicht in monogamen Beziehungen, wie sie im Film zwischen Marlin und Coral (Nemos Mutter) gezeigt wird, sondern in Polyandrie: ein Weibchen, mehrere Männchen. Wenn das Weibchen stirbt (weil es zum Beispiel von einem Barracuda gefressen wird), verwandelt sich das stärkste Männchen – innerhalb von einer Woche! – in ein Weibchen. Denn Clownfische sind Hermaphroditen (siehe Blogbeitrag: Bio mit Beauvoir). Marlin hätte sich also, noch bevor Nemo aus dem Ei schlüpft, in ein Weibchen verwandeln und eine Bande verantwortungsvoller Männchen um sich versammeln können. Bei so viel Obacht wäre Nemo bestimmt nicht verloren gegangen. Und der Film hätte geheißen: Nemo – ein Leben ohne Abenteuer.

Hier noch weitere Filmfehler oder Logiklücken in Findet Nemo, informativ zusammengefasst von CinemaSins (auf Englisch):

Bleibender Eindruck | zur Wirkung der Filme

Findet Nemo ist ein Film, der überfürsorglichen Eltern einen Spiegel vor die Nase hält und Kinder dazu ermutigt, ihren Weg zu gehen. Vor allem aber führt der Film vor Augen, dass Behinderungen nicht gleich Einschränkungen sind.

Findet Dorie führt diese Idee noch einen Schritt weiter, mit einer ganzen Geschichte rund um das Meistern einer Benachteiligung. 

Aus dem Leben mit Behinderungen

Die Hauptfigur in Findet Nemo hat eine zu kleine Flosse und kann damit nicht so gut schwimmen. Doch in der Not und mit ähnlich ungleich-flossigen Vorbildern [der Halfterfisch namens Khan] findet Nemo zu Selbstbewusstsein. Findet Dorie hat eine Hauptfigur mit einem hemmenden Handicap (das schwache Gedächtnis), für das sie bestimmte Mechanismen entwickelt, die ihr in der Not helfen.

Dorie kämpft sich voran, wenn keine Hilfe in Sicht ist, und hat auf ihre eigene Weise Erfolg. (…) Die meisten Zuschauer*innen werden diese besondere Message des Films nicht bemerken – wohl aber diejenigen, die sie am ehesten brauchen, und die sich am meisten mit den Charakteren identifizieren werden können.

Tasha Robinson (The Verge)

Hier je eine kleine Vorschau zu den Filmen, via YouTube:

Bechdel-Test bestanden

Den Bechdel-Test hat Findet Dorie übrigens in allen 3 Kategorien bestanden: Kommt mehr als eine Frau (hier: Charaktere mit weiblicher Geschlechterrolle) vor? Check. Haben sie Namen? Check. Sprechen die Frauen miteinander über etwas anderes als Männer? Check.

Neben Dorie kommen etwa deren Freundin Destiny oder ihre Mutter Jenny vor – und sie quatschen über Themen wie Freundschaft und Familie. Doch selbst in einem so klaren Fall lädt das Gender-Thema immer gern zu einer Diskussion ein. Hier eine kleine Perle aus der Kommentarspalte zum Bechdel-Test:

Gender einfach streichen

Steve: Dori ist ein Fisch, keine Frau. Ein Fisch.

Arc: Es geht um Kontext. »Frau« meint hier nicht »Frauen«, sondern schlicht weiblich. Wenn man diesen Kontext nicht berücksichtigt, würden sich die meisten Animationsfilme und die Filme, in denen Kinder die Hauptrollen spielen, nicht für diesen Test qualifizieren. […]

Jake: Es sind wortwörtlich verdammte Fische in einem verdammten Kinderfilm! Wie um alles in der Welt kann irgendwer denken, dass deren Geschlecht irgendeine Tragweite für den Film haben sollte? Man könnte sämtliche Geschlechterrollen aus diesen Charakteren streichen und es würde keinen Unterschied für die Handlung machen!

Powers: Ja, Jake, das könnte man – das ist der ganze Sinn dieser Website. Der Punkt ist, dass die Filmemacher*innen diese Rollen weiblich gemacht haben, obwohl sie hätten männlich sein können. Und damit haben sie qualitativ wertvolle, weibliche, interagierende Figuren in einen Mainstream-Film platziert.

Fazit zu Findet Nemo und Findet Dorie

Ein vegetarischer Hai, »Meins«-schreiende Möwen, der 7-armige Octopus und die Popcorn-liebende Becky – das Universum von Nemo und Dorie ist voll von liebenswerten Ideen und Details. Technisch für ihre jeweilige Zeit perfekt umgesetzt und dramaturgisch gekonnt zu in sich geschlossenen Abenteuern verpackt, sind Findet Nemo und Findet Dorie heute schon Klassiker, die aus dem immer größer werdenden Meer der animierten Filme herausstechen.

Und hier nochmal für alle: Ein Aquarium! Nicht mehr virtuell, von einer verpixelten DVD, sondern in 4K und direkt aus dem Netz – 3 Stunden Fische gucken! Allein dafür hat sich die Erfindung des Internets schon gelohnt.

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DER ZUFALL MÖGLICHERWEISE von Krzysztof Kieślowski | Film 1987 | Kritik http://www.blogvombleiben.de/film-der-zufall-moeglicherweise-1987/ http://www.blogvombleiben.de/film-der-zufall-moeglicherweise-1987/#respond Tue, 07 Aug 2018 07:00:55 +0000 http://www.blogvombleiben.de/?p=4593 Ist unser Leben vorbestimmt oder vom Zufall beherrscht? Welche kleinen Dinge treten welche großen los? In…

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Ist unser Leben vorbestimmt oder vom Zufall beherrscht? Welche kleinen Dinge treten welche großen los? In Der Zufall möglicherweise erzählt der polnische Regisseur Krzysztof Kieślowski von einem konkreten Leben in einer konkreten Zeit und doch drei ganz unterschiedliche Biografien. Wohin der Weg geht und in welche Richtung das Schicksal ausschlägt, das entscheidet sich – natürlich – am Bahnhof. 

Witek rennt

Mit Der Zufall möglicherweise hat Krzysztof Kieślowski nicht nur möglicherweise, sondern ganz gewiss einige spätere Filme inspiriert. Bekanntestes Beispiel dürfte für das deutsche Publikum Lola rennt (1998) sein. Mit der Kamerafahrt in den Mund, zu Beginn von Lola rennt, spielt der Regisseur Tom Tykwer – der mit Heaven (2002) inzwischen ein Kieślowski-Drehbuch verfilmt hat – inszenatorisch elegant auf das Vorbild an. Ebenso mit dem Anrempeln einer prompt pöbelnden Passantin durch die rennende Lola (Franka Potente). Nehmen wir im Folgenden das Original unter die Lupe – Witek statt Lola.

Die Schauspieler Bogusław Linda und Monika Goździk in einem Standbild aus Der Zufall möglicherweise

Info: Zu der Zeit, da ich diesen Film suchte [Juli 2018], war Der Zufall möglicherweise (Original: Przypadek, Englisch: Blind Chance) im polnischen Original mit englischen Untertiteln in der Mediathek von Eastern European Movies verfügbar – eine empfehlenswerte Website für alle, die Interesse am osteuropäischen Kino haben. Allerdings wurde Der Zufall möglicherweise im Jahr 2017 vom Studio Filmowe TOR auch auf YouTube hochgeladen und ist dort in voller Länge zu sehen. (siehe unten)

Totale: Der Zufall möglicherweise im Zusammenhang

Historischer Kontext

Was den Film für ein internationales Publikum schwer zugänglich macht, ist seine Verankerung in der polnischen Geschichte vom Ende des 2. Weltkriegs bis Anfang der 80er Jahre. Der Zufall möglicherweise spielt vor dem Hintergrund des kommunistischen Polens, das scheinbar in zwei Lager zerfallen ist: Man ist entweder für oder gegen die Partei. Der Werdegang des fiktiven Studenten Witek Długosz dient als Beispiel, an dem gezeigt wird, wie ein Leben in diesem Polen laufen kann. Mal ist er als kommunistischer Funktionär in die Geschichte gestrickt, mal als Oppositioneller – und mal versucht er sich ganz aus dem Politischen rauszuhalten.

Obwohl der Film bereits 1981 gedreht wurde, lief er auf den Internationalen Filmfestspielen von Cannes und in den polnischen Kinos erst 1987. Anfang der 80er Jahre war Der Zufall möglicherweise – in einer Zeit, da in Polen aufgrund der Solidarność-Unruhen Kriegszustand herrschte – von der Zensur zunächst verboten worden. Zu unbequem war dem Regime der Inhalt dieses Films.

Persönlicher Kontext

Möglicherweise war’s der Zufall, der dafür sorgte, dass ich durchaus filmbegeisterter Mensch bis vor kurzem den Namen Krzysztof Kieślowski nicht kannte. Möglicherweise war’s aber auch blöde Ignoranz, weil mein Hirn den Namen nichtmal in Gedanken auszusprechen wusste. Inzwischen lerne ich – durch Zufall, möglicherweise – seit ein paar Jahren polnisch und möchte die Annäherung all denjenigen erleichtern: Man spricht ihn Kschischtof Kschlowski aus (hier sagt’s ein Muttersprachler: ).

Ein stimmungsvoller, wenn auch nur visueller Teaser zum Lebenswerk dieses großen Filmemachers vermittelt ein Bilderreigen, den das Museum of the Moving Image im Jahr 2016 veröffentlicht hat:

Wer Lola rennt kennt und mag, möchte vielleicht sehen, welchem Film Tom Tykwer die Kernidee entnommen hat. Mir jedenfalls ging es so.

Close-up: Der Zufall möglicherweise im Fokus

Erster Eindruck | zum Auftakt des Films

»This is the 1981 version of the film, with censored fragments restored.« 

Mit dieser Texttafel begann die Version, die ich gesehen habe. Dabei stimmt der Hinweis nicht ganz. Es gab noch immer eine Stelle im Film, in der das Bild schwarz wurde und nur die Tonspur weiterlief. In dieser zensierten Szene ging es um Polizeigewalt. Fast entschuldigend wies hier eine erneute Texteinblendung darauf hin, dass dieses Fragment das einzige gewesen sei, dass sich nicht habe restaurieren lassen.

Der Film beginnt mit einer Großaufnahme des Helden, Witek Długosz, der nervös dasitzt, den Mund aufreißt und »Nieee!« ruft. Die Kamera ist zu nah dran, als dass wir zuordnen könnten, wo er da sitzt. Und sie fährt noch näher heran, diese Kamera, fährt in den aufgerissenen Mund, ins Schwarz. In gelben Großbuchstaben erscheint der Name des Hauptdarstellers, der diesen Film über seine gesamte Laufzeit trägt: Bogusław Linda.

Kindheitserinnerungen aus der Subjektive

Nach den Vorspanntiteln folgt eine Kollage an Bildern, deren Sinn sich auf die Schnelle nicht erschließt: Ein blutiges Bein in einem Korridor, durch den eine Leiche geschleift wird. Ein dumm dreinschauendes Kind, das sich erst im Spiegel betrachtet, dann den Blick zu den Mathe-Hausaufgaben senkt. Neben dem Jungen sitzt der Vater, sieht ihm in die Augen?. Schnitt. Ein grüner Hang, auf dem ein Auto steht. Ein anderer Junge, der sich verabschiedet. Schnitt. Der voyeuristische Blick ins Lehrerzimmer, durchs Fenster. All diese Ausschnitte aus Kindheitstagen sind aus der Subjektiven gefilmt, Point of View ist jenes Kind, das sich im Spiegel betrachtet hat.

Aus der Kindheit geht’s in die späte Jugend oder das frühe Erwachsenenalter, auf jeden Fall raus aus der Subjektiven: Witek turtelt mit einer kurzhaarigen Frau an einem Gleis. Ein paar Typen rufen Obszönes, Witek rennt ihnen nach. Schnitt zu einem nackten, grauen Leichnam, der aufgeschnitten wird. Von der gelben Fettschicht schwenkt die Kamera hoch zu den herabschauenden Medizinstudent*innen. Eine von ihnen sticht hervor, durch ihren angewiderten Blick. Witek erzählt sie, die Tote sei ihre Lehrerin gewesen. Es folgt ein Schnitt zum gealterten Vater, der Witek erzählt, wie froh er war, als der Junge damals seinen Lehrer geschlagen habe. Denn Streber möge er nicht.

Bleibender Eindruck | zur Wirkung des Films

So geht es eine Weile. Kurze Szenen, chronologisch zwar und auf einen Helden fokussiert, doch durch die unüberschaubar großen Zeitsprünge unterbrochen. In diesem Prolog geht es Kieślowski nur um eine Art Quintessenz dessen, was aus dem Vorleben Witek erinnert werden soll. Bis zur schicksalhaften Szene am Bahnhof. Diese sehen wir zum ersten Mal nach 7 Minuten. So gerade eben erwischt Witek den Zug und der Film beginnt, endlich in gemäßigtem Tempo, mit verfolgbarer Handlung.

Wir werden zu jenem Bahnhof zurückkehren, ähnlich wie Mr. Nobody (2009) des Regisseurs Jaco van Dormael immer wieder zum Bahnhof zurückkehrt. Der Ort, an dem die Zeitstränge wie sich trennende Waggons auf unterschiedlichen Gleisen weiterfahren… Auf die Frage, ob er Der Zufall möglicherweise von Kieślowski gesehen habe, antwortet Jaco van Dormael in einem polnischen Interview:

Dieselben Dilemmata

Selbstverständlich. Unsere Filme entstanden zur selben Zeit [hier bezieht sich van Dormael auf seinen Kurzfilm È pericoloso sporgersi (1984), der wie ein früher Rohentwurf zu Mr. Nobody wirkt]. Offenbar waren wir von denselben Dilemmata beunruhigt. Und die Vorstellung verleiht mir heute noch eine gewisse Unruhe: Wir sitzen hier zusammen und reden, doch wie wenig muss man nur tun, damit Ihr oder mein Leben in völlig neuen, anderen Bahnen verläuft. Jede unserer Entscheidungen determiniert die nächste […]

Jaco van Dormael im Gespräch mit Barbara Hollender (aus dem Polnischen)

Bei Jaco van Dormael artet diese Idee wohlgemerkt in ein fantastisches Multiversum aus. Bei ihm eröffnet jede kleine Geste einen völlig neuen Zeitstrang. Bei Kieślowski ist der deterministische Gedanke von einer unausweichlichen Vorbestimmung hingegen wesentlich präsenter – und der Weg zum vorgezeichneten Schicksal bleibt in jedem Fall realistischer und näher an der Lebenswelt seines Protagonisten und der politischen Situation seiner Zeit. 

Fazit zu Der Zufall möglicherweise

Eine gewisse Faszination für die Zeit und den rätselhaft verstrickten Gang der Dinge ist wichtig. Zumindest, um als deutsche*r Zuschauer*in unter (grob über den Daumen gepeilt) 50 Jahren einen Zugang zu dem Film zu finden. Der Zufall möglicherweise bedient nicht unsere mit aufpolierten Bildern konditionierten Sehgewohnheiten. Er nimmt uns im Storytelling nicht bei der Hand (wie wir es vom Hollwood-Mainstream-Kino kennen, damit auch ja jede*r alles versteht) und setzt historisches Wissen voraus, das man ohne Bezug zu Polen kaum mitbringen wird.

Ich persönlich habe beschämend wenig Ahnung von der polnischen Geschichte. Dafür ist meine Faszination für die Zeit-Thematik im Film umso größer. Unabhängig von beidem ist das Schauspiel des Ensembles in Der Zufall möglicherweise wirklich stark. Und das Drehbuch ist so gut, dass es einen Sog entwickelt. Auch wenn man nicht alles verstehen mag, was in diesem Film vor sich geht, erlaubt er bestimmte Einblicke doch sehr klar und deutlich: Einblicke in die Zerrissenheit des Helden im Strudel des Zeitgeschehens. Egal, für welches politische Lager oder um welche Liebe Witek kämpft, man fiebert mit, wenn Witek rennt.

Hier gibt es den Film Der Zufall möglicherweise in voller Länge zu sehen (im polnischen Original mit englischen Untertiteln):

Übrigens: Der Zufall möglicherweise ist Teil der Criterion Collection. Hier gibt es weitere Informationen.

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Freie Trauung oder kirchliche Trauung? | Entscheidung, Planung, Zeremonie http://www.blogvombleiben.de/freie-trauung-kirchliche-trauung/ http://www.blogvombleiben.de/freie-trauung-kirchliche-trauung/#respond Sat, 28 Jul 2018 07:00:17 +0000 http://www.blogvombleiben.de/?p=4421 Als Kinder aus römisch-katholisch geprägten Familien lernten wir die Ehe als »die normale Verbindung zwischen Frau…

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Als Kinder aus römisch-katholisch geprägten Familien lernten wir die Ehe als »die normale Verbindung zwischen Frau und Mann« kennen. Das, was man ab einem gewissen Alter so macht: Beruf suchen, Heiraten, Kinder kriegen (bestenfalls in dieser Reihenfolge). Als Heranwachsende war uns die »Kein Sex vor der Ehe«-Floskel bekannt, aber da hing nicht die Familienehre dran. Man ahnte als Teenager*in bereits, dass es dabei weniger um Gottes Zorn als einen weltlichen Grund ging. Vermutlich derselbe, aus dem man im Bio-Unterricht Gummi über Bananen zog (obwohl die Kirche was gegen die Gummidinger hat – nicht der einzige Widerspruch zwischen Glaubens- und Lebenswelt junger Menschen im Deutschland um die Jahrtausendwende). Als Erwachsene, die sich schließlich dafür entschieden hatten, Ehepartner zu werden, fragten wir uns schließlich: Kirchliche Trauung oder freie Trauung?

Gemeinsam einen Weg finden

Sonia: In Polen geboren und in einer römisch-katholischen Familie aufgewachsen, habe ich die Etappen Taufe, Kommunion und Firmung zeremoniell und traditionell durchlaufen. Zum Stolz meiner Verwandten. Doch je älter ich wurde und je seltener wir in die Kirche gingen, in der ich Kirchenfenster wie Schäfchen zählte, desto mehr befasste ich mich mit anderen Welt- und Glaubensanschauungen: Reinkarnation, Engel und Lichtwesen. Menschen, die als Medien zwischen den Welten vermitteln. Nahtoderfahrungen verschiedenster Art.

Was am Ende blieb, war der Gedanke, dass wir unter diesem Himmel alle gleichen Ursprungs sind und mit unseren Gedanken, Worten und Taten unser Leben und das unseres Planeten gestalten. Und dass wir nicht unbedingt eine institutionalisierte Religion brauchen, um zu glauben und gut zu sein. Und geht es nicht letztendlich darum, gut zu sein, um am Ende seiner Tage zufrieden zurück und nach vorne zu blicken?

Braut und Bräutigam im Wald, reden über das Thema Freie Trauung

Eine gute Idee, wo auch immer sie steht

David: Was ist denn »gut«? Als im Familiengottesdienst damals vom »guten Gott« erzählt wurde, der das Meer hinter Moses schloss, damit all die bösen Ägypter im Wasser umkamen, da flüsterte mein Paps mir zu, dass er sich da auch nicht ganz sicher sei, ob das »gut« ist. Ich habe auch früh gelernt, nicht unbedingt jedes Wort des Papstes »gut« zu heißen – und das sowas wie das Zölibat nicht »gut«, sondern Tradition war. »Man kann ja nicht alles ändern.« Zumal gewisse Werte der römisch-katholischen Kirche sich ja nicht überholen oder so wichtig und sinnvoll sind, wie eh und je: Nächstenliebe, um das prominenteste Beispiel zu nennen. Immer eine gute Idee.

Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.

Das Zitat kommt aus dem Evangelium nach Markus, Neues Testament. Und es kommt aus der Tora, der hebräischen Bibel. Diese hat das Christentum auch für sich übernommen, als Altes Testament, in etwas anderer Anordnung.

Im Islam nennt man die gelebte, soziale Wohltätigkeit Zakat und im Buddhismus hat Karuna als Mitgefühl und Erbarmen eine ähnlich hohen Stellenwert, ist da jedoch nicht an eine Gottesvorstellung geknüpft. Die Verhaltensbiologie beobachtet Moral-ähnliches Verhalten im Übrigen zwar auch bei Tieren, doch in der neuzeitlichen Philosophie appelliert Immanuel Kant explizit an den menschlichen Verstand:

Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde.

Das finde ich »gut« – ein Maßstab, der in meinem Kopf geschlossen Sinn ergibt. Mit mir selbst als Verantwortung tragende Instanz, ohne Berufung auf ein Höheres Wesen oder etwaigem Aberglauben.

Im Glauben wankelmütig

Sonia: Zugegeben, ich habe einen Hang zum Aberglauben. Auf Holz klopfen, das Brautkleid vor dem Bräutigam verstecken, oder den Rosenkranz meiner Oma bei Prüfungen in der Tasche verstauen. Mach. Ich. Alles. Doch ich mogele, wenn’s mir nicht passt, was ein wenig an meiner Seriosität kratzt. Wenn mein Glaube ein Tier wäre, dann wohl ein Vogel.

Zwei Tauben fliegen gen Himmel

Etwas flatterhaft, aber himmelsnah. In einer Sache aber bin ich umso geerdeter: Dem Universum oder dem Höheren ist es, denke ich, ganz gleich, ob wir am Strand, in der Kirche oder sonst wo und wie heiraten. Solange man seine Liebe so bekennt und besiegelt, wie man es auch meint.

Was ist eine freie Trauung?

So zu heiraten, wie man es meint, das war mir wichtig. Was ist nun, wenn die eigenen Wurzeln nicht mehr ganz zu den Flügeln passen? Um unsere traditionellen Hintergründe und meine spirituellen Einflüsse mit den jeweils individuellen Überzeugungen zu verbinden, entschieden wir uns für die freie Trauung. Was ist das eigentlich?

…aber vorweg: Kleiner Exkurs

David: Wann immer wir in binären Gegensätzen denken, also solchen mit zwei klaren Positionen, da sollten wir hellhörig werden. Wir Menschen. Die Studien des Völker-Forschers Claude Lévi-Strauss haben das menschliche Denken schon vor Jahrzehnten als universell und uniform entlarvt. Überall auf der Welt, egal ob in New York City oder dem Amazonasgebiet, denken die Menschen in Gegensatzpaaren. Sowas wie »heiß – kalt«, »oben – unten«, »hell – dunkel«, soweit, so gut. Weiter: »Natur – Kultur«, »wild – zivilisiert«, »Frau – Mann«, und vielleicht am gewichtigsten: »schlecht – gut«. Denn beim Denken in Gegensatzpaaren geht eine Gewichtung dieser Paare in »gut« oder »schlecht« oft automatisch mit einher, bewusst oder unterbewusst.

Das Eine oder das Andere?

So haben sich Denkweisen, die »Kultur über Natur« oder »Mann über Frau« erhoben, über Jahrhunderte fortgesetzt. Wie auch immer du zur Kirche oder freien Trauung stehst: Wenn du dir das Gegensatzpaar »Kirche – freie Trauung« denkst, findest du vermutlich eines besser, eines schlechter. Ich persönlich assoziere »Kirche« etwa mit einer nicht mehr zeitgemäßen Institution mit arg verbrecherischer Historie (die nicht abgeschlossen ist). Andere assoziieren mit »freie Trauung« ein beliebiges Wunschkonzert, das sich an den schönsten Ritualen der kirchlichen Liturgie bedient und daraus ihr eigenes Ding dreht. Mal abgesehen davon, dass viele Religionen ihre Rituale auch nicht originär selbst erdacht und patentiert haben, liegt ein weiteres Problem mit dem Denken in Gegensatzpaaren darin, dass damit suggeriert wird, es gäbe nur zwei Kategorien.

Oder die Vielfalt?

Gibt es nur »männlich – weiblich« als mögliche Geschlechtsidentitäten? Nein. Es sind nur die einzigen beiden Möglichkeiten, auf die uns unser Hirn und unsere Sprache festlegt, wenn wir nicht daran rütteln. Und ebenso sollte man freie Trauung nicht als das einzig mögliche Gegenstück zur kirchlichen Trauung verstehen. Das Adjektiv »frei« macht es unserem Denken hier immerhin leichter, die eigentliche Vielfalt zu sehen: Eine freie Trauung kann alles sein, was ihr euch wünscht. Auch in Verbundenheit zu einem Gottesbild, wie es in der Bibel beschrieben wird.

Träume wahr werden lassen

Sonia: Eine freie Trauung kann frei nach den Vorstellungen des Brautpaares gestaltet werden. Dabei sind der Zeremonie keine Grenzen gesetzt (außer natürlich denen des Rechtsstaates). Die gute Nachricht an alle Pinterest-Suchtis: Ablauf und Ort der Trauung könnt ihr euch selbst überlegen – mithilfe von tausenden Inspirationen da draußen. Hier eine kleine Pinnwand zur Gestaltung unserer Hochzeit.

Blumen als Hochzeitsdekoration

Dank der freien Trauung konnten wir die standesamtliche (bürokratisch gehaltene) Eheschließung um eine Komponente ergänzen, die weit aus romantischer und feierlicher war. In der Zeremonie bekannten wir im Kreise unserer Lieben und Verwandten unsere Werte, unsere Liebe und Entscheidung füreinander, nach unseren Vorstellungen. Sogar nach meinen Mädchentraum, einmal wie Forrest und Jenny unter freiem Himmel zu heiraten, in der Geborgenheit der Bäume, wurde wahr.

Was kostet eine freie Trauung?

Der Vorteil einer kirchlichen Trauung – rein pragmatisch betrachtet – ist die per se feierliche Kulisse, der romantische Orgelmusikeinsatz, die geringeren Kosten. Für Paare, die sich jedoch weniger mit der Kirche und/oder dem Glauben identifizieren, bedeutet dies eine Trauung unter dem Mantel der Kirche und deren Vorstellungen der Ehe, Familienplanung, Kindererziehung. Hier gibt es deutliche Unterschiede in der katholischen und evangelischen Zeremonie, wobei Letzteres mehr Gestaltungsraum für das Brautpaar bietet.

Ein Wort zu Hochzeitsredner*innen

Die Kosten einer freien Trauung hängen natürlich ganz von der Trauung selbst ab. Dafür müsst ihr euch überlegen, wen und was ihr gerne integrieren möchtet. Der erste Kostenfaktor, der den Kern jeder freien Trauung darstellt, ist der oder die Zeremonienmeister*in respektive freie*r Hochzeitsredner*in. Natürlich gibt es auch die Option, freie Theolog*innen anzufragen, die unabhängig von der Kirche arbeiten und ebenfalls ein Honorar erhalten (hier eine Übersicht freier Theolog*innen).

Wie hoch die Honorare sind, hängt stark von den Redner*innen ab. Diese bieten in der Regel Vorab-Gespräche mit dem Brautpaar an, wo die persönliche Geschichte und die eigenen Vorstellungen kommuniziert werden. Mit Kosten ab 500 Euro sollte man für professionelle Hochzeitsredner*innen wohl rechnen.

Alternativ bietet sich auch die Friends-Variante an: Gibt es einen Menschen, der euch gut kennt und gerne und gut vor Publikum spricht (muss nicht in Soldatenuniform sein)? Dann ab dafür!

Wir hatten das Glück, den Theater- und Film-Schauspieler Jesse Albert in unserem Bekanntenkreis zu haben, der sich gerne bereit erklärte, uns durch die Trauung zu führen. Die Herausforderung bei semiprofessionellen Hochzeitsredner*innen: Den Text zur freien Trauung muss das Brautpaar selbst austüfteln. Wer selten schreibt und textet, kann hier ebenfalls im Bekannten- und Freundeskreis fragen, ob es helfende Hobbyschreiber*innen-Hände gibt? Denn wie gesagt, fragen schadet nicht. Und dann ladet eure Schreiberling-Freund*innen zu einem Essen ein und lasst euer Herz sprechen.

Ort und Austattung

Ein weiterer Kostenfaktor ist die Ausstattung. Je nachdem wie ihr euch trauen lasst und in welcher Location ihr dies vollzieht, könnt ihr auf Stühle, Bänke, Heuballen und vieles mehr zurückgreifen. Unsere Location (die Gaststätte Wintergarten in Bocholt) hatte zum Glück alles parat und übernahm die Aufstellung der Stuhlreihen. Für das Rednerpult stellten wir ein eigenes auf, samt selbst gehäkelter Gardine meiner Großmutter. Als kleinen Hingucker stellte uns die Blumenbinderei Flores für den Flur ein paar schöne Blumentöpfchen auf. Hier liegt es wieder ganz an euch, was ihr euch wünscht.

Freie Trauung im Garten unter freiem Himmel, mit Blumen dekoriert

Freie Trauung mit Gitarrenspiel und Blumendeko

Der musische Rahmen kann auch all denen Tränen in die Augen treiben, die sonst eher keine Miene verziehen. Nicht, dass bei einer Hochzeit geweint werden muss (muss es nicht 😊). Manche Brautpaare lassen sich professionelle Musiker*innen einfliegen, andere über die Anlage ihre Lieblingssongs abspielen, nur Sänger*innen singen oder befreundete Musiker*innen spielen. Hier müsst ihr entsprechend Angebote einholen. Da wir es irgendwie mit Friends haben, freuten wir uns riesig, dass Davids Schwester und ihre Freunde mit Engelstrompeten, Gitarre, Keyboard und Sheeran-Gesangsstimme sowohl den Einzug als auch die Zeremonie in rührende Atmosphäre tauchten.

Wie organsiert man eine freie Trauung?

Nehmt ihr Profis für die freie Trauung in Anspruch (freie Theolog*innen, Hochzeitsredner*innen), müsst ihr nichts weiter tun, als euch ein- bis zweimal mit dieser Person zu treffen und dort alles Wichtige zu besprechen (etwa Symbole, die ihr einsetzen möchtet, eure persönliche Geschichte oder Musikwünsche). Falls ihr euch zutraut, die Zeremonie aus eigener Feder zu verfassen, dann ist es hilfreich, sich zunächst eine kleine »Dramaturgie« zu überlegen. Diese könnte für eine freie Trauung so aussehen:

  • Begrüßung
  • Liebesgeschichte
  • Fürbitten/Wünsche
  • Eheversprechen
  • Ringtausch
  • Abschluss/Glückwünsche

Dann könnt ihr ein paar Kerndaten sammeln, die euch wichtig erscheinen. Bei uns waren es das erste Kennenlernen und die Meilen- und Stolpersteine unserer Freundschaft, aus der im verflixten siebten Jahr mehr wurde. Inhaltlich habt ihr also viel Spielraum, was vielleicht die Krux ist. Um es nicht steif ablesen zu lassen, ist es hilfreich, dem oder der Hochzeitsredner*in nicht Wort für Wort in den Mund zu legen und ihm oder ihr durchaus auch eigene Ideen oder Formulierungen zuzutrauen.

Zittern und Zaubern: Das Eheversprechen

Etwas, das für uns das Highlight war, und weshalb wir so derart nervös waren: unsere beiden Eheversprechen. (Wieder so ein Brauch aus Friends – ja, vielleicht sind wir dieser Sitcom ein bisschen zu sehr erlegen.) Die persönlichen Worte, aneinander gerichtet, vor den Augen und Ohren unserer Liebsten und Nächsten, waren das Herzstück unserer Trauung. Sicherlich nicht jedes Brautpaars Sache. Aber für mich war es der schönste Moment, meine Liebe so offen preiszugeben und zu bekennen.

Ihr allein entscheidet, was ihr euch sagen und versprechen wollt, so dass es auch da kein Richtig oder Falsch gibt. Um keine Peinlichkeiten entstehen zu lassen, haben wir uns abgesprochen, wie lang unsere Versprechen werden sollen. Bei Paaren mit sehr unterschiedlichem Redebedarf eine sinnvolle Angelegenheit. Mein Tipp: Setzt euch hin und schreibt einfach eine Minute darauf los, ohne eine Pause zu machen. Einfach herunterschreiben, welche Gedanken euch gerade durch den Kopf schießen, wenn ihr an euren Partner denkt.

David: Mein Tipp: Das Eheversprechen auf einem Spickzettel in der Trauung bei sich tragen. Mal drauf lünkern heißt ja nicht, dass man vergessen hat, warum man mit dieser Person da gegenüber sein Leben verbringen möchte. Nur, dass einen das Publikum arg nervös macht und die wenigsten Menschen viel Übung darin haben, ein Eheversprechen vorzutragen.

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Novo Amor, BIRTHPLACE und der Wal aus Müll | Musikvideo 2018 | Review http://www.blogvombleiben.de/musikvideo-birthplace-novo-amor-2018/ http://www.blogvombleiben.de/musikvideo-birthplace-novo-amor-2018/#respond Wed, 25 Jul 2018 07:00:35 +0000 http://www.blogvombleiben.de/?p=4288 Früher Nachmittag, ich bin gerade im Bad. Durch die Tür höre ich, dass Musik läuft. Sonia…

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Früher Nachmittag, ich bin gerade im Bad. Durch die Tür höre ich, dass Musik läuft. Sonia schaut ein Handyvideo. Sie sitzt auf dem Sofa. Draußen brütet die Hafenstadt Padstow unter der Sonne. Das Sprachwirrwarr der Tourist*innen und das Geschrei der Möwen dringen durchs offene Fenster herein, mit den Sonnenstrahlen. Ich setze mich zu Sonia, in den Schatten der Gardine. Das Video hat eine Freundin bei Facebook geteilt. Fünf Minuten, fast vorbei, Sonia scrollt nochmal auf Anfang. So derart im alltäglichen Zwischendurch begriffen, aus irgendwelchen Gedanken gerissen, entdecken wir das Musikvideo zu Birthplace von Novo Amor. Wie eine Flaschenpost im Meer der Massenmedien. Mit wichtiger Botschaft und doch hoffnungslos verloren im ganzen Müll, der das Netz anfüllt.

Im Rachen des Todes

»Hip Hop has always been political, yes, it’s the reason why this music connects« rappt Macklemore in seinem Song White Privilege II, in dem er reflektiert, wie man sich als weißer Mensch zu der Bewegung Black Lives Matter verhalten soll/kann. Rund 50 Jahre vor ihm hat der Künstler Norman Rockwell mit seinem Gemälde The Problem We All Live With (1964) ähnliche Gedanken angeregt, zum selben Problem, das nach wie vor besteht: Rassismus. Ein anderes Problem, das haben die Guerrilla Girls im Jahr 1989 adressiert. Auf einem ausdrucksstarken Poster fragen sie: Do women have to be naked to get into the Met. Museum? Unter dem Schriftzug ist der Sexismus einer Kunstwelt, in der Frauen lieber als Objekte denn Subjekte gesehen werden, in Zahlen belegt. Zahlen, die sich kaum verändert haben, in den Jahren, in denen dieses Poster in neuer Auflage verbreitet wurde, 2005 und 2012.

Kunst ist immer schon politisch gewesen, ja, aber hat sie jemals die Welt verbessert? 

Free Diver Michael Board und ein Manta Rochen im Meer, Standbild aus dem Musikvideo Birthplace von Novo Amor

Was kann Kunst schon ausrichten?

Und jetzt: Ein weiteres Problem. Beim Staunen über das Musikvideo zu dem Song Birthplace von Novo Amor spüre ich einen Stein im Magen. Kann es das Debakel, das darin so bildgewaltig in Szene gesetzt wird, zum Besseren wenden? Oder vielmehr zur Wende beitragen? Bevor wir über das Problem sprechen, und über das Musikvideo zu Birthplace, dieses politische Kunstwerk von atemberaubender Wirkung, hier ein kurzer Blick hinter die Kulissen. Denn die Entstehungsgeschichte ist, wie so oft, nicht minder beeindruckend als das Werk selbst. Da Song und Musikvideo den Titel Birthplace tragen, fangen wir passender Weise mal ganz vorne an. Denn den wenigsten wird einer der wichtigsten Protagonisten dieser Geschichte bis dato bekannt sein: Wer ist Novo Amor?

Novo Amor und die Natürlichkeit

Novo Amor ist der Künstlername eines Mannes, dessen birthplace man als Nicht-Waliser*in wohl kaum aussprechen kann. Llanidloes heißt sein Geburtsort – und der Mann mit bürgerlichem Namen: Ali John Meredith-Lacey. Als solcher ist er am 11. August 1991 zur Welt gekommen. Und als Novo Amor hat er 2012 – im Alter von 21 Jahren – erstmals eine Single mit 2 Tracks veröffentlicht: Drift. Seine erste EP mit 4 Tracks veröffentlichte er am 31. März 2014 mit dem norwegischen Label Brilliance Records. Woodgate, NY lautet der Titel der Platte, die von zahlreichen englischsprachigen Musikblogs besprochen und gefeiert wurde.

»Darin erklingt die sprießende Saat stilistischer Erfindungsgabe«, schreibt The 405 in fast ebenso erdiger, naturnaher Sprache, wie Novo Amor sie in seinen Songs verwendet. Er singt in Woodgate, NY von brennenden Betten und über die Ufer tretenden Seen, von exhumierter Liebe und gefrorenen Füßen. Mit den poetischen Lyrics und den erwartungsvollen Reviews, die großes Potential wittern, erreicht er bereits eine globale Hörerschaft.

Etymologie: Der Name Novo Amor leitet sich vom Lateinischen (novus amor) ab und bedeutet »Neue Liebe«. Nach eigenen Angaben durchlebte Ali Lacey im Jahr 2012 gerade eine Trennung, als er sich mit seinem Musikprojekt sozusagen einer neuen Liebe zuwendete.

Die Nähe zum Visuellen

Schon im Januar hatte Novo Amor eine künstlerische Zusammenarbeit mit dem englischen Produzenten und Songwriter Ed Tullett (1993 geboren) begonnen. Nach dem Erfolg von Woodgate, NY brachten die beiden Musiker am 23. Juni 2014 ihre erste gemeinsame Single heraus: Faux. Schon zu diesem Song drehte der Regisseur Josh Bennett (Storm & Shelter) ein Musikvideo, hier zu sehen. Ein weiteres, frühes Musikvideo gibt es zu From Gold, ebenfalls aus dem Jahr 2014, hier zu sehen. Mittlerweile finden sich auf YouTube zahlreiche, bemerkenswert unterschiedliche, oft stark naturverbundene Musikvideos zu Songs von Novo Amor. Dass dessen Musik eine filmische Interpretation geradezu anregt, ist kein Zufall.

Ich schrieb den Song From Gold für einen Film, der von einem Freund von mir produziert wurde – und das Feedback war wirklich gut, also entschied ich, ein paar Tracks zu sammeln und als EP zu veröffentlichen. Filmmusik ist also quasi, wo meine Musik herkommt. Ich möchte Musik produzieren, die ein wirklich visuelles Element hat. Das fühlt sich für mich wie eine natürliche Evolution an. | Novo Amor im Interview mit Thomas Curry (The Line of Best Fit)

Mehr Plastik als Fische

Nun wollte Novo Amor, der inzwischen ein Album veröffentlicht und ein weiteres in Arbeit hat, ein weiteres Musikvideo entstehen lassen – zu seinem Song Birthplace. Dazu wendete er sich an die Niederländer Sil van der Woerd (Regisseur) und Jorik Dozy (VFX-Artist), mit denen er 2017 bereits das Musikvideo zu Terraform (in Kollaboration mit Ed Tullett) umgesetzt hatte. Sil und Jorik setzten sich hin, um inspiriert von Novo Amors Birthplace eine Idee für ein Musikvideo niederzuschreiben. Hier kommt jenes Problem ins Spiel, dass die beiden niederländischen Filmemacher zu dieser Zeit beschäftigte: Das Problem mit unserem Plastikmüll in den Meeren.

Lasst uns mit ein paar Fakten starten. Mehr als 8 Millionen Tonnen Plastik werden in den Ozean gekippt – jedes Jahr. 1,3 Millionen Plastiktaschen werden auf der ganzen Welt benutzt – jede einzelne Minute. Die United States allein benutzen mehr als 500 Millionen Strohhalme – jeden einzelnen Tag. Und im Jahr 2050 wird mehr Plastik im Meer schwimmen, als Fische. Für all das sind wir verantwortlich. Du. Ich. Alle von uns. Als wir dabei waren, uns Wege zu überlegen, ein öffentliches Bewusstsein für diese globale Krise zu schaffen, sprach uns Novo Amor an, für ein neues Musikvideo. | aus: The Story Of Birthplace

Unsere selbstgemachte Nemesis

Und so entstand eine symbolische Geschichte, über einen Mann, der auf einer perfekten Erde eintrifft und auf seine Nemesis stößt: unsere Vernachlässigung der Natur in Form von Meeresmüll.

Im Herzen unserer Idee stand unsere Vorstellung eines lebensgroßen Wales aus Müll – in Anlehnung an die biblische Geschichte von Jona und dem Wal, in der Jona vom Wal verschluckt wird und in dessen Bauch Reue empfindet und zu Gott betet. Es gibt zahlreiche Berichte über Tiere, die große Mengen Plastik schlucken und daran verenden – einschließlich Wale. Obwohl wir von einem Visual-Effects-Background kommen (also viel mit Computer-Effekten arbeiten), wollten wir, dass unser Wal echt ist, authentisch. | s.o.

Die Geburt des Wals

Die Herausforderung bestand also darin, einen lebensgroßen Wal aus Müll zu bauen, der im Ozean schwimmen sollte. Die Erscheinung dieses Wales wurde dem Buckelwal nachempfunden, der bis zu 60 Meter lang und 36 Tonnen schwer werden kann.

Wir brachten unser Design des Wals in ein kleines Dorf im wundervollen Dschungel von Bali an den Hängen des Agung (ein Vulkan auf Bali). Hier arbeiteten wir mit den Dorfbewohnern an etwas zusammen, dass sich zu einem Gemeinschaftsprojekt entwickeln würde. Rund 25 Männer haben ihre Handwerkskunst im Umgang mit Bambus beigetragen, um den Wal zum Leben zu erwecken. Doch ebenso, wie die überwältigende Schönheit des Dschungels, haben wir hier die ersten Spuren des Antagonisten unserer Geschichte. | s.o.

Bali: Müll auch zu Lande

Dem Müll, der überall in Bali zu finden ist – einem Urlaubsort, der vom Massentourismus und den Mülllawinen, die damit einhergehen, zu ersticken droht. 7 Gründe, nicht nach Bali zu reisen hat die Reisebloggerin Ute von Bravebird im April 2018 zusammengefasst.

Der Wal wurde zunächst in Form eines gewaltigen Skeletts aus Bambus gebaut. Dabei musste der Wal sogar die Location wechseln, weil er aus seinen ersten Werkstätten »herauswuchs«. Zusammengesetzt wurde das Skelett schließlich in der lokalen Stadthalle – wobei die Aktivitäten dort wie gewohnt weitergeführt wurden, Musikunterricht zum Beispiel. Wie die Fertigstellung des Wals vonstatten ging und er seinen Weg ins Meer fand, das dokumentiert dieses liebevoll erstellte Making-of zum Musikvideo in großartigen Bildern:

In aller Ruhe atemlos: Michael Board

Der Mann, der dem Wal aus Müll schließlich im Meer begegnet, ist der britische Rekord-Free-Diver Michael Board. Er beherrscht dieselbe Kunst, wie die Free Diverin Julie Gautier, deren Kurzfilm AMA (2018) wir hier vor kurzem vorgestellt haben: Das lange und tiefe Tauchen ohne Atemmaske. Michael Board bezeichnet 2018 als sein bis dato erfolgreichstes Jahr, was das Tauchen im Wettbewerb angeht. Sein tiefster Tauchgang ging 108 Meter hinab ins Meer, 216 Meter, wenn man den Rückweg mit einrechnet – und das mit nur einem Atemzug.

Das Musikvideo war eine Herausforderung, weil es nicht die Art von Free Diving ist, die ich normalerweise mache. Im Free Diving geht’s eigentlich immer um Entspannung. (…) Normalerweise trägt man einen Flossen und einen Anzug, der vor der Kälte schützt. | Michael Bord in The Story Of Birthplace

Blind im Angesicht des Wals

Stattdessen trägt er in dem Video nur eine Jeans und ein Shirt. Mangels Tauchbrille war Michael Board bei den Dreharbeiten zudem praktisch blind und konnte den Wal nur sehr schwammig wahrnehmen – und nicht, wir wie als Publikum, in seiner ganzen bizarren Pracht. Hier ist das Musikvideo zu dem Song Birthplace von Novo Amor:

Es mutet seltsam an: Der Wal aus Müll hat etwas sehr Schönes an sich. Ich frage mich, ob diese Ästhetisierung des Problems von dem Schaden ablenkt, den der Müll anrichtet. Doch von der subversiven Kraft mal abgesehen: Künstlerisch ist das Musikvideo Birthplace zu dem Song von Novo Amor in jedem Fall ein starkes Statement und ein beeindruckendes Projekt.

Die Lyrics zu Birthplace + deutsche Übersetzung

Die Lyrics zu dem Song hat Novo Amor selbst unter dem Musikvideo gepostet. Hier der Versuch einer angemessenen, deutschen Übersetzung der poetisch vagen Sprache im Songtext:

Be it at your best, it’s still our nest,
unknown a better place.
// Gib dein Bestes, es ist noch immer unser Nest,
da wir keinen besseren Ort kennen.

Narrow your breath, from every guess
I’ve drawn my birthplace.
// Schmäler deinen Atem, mit jeder Vermutung
habe ich meinen Geburtsort gezeichnet.

[Refrain] Oh, I don’t need a friend.
I won’t let it in again.
// Oh, ich brauche keinen Freund.
Ich werde es nicht wieder hineinlassen.

Vom Menschen in Bestform

Be at my best, 
I fall, obsessed in all its memory.
/ Ich gebe mein Bestes,
falle, besessen von all den Erinnerungen.

Dove out to our death, to be undressed,
a love, in birth and reverie.
// Ich tauchte hinaus zu unserem Tode, um entblößt zu werden,
eine Liebe, in Geburt und Tagträumerei.

[Refrain]

Here, at my best, it’s all at rest, 
‘cause I found a better place.
// Hier, in meiner Bestform, ist alles in Ruhe,
denn ich habe einen besseren Ort gefunden.


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MARTYRS mit Morjana Alaoui + New French Extremism | Film 2008 | Kritik http://www.blogvombleiben.de/film-martyrs-2008/ http://www.blogvombleiben.de/film-martyrs-2008/#respond Sat, 23 Jun 2018 07:00:22 +0000 http://www.blogvombleiben.de/?p=4295 Wie so viele brutale Dinge kennen wir Märtyrer*innen vor allem aus der Bibel. Mit »wir« meine…

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Wie so viele brutale Dinge kennen wir Märtyrer*innen vor allem aus der Bibel. Mit »wir« meine ich natürlich die römisch-katholisch erzogene Leserschaft, die wie ich im Kommunion-Unterricht immer dann wach wurde, wenn es gerade um Mord und Totschlag ging – was ja, bei aller Nächstenliebe, durchaus geregelt der Fall war, Gott sei Dank. Dieselbe seltsame Gewalt-Faszination, die mich damals in Glaubensfragen bei der Stange gehalten hat, mischt sich inzwischen in Film-Geschmacksfragen. Und damit kommen wir zu Pascal Laugiers Paradebeispiel für den neuen Extremismus im französischen Kino: Martyrs mit den Schauspielerinnen Mylène Jampanoï und Morjana Alaoui.

Mit dem Hammer gen Abgrund

Inhalt: Eine junge Frau, die als Mädchen lange Zeit gefangen gehalten und gefoltert wurde (gespielt von Mylène Jampanoï), macht sich Jahre später auf, um ihre Peiniger zu töten. Begleitet wird sie dabei von grauenvollen Halluzinationen und einer Freundin (Morjana Alaoui), die ahnungslos in ihren schlimmsten Alptraum tappt.

Hinweis: Dieser Text enthält Spoiler, also Details zu den gezeigten Gewaltexzessen. Wer auf solch ultrabrutalen Filme steht, den oder die wird das kaum stören. Höchstens neugierig machen, nicht wahr? Unter »Bleibender Eindruck« wird die Auflösung des Films kritisch besprochen. Aktuelle Streaming-Angebote gibt es bei JustWatch.

Eine ältere Dame mit Brille und Turban schaut ernst drein. Standbild aus dem Film Martyrs. | Bild: Wild Bunch Distribution

Mit seinem Spiefilmdebüt Haus der Stimmen (2004) – mit Model und Schauspielerin Virginie Ledoyen in der Hauptrolle – servierte der Regisseur Pascal Laugier einen etwas abgeschmackten Horror-Eintopf aus altbekannten Zutaten. 4 Jahre später lässt er nun sein nächstes Werk folgen, und wieder: ein Horror. Warum denn, Herr Regisseur?

Ich habe das Genre immer gemocht. Insbesondere in den 70er Jahren hat es einige sehr einzigartige Werke hervorgebracht, von Filmemacher*innen, die das Genre nutzten, um sehr persönliche Dinge auszudrücken – ebenso, wie eine bestimmte Vorstellung von der Welt. Wir sehen John Carpenter heute als einen Auteur, im europäischsten Sinne des Wortes (Filmschaffende als geistige Urheber*innen und zentrale Gestaltende eines filmischen Kunstwerks). Ich wollte in aller Bescheidenheit mit diesem Geist in Verbindung treten und einen Film machen, der – obwohl er alle Codes und Archetypen des Genres verwendet – so unerwartet wie möglich ist.

Pascal Laugier im Interview mit Virginie Sélavy (Electric Sheep), aus dem Englischen

Totale: Martyrs im Zusammenhang

Cineastischer Zusammenhang

In der Literaturwelt heißt es, das zweite Buch sei für Autor*innen das schwierigste Projekt. Wie es in der Filmwelt heißt, weiß ich nicht. Bloß, dass Quentin Tarantino sich nach seinem Debütfilm Reservoir Dogs (1992) mit dem Kult-Kracher Pulp Fiction (1994) in den Kino-Olymp schoss. Und dass Baz Luhrmann nach seinem Debüt Strictly Ballroom (1992) im Nachfolger William Shakespeares Romeo + Julia (1996) seinen ausgeflippten Inszenierungsstil salonfähig machte. Und dass James Cameron nach seinem (ungewöhnlichen) Debüt Piranha 2 – Fliegende Killer (1981) mit Terminator (1984) Filmgeschichte schrieb. Und dass Sofia Coppola nach ihrem Debüt The Virgin Suicides (1999) den Instant-Klassiker Lost in Translation (2003) ablieferte.

In der Filmwelt setzt das zweite Projekt zuweilen ungeahnte Potentiale frei. Die jungen Filmschaffenden stecken noch voller unverbrauchter Ideen und Schöpfungskraft und haben durch ein gelungenes Debüt meist mehr Budget zur Hand, um größere Visionen zu verwirklichen – oder dunklere. Pascal Laugier nutzte sein zweites Werk, um sich mit Anlauf in die Welle des New French Extremism zu stürzen.

Was ist der New French Extremism?

Dieses Label brachte der Filmkritiker James Quandt ins Gespräch, für einige französische Filme des 21. Jahrhunderts, die in Sachen Brutalität respektive Härte die Grenzen verschieben. Dazu werden etwa High Tension (2003) von Alexandre Aja oder Frontier(s) (2007) von Xavier Gens gezählt. Martyrs gilt als mustergültiges Beispiel für den New French Extremism, obwohl Regisseur Pascal Laugier ihn gar nicht so extrem sieht [und der Film etwa im Vergleich zu besagtem Frontier(s) auch weniger blutig ist].

Ich schwöre, dass es nie meine Motivation war, im Publikum Abscheu hervorzurufen. Wenn Kritiker*innen den Film als Gemetzel bezeichnen, als Zurschaustellung von Eingeweiden und als Gore, dann macht mich das traurig. Ich sehe meinen Film als eher zurückhaltendes Werk, ehrlich gesagt. Und ich würde mein Publikum damit gerne berühren, sie eintauchen lassen in einen Zustand tiefgreifender Melancholie, wie ich ihn erlebte, während der Dreharbeiten – denn ich denke, dass Martyrs in Wirklichkeit ein Melodram ist. Hart, gewalttätig, sehr verstörend, aber ebenso ein Melodram.

Pascal Laugier im Interview (s.o.)

Tatsächlich ist Martyrs also nicht so explizit, wie er angesichts der darin enthaltenen Gewalthandlungen hätte ausfallen können. Aber was heißt das schon, in einem Werk, in dem geschlitzt, geschossen und gehäutet und mit Rasierklinge, Schrotflinte und Vorschlaghammer getötet wird? Ist immer noch brutal, das Ding.

Persönlicher Zusammenhang

Ach, das waren noch Zeiten… Videoabend in Köln: Am 14. November 2011 sah ich mit einem Kumpel, betrunken und zu später Stunde, nach dem Kurzfilm Vanilleduft und Blutgeschmack (ausgezeichnet mit dem Deutschen Jugendfilmpreis – mit der Stimme von Larissa Rieß, inzwischen bekannt aus Neo Magazin Royale) und 30 Minuten oder weniger (enttäuschender Nachfolger von Zombieland-Regisseur Ruben Fleischer) zum ersten Mal den Film Martyrs. Jener Kumpel hatte ihn mitgebracht, ein »krasser Film« sei das.

Ich erinnere mich noch, dass wir uns über einige Logiklücken lustig machten und ich gen Ende dachte: Was für ein dumpfer Torture Porn ist das denn!? Besagter Kumpel war fasziniert vom Finale und der Pointe. Ich fand das ganze Ding nicht so dolle und war mir sicher, Martyrs »einmal und nie wieder« gesehen zu haben.

Einmal und nie wieder und noch einmal

Stattdessen aber, um über den neuen Film Ghostland (2018) von Pascal Laugier besser schreiben zu können, zog ich mir 7 Jahre später dessen extremsten Film tatsächlich nochmal rein… aus Gründen der Vollständigkeit oder was weiß ich. Und sogar das amerikanische Remake davon. Aus Gründen, die ich rückblickend so gar nicht mehr nachvollziehen kann.

Jedenfalls musste ich überrascht feststellen, wie vieles mein Hirn von all dem fleißigen Filmkonsum vergangener Jahre doch wieder vergessen hat (was vielleicht am Captain-Morgan-Konsum während damaliger Videoabende lag, Rätsel über Rätsel, die wohl nie beantwortet werden…)

Den Prolog von Martyrs zum Beispiel, den hatte ich komplett vergessen…

Close-up: Martyrs im Fokus

Erster Eindruck | zum Inhalt des Films

Der Film beginnt mit einem Mädchen, das verstört, verdreckt, mit kurzgeschorenen Haaren und in blutbesudelter Unterwäsche von einem Industriegelände flieht. Sie rennt und schreit und Schnitt. Es folgt ein Vorspann im Super-8-Look, dokumentarische Filmaufnahmen aus dem Jahr 1971, in dem jenes Mädchen von der Polizei gefunden und in einem Waisenhaus untergebracht wird. Die Tatort-Begehung der Polizei erbringt keine Hinweise und das verstörte Mädchen mit dem Namen Lucie schweigt. Nur zu einem anderen Mädchen im Waisenhaus, Anna, baut sie Vertrauen auf. Sie schlafen gemeinsam in einem Raum, in dem Lucie nachts die traumatischen Erfahrungen in Form einer Grauengestalt heimsuchen…

Aber na ja, gääähn. Dieser komplette Prolog ist (obwohl technisch und visuell toll gemacht) dermaßen mit Horrorfilm-Klischees gespickt, das mein Hirn ihn wohl unter »ferner liefen« versenkt und vergessen hatte.

Bleibender Eindruck | zur Wirkung des Films

Der eigentliche Horror – mit einer Szene, die im Gedächtnis bleibt – beginnt nach 8 Minuten oder eher: »15 Jahre später«, so die Einblendung nach dem Titel. Wir sehen eine Familie am Frühstückstisch. Vater, Mutter, Tochter, Sohn (letzterer gespielt von Xavier Dolan, der später als gefeierter Jungregisseur reichlich berühmt werden sollte). In der Küche wird einander liebevoll geneckt.

Das Beste an einer Familie – man ist nie allein!
Das Schlechteste – man ist nie allein.

Alter Kalenderspruch

Das alltäglich-zänkisch-harmonische Beisammensein wird jäh unterbrochen, als es an der Tür klingelt. Der Vater öffnet und muss als Erster dran glauben. Wenige Minuten später ist die gesamte Familie tot. Dermaßen kalt und konsequent hingerichtet, dass etwaige Langweile ob des abgelutschten Prologs futsch ist und selbst gestandene Horror-Begeisterte gebannt vorm Bildschirm sitzen.

Der Film wird das Haus, das soeben Schauplatz eines Blutbads geworden ist, nur noch für ein paar gekonnt eingeflochtene, kurze Rückblenden verlassen. Ansonsten spielt sich die weitere Handlung eben dort ab, wo die scheinbar so harmlose Familie wohnte: Die erste Hälfte des Films ist im Erdgeschoss angesiedelt, die zweite Hälfte im Keller. Die letzte halbe Stunde ist dominiert von einem »Martyrium«, so muss man’s wohl verstehen. Das heißt: minutenlange, dumpfe Folter ohne Aussicht auf Entkommen (heißt auch: ohne Spannung). Die Hauptfigur soll im Handlungsverlauf eine Entwicklung durchmachen, so schreibt es die Erzähltheorie vor. In Martyrs besteht diese Entwicklung darin, dass die junge Frau (Morjana Alaoui) mental und körperlich gebrochen wird. Sie dient als bloßes, wort- und willenloses Objekt einer gewaltversessenen Sekte und mehr nicht.

Mädchen schlagen

In der ersten Hälfte steht diese Frau noch im Dienste ihrer Geliebten, die wiederum eine von ihren Dämonen Getriebene ist. Kurzum: Die Hauptfiguren von Pascal Laugiers Martyrs lassen sich schwerlich als Subjekte mit freiem Willen bezeichnen. Da liegt es nahe, mal einen feministischen Blick auf den Film zu werfen. Dazu die Filmbloggerin Ariel Schudson:

Was ich gesehen habe, war ein Regisseur, der sich daran aufgegeilt hat, Mädchen zu schlagen – weil er das in einem Film machen darf. Das ist… na ja, Kunst-  und Meinungsfreiheit und so, aber meine freie Meinung lautet, dass es ein armer Gebrauch dessen ist. Zumal es ein guter Film hätte werden können.

Das Konzept war verblüffend. Der erste Akt war intensiv, gut gemacht, dramaturgisch ausgefeilt und das Timing war wundervoll. Ich hab den Fucker genossen. Aber sorry. Ich denke nicht, dass das Märtyrer-Konzept dadurch vermittelt wird, dass meine Augäpfel geprügelt werden mit Bildern von ihrem zerbrechenden Körper.

Das nächste Mal, wenn jemand zu mir sagt, Martyrs sei ein verstörender Film, dann werde ich kontern müssen mit: Bitte verwechsele verstörend nicht mit abstoßend. Es ist ein schmaler Grat, und wenn der Film nur die Kontrolle über sich behalten hätte, nicht versucht hätte, einen Kotau vor den Folter-Pornografen dieser Welt zu machen, dann hätte er ein echt Meisterwerk werden können. Darüber, was man mit Gewalt, der Gedankenwelt und den Ideen von Religiosität und Schmerz machen kann.

Ariel Schudson, in: Martyrs & Misogyny: Simply Disturbing, or Disturbingly Simple? (aus dem Englischen)

Der magische Schnitt und anderer Bullshit

Noch kurz was zur inneren Logik: Diese Luke, die in den Keller führt, mit einer Leiter… vom Szenenbild her ne schöne Sache, für die Handlung ein bisschen – schwierig? Es gibt die Szene, in der Anna eine Frau aus dem Keller befreit. Letztere ist in einem fürchterlichen Zustand, abgehungert, schwach, und hat eine Metallvorrichtung an den Schädel genagelt (!) bekommen, die sie blind macht. Anna geleitet diese arme Frau, die kaum gehen und schlecht sehen kann, also durch den Keller und – Schnitt! – durchs Obergeschoss. Wie hat sie die Frau denn die Leiter hoch durch die Luke gekriegt?

Andere Szene: Anna wird im Obergeschoss von den Bösewichten an den Haaren gepackt, weggezerrt und – Schnitt! – durch den Keller weitergezerrt. Ob sie Anna an der Luke kurz losgelassen haben, damit sie selbst hinabsteigen kann? Oder haben sie Anna an den Haaren herabgelassen? Aber okay, das sind technische Details, die man ignorieren kann.

Am Ende aber versammelt sich eine Runde älterer Damen und Herren, die ihre Märtyrerin feiern wollen. Man hat Anna also so lange gefoltert und ihr schließlich die Haut abgezogen, dass sie – kurz vor ihrem Ableben – Visionen hat, die nicht von dieser Welt sind. Ich zitiere einen Vorsprecher der Sekte, der sich an die Versammelten richtet (übersetzt aus dem Englischen):

Erklärung? Zweifelsohne fragwürdig

[…] Zwischen 12:15 und 2:30 Uhr sah Anna ins Jenseits und die dahinter liegende Welt. Sie haben mich richtig gehört. Ihr ekstatischer Zustand dauerte 2 Stunden und 15 Minuten. Das war keine Nahtoderfahrung. Es gibt keinen Zweifel daran, dass ihr Märtyrertum authentisch war. Um 2:30 Uhr verließ sie den Zustand…

Stop, stop, stop, mit so einem flauschigen Nebensatz kommt ihr nicht davon! Es gab »keinen Zweifel« an den Aussagen dieser euch feindlich gesinnten, wenn überhaupt noch bei Sinnen seienden, endlos gefolterten, im Schmerzdelirium wabernden Zeugin? Warum denn nicht? Was hat sie so glaubwürdig gemacht? Abgesehen davon, dass ihr Irren sicher nur gehört habt, was ihr hören wolltet… ach, ich fürchte, mit dieser lahmen Ausrede kann man jede noch so verkorkste Story rechtfertigen: Die Protagonisten sind halt irre.

Dasselbe Argument kann Pascal Laugier aus zu seinem nächsten, noch hanebücheneren Film auftischen: Es sind halt alle irre. Ein ähnlich dämliches Argument kann Laugier anwenden, wenn die »Warum ausgerechnet Gewalt gegen Frauen?«-Frage fällt: Eine ältere Dame, das Oberhaupt der Sekte, erklärt feierlich, dass ihre langjährigen Studien ergeben hätten, dass junge Frauen für ein Martyrium am besten geeignet seien. Warum? Darum. Isso. Erklärung Ende.

Ja, ok. Find ich doof. Aber…

Das Remake: Martyrs (2015)

…es geht immer noch ein bisschen doofer. Dazu verlasse man sich einfach auf die Amerikaner und ihren Hang zu unnötigen Remakes. Ein solches gibt es natürlich auch zur Martyrs, unter demselben Titel, aus dem Jahr 2015.

Das Remake beginnt mit einem Mädchen, das von einem Industriegelände flieht. Weniger verstört und verdreckt als im Original und ohne kurzgeschorene Haare, weil, naja, ach, keine Ahnung, war wohl einfacher so. Schon während dieser Szene werden die Vorspann-Titel eingeblendet: »Directed by Kevin Goetz & Michael Goetz«. Mh, da hättet ihr euch ein »Goetz« doch schenken können, Jungs, dachte ich noch… aber siehe da: die Gebrüder Goetz hätten sich den ganzen Film schenken können. Das Remake ist in jeder Hinsicht billiger produziert, als das Original, zum Fremdschämen schlecht. Es sei denn, der Film versteht sich als Trash-Kunst à la The Asylum – aber selbst diese Filmproduktionsgesellschaft (verantwortlich für Titanic 2, Nazi Sky, Sharknado und ähnliche Perlen) würde das Martyrs-Remake vermutlich aufgrund »mangelnder Ambitionen« schelten.

Fazit zu Martyrs

Auf Festivals wurde Pascal Laugier beschimpft und gefeiert. Ich hätte vermutlich dazwischen gesessen und einfach nicht geklatscht. Der letzte Akt war mir zu stumpf, die Auflösung schlicht dämlich.

Horror sollte meiner Ansicht nach kein vereinendes Genre sein. Es muss teilen, schocken, Brüche hinterlassen in den Gewissheiten der Zuschauer*innen und ihrem Hang zu einer Art Konformismus. Horror ist grundsätzlich subversiv. Sonst sehe ich darin keinen Sinn.

Pascal Laugier

Subversiv im Sinne von aufrüttelnd, nehme ich an. Zerstörerisch, Konventionen aufbrechend, zu Streit anregend, aus dem Neues erwächst – ja! So sollte Horror sein! Allein, dass Laugiers vorheriger Film (Haus der Stimmen) zu gehaltlos und sein nachfolgender Film (The Tall Man) zu absurd ist, um diesem Anspruch gerecht zu werden. Laugiers vierter und neuster Film (Ghostland) vereint die Brutalität aus Martyrs mit den Twists aus The Tall Man und funktioniert als solider Horrorfilm, seine aufwändigste und technisch beste Arbeit bis dato. Der letzte gesprochene Satz aus Ghostland scheint mir – »subversiv« hin oder her – den Antrieb von Pascal Laugier (der bisher all seine Drehbücher selbst schrieb) mehr auf den Punkt zu bringen:

I like to write storys.

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GENDER TROUBLE (PDF) von Judith Butler | 1991 | Vorwort im Fokus http://www.blogvombleiben.de/buch-gender-trouble-pdf-vorwort-1991/ http://www.blogvombleiben.de/buch-gender-trouble-pdf-vorwort-1991/#respond Thu, 07 Jun 2018 07:00:04 +0000 http://www.blogvombleiben.de/?p=4061 Der englische Titel von Judith Butlers Buch Gender Trouble (1990) setzt sich zusammen aus dem Unbehagen (trouble) über…

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Der englische Titel von Judith Butlers Buch Gender Trouble (1990) setzt sich zusammen aus dem Unbehagen (trouble) über das Wesen der Geschlechtsidentität (gender). Die Geschlechtsidentität bezeichnet Aspekte der erlebten Zugehörigkeit zu einem Geschlecht. Also ob ich mich in meiner Identität zum Beispiel eher als Frau oder Mann fühle. Das sind zwei fest etablierte Geschlechter-Kategorien, festgemacht an körperlichen Merkmalen. Der Gender-Begriff ist recht jung. Dass er nicht fest bestimmt ist, so vermutet Judith Butler, sei für manche Grund zur Sorge. Die feministische Sache könne an der Unbestimmtheit eines solchen Kernbegriffs scheitern. Dieses bange Gefühl versucht Butler in Das Unbehagen der Geschlechter / Gender Trouble aufzulösen.

Feminismus, hier und jetzt

Im Folgenden steht das Vorwort zu Judith Butler Das Unbehagen der Geschlechter / Gender Trouble im Fokus. Hier geht es zu einer kommentierten Kapitelübersicht zum Buch. Ein PDF der englischen Original-Fassung Gender Trouble von Judith Butler stellt die Mexikanerin Laura González Flores bereit.

Feminismus. Unter diesem Begriff tummeln sich soziale Bewegungen mit dem Ziel, Frauen zu gleichberechtigten und selbstbestimmten Mitgliederinnen von traditionell patriarchalen (von Männern dominierten) Gesellschaften zu machen. Diese Strukturen wurden über Jahrtausende gefestigt. Sie lassen sich nicht mit einer Demonstration, Rede oder Begegnung wegwischen. Der Wandel erfordert viel Arbeit und Aufmerksamkeit, zumal unser Bewusstsein für die Problematik gerade erst einige Jahrzehnte zurückreicht.

Wer ist Feminist*in? Im weitesten Sinne: All diejenigen, die von der Idee überzeugt sind, dass Menschen unabhängig von ihrem körperlichen und/oder sozialen Geschlecht in unserer Gesellschaft gleichermaßen gerecht behandelt werden sollten, sind Feminist*innen. In diesem weitesten Sinne ist das jede Person, die das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland anerkennt.

Artwork von Drag-Queen Divine, dazu der Text: Zum Wort von Das Unbehagen der Geschlechter / Gender Trouble

Immer im Trouble

Die Philosophin Judith Butler sieht im Unbehagen (trouble) ob des vagen Begriffs der Geschlechtsidentität kein Problem für den Feminismus. Im Gegenteil: »trouble« sei unausweichlich. Butler schreibt über ihre »erste kritische Einsicht in die subtile List der Macht« als noch junge Denkerin.

Das herrschende Gesetz drohte, einem »Ärger [trouble] zu machen«, ja einen »in Schwierigkeiten [trouble] zu bringen«, nur damit man keine »Unruhe [trouble] stiftete«. | S. 71

Die Aufgabe sei also herauszufinden, was der beste Weg ist, in »trouble« zu sein.

Judith Butler | Bild: University of California, Berkeley
Judith Butler | Bild: University of California, Berkeley (Wikipedia)

Die Illusion männlicher Autonomie

Eine bestimmte Schwierigkeit für eine Frau in einer von Männern dominierten Kultur bestehe darin, für diese Männer eine Art »weibliches Mysterium« zu sein. So gibt Butler einen Gedanken der Philosophin Simone de Beauvoir wieder, bekannt für die Zeile:

Man kommt nicht als Frau zur Welt. Man wird es.

Auch bei Beauvoirs Lebensgefährten Jean-Paul Sartre findet sich die Vorstellung vom »weiblichen Mysterium«. Sartre setzte jedes Begehren als heterosexuell und männlich bestimmt voraus. Dieses Begehren werde gestört, wenn das Objekt der Begierde (die Frau) den Spieß umdreht. Das geschieht durch ihre bloße Aktivität. Etwa durch Erwidern eines Blickes. Damit kann die Autorität zwischen den sich Sehenden schon die Seiten wechseln. Diese Abhängigkeit im Subjekt-Objekt-Verhältnis entlarvt die männliche Autonomie gegenüber des weiblichen »Anderen« als Illusion.

Gibt es das »schwache Geschlecht«? Hier eine biologische Annäherung an diese Frage, auf Grundlage von Simone de Beauvoirs Das andere Geschlecht (1949).

Das Wesen der Macht

Macht umfasst mehr als das Verhältnis zwischen Subjekt und Objekt. Für Judith Butler offenbart sich Macht im Schaffen eines »binären Rahmens, der das Denken über die Geschlechtsidentitäten bestimmt«. Binär heißt zweiteilig. Gemeint ist die Vorstellung, es gäbe in Fragen der Geschlechtsidentität nur zwei Antworten. Bekanntermaßen Mann und Frau.

[…] diese Differenz, die als Machtapparat operiert, ist von der ständigen Schwierigkeit gekennzeichnet, »zu bestimmen, wo das Biologische, das Psychische, das Diskursive, das Soziale anfangen und aufhören«, ein Problem, das streng genommen nicht eindeutig gelöst werden kann, denn die Geschlechterdifferenz hat, so nimmt Butler an, »psychische, somatische und soziale Dimensionen, die sich niemals gänzlich ineinander überführen lassen, die aber deshalb nicht endgültig voneinander abgesetzt sind«.

Hannelore Bublitz, in: Judith Butler zur Einführung (2002), S. 77

Die Beschränkung auf die Kategorien »Männer« und »Frauen« beschert solange kein Unbehagen, solange man sich innerhalb dessen befindet, was Judith Butler die »heterosexuelle Matrix« nennt. 

Der Begriff heterosexuelle Matrix steht in diesem Text für das Raster der kulturellen Intelligibilität [die Fähigkeit, Zusammenhänge nur durch den Intellekt zu verfassen, ohne sinnliche Wahrnehmung], durch das die Körper, Geschlechtsidentitäten und Begehren naturalisiert werden. Ich stützte mich auf Monique Wittigs Begriff des »heterosexuellen Vertrags«, und weniger stark auf Adrienne Richs Begriff der »Zwangsheterosexualität«. | S. 219

Die heterosexuelle Matrix

Mit der »heterosexuellen Matrix« meint Butler eine Welt, in der man davon ausgeht, dass es zwei Geschlechtsidentitäten gibt (Frauen, Männer). Zu passend existieren zwei körperlicher Geschlechter (weiblich, männlich), die einander natürlich begehren. Mit dieser Weltsicht geht also eine Zwangsheterosexualität einher. Das ist die normative Kombination von Frauen und Männern als Geschlechtspartner. Im Vorwort zu Das Unbehagen der Geschlechter fragt Judith Butler:

Wie kann man am besten die Geschlechter-Kategorien stören, die die Geschlechter-Hierarchie (gender hierarchy) und die Zwangsheterosexualität stützen? | S. 8

Female Trouble

An dieser Stelle kommt Butler in Das Unbehagen der Geschlechter / Gender Trouble auf den Begriff »female trouble« zu sprechen. Das ist im Englischen eine umgangssprachliche Beschönigung weiblicher Unpässlichkeiten, wie sie etwa mit der Menstruation, beziehungsweise gynäkologischen Untersuchungen einhergehen können. Oder es sind andere intime Körper-Angelegenheiten gemeint, die man je nach Situation gerade nicht beim Namen nennen möchte. Daher, in aller Diskretion: »female trouble«. Dass in diesem Begriff die Vorstellung mitschwingt, dass »weiblich sein« an sich eine Art Unpässlichkeit ist, macht deutlich, wie durch den Gebrauch bestimmter Floskeln solch Vorstellungen tradiert werden.

Die Destabilisierung des Diskurses

Female Trouble (1974) ist auch der Titel eines Films von John Waters. Durch diesen Hinweis will Butler eine mögliche Angriffsfläche vermeintlich in Stein gemeißelter Geschlechtsidentitäten aufzeigen. Sowohl in Female Trouble als auch später in Hairspray (1988) – unter anderem – spielt der Schauspieler Harris Glenn Milstead, besser bekannt als Drag-Queen Divine, jeweils Doppelrollen als Mann und Frau. Seine Frauenrollen nehmen wohlgemerkt stets den größeren Teil ein. Divines Spiel mit Geschlechtsidentitäten lassen diese als schieren Akt der Nachahmung erscheinen, die als real wahrgenommen wird. Man sehe sich nur ein paar Filme mit Divine an und entscheide dann, ob die Person hinter den mal männlichen, mal weiblichen, meist schrillen Figuren nun eine Frau oder ein Mann ist?

Divine und ihr Bräutigam Gator heiraten, eine Szene aus Female Trouble (1974) | Bild: Pinterest
Divine und ihr Bräutigam Gator heiraten, eine Szene aus Female Trouble (1974)

Judith Butler stellt in Das Unbehagen der Geschlechter / Gender Trouble fest, dass Divine durch seine Auftritt unsere vermeintlich festen Unterscheidungen von natürlich/künstlich, Tiefe/Oberfläche, Innen/Außen destabilisiert. Über diese Unterscheidungen funktioniere meist der Diskurs über die Geschlechtsidentitäten. Durch besagte Destabilisierung werde eben dieser selbst erschüttert.

Könnte es etwa sein, dass »männlich sein« oder »weiblich sein« keine »natürliche Tatsache«, sondern eine kulturelle Performanz ist? Damit ist nicht etwa eine rein schauspielerische Leistung gemeint. Stattdessen geht es um ein bestimmtes Verhalten, das an den Tag gelegt wird. Und was ist schon »natürlich«? Judith Butler fragt im Vorwort von Das Unbehagen der Geschlechter / Gender Trouble:

Wird die »Natürlichkeit« durch diskursiv eingeschränkte performative Akte konstituiert, die den Körper durch die und in den Kategorien des Geschlechts (sex) hervorbringen? | S. 9

Der performative Akt

Ein performativer Akt ist eine Sprachhandlung. Also eine Handlung, die durch das Sprechen selbst geschieht. Beispiel: »Hiermit ernenne ich euch zu rechtmäßigen Eheleuten.« Durch die gesprochenen Worte der Pastorin wird der Akt vollzogen und das Paar ist verheiratet. Mit »diskursiv eingeschränkt« meint Butler, dass solche performativen Akte nur innerhalb der Schranken dessen möglich sind, was wir im Diskurs (unserer fortwährenden Erörterung der Dinge) erschlossen haben. Wenn unser Diskurs nur zwei Kategorien des Geschlechts hervorgebracht hat, neigen wir dazu, diese Kategorien – durch performativen Akte, also ständig wiederholte Sprachhandlungen – für »natürlich« zu erklären.

Ein performativer Akt kann also sein…

…die Pastorin, die sagt: »Hiermit taufe ich dich Eva.« Durch ihre gesprochenen Worte wird der Akt der Taufe (samt dem rituellen Drumherum) vollzogen. Das Kind trägt fortan einen Namen, der mit reichlich Bedeutung aufgeladen ist. Und zwar in verschiedenen Sprachen und Kontexten, nicht nur dem biblischen.

…die Hebamme, die sagt: »Es ist ein Mädchen.« Durch ihre gesprochenen Worte wird das weibliche Kind aufgrund seines primären körperlichen Geschlechtsmerkmals der von uns konstruierten Kategorie »Mädchen/Frau« zugeordnet. Dieser Kategorie haften etliche Bedeutungen und gesellschaftliche Vorstellungen an, samt einer Geschlechtsidentität. (In der heterosexuellen Matrix gehen wir davon aus, dass dieses Kind später einen Menschen männlichen Geschlechts begehren wird, einen »Jungen/Mann«.)

Das, was gemeinhin als »natürlich« gilt, ist in homosexuellen Kulturkreisen ein beliebter Stoff für Parodien. Ziel sei, so Butler in Das Unbehagen der Geschlechter / Gender Trouble, die Entlarvung vermeintlich »ursprünglicher« oder »wahrer« Geschlechter als reine Konstruktion, die wir durch performative Sprechakte tradieren.

Damit stellt sich die Frage, welche anderen grundlegenden Kategorien […] als Produktionen dargestellt werden können, die den Effekt des Natürlichen, des Ursprünglichen und Unvermeidlichen erzeugen. | S. 9

Die Enthüllung der Effekte

Um die Kategorien des Geschlechts, der Geschlechtsidentitäten und des Begehrens als solche Effekte kenntlich zu machen, bedarf es einer genealogischen Kritik. Eine solche »richtet das Wissen um die Gewordenheit eines Objekts gegen dieses, um es durch einen Hinweis auf seinen Ursprung zu kompromittieren« (Quelle: Information Philosophie). Der hinterfragende Ansatz müsse lauten: Welche politischen Einsätze sind davon abhängig, dass die bekannten Identitätskategorien als Ursprung oder Ursache gelten, statt als Effekte »von Institutionen, Verfahrensweisen und Diskursen« vielfältigen, undurchschaubaren Ursprungs?

Das Ziel von Gender Trouble

Damit kommen wir zu der Aufgabe, die Judith Butler mit Das Unbehagen der Geschlechter / Gender Trouble erfüllen möchte. Ihre Schrift soll den Fokus auf die besagten Effekte prägenden Institutionen richten. Namentlich auf die Zwangsheterosexualität und den Phallogozentrismus, demnach Weiblichkeit aus rein männlicher Perspektive betrachtet und definiert wird. Diese Institutionen müssen, so Butler, dezentriert werden.

Die Begriffe »weiblich« und »Frau« sind in ihrer Bedeutung längst verworren. Sie existieren zudem nur in Relation zu »männlich«, »Mann«. Butler geht es nicht darum, die Frage der primären Identität zu klären. Stattdessen geht es um die politischen Möglichkeiten, die sich im Hier und Jetzt ergeben, wenn man die bestehenden Identitätskategorien einer Kritik unterzieht. Judith Butler fragt:

Welche neue Form von Politik zeichnet sich ab, wenn der Diskurs über die feministische Politik nicht länger von der Identität [als »Frau«] als gemeinsamen Grund eingeschränkt wird? | S. 10

Der Versuch, feministische Politik auf einer solchen gemeinsamen Identität zu begründen, könne eine Behinderung sein. Er schließe womöglich »die Erforschung der politischen Konstruktion und Regulierung der Identität selbst aus«. Mit dieser Mahnung geht Judith Butler im Vorwort von ihrer Einleitung in die Erläuterung der Struktur ihrer Schrift Das Unbehagen der Geschlechter über.

Der Beitrag GENDER TROUBLE (PDF) von Judith Butler | 1991 | Vorwort im Fokus erschien zuerst auf Blog vom Bleiben.

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Staatskritik von »Antigone« bis »Captain Fantastic« http://www.blogvombleiben.de/staatskritik-von-antigone-bis-captain-fantastic/ http://www.blogvombleiben.de/staatskritik-von-antigone-bis-captain-fantastic/#respond Thu, 26 Apr 2018 03:00:55 +0000 http://www.blogvombleiben.de/?p=2943 Der Film Captain Fantastic mit Viggo Mortensen handelt von einer Aussteiger-Familie, die sich in die Wildnis…

Der Beitrag Staatskritik von »Antigone« bis »Captain Fantastic« erschien zuerst auf Blog vom Bleiben.

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Der Film Captain Fantastic mit Viggo Mortensen handelt von einer Aussteiger-Familie, die sich in die Wildnis zurückgezogen hat. Dort werden die Kinder nach eigenen Gutdünken erzogen, Leben und Sterben in Einklang mit der Natur gelehrt. Doch mit dem Tod eines Familienmitglieds kommt es zur Konfrontation zwischen den Freidenkern und ihren städtischen Verwandten, die »Recht und Ordnung« wollen. Damit fasst Captain Fantastic ein immer noch brandheißes Eisen an – obwohl es seit Jahrtausenden glüht: Staatskritik.

Die Filmkritik zu Captain Fantasic findet sich in diesem Blogbeitrag.

Bewohner einer kuntergrauen Welt

…denn den Menschen insgesamt gemeinsam ist das In-die-Irre-Gehen.

Dieser Satz stammt im griechischen Original von Sophokles. Genauer, aus dessen Tragödie Antigone. Geschrieben vor rund 2500 Jahren. In diesem Stoff finden sich Motive, die in Captain Fantastic in zeitgemäßem Gewand wieder aufgegriffen werden. Das ist nicht ungewöhnlich – viele der Geschichten, die wir heute erzählen, haben ihre Wurzeln in antiken Schriften. Daran ist immer wieder zu erleben, wie die Menschen sich trotz allen äußeren Fortschritts vom inneren Wesen her treu geblieben sind. Ideale und Werte überdauern Kriege und Königreiche, ganze Zeitalter. Ebenso die menschlichen Makel.

Schauen wir mit Captain Fantastic auf ein spannendes Beispiel für den Bogenschlag urmenschlicher Bedürfnisse und Schwächen von der griechischen Antike bis ins Kino der Gegenwart. Fangen wir mit den Schwächen an.

Ein kaputtes Haus, dazu der Text: Staatskritik von Antigone bis Captain Fantastic

Spielzeuge in Händen von Kindsköpfen

In Sophokles‘ Antigone kommt bereits eine allgemeine Staatskritik zur Sprache, die an Aktualität heute nichts eingebüßt hat. Kein Wunder, sind doch die zugrunde liegenden Schwächen menschlicher Natur und damit überaus beständig. Wenn der Staat von Individuen angeführt wird, deren Ich-Entwicklung in einer vorkonventionellen Handlungslogik feststeckt, kommt sein Zweck als Institution für die Gesellschaft abhanden. Man lausche nur dem Herrscher Kreon im Austausch mit Sohn Haimon.

Kreon: Dann will die Stadt mir sagen, was ich zu verfügen hab?
Haimon: Siehst du, wie allzu jungenhaft du dieses sagst?
Kreon: Soll ich zu anderm als dem eignen Nutzen dieses Land regieren?
Haimon: Das ist kein Staat, der nur dem Vorteil eines Mannes dient.
| Sophokles: Antigone, S. 39 (Literaturangaben unten)

Die Normen der Gesellschaft

Zum eigenen Nutzen das Land regieren, diese Agenda verfolgt aktuell das Oberhaupt des einflussreichsten Staatenverbandes der Welt, den USA. Ob griechischer Tyrann oder gegenwärtig Trump, da tut sich in der gedanklichen Grundhaltung nicht viel. »Die Normen der Gesellschaft haben noch keinen Eingang in ihr Denken und Handeln gefunden«, schreibt der Psychologe Christoph Burger über vorkonventionelle Handlungslogiker. Diese Stufe der Ich-Entwicklung ordnet er in seinem Artikel Der Matrix-Effekt (ein Blogbeitrag, der Film und Psychologie verknüpft, wie schön!) übrigens nicht der Erwachsenen-Welt zu. Es geht um Kindsköpfe. Immerhin wird deren Willen heutzutage – so viel Fortschritt ist bei aller modernen Staatskritik gegenüber der Antike erkennbar – von etablierten Erziehungsmaßnahmen in Schach gehalten. Unseren mehr oder weniger tauglichen Rechtssystemen.

Die Krankheit der Gesellschaft

Diese Rechtssysteme machen gleichsam wie die Natur (langsam und mit nicht immer sinnvollen Auswüchsen) eine geradezu evolutionäre Entwicklung durch. Es dauert noch ein wenig, bis künstliche Intelligenz uns dieses Rechtssystem aus der Hand nimmt – wie der große Bruder seinem kleinen Geschwisterkind ein gefährliches Spielzeug. Gut so. Bis dahin sind wir den Kreons der Gegenwart ausgesetzt.

Nun ist der Donald kein von Ideologien getriebener Bösewicht, sondern das Symptom einer kapitalistischen Gesellschaft, deren Geld- und Geltungssucht ihr den Verstand vernebelt hat. Dieser Gesellschaft den Rücken kehren zu wollen ist schwierig, weil sie sich in die privatesten Lebensbereiche hineindrängt. Da muss man sich schon radikal zurückziehen – in die Wildnis, aus der wir gekommen sind.

Ein echter Aussteiger

Die Tragödie von Sophokles, die man hier und heute so handlich im Reclam-Heftchen lesen kann, die kursierte auch im Amerika des 19. Jahrhunderts. Ein Land, das mit dem Griechenland vor 2500 Jahre noch eine markante Gemeinsamkeit hatte: Sklaven. In die englischen Sprache wurde Antigone unter anderem von dem amerikanischen Schreiberling, Philosophen und vehementen Gegner der Sklaverei, Henry David Thoreau (*1817) übersetzt. Manch Amerikanern heute noch bekannt als der Mann, der einmal einen Waldbrand ausgelöst hat. Aber das war ein Versehen, natürlich, denn Thoreau lebte in den Wäldern.

Henry Thoreau führte seinerzeit voller Inbrunst ein echtes Aussteiger-Leben, wie es heute in dem Film Captain Fantastic auf dem Bildschirm zu bewundern ist. In den 1840er Jahren, zu Thoreaus Lebzeiten, da konservierte der Autor Ralph Waldo Emerson den damaligen Zeitgeist in einer seiner Schriften:

Wir sind hier alle besessen von zahllosen Reformprojekten. Keiner, der lesen und schreiben kann, und nicht den Entwurf einer neuen Gesellschaft in der Brusttasche trüge. | zitiert nach Richartz in Thoreau: Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat, S. 71

Ein neuer Gesellschaftsentwurf, so etwas findet sich, wenn nicht in der Brusttasche, so sicherlich in den Hirngängen der Filmfigur Ben Cash alias Captain Fantastic. Der gleichnamige Film ist 2016 in die Kinos gekommen. Das Jahr, in dem rund ein Fünftel aller Amerikaner besagten Trump ins höchste Amt gewählt haben. Ein alter Mann, der sich durch misogynistische und rassistische Worte und Taten auszeichnet. Hätte richtig gut in die 1840er Jahre gepasst, der Typ. Was also neue Gesellschaftsentwürfe angeht: Da ist noch Luft nach oben!

Ungehorsam gegen den Staat

Henry Thoreau wurde einmal verhaftet. Davon erzählt er in seinem Essay Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat. Weil er seine Wahlsteuer nicht bezahlt hatte, steckte man ihn für eine Nacht ins Gefängnis – »als wäre ich nicht mehr als Fleisch, Blut und Knochen, was man einschließen kann.« Weiter beschrieb er es so:

Da sie mich nicht fassen konnten, beschlossen sie, meinen Körper zu bestrafen; wie kleine Jungen, die, weil sie eine Wut auf jemanden haben, aber nicht an ihn herankönnen, dessen Hund mißhandeln. Ich sah, daß der Staat einfältig ist, […] und ich verlor die geringe Achtung vor ihm, die noch übrig war, und bedauerte ihn. | Thoreau, S. 24/25

Ungehorsam gegen den Staat, das mag Pflicht sein, wie Thoreau schreibt. Verachtung aber, das klingt nach Schießpulver. Von Thoreau zurück in die Gegenwart: Die Kinder von Captain Fantastic kennen sich (theoretisch) aus mit bewaffneten Arbeiterklassen, die sich gegen den Staat positionieren. Der Vater hat ihnen die entsprechende Lektüre zur Hand gegeben. Doch ist bewaffneter Widerstand der richtige Umgang mit einem dysfunktionalen, korrupten Staatswesen? Naheliegende Frage in einem Land, in dem sich links- und rechtsextreme Gruppen mit militanten Motivationen aufgrund eines nationalen Waffenfetisches im großen Stil ausrüsten können.

Viel gelesen wurden die Schriften über Staatskritik von Henry Thoreau in den Widerstandsgruppen der belgischen und französischen Résistance – im Kampf gegen das Dritte Reich, in dem systematisch Massenmord betrieben wurde. Verachtung gegen den Staat, das steht ganz außer Frage.

Die Familie zu Grabe tragen

Allzu politisch wird der Film Captain Fantastic (zum Glück) nicht. Und doch ist er als Neuauflage von Antigone durchaus kritisch gegenüber geltenden Rechtssystemen. Nun richtigen wir unseren Fokus von den Schwächen auf die urmenschlichen Bedürfnisse.

In Antigone geht es um das gleichnamige Mädchen, das ihren toten Bruder beerdigen will. Er ist im Kampf gefallen. Der neue Machthaber, Kreon, will ihn auf dem Schlachtfeld verrotten lassen. Und sein Wort ist Gesetz. Das Mädchen Antigone rebelliert gegen den neuen Gesetzgeber und versucht, ihrem Bruder ein angemessenes Grab zu schaffen.

Du hast ein heißes Herz bei schaurig kalten Dingen. | Schwester Ismene zu Antigone, S. 10

Staatskritik: Glauben vs. Gesetz

In Captain Fantastic geht es ebenfalls um eine angemessene Bestattung. Dafür widersetzt sich die Familie Fantastic dem geltenden positiven Recht, das vom Gesetz vorgeschrieben ist. Denn die Person, die bestattet werden soll, war Buddhistin. Für sie soll das überpositive Recht in Kraft treten, das die Religion vorschreibt. Es steht über dem vom Menschen gemachten Recht. (Hier geht’s zu einem Blogbeitrag über den Unterschied zwischen negativ, positiv und überpositiv)

Captain Fantastic handelt also von einer rebellischen Familie, die wie schon vor tausenden von Jahren das Mädchen Antigone einmal mehr die Macht des Staates in Frage stellt. Persönliche Glaubensvorstellungen treffen auf Gesetze und Regeln, letztlich auch »Normen der Gesellschaft«. Weiter oben im Text waren es noch die Tyrannen und Trumps dieser Welt, in deren Denken die gesellschaftlichen Normen keinen Eingang finden. Nun werden die Träumer hinzugezählt, die es doch eigentlich wirklich gut meinen.

Wo steht wir also, mit der Staatskritik? Inwiefern ist sie gut, gerecht, gerechtfertigt? Eine einfache Antwort bleibt aus – in Anerkennung der Tatsache, dass die Welt eben nicht schwarzweiß ist, sondern wie Casper singt, »kuntergrau dunkelbunt«.


Literatur
  • Sophokles: Antigone, Reclam XL Text und Kontext, ISBN: 978-3-257-20063-8
  • H.D. Thoreau: Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat, Diogenes Verlag, ISBN: 978-3-257-20063-8

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WAS IST FREIHEIT? | Grundbegriff | Praktische Philosophie (2) http://www.blogvombleiben.de/freiheit-teil-2/ http://www.blogvombleiben.de/freiheit-teil-2/#respond Tue, 13 Mar 2018 08:50:04 +0000 http://www.blogvombleiben.de/?p=2178 Der zweite Teil meiner Beschäftigung mit Freiheit in der Praktischen Philosophie kommt etwas verspätet. Weil ich…

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Der zweite Teil meiner Beschäftigung mit Freiheit in der Praktischen Philosophie kommt etwas verspätet. Weil ich keine Zeit hatte, möchte ich sagen. Aber das ist natürlich Unfug. Ich hatte in den letzten Wochen an jedem einzelnen Tag genauso viel Zeit wie auch sonst zur Verfügung. Jeweils 24 Stunden. Ich habe die Zeit einfach anders verwendet. Damit sind wir auch schon mitten im heutigen Thema.

In Teil I habe ich mich zum Einstieg recht allgemein mit der Freiheit des Einzelnen als Mensch und Vernunftwesen überhaupt beschäftigt. Im Gegensatz zum tierischen Verhalten oder der Programmierung eines Roboters. In dem Exkurs über innere und äußere Freiheit ging es im Anschluss daran um Willensfreiheit und Determinismus. Also inwiefern unser Leben als vorbestimmt betrachtet werden kann. Im Wesentlichen ging es dabei immer um die „Freiheit von“ etwas, sei es inneren Zwängen oder äußeren Gegebenheiten.

Schwalben an ihrem Nest, dazu der Text: Freiheit in der Praktischen Philosophie

Negative und positive Freiheit

»Freiheit von« nennt man auch negative Freiheit. Das heißt, wir können uns ihrer nicht bewusst werden und auch nicht aus der Erfahrung auf sie schließen. Und das heißt: Sie betrifft noch nicht die äußere Welt, um uns herum, sondern verbleibt in unserem Bewusstsein. Dass wir uns dieser negativen Freiheit, obwohl im Bewusstsein, nicht bewusst werden können, darf man sich der Einfachheit halber mit einem Bild aus der äußeren Welt veranschaulichen: Unser Bewusstsein ist hier wie ein Augapfel zu verstehen, der ja auch nicht sehen kann, was in ihm selbst steckt.

Die negative Freiheit – mit Immanuel Kant gesagt: die »Unabhängigkeit der Willkür durch die Antriebe der Sinnlichkeit« (die Freiheit des Willens über unsere Neigungen und Triebe) – ist Voraussetzung für die positive Freiheit. Damit ist die Fähigkeit unserer Vernunft gemeint, sich selbst Gesetze zu geben. Gesetze wie Kants berühmten kategorischen Imperativ, stets nur so zu handeln, dass die Maximen meines Willens stets zum Prinzip einer allgemeinen Gesetzesordnung werden könnten. Aber auch weniger strenge Gesetze wie: Ich will gesünder leben, deshalb verzichte ich auf Fastfood.

Zur Erinnerung: dass es in der Praktischen Philosophie ohne Freiheit nicht viel zu tun gibt, zeigt ein wiederholter Blick auf ein paar Themen der Praktischen Philosophie. Als da wären:

  • Ethik: Wer nicht frei ist, überhaupt zu handeln, kommt gar nicht erst in die Verlegenheit, ethisch zu handeln.
  • Rechtsphilosophie: Käme der Mensch nicht mit dem Urrecht der Freiheitlichkeit zur Welt, wäre er gar nicht fähig gewesen, eine Rechtsordnung zwischen sich und anderen Menschen zu etablieren. Ohne Freiheit gäbe es kein Recht.
  • Politische Philosophie: Wenn Menschen nicht die Freiheit hätten, ihre Handlungen auf ein Gemeinwohl hin auszurichten, dann bliebe auf die politische Philosophie überflüssig.

Zum Unterschied und den jeweiligen »Zuständigkeitsbereichen« von Theoretischer und Praktischer Philosophie gibt’s hier einen Blogbeitrag.

Denken in Allgemeinbegriffen

Der Philosoph Johann Gottlieb Fichte sieht die Freiheit des Menschen darin begründet, dass er in Allgemeinbegriffen denken kann. Ein Allgemeinbegriff umfasst (wie »allgemein« schon andeutet) potentiell einfach alles. Sowohl das, was es gibt, als auch das, was es (noch) nicht gibt. Beispiel: Du gehst ins Kino und schaust dir den neuen Black Panther Film an. Bevor es losgeht, glotzt du auf die weiße Leinwand. Du hast einen Begriff für das Ding, das da vor dir hängt. Es heißt »Leinwand«. Da du dir diesen Begriff denken kannst, kann du dir auch dessen Negation vorstellen, ganz einfach: dass da keine Leinwand hängen würde.

Wenn der Film losgeht, schaust du dir das Abenteuer in dem afrikanischen Staat Wakanda an. Wieder gibt es einen Begriff dafür, »Wakanda«, und du kannst dir auch vorstellen, dass es Wakanda nicht gibt. In diesem Fall sogar ganz einfach, weil es den Staat Wakanda in echt eben nicht gibt. Seine Bewohner sind Schauspieler, das ganze Ding eine Kulisse. Aber irgendwer hat irgendwann seine Fähigkeit, in Allgemeinbegriffen denken zu können, dazu genutzt, um etwas zu erdenken, dass es noch nicht gab. Wakanda halt, den Staat, den es jetzt zumindest im Marvel-Universum gibt.

Wieder zurück in der wirklichen Welt: In Allgemeinbegriffen denken können, das heißt zu wissen, dass es auch anders sein könnte. Weil ich in Allgemeinbegriffen denken kann, steht mir ein Möglichkeitshorizont zur Verfügung: Ich sehe, was ist, und begreife, dass es auch anders sein könnte. Dieses Bewusstsein, überhaupt oder auch anders zu können, nennt man Könnensbewusstsein. Ein solches unterstellen wir Menschen, beziehungsweise berücksichtigen (wieder!) die Möglichkeit einer Einschränkung dieses Könnensbewusstseins, Stichwort: Unzurechnungsfähigkeit. Doch darum soll es hier nicht gehen.

Am Beispiel vom Black Panther

Wir wollen endlich über die positive Freiheit sprechen, die »Freiheit zu«. Denn das Könnensbewusstsein mag zwar darstellen, dass wir – frei von inneren und äußeren Zwängen – alles können, wahlweise. Doch damit ist noch nichts über die tatsächliche Wahl gesagt: Was tun wir denn nun?

Die positive „Freiheit zu“, führt uns zur sogenannten qualifizierten Freiheit. Damit ist, im Gegensatz zur bloßen Möglichkeit das Moment der Verwirklichung von Freiheit gemeint. Wenn du tatsächlich ins Kino gehst, um Black Panther zu sehen, hast du die qualifiziert freiheitliche Entscheidung getroffen, deinen Abend so und nicht anders zu verbringen. Du kannst nicht gleichzeitig auf der Couch abhängen und Netflix schauen. Oder gar etwas weniger Faules machen, an diesem Abend. Du hast dich fürs Kino entschieden.

Das klingt jetzt nicht nach einer dramatischen Einschränkung, aber im Prinzip hast du damit schon deine Freiheit eingeschränkt, um deine Freiheit zu vergrößern. Du hast dich gewissen Unfreiheiten unterworfen – in diesem Kino sitzen, still sein zu müssen, rund 135 Minuten lang – um im Anschluss neue Freiheiten zu genießen. Mal abgesehen davon, dass du jetzt um das Wissen über den Inhalt dieses Films an sich reicher geworden bist, qualifiziert es dich dazu, an der öffentlichen Diskussion darüber teilzunehmen.

Von Fremdsprachen und Super Mario

Im Studium ist uns die qualifizierte Freiheit anhand einer Fremdsprache nähergebracht worden. In der Tat unterstreicht dieses Beispiel das Maß der Unfreiheit und Freiheit, von der hier die Rede ist, umso deutlicher: Wenn du dich entscheidest, eine Fremdsprache zu lernen, unterwirfst du dich damit diversen Unfreiheiten. Da ist etwa ein großer Teil deiner freien Zeit, den du zur Beschäftigung mit der Sprache aufwenden musst – und natürlich die Regeln dieser Sprache selbst. Du kannst dir die Grammatik nicht nach eigenen Vorstellungen gestalten, wenn du von anderen Sprechern der Sprache verstanden werden willst.

Die große Tragik am Leben ist bekanntlich dessen Kürze: Wir können unsere Fähigkeit zu qualifiziert freiheitlichen Entscheidungen nur auf eine kleine Auswahl an Themen und Tätigkeiten ausrichten – im Vergleich zur unglaublichen Vielfalt an Möglichkeiten. Da hat Super Mario einen klaren Vorteil, mit seinen vielen Leben.

Den Horizont erweitern

Sobald du nun die Fremdsprache einmal beherrscht, kannst du (je nach Sprache) mit vielen Millionen Menschen mehr auf der Welt in Kontakt treten und ein ganz neues Universum an Kulturgut erkunden. Der Horizont deiner Freiheit hat sich erweitert.

Im gleichen Sinne kann man die Unterordnung unter geltende Rechtsgesetze verstehen. Indem sich das Individuum entscheidet, sich an die Gesetze eines Rechtsstaates zu halten, schränkt es seine persönliche Freiheit ein. Dann ist nix mehr mit dem Nachbarn sein Auto klauen und bei Rot über die Ampel brettern. Durch diese Einschränkung meiner eigenen Freiheitlichkeit vergrößere ich im gleichen Zug die Freiheit aller Menschen, die ja irgendwie miteinander klarkommen müssen.

Darunter falle auch wieder ich selbst: Indem mein Nachbar sich entscheidet, sich an die Gesetze zu halten, kann ich unbesorgt bei Grün über die Ampel gehen, ohne Angst haben zu müssen, vom Nachbar mit meinem eigenen Auto weggeprescht zu werden. Durch die Anerkennung (also das Einverständnis) aller anderen gesetzestreuen Menschen habe ich persönlich die Freiheit, Dinge als mir zugehörig anzusehen: meine Straße, mein Zuhause, mein Blog.

Der Horizont eines jeden Menschens Freiheit hat sich erweitert. Jippie!


Mein Gedankengang zur Freiheit und die drei Blogbeiträge, die daraus resultierten, orientieren sich lose an dem Kapitel Freiheit als Grundbegriff der Philosophie überhaupt aus einem Skript des Moduls P2 der Fernuniversität Hagen. Diese hat besagtes Kapitel als PDF-Auszug hier öffentlich verfügbar gemacht.

Als Student der Philosophie bin ich noch ein Neuling auf diesem ehrwürdig alten Gebiet, falls dir Begriffe falsch gebraucht oder Ideen falsch vermittelt respektive verstanden scheinen, bitte nutze die Kommentarfunktion und korrigiere mich. Ebenso im Falle etwaiger Fragen, die wir gerne gemeinsam erörtern können.

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SpokenWordClub mit Rapper Mo-Torres http://www.blogvombleiben.de/spokenwordclub-mit-mo-torres/ http://www.blogvombleiben.de/spokenwordclub-mit-mo-torres/#respond Sat, 10 Mar 2018 21:30:57 +0000 http://www.blogvombleiben.de/?p=2091 Die Bühne gerahmt in Luftballons und Lichterketten, das Catering Backstage gepimpt mit Datteln und Gebäck – der…

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Die Bühne gerahmt in Luftballons und Lichterketten, das Catering Backstage gepimpt mit Datteln und Gebäck – der SpokenWordClub fängt an, sich heimisch zu fühlen. So mein erster Eindruck, als ich gestern Abend zwei Stunden vor Showbeginn in den Club Bahnhof Ehrenfeld rein bin. Bei der ersten Sause, vergangenen Monat, war die Bude voll, Publikum und Veranstalter anschließend happy mit dem Verlauf des Abends. Der hatte zwar Überlänge, aber das machte den Auftakt umso epischer. Die Erwartungen an die zweite Show mit Stargast Mo-Torres waren also hoch – wurden sie erfüllt?

Statistisch gesehen okay

Regression zum Mittelwert, so nennt man ein Phänomen aus der Statistik, das man kennen sollte, um vom Leben nicht enttäuscht zu sein – und vom gestrigen Abend mit Mo-Torres, Makeda und Co. Um die Wichtigkeit dieses Phänomens zu veranschaulichen, nehmen wir das Beispiel der Kindererziehung: Manche beinharte Eltern sind überzeugt, dass nicht Lob sondern Kritik ihren Nachwuchs zu besseren Menschen mache, in welcher Hinsicht auch immer.

Grund dafür sind Erfahrungswerte: Wenn man das Kind aufgrund einer herausragenden Mathe-Note lobt, wird die nächste Note meist schlechter. Unser auf Kausalzusammenhänge abfahrendes Gehirn strickt direkt einen passenden Narrativ: Vermutlich hat das Lob das Kind faul gemacht, es war noch zu gesättigt von den Lorbeeren, um bei der nächsten Mathe-Arbeit wieder Vollgas zu geben. Macht man dem Kind dafür stattdessen bei einer besonders schlechten Mathe-Note die Hölle heiß, mit Hausarrest, Smartphone-Entzug, Popohaue, stiller Treppe, was weiß ich, dem ganzen Programm, dann oha! Die nächste Mathe-Note wird besser! Und unser Hirn so: Klar, Kind hat Schiss, sich nochmal so einen Ärger zu holen. Das spornt an.

Jetzt: Regression zum Mittelwert. Dieses Phänomen bestätigt unsere Beobachtungen – und erklärt unsere Erklärungen für Bullshit. Es erklärt sogar unsere Reaktionen für einigermaßen nichtig. Denn ja, nach einer herausragenden Mathe-Note folgt meist eine schlechtere und nach einer besonders schlechten meist eine bessere. Das hat nichts damit zu tun, ob wir das Kind loben oder kritisieren – sondern schlichtweg mit der Regression zum Mittelwert, reine Statistik: Nach Spitzenleistungen (hoch oder tief), folgen wieder Leistungen, die näher am (jeweils eigenen) Durchschnitt oder Mittelmaß sind. Bevor ich hier völlig vom Thema abkomme, schnell zurück zur Show:

Musikerin Makeda, Rapper Mo-Torres und Schauspieler Jesse Albert, dazu der Schriftzug: SpokenWordClub im Club Bahnhof Ehrenfeld

Line-up geht steil ab

Der Auftakt des SpokenWordClub im Club Bahnhof Ehrenfeld war so stark, dass danach erstmal eine „normalere“ Auflage folgen musste. Und so war es, meinem Eindruck nach, gestern Abend. Das Line-Up war wieder stark, keine Frage. Mit am Start: die Comedians Cüneyt Akan, David Kebe und Costa Meronianakis, der grandiose Poetry-Slammer Jay Nightwind und Ausnahme-Musikerin Makeda. Außerdem, als Talk-Gast: Mo-Torres, der sein Jubiläum feiert – seit 10 Jahren macht der Mann sein Ding (in der Regel: Musik). Durchweg großartige Künstler also!

Zu Beginn gab David Kebe ein paar Anekdoten zum Besten – und legte die Messlatte prompt so hoch, dass ich kurz zweifelte, ob die Showmacher ihre Dramaturgie gut durchdacht hatten. Kebe quatschte aus dem Leben eines 33-Jährigen, dem der Stress abgegangen ist, im Leben was Besonders sein oder werden zu müssen (was ihn in den Zwanzigern noch sehr unter Druck gesetzt habe, muss zugeben, kann ich mich da ein bisschen mit identifizieren…). In den Dreißigern sei sein Lieblings-Aufenthaltsort die Couch und die sowieso die bessere Platzwahl, für alle Menschen, immer. Wir würden weniger Hass ins Internet rausschreien, und so, dieser David Kebe hat da ein paar echt gute Argumente sehr amüsant verpackt.

Die Vielfalt des SpokenWordClub

Was ich stark finde, im (oder am?) Konzept des SpokenWordClub: Ich komme gar nicht in die Verlegenheit, ein gedankliches Ranking aufzustellen. Nach dem Motto, welcher Comedian hat mir am besten gefallen? Dafür waren die drei Jungs schlichtweg zu unterschiedlich, eigenartig und jeder für sich ne echte Marke. Zusammen hätten die Drei auch ne gute Boy-Band abgegeben, Kebe, Akan & Meronianakis, so vor 15 Jahren vielleicht, für jeden Groupie was dabei.

Nicht zu vergessen, der vierte Spaßmacher im Bunde: Newcomer Timur Turga. Wer mit wenig Erfahrung vor eine große Menschenmenge tritt (der CBE war wieder voll besetzt), der kriegt von mir schonmal ein paar mentale Vorschusslorbeeren. Ich stehe dann so unten am Bühnenrand, glubsche durch meine Kamera-Linse hoch und denke mir… Junge, ich möcht nicht tauschen… da oben im Rampenlicht versuchen, diese über hundert Unbekannten zum Lachen zu bringen!? Viel Glück. Leider bin ich so erbarmungslos, meine mentalen Vorschusslorbeeren ganz schnell wieder einzusammeln, wenn mir der Auftritt missfällt. Dann denkt ein bösartiger Zweig meines Denkapparats… Jung, hätteste einfach mal gelassen… aber nein: Timur Turga ist auf der Bühne echt gut aufgehoben! Wirkt authentisch, strahlt Ruhe aus, kein effekthascherisches Gezappel, sondern gerade heraus, ein paar amüsante Anekdoten aus dem Leben eines jungen Mannes, der wegen ziemlich starker Seeschwäche in ein paar ziemliche lustige Situationen reinläuft.

Hier geht’s zum Flickr-Album mit Fotos vom SpokenWordClub im März
(einfach das Bild anklicken):

SpokenWordClub 2018 | März

Etwas ernstere Töne angeschlagen hat im Anschluss das Poetry Slam »Urgestein« (meine Wortwahl, kann man das mit sieben Jahren in der Szene schon sagen?) der Essener Jay Nightwind. Wobei auch er bald den Bogen geschlagen zu seeehr unterhaltsamen Wutausbrüchen, die ihm einiges an Puste gekostet haben. Hut ab für die wortgewaltige Performance! Hier geht’s zu Jays Blog.

Rap-Battle mit Mo-Torres

Es war wieder eine bunte Mischung von allem. So, wie es sich der SpokenWordClub eben zur Mission gemacht hat. Mit Makeda gab es noch deutsche Balladen, authentisch schön, was fürs Herz. Und später im Rap-Battle »Mo-Torres vs. Norman Soltan aka Ro-Meo« wieder das zu Lachen. Norman hat sich gegen den Pro Mo-Torres gut geschlagen, muss ich sagen! Die Moderation findet beim SpokenWordClub immer im Duo statt.

Der zweite Mann am Mikro ist der Schauspieler Jesse Albert, um den man in dieser deutschen Fernseh-Woche gar nicht rumgekommen ist. Man konnte hin und her zappen, um seinen Auftritten zu folgen. Das ist glaube ich so eine Zwischenstufe in der Karriere eines Schauspielers. Nächste Stufe: dass die Leute gar nicht mehr zappen müssen, um einen Abend lang die volle Dröhnung Jesse Albert zu kriegen. Nächste Stufe: dass die Leute ihren Hintern vom Sofa rollen und sich ins Kino trollen, den »neuen Jesse Albert Film« sehen.

Philosophie-Mini-Exkurs

Auf der Bühne also alles tippi-toppi mal wieder. Etwas strafferes Programm diesmal, weil man pünktlich die Location für die nächste Sause freigegeben musste – aber vielleicht gut so. Denn was diesen Abend gegen den ersten im Club Bahnhof Ehrenfeld etwas schwach aussehen lässt, war die Unruhe im Publikum. Klar, die Konzentration der Zuschauer hängt stark von dem ab, was auf der Bühne los ist. Die Showmacher sind in der Bringschuld, gewiss.

Doch die haben abgeliefert. Wenn aber beim Talk-Element mit Mo-Torres mal für fünf Minuten Ruhe einkehrt ins Programm, dann ist das Publikum in der Bringschuld. Habe darüber erst vorgestern in der Philosophie-Klausur schreiben dürfen: Kommunikationsethik. Dem Sprechenden Anerkennung zollen, indem man ihm zuhört – statt selbst schnattert, »Erbsenundmöhrenerbsenundmöhrenerbsenundmöhren«. (Apropos, wo war Dan O’Clock eigentlich? Der hat mir gefehlt.) Aber, ach, Gruppendynamik in sozialen Gefügen ist eine komplexe Angelegenheit. Das will ich als Kritikpunkt ins Feld führen. Nur als kleines »na ja, schade«. Zumal es ja immer nur ein paar Geschwätzige sind, die Unruhe reinbringen.

Ein Video von dem Abend mit Talk-Gast Mo-Torres gibt’s hier:


Nachtrag: Hier geht’s zum Blogbeitrag zur dritten Show des SpokenWordClub im Club Bahnhof Ehrenfeld – unter anderem mit Jann Wattjes, Tim Perkovic, Amiaz Habtu und (da isser wieder!) the one and only Dan O’Clock!

Weblinks:

Offizielle Homepage des SpokenWordClub
Wikipedia-Artikel zu Mo-Torres
Facebook-Seite des SpokenWordClub
Offizielle Homepage des Moderators und Schauspielers Jesse Albert
Offizielle Homepage des Moderators und Comedian Norman Sosa

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Lernmarathon, der Tag danach http://www.blogvombleiben.de/lernmarathon-der-tag-danach/ http://www.blogvombleiben.de/lernmarathon-der-tag-danach/#respond Fri, 09 Mar 2018 10:46:04 +0000 http://www.blogvombleiben.de/?p=2083 Zähe Tage liegen hinter mir, in denen ich allerlei Inhalte meiner aktuellen Studienfächer (Literaturwissenschaft, Philosophie) gelernt…

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Zähe Tage liegen hinter mir, in denen ich allerlei Inhalte meiner aktuellen Studienfächer (Literaturwissenschaft, Philosophie) gelernt habe – vor allem aber, wie ich mein Gehirn dazu kriege, überhaupt mehr Zeug aufzunehmen. Egal was. Hauptsache rein damit, um es zur gegeben Zeit aufs gegebene Blatt wieder ausspucken zu können. Pünktlich zur Prüfung. Und apropos Spucken: Heute, am Tag danach, geht’s mir nicht so gut. Statt mit einem gehaltvollen Blogbeitrag (was ja sonst IMMER der Fall ist), melde ich mich zurück mit dem neusten Blubb aus meinem rauchenden Hirn. Rückblick zum Lernmarathon.

Skizzen von Männern mit kantigen Schädeln, dazu der Schriftzug: Lernmarathon, der Tag danach

Gestern Abend haben wir zur Feier des Tages, an dem die letzte Klausur endlich rum war – „Türkisch für Anfänger“ und zu tief ins Weinglas geschaut. Diese rhetorische Figur aus dem vorausgehenden Satz nennt man ein Zeugma. Anders Beispiel: Ich heiße David und dich herzlich willkommen. Erkennste? Zeugma also. Musste ich gerade nachschauen, hat mich in der Prüfung am Dienstag nämlich 0,5 Punkte gekostet. Mein Zeugma-Unwissen. Erstmals habe ich als Klausurort übrigens die Uni Köln ausprobiert.

Uni Köln vs. Uni Bochum

Bei einem Studium an der Fernuniversität Hagen ist es so, dass man sich einen Klausurort aus einer langen Liste von Präsenz-Universitäten aussuchen kann (also alle „normalen“, zu denen man regelmäßig hingeht, als Student, und dort präsent ist). Nach meinem Wohnortswechsel war Köln die nächstbeste Uni, also bin ich in dieser Woche zweimal dort gewesen. Muss sagen: Ich war positiv überrascht. Richtig geflasht, ehrlich gesagt – und kam mir deshalb dämlich vor, als ich merkte, dass mich schon so Sachen wie eine gut sichtbare Ausschilderung zu „Aula 2“ und „Herren WC“ begeistern. Muss hinzufügen: Zuvor habe ich in der Uni Bochum geschrieben, einem architektonischen Monstrum, in dem ich nach den Klausuren stets ne halbe Stunde damit verbracht habe, den Ausgang und mein Auto zu finden. Ey Mann.

Uni Köln also schön. Am Dienstag schrieb ich Literaturwissenschaft (Modul L1) in Aula 2, an dem Tisch, auf den jemand „Caro stinkt“ gekritzelt hat. Am Donnerstag saß ich dann für Philosophie (Modul P2) in Aula 1 an einem Tisch mit der Aufschrift „Proletentum ist eine Tugend“. Irgendwie eine Literaturgattung für sich, diese Tisch-Inschriften. Da werden Archäologen in x-tausend Jahren bestimmt ihren Spaß dran haben. In der Philosophie-Klausur galt es, sich aus sechs Fragen drei auszusuchen und in je einem zusammenhängenden Text zu beantworten. Leider nicht Fragen à la „Wer war dieser Immanuel Kant und was hat der Gute so gemacht?“, sondern eher: „Erläutern Sie die Notwendigkeit von Kants Rechtsidee anhand seiner Schrift Zum ewigen Frieden.“ Abstrakter Shit also.

Abstrakter Shit mit Methode

So war’s schon in der Klausur zu P1, im Lernmarathon vor einem halben Jahr – in der Lernphase damals habe ich gemerkt, dass ich schlichtweg keine Granate darin bin, einen zusammenhängenden Tag über abstrakten Shit in einem Zeitfenster von 80 Minuten frei zu verfassen. Geschweige denn drei davon in vier Stunden. Noch dazu in der Sauklaue eines Linkshänders, der Zeit seines Lebens beim Schreiben unterbrochen wurde durch das Kommentar „Oh, du schreibst mit links!“ (so KANN man ja keine flüssige Handschrift ausarbeiten).

Was ich wohl kann, hab ich damals also gemerkt, ist: einen zusammenhängenden Text über abstrakten Shit in besagtem Zeitfenster wiedergeben. Das heißt: möglichst wortgetreu auswendiglernen und dann auf Knopfdruck niederschreiben. Das ist natürlich nicht Sinn der Sache. Aber den „Sinn der Sache“ sehe ich bei der Prüfungsform Klausur, die so oder so darauf abzielt, zu einem konkreten Termin ein Maximum an Wissen abzufragen, das danach wieder verdampft wie heißes Wasser aus dem brodelnden Topfe, ohnehin nur bedingt gegeben.

Seit meiner Rückkehr aus Berlin vorletzte Woche habe ich also jeden öden Tag damit verbracht, mustergültige Texte über hirnverrenkende Themen so zu überarbeiten, dass die Sätze möglichst kurz sind. Kürzer als hier. Lächerlich kurz. Babysprachen-kurz. Das wichtigste Hauptwort immer gelb hinterlegt. Damit man sie sich besser einprägen kann, im Lernmarathon. Wort für Wort. Die Texte.

Lernmarathon ist rum, wat nu?

So weit, so langweilig. Das ist jetzt durch. Was bleibt, sind Kopfschmerzen vom Wein danach. Nun steht ein spannender Monat bevor. Ich darf am Set einer Webserie über Preußen herumstrolchen, zu der ich Anfang des Jahres das Drehbuch geschrieben habe. Danach geht’s eine Woche in die Jury-Sitzung des Deutschen Jugendfilmpreises. Aber vorher steht erst einmal wieder der SpokenWordClub im Club Bahnhof Ehrenfeld an, heute Abend, jetzt gleich. Moderator und Schauspieler Jesse Albert sitzt gerade neben mir und arbeitet an seinen Moderationskarten. Morgen berichte ich dann davon, ob der Junge seinen Job gut gemacht hat. Bis denne!

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