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24/7 The Passion of Life · mit Mira Gittner | Film 2005 | Kritik

Zuletzt aktualisiert am 12. Mai 2019 um 16:46

Gedreht in Strip- und Swingerclubs und SM-Studios, mit echten Szene-Menschen als Nebendarsteller*innen, ist 24/7 The Passion of Life scheinbar eine BDSM-Milieustudie. Tatsächlich sollen alternative Lebensmodelle im Fokus stehen, Einsamkeit, Zweisamkeit und Vielfältigkeit in einer »normierten« Gesellschaft.

Zum Inhalt: Bei einer Motorradpanne begegnen sich Eva und Magdalena. Letztere arbeitet als Domina »Lady Maria« in einem SM-Studio. Von ihr fasziniert, macht sich Eva auf den Weg, ihrer eigenen Sexualität auf den Grund zu gehen. Dazu begibt sie sich an die verborgenen Orte einer Gesellschaft der Doppelmoral.

Schauspielerin Mira Gittner in dem Film »24/7 – The Passion of Life« | Bild: WTP International GmbH

Sinnsuche abseits der Norm

Wer sich – beliebiges Beispiel – auf Larry Clarks Ken Park (2002) einlässt, bekommt harten Tobak aus dem Leben einiger Menschen zu sehen. Deren Identitätssuche führt früher oder später zur Entdeckung der eigenen Sexualität. In Secretary (2002) mit Maggie Gyllenhaal (Monster House) ist es ein neues Arbeitsverhältnis, das den Weg in die sexuelle Befreiung bahnt. Mira Gittner und Roland Reber gehen den weg über die lyrisch anmutende Sinnsuche – in einem Film, der von allerlei narrativen und ästhetischen Konventionen abweicht.

Im Anschluss an die Aufführung ihres Films Mein Traum oder Die Einsamkeit ist nie allein (2007) im Bocholter Kinodrom kam ich mit der Schauspielerin Marina Anna Eich und Roland Reber ins Gespräch. Wir schnackten über ihre Arbeitsweise und ihre Themen. Gesellschaftskritik, im Wesentlichen. Sie drückten mir eine DVD ihres zuvor gedrehten Films 24/7 The Passion of Life in die Hand. So kam ich überhaupt mit dem eher unbekannten Nischenfilm in Berührung.

Trailer zu 24/7 The Passion of Life

Dieser Blogbeitrag ist in weiten Teilen ein Nachtrag. Denn mit meinem damaligen Zerriss dieses Films konnte ich mich nicht mehr so ganz anfreunden.

Provokation als Selbstzweck?

Damals, im Alter von 18 Jahren, hat mich der Film eher nicht so beeindruckt. »Das fängt bei der technischen Umsetzung an und hört bei der theatralischen Darstellung auf«, schrieb ich. Und weiter: »Man erinnere sich an eine Szene aus Mein Traum oder: Die Einsamkeit ist nie allein. Da sitzt Roland Reber zwischen zwei barbusigen Frauen und freut sich seines Lebens. Dieser spontane Sketch floss als Mini-Werbespot für den Regisseur-Beruf in den Film mit ein. Natürlich nicht ernst gemeint. Dennoch vermittelt er beim Publikum genau den Eindruck, der sich bei 24/7 The Passion of Life durch den gesamten Film zieht. Hier sind Provokateure am Werk, denen es nicht an Frivolität, jedoch an Einfällen mangelt.«

Einfälle (visuelle wie lyrische), muss ich rückblickend zugeben, hatten Gittner und Reber jede Menge. Sie haben meinem jüngeren Selbst bloß nicht gefallen. Provokation um der Provokation willen, so kam es mir vor. Doch vielleicht war es nur ein etwas prüder Teenager, der sich im verschämten Zwist mit seinen eigenen Neigungen provoziert fühlte, während ein paar Künstler und Lebemenschen ihr Ausdrucksmittel im Medium Film suchten und fanden.

Lyrisch soll’s sein

Meine damaliger Diss nimmt kein Ende: »Als Aufhänger für ihren Film wählt die 24/7-Crew das Thema Einsamkeit. Diese müsse als Folge des gesellschaftlichen Normierung-Zwanges in der düster-geheimnisvollen SM-Szene ja wohl richtig platziert sein. Ein Fehlschluss, der dem Publikum aufgrund des Tunnelblicks aufs kommerzielle SM-Studio einer von Gott und der Welt verlassenen Domina nicht auffällt.« Wer auch immer mit »dem Publikum« gemeint war – ich empfand mich als die Masche durchblickender Filmkenner offenbar über dieser blinden Masse stehend.

»Die Filmemacher hausieren mit der Information, dass an Original-Schauplätzen und größtenteils mit Laien aus der entsprechenden Szene anstatt mit echten Schauspielern gedreht wurde, als beweise dieser Umstand ein Höchstmaß an Authentizität und Glaubwürdigkeit. Das Gegenteil ist der Fall, wenn die kreativen Köpfe hinter diesem Projekt ihre philosophischen Erkenntnisse über die Doppelmoral der Gesellschaft wie ein Etikett auf jede Szene pappen müssten. […] Mira Gittner betont, dass es bei 24/7 The Passion of Life nicht um eine dokumentarische, sondern um eine lyrische Darstellung ginge. Das entschuldigt die bühnenreifen Monologe, mit denen eine intellektuelle Annäherung an das Thema gewährleistet werden soll.«

Fazit zu 24/7 The Passion of Life

Auch wenn sich mein Gemüt derweil abgekühlt hat, sagt mir die Mischung aus schmuddeliger Video-Ästhetik – vergleichbar mit dem durchaus mieseren B-Movie The Pet (2006) – und plakativem Tonus immer noch nicht zu. Kamera, Licht und Ton erinnern durchweg an das niedrige Budget. Sowas kann ja inhaltlich befreiend sein – losgelöst von den Ecken und Kanten glattschleifenden Vorstellungen etwaiger Financiers. Insofern ist 24/7 The Passion of Life sicherlich genau das geworden, was die Filmemacher*innen im Sinn hatten. Da sich das Ganze sehr ernst nimmt, macht es wenig Spaß, sich damit auseinanderzusetzen, wenn man selbst die Notwendigkeit zu diesem Ernst nicht (mehr) ganz nachvollziehen mag.

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