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A Casing Shelved · von Michael Snow | Film 1970 | Kunstphilosophie

Zuletzt aktualisiert am 15. März 2019 um 6:34

A Casing Shelved ist ein Film von Michael Snow, einem kanadischen Filmemacher, Künstler und Musiker. Er zeigt uns, 45 Minuten lang, ein einziges Farbdia von einem prall gefüllten Regal. In der Tonspur erklärt Snow uns Stück für Stück und mit autobiographischem Anstrich, was wir da gerade betrachten.

Beitragsbild zu dem Film »A Casing Shelved«

Zwischen trivial und bedeutsam

In und an dem Regal lagern Gegenstände, die der Künstler zuvor in seinem Studio (und anderen seiner Filme) benutzt hat. Das sind Farbdosen, Fotografien, ein Kleiderhaken, Kaffeebecher, der Ball aus dem Film <—> (Back and Forth), eine Kochplatte, eine Weinflasche, eine Schaufel und vieles mehr. Die Kunsthistorikerin Andrée Hayum beschreibt A Casing Shelved in ihrem Essay für die Zeitschrift Film Culture (No. 56-57, Frühjahr 1973) als »außergewöhnlichem Film«. Aus dem Englischen übersetzt:

Die Komponenten von A Casing Shelved sind im Wesentlichen unästhetisch und ihre Präsenz schwebt an jedem Punkt zwischen Trivialität und Bedeutung. Die Einzigartigkeit des Werkes liegt nicht nur im Witz und der Subtilität seiner Erkundungen, sondern auch in der überraschend gründlichen Art und Weise, wie es als formales und erfahrungsmäßiges Äquivalent für seine Botschaft und als kraftvoller Ausdruck modernistischer Sensibilität funktioniert.

Andrée Hayum · hier als PDF verfügbar

Gesehen hat Andrée Hayum das Werk von Snow in der Bykert Gallery, die von 1966 bis 1975 in New York City von Klaus Kertess betrieben wurde. Dort konnte man A Casing Shelved als Fotografie an der Wand betrachten und unter Zugabe eines Tonbandgeräts »erleben« können. Allerdings bezieht Hayum ihre Bemerkungen auf die »offizielle« und, wie sie findet, »effektivere Version dieser Arbeit, die in ein Filmtheater gehört. Hier sind wir unfreiwilliges Publikum von Snows mündlicher Beschreibung.« A Casing Shelved erinnere sie an die Diaprojektionen in den Klassenräumen eines Kunststudiums.

Snow’s Erzählung versucht nicht nur, die Zuschauer direkt anzusprechen, sondern auch, unsere Blicke auf bestimmte Teile des Bildes zu richten, als ob die Zuschauersicht analog zur Kamerasicht funktionieren könnte.

Letterboxd

A Casing Shelved, historisch betrachtet

Dem Kunstphilosophen Arthur C. Danto war daran gelegen, Film und Bewegtbild von unbewegten Bildern wie Dias zu unterscheiden. Zu dieser Methode versteht Noël Edward Carroll (ebenfalls Kunstphilosoph) den Film A Casing Shelved als »mutmaßliches Gegenbeispiel«. Er bezieht sich auf eine Version des Films, bei der das Tonband von Hollis Frampton besprochen wurde – einem avantgardistischen Filmemacher, dem das Werk A Casing Shelved zuweilen zugeschrieben wird (etwa in den Büchern Situational Aesthetics: Selected Writings by Victor Burgin und Time and Photography). »Im historischen Verständnis handelt es sich« bei der blicklenkenden Beschreibung des Bildes laut Carroll »um ein reflexives Ereignis, das der Zuschauerin ihre Aktivitäten beim Zuschauen und die Art und Weise bewußt macht, wie die Stimme im Tonfilm das Auge lenkt.«

Buchtipp: Carrolls Interpretation von A Casing Shelved findet sich, mit Essays anderer Filmphilosophen, in dem Buch Philosophie des Films: Grundlagentexte von Dimitri Liebsch (Hg.).

Zitate von Michael Snow

Objektträger haben eine besonders gefrorene Qualität, wenn man sie eine Weile betrachtet, dieses kleine bisschen Instabilität. Ein Film zu sein, das wäre eine ganz andere Sache, denn es würde Bewegung einführen… egal, was man tun würde, man hätte das Flackern und die Dinge, die im Projektor passiert wären.

Michael Snow via IFFR (aus dem Englischen übersetzt)
[…] Ist Chaos die Unfähigkeit, eine Sache von der anderen zu unterscheiden? Ist der Verstand nur die Fähigkeit, zu identifizieren und zu benennen? Kulturell? Ist die Ordnung der Störung eine Ordnung? Kann es Ordnung ohne Wiederholung geben? Gibt es etwas notwendigerweise Fatalistisches, aber auch »Religiöses«, wenn man behauptet, dass Unordnung nur eine Art von Ordnung sein darf, deren Natur noch nicht verstanden ist? […] Der Grund für die Form meiner Nase ist derselbe wie der Grund, warum ein Bus gerade an diesem Gebäude vorbeifuhr. Oh, das geht zu weit. Michael Snow, September 1971

Randnotiz: Auf den Film A Casing Shelved bin ich durch mein Fernstudium der Kulturwissenschaften gestolpert. Hier geht’s zu einem Beitrag über die Vor- und Nachteile eines Fernstudium.

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