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AUGENBLICKE – Gesichter einer Reise | Film 2017 | Kritik

Zuletzt aktualisiert am 7. Mai 2019 um 8:56

Im französischen Original heißt er Visages Villages, dieser Film über Frankreichs Dörfer und deren vielfältige Gesichter. Im Englischen: Faces Places. »Keine Städte«, so der Vorsatz, den sich die Filmemacherin Agnès Varda und der Streetart-Künstler und urbane Fotograf JR offenbar gesteckt haben, für ihr dokumentarisches Vorhaben. Dieses mauserte sich von ein paar beiläufigen Aufnahmen zu einem abendfüllenden »movie«. Augenblicke – Gesichter einer Reise war 2018 bei den Academy Awards für einen Oscar in der Kategorie »Bester Dokumentarfilm« nominiert.

Agnès Varda und JR in dem Film »Augenblicke – Gesichter einer Reise« | Bild: Agnès Varda-JR-Ciné-Tamaris, Social Animals 2016

Kunst für den Moment

Zum Inhalt: Ein Transporter, der als mobiler Sofortbild-Automat großformatige Schwarzweiß-Poster der Fotos ausspuckt, die im Innern geschossen werden. Damit fahren die Filmemacherin Agnès Varda und der Fotokünstler JR aufs Land. Sie wollen mit einfachen Menschen sprechen, die dort als Bergarbeiter, Bauern und Ziegenhirten arbeiten. Sie kommen mit Hafenarbeitern ins Gespräch, mit den Frauen an ihrer Seite. Die Gesichter dieser Menschen kleben sie überlebensgroß an Hausfassaden, Container und Scheunenwände. Sie hinterlassen beeindruckende Kunstwerke – nicht für die Ewigkeit, sondern für den Moment. Und ganz nebenbei wir das Band zwischen den beiden, Varda und JR, immer enger. Ein Film über eine ungewöhnliche Freundschaft.

Präsentiert von Greta Gerwig (Lady Bird) und der Schauspielerin Laura Dern, bekam den Oscar letztlich der Dokumentarfilm Ikarus. Doch Augenblicke – Gesichter einer Reise ging alles andere als leer aus. Zahlreiche Auszeichnungen sammelte dieses Werk bereits ein, seit seiner Premiere im Rahmen der Filmfestspiele von Cannes im Mai 2017 (außer Konkurrenz). »Ein Saal von 2.200 Menschen«, erinnert sich Agnès Varda an den Tag. Der tosende Applaus scheint noch in ihren Erinnerungen nachzuklingen. Dass andere Erinnerungen der französischen Regie-Ikone (geboren im Jahr 1928) derweil langsam verblassen, das es eines der Themen von Augenblicke – Gesichter einer Reise. Produziert wurde der Film unter anderem von ARTE France Cinéma.

Varda und die Nouvelle Vague

Die Kultursendung ttt – titel, thesen, temperamente hat dem Film von Agnès Varda und JR einen schönen kleinen Beitrag gewidmet:

Agnès Varda kam als Tochter einer Französin und eines Griechen in Belgien zur Welt, wuchs aber an der Mittelmeerküste in Sète auf. Später zog es sie nach Paris, für ein Studium an der Sorbonne und der École du Louvre. Kunstgeschichte, Literatur und Philosophie waren ihre Fächer. Varda machte eine Lehre zur Fotografien und interessierte sich bald dafür, ihre Bilder in Bewegung zu setzen. 1954 drehte sie ihren ersten Film: Le Pointe Courte. Ein halbdokumentarisches Beziehungsdrama, dessen Stil mit den Weg bahnte in die Nouvelle Vague, jene französische Filmbewegung der 50er Jahre, als deren »Großmutter« Varda heute gilt.

1958 kam Agnès Varda mit dem Regisseur Jacques Demy (Lola) zusammen und blieb es, Zeit seines Lebens. Es folgten Filme wie Das Glück aus dem Blickwinkel des Mannes (1965) und Die eine singt, die andere nicht (1977) über die Freundschaft zweier Frauen im Spannungsfeld zwischen Feminismus und Frauenrechten. 1983 saß Agnès Varda in der Jury der Filmfestspiele von Venedig – während im selben Jahr in Paris ein Kind zur Welt kam, das Jean René aufwuchs und als JR berühmt wurde: Ein Graffiti-Artist, bis er 2001 in einer Metro eine verloren gegangene Kamera fand, seither auch – ein Fotograf. Mit ihm würde sie Jahre später den Film Augenblicke – Gesichter einer Reise umsetzen. Hier geht es zu JR’s Künstlerseite.

JR bei TED2011 darüber, ob – oder vielmehr wie – man mit Kunst die Welt verändern kann:

Begegnen sich zwei Künstler-Seelen

»Ich sah seine Bilder, die vielen Portraits alter Menschen«, erzählt Agnès Varda rückblickend auf die Frage, wie es zur Zusammenarbeit zwischen ihr und dem jungen Streetart- und Fotokünstler gekommen sei. Eben wegen dieser Bilder, die von einem großen Interesse am einfachen Menschen zeugten, habe sie gedacht, dass zwischen ihnen die Chemie stimmen könnte. Immerhin trennte die beiden Künstler-Seelen über ein halbes Jahrhundert. Sie haben im Laufe ihres mehr oder weniger langen Lebens zuweilen dieselbe Orte besucht – Kuba etwa, oder Shanghai – und sie aus wer weiß wie unterschiedlichen Blickwinkeln gesehen. Ihre alten Reisebilder haben Agnès Varda und JR nie verglichen.

Filmtipp: Wer Street-Art mag und Banksy liebt, wird über den Film Exit Through the Gift Shop (2010) womöglich ganz aus dem Häuschen sein.

An einer Stelle im Film fragt der Mittdreißiger die alte Dame, die sich wegen ihrer Augen in Behandlung begeben muss: »Du siehst die Welt verschwommen und bist damit zufrieden?« Sie entgegnet: »Du siehst sie verdunkelt und du bist damit zufrieden.« Das Markenzeichen JR’s ist, neben dem Hut, tatsächlich die Sonnenbrille, die er immerzu trägt. Damit erinnere er sie an Jean Luc-Godard, sagt Varda. Sie kennt den berühmten Regisseur (Außer Atem) noch aus jüngeren Jahren. Gen Ende der Doku Augenblicke – Gesichter einer Reise machen sich JR und Varda tatsächlich auf den Weg, auch noch Godard einen Besuch abzustatten…

Fazit zu Augenblicke – Gesichter einer Reise

JR als junger Spund, der von einem Projekt zum nächsten springt, und Agnès Varda als Erzählerin, die das Tempo vorgibt. Die innehält, den Blickwinkel wählt. Sie hat diesen Film auch geschnitten. Augenblicke – Gesichter einer Reise ist eine Art dokumentarischer Roadmovie, mit 94 Minuten kurzweilig, beinahe oberflächlich. All den Begegnungen auf ihrer Reise gebührt nur ein – eben – Augenblick. Ein kleiner Moment, bevor es weitergeht zum nächsten Ziel, zum nächsten Projekt. Was als Bogen über den Film hinweg im Fokus steht, das ist die Beziehung zwischen Jung und Alt, in Kunst vereint.

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