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COLD WAR – Der Breitengrad der Liebe | Film 2018 | Kritik

Zuletzt aktualisiert am 25. Januar 2019 um 4:50

Ein Pianist und eine Sängerin begegnen sich im Polen der Nachkriegszeit – und gehen eine Verbindung ein, die über Jahrzehnte und Grenzen hinaus bestehen soll. Davon handelt die Liebesgeschichte, die der Film Cold War – Der Breitengrad der Liebe erzählt.

Joanna Kulig und Tomasz Kot in dem Film »Cold War – Der Breitengrad der Liebe«

Zwei Herzen, vier Augen

Zum Inhalt: Der Zweite Weltkrieg ist vorbei, seit vier Jahren. Durch die polnische Pampa fahren Wiktor (Tomasz Kot) und Irena (Agata Kulesza) von Dorf zu Dorf, um talentierte Sänger- und Tänzer*innen aufzuspüren. Im Auftrag der sozialistischen Regierung sollen sie ein Folklore-Ensemble zusammenstellen, das die polnische Volksmusik einem größeren Publikum näherbringt. Bei diesen ländlichen Castings begegnet Wiktor – seinerseits auch Pianist – der Sängerin Zula (Joanna Kulig).

Mit seinen schwarzweißen 4:3-Bildern scheint der Film jener Zeit zu entspringen, von der er handelt – den kalten, kontrastreichen 50er Jahren. Genau genommen umfasst die Handlung von Cold War – Der Breitengrad der Liebe die Jahre 1949 bis 1964. Neben dem ländlichen Polen ist Paris als funkelnder Gegenpol ein zentraler Schauplatz dieser Geschichte zweier Liebender, die sich immer wieder aus den »cztery oczy« – vier Augen – verlieren, von denen so oft gesungen wird. Mal voller Pathos, mal als Jazz-Variante. Ganz so, wie sich die Dynamik zwischen Wiktor und Zula von Zeit zu Zeit und Ort zu Ort ändern. Sie scheinen sich kaum zu ertragen, doch ohne einander geht’s auch nicht.

Filmtipp: Ein polnischer Film, der ebenfalls sehr musikalisch und doch ganz anders daherkommt, ist The Lure (2015) von Agnieszka Smoczyńska.

Die Matrix für eine Liebesgeschichte

Ein Epos also – über die Liebe, über Dekaden erzählt – und doch nur 85 Minuten lang. Kurzweilig ist Cold War – Der Breitengrad der Liebe nicht, dafür lastet der Schwermut zu träge auf den Schultern derer, die diese augenscheinlich aussichtslose Liebe mitverfolgen. Man ahnt früh, dass Wiktor und Zula (kongenial spielend, singend, sehnend: Tomasz Kot und Joanna Kulig) kein glückliches Ende vergönnt ist.

Die Schauspieler selbst scheinen einer anderen Epoche entsprungen, nicht nur die Figuren, die sie verkörpern. Es ist, als formten Gesellschaften Gesichter, und wer in alten Familienalben blättert, weiß, dass das stimmt.

Adam Soboczynski, in Grandioser Liebeskrieg (Zeit Online)

Insbesondere Joanna Kulig (Ida) als charismatisch, umtriebige, rastlose Zula hinterlässt einen bleibenden Eindruck. Der Regisseur Paweł Pawlikowski hat schon mit seinem vorausgegangenen Film, in dem Kulig noch als Nebenfigur zu sehen war, international einen Namen gemacht: Ida (2013) – ebenfalls ein schwarzweißer Nachkriegsfilm – gewann den Oscar als Bester fremdsprachiger Film. Mit Cold War – Der Breitengrad der Liebe setzte Pawlikowski seinen Eltern, denen der Film auch gewidmet ist, nun ein cineastisches Denkmal.

Ich fand sie faszinierend, zwei sehr starke Persönlichkeiten aus sehr unterschiedlichen Familien. Ihre Beziehung war schlimm, aber auch unzerstörbar. Das ist doch die Matrix für eine Liebesgeschichte.

Paweł Pawlikowski im Gespräch mit Susanne Berg (Deutschlandfunk Kultur)

Fazit zu Cold War – Der Breitengrad der Liebe

Pawlikowski möchte keine Geschichten nach dem Ursache-Wirkung-Prinzip erzählen – und dementsprechend muss man sich auch in diesen Film werfen lassen wie in einem Strom. Es passiert, was passiert. Suche nicht nach Antworten, sondern lebe im Moment. Mit pedantischer historischer Akkuranz wird in Cold War – Der Breitengrad der Liebe die Nachkriegszeit in Musikerkreisen heraufbeschworen, mit beeindruckenden Tanz- und Gesangseinlagen auf großen Bühnen und in verqualmten Clubs. Das ist großes Kino bis zum intensiven Schluss.

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