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MATANGI/Maya/M.I.A. von Steve Loveridge | Film 2018 | Kritik

Zuletzt aktualisiert am 14. April 2019 um 7:24

Diese Doku ist anders. Denn so oft kommt es nicht vor, dass eine junge Frau der Generation X – geboren 1975 – mit einer Handkamera im Vlog-Format ihr Leben dokumentiert. Lange bevor es YouTube und Smartphones gibt. Eine entwurzelte Frau obendrein, im Strudel der Kulturen vermittels Kunst einen Sinn suchend, eine Stimme findend. Eine Stimme, die heute von Millionen gehört wird – denn die Frau ist zu einer berühmten Sängerin herangewachsen. Doch darum geht es in dem Biopic Matangi/Maya/M.I.A. eigentlich nicht.

Mashup In Action

Eine verspätete Dokumentation über M.I.A.’s Leben ist in Arbeit – immer noch mit dem Regisseur Steve Loveridge, obwohl er zuvor alles fallen gelassen hatte, mit der Aussage: Er werde lieber sterben, als daran weiterarbeiten. | Arwa Haider (Metro) · 2013

Die Musikerin und Künstlerin Matangi/Maya/M.I.A.

Viele Jahre in Arbeit, endlich da – und hat man Matangi/Maya/M.I.A. erst einmal gesehen, ahnt man auch, warum’s so lange gedauert hat: M.I.A. ist aus der Distanz und in Ausschnitten einfach schwer zu begreifen. Kaum glaubt man, eine Vorstellung zu haben, tut sich auch schon eine neue Facette auf. Und am Ende sind es nur 97 Minuten. Verdammt wenig Zeit für die 22 ereignisreichen Lebensjahre, die darin zusammengefasst werden. Der Einstieg zur Doku Matangi/Maya/M.I.A. – welch passender Auftakt – hat dementsprechend etwas Traum- und Rauschhaftes. Grüne Lichter zeichnen sich aus der Dunkelheit ab, wie Glühwürmchen oder Laserpunkte, wabernd im Schwarz. Sie deuten vage einen Untergrund an, ein Gesicht vielleicht? Etwas tanzt, jemand singt:

My lines are down, you can’t call me
As I float around in space odyssey

Zeilen aus dem Song Space, dem letzten Track des ungooglebaren Albums /\/\ /\ Y /\ aus dem Jahr 2010. Da war M.I.A. bereits ein gefeierter Popstar – und von YouTube verbannt für ein zu gewaltsames Musikvideo (das inzwischen mit Warnhinweis ob der drastischen Bilder wieder online ist, siehe: Born Free).

Kunst in Zeiten der Machtlosigkeit

Besagtes Album beschrieb die Sängerin dem Journalisten Tom Noakes (Dazed) gegenüber als »eine Mischung aus Babys, Tod, Zerstörung und Machtlosigkeit.« Kunst als Repräsentation der Gesellschaft, darum geht es M.I.A., seit sie – noch als die Studentin Mathangi Arulpragasam – zur Central Saints Martins Kunsthochschule in London gegangen sei, wie sie in ihrem Buch aus dem Jahr 2012 schreibt. Darin erzählt sie:

Der Tag, an dem ich an der CSM meinen Abschluss machte, bekam ich einen Anruf. Man sagte mir, mein Cousin sei vermisst.

M.I.A.

Ihr Cousin – im gleichen Alter von Mathangi – kämpfte zu der Zeit in dem sri-lankischen Bürgerkrieg, vor dem Mathangis Mutter mit ihren Kindern schon vor Jahren nach Groß-Britannien geflohen war.

Der Bürgerkrieg in Sri Lanka, der von 1983 bis 2009 (über 25 Jahre) andauerte, wurde zwischen tamilischen Separatisten im Norden des Landes und der Regierung ausgetragen. Auf Seiten der Separatisten stand vor allem die Gruppe der LTTE (Liberation Tigers of Tamil Eelam, auch: Tamil Tigers genannt). Diese Gruppe wurde aufgrund von Selbstmord-Attentaten, ethnischen Säuberungen und der Rekrutierung von Kindersoldaten als »terroristische Vereinigung« bezeichnet. Auf der anderen Seite steht die sri-lankische Regierung, die erst Jahre nach Kriegsende vom internationalen, unabhängigen »Permanenten Völkertribunal« nach eingehender Untersuchung schuldig gesprochen wurde – am »Genozid gegen die tamilische Bevölkerung«, basierend auf den Beweisen, der Natur und dem Ausmaß der Verbrechen, die von Regierungstruppen im Dschungel begangen wurden.

Vermisst im Gefecht

In der Doku Matangi/Maya/M.I.A. sehen wir M.I.A. über Fernsehbilder stolpernd, die junge Frauen ihrer Generation in Uniform zeigen – verstrickt im undurchsichtigen Dschungelkrieg. »Das wäre ich, wenn ich geblieben wäre«, wird ihr klar, ehe sie fragt: »Warum war ich es, die entkommen ist?« Jener Cousin war derweil »vermisst im Gefecht« (»missing in action«, kurz: M.I.A.). So etwas sei in diesem Krieg andauernd passiert, schreibt die Künstlerin, die sich eben dieses Kürzel schließlich als Pseudonym gab, in ihrem Buch:

Es gibt keine Beerdigung. Es gibt keine Leiche. Du bekommst kein offizielles Schreiben, das heißt: Diese Person stirbt niemals wirklich. […] Daraus entstand dieser Brauch von Mythen, die am Leben gehalten werden, damit die Mütter damit umgehen konnten.

M.I.A.

Geboren wurde Mathangi Arulpragasam am 18. Juli 1975 in dem Londoner Stadtteil Hounslow – als Tochter der Schneiderin Kala und ihres Mannes Arul Pragasam, einem tamilischen Ingenieur, Schriftsteller und Aktivisten. Als Mathangi sechs Monate alt war, zog die Familie nach Jaffna im Norden Sri Lankas. Dort gründete ihr Vater – ein alter Freund des militärischen Anführers der Tamil Tigers – seinerseits eine militante Vereinigung und wurde in den Bürgerkrieg involviert, der während Mathangis Kindheit zwischen der Regierung und der tamilischen Minderheit ausbrach. Die Familie musste sich vor den Regierungstruppen verstecken und verlor Kontakt zum Vater. Nach einem Zwischenaufenthalt in Indien – bereits auf der Flucht vor dem Krieg – zog die Familie Arulpragasam vaterlos zurück nach London. Da war Mathangi elf Jahre alt.

Zurück in der Kinderstube

In Folge der Nachricht vom Verschwinden ihres Cousins entschloss sich die studierte Künstlerin – inzwischen Mitte zwanzig – schließlich zu einem Besuch der alten Heimat, in der sie ihre Kindheitsjahre verbracht hat. Diese Reise hat sie selbst dokumentiert, denn: »Ich wollte eine Dokumentarfilmerin werden«, so erfahren wir zu Beginn von Matangi/Maya/M.I.A. – und tatsächlich lief ständig die Kamera mit.

Nicht erst auf Reisen, auch daheim in der Londoner Wohnung, wenn Mathangi mit ihren Geschwistern abhing. Gelangweilte Teenager, die nicht wissen, wohin mit ihrer Zeit. Reden, rumalbern, lesen. In einer Szene erzählt das Mädchen Mathangi ihrer Schwester (die heutige Schmuck-Designerin Kali Arulpragasam) etwas über das Buch, das sie gerade in der Hand hält. Black Skin, White Masks (1952) von Frantz Fanon.

Kapitel Eins

DER SCHWARZE MAN UND DIE SPRACHE

Wir messen dem Phänomen der Sprache eine grundlegende Bedeutung bei. Daher gilt das Studium der Sprache als wesentlich, um uns des schwarzen Mannes Dimension vom »Sein-für-Andere« verständlich zu machen: Zu Sprechen heißt, für den Anderen absolut zu existieren.

Inspiriert von allen Seiten

Zu solch literarischen Einflüssen über Rassismus und Kolonialgewalt gesellten sich allerlei musikalische Einflüsse – sei es aus dem amerikanischen Mainstream (Madonna), aber auch seitens unbekannter Musiker*innen auf MySpace (bevor MySpace selbst unbekannt wurde). Dort stieß sie etwa auf den 19-jährigen Nigerianer mit dem Künstlernamen »Africa Boy«, den sie zusammen mit dem Regisseur Spike Jonze (Her) besuchte (hier ein Video dazu) – auch das ist ein kleines Kapitel in der Doku Matangi/Maya/M.I.A., in der behutsam nachgezeichnet wird, wie aus dem kulturellen Mashup, dem Matangi von klein auf ausgesetzt war, ihr eigener einflussreicher Style hervorgegangen ist. Begleitet von der Mission, stets die Stimme gegen das Unrecht zu erheben.

They cornered him
And Then Just Murdered Him
He told them he didn’t know them
He wasn’t there they didn’t know him
They showed him a picture then
Ain’t that you with the muslims?

Lyrics aus dem Song Sunshows, hier das Video dazu:

Da sich M.I.A. zum Teil als Fürsprecherin der Tamil Tigers in den Diskurs einbrachte, wurde ihr im Laufe ihrer Karriere oft der Vorwurf gemacht, Terroristen zu unterstützen.

Die Tamil Tigers von Sri Lanka sind zweifellos eine der am besten organisierten, effektivsten und brutalsten terroristischen Gruppen der Welt. Sie haben die Selbstmordweste erfunden und sind nach Angaben des FBI die einzige Terrorgruppe, die zwei »world leader« ermordet hat. Die im Norden und Osten Sri Lankas ansässigen Rebellen führen seit mehr als 20 Jahren immer wieder gewalttätige Offensiven gegen die Zentralregierung durch.

Kate Pickert (TIME) · 2009

Mach Musik, nicht Politik

Doch M.I.A. möchte auf die Verbrechen der anderen Seite hinweisen. Soldaten der Regierung Sri-Lankas, die nackte, gefesselte Menschen im Wald erschien. Davon gibt es Videoaufnahmen. M.I.A. weist auf Bildmaterial von erhängten Kindern hin und beklagt den Völkermord gegen ihre tamilischen Landsleute, lange bevor jenes Tribunal nach dem Krieg sein Urteil spricht. Davon handelt Matangi/Maya/M.I.A. in erster Linie: Es geht um eine Entkommene, die Gerechtigkeit einfordert, während sie nebenbei immer bekannter wird. Und als sie es schließlich zur Weltberühmtheit schafft, will man sie singen hören – nicht reden:

M.I.A. ist eine große Künstlerin, und wir wünschen ihr alles Gute. Aber es tut mir leid – ich denke, sie ist falsch informiert, und es ist das Beste, dass sie bei dem bleibt, worin sie gut ist, nämlich Musik, nicht Politik.

Palitha Kohona, Sri Lankas Außenminister · 2009 [Quelle]

Auch die Musikindustrie tut ihr Bestes, M.I.A. aufzuweichen, ihr den politischen Anstrich zu nehmen. Und wann immer M.I.A. dagegen aufbegehrt – und sei es mit einem Mittelfinger zur besten Sendezeit – gibt es den großen Eklat. Denn im westlichen Medienzirkus kann man sich viel besser über den Mittelfinger einer Migrantentochter empören, als über Völkermord. Die dokumentarische Beweisführung , die diese Phänomen in Matangi/Maya/M.I.A. in aller Deutlichkeit herausarbeitet, ist erdrückend.

Hier das Musikvideo zu dem Song Borders – veröffentlicht im Februar 2016, anlässlich der Flüchtlingssituation in Europa und auf aller Welt. In Reaktion auf das Video drohte der Fußballclub Paris Saint-Germain mit rechtlichen Schritten gegen M.I.A., die in einer Szene deren Trikot trägt, mit abgeändertem Schriftzug: Statt »Fly Emirates« (so der Name des Hauptsponsors des Clubs), ist auf dem Shirt »Fly Pirates« zu lesen. In dem Beschwerde-Schreiben des Clubs ist »vom Schaden, den wir erlitten haben« zu lesen. Und über diesen Schaden wurde also im Zusammenhang mit dem Borders diskutiert, ein Song über Menschen, die um ihr Leben fliehen:

Vertrauter Storyteller

Wer hat all das Home-Video-Material, die Konzertmitschnitte, Musikvideo- und Interviewschnipsel so gekonnt zusammengesetzt? Es kann nur jemand sein, dem M.I.A. massiv vertraut – so sehr, dass sie dieser Person all ihre Kassetten anvertraut. Tatsächlich ist Steve Loveridge ein alter Freund. Wir sehen ihn mit Mathangi – er rauchend, im lachsfarbenen, übergroßen Hemd, sie in blauem Pulli – in einer Garage vor der Kamera Faxen machen, als beide noch Studenten sind. Sie kennen sich von der Kunsthochschule. Loveridge hat auch das Vorwort zu ihrem Buch geschrieben.

Seit 2011, also geschlagene 7 Jahre lang, war die Doku Matangi/Maya/M.I.A. in der Mache, hervorgegangen aus dem gigantischen Material-Archiv, das Steve Loveridge angesammelt hat. Ganz klar: Er ist im Team Mathangi. Diese Doku bemüht sich nicht um den objektiven Blick – und da sie grandios geschnitten ist, gelingt es ihr, 22 Jahre wirkungsvoll auf 97 Minuten zu verdichten. Zuweilen auf Kosten der komplexen Wirklichkeit: So wird ein Interview mit Bill Maher in einem Schnipsel gezeigt, der suggeriert, dass M.I.A. bei dem Talkshow Host regelrecht abgewürgt wurde, als sie vom Genozid an der tamilischen Bevölkerung in Sri Lanka sprechen wollte. Sieht man das Interview in der Langfassung (siehe: Teil 1, Teil 2), zeigt sich, dass M.I.A. durchaus die Gelegenheit bekam, auszureden und ihre Stimme zu erheben.

Fazit zu Matangi/Maya/M.I.A.

Wann immer man eine richtig gute, weil augenöffnende, aufwühlende Doku sieht, bleibt der Verdacht, dass da einfach richtig gute Storyteller am Werke waren. Tatsächlich wählt Steve Loveridge aus »über 1.000 Stunden an Footage« (so eine Schätzung der Sängerin) einen ganz bestimmen Blickwinkel, ganz bestimmte Ausschnitte, um eben diese Geschichte über M.I.A. zu erzählen – während viele andere ausgeklammert werden. Bemerkenswert ist, dass diese Geschichte lange vor dem großen Durchbruch beginnen kann, weil es so viel Material über eine Person gesammelt wurde, von der ja niemand ahnen konnte, welche Plattform sie mal bekommen würde.

Alle sagen: »Du hast eine Plattform.« Aber was bedeutet das? Denn meine Platten werden begraben unter zig Labels, die man mir [als Kunstfigur] aufdrückt.

M.I.A. (NME)

Einen anderen Weg finden

Die Sängerin selbst hat die finale Schnittfassung nach eigenen Angaben erst bei der Premiere auf dem Sundance Festival 2018 gesehen. Einerseits scheint sie selbst gar nicht so glücklich mit dem Ergebnis: Es gehe ja kaum um ihre Musik! Stimmt. Die Doku handelt nicht bloß vom oft erzählten Aufstieg eines Popstars. Andererseits überlegt M.I.A. inzwischen, sich selbst aus dem Musikgeschäft zurückzuziehen, weil ihre Message zu viel Zensur erfahre (hier das Interview dazu, in: The Strombo Show).

Ich muss einen anderen Weg finden. | M.I.A.

Zu guter Letzt: M.I.A. im Gespräch mit Amy Goodman (Democracy Now!) über jene Vorwürfe französischer Fußballer bezüglich eines Musikvideos über die Flüchtlingskrise:

Filmtipp: Ebenfalls ein Kind mit Migrationshintergrund, das in Groß-Britannien ganz groß rauskam war Farookh Bulsara aka Freddie Mercury. Seine Geschichte erzählt das Biopic Bohemian Rhapsody (2018).

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