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Roundhay Garden Scene · von Louis Le Prince | Film 1888

Zuletzt aktualisiert am 14. März 2019 um 9:54

Ein Maler namens Louis erfindet die Fotografie, ein Fotograf namens Louis den Film. Dabei handelt es sich nicht um ein- und denselben Menschen, sondern um einen Schüler und seinen Mentor. Louis Daguerre (*1787), jener berühmte Maler und Erfinder eines nach ihm benannten Foto-Verfahrens – der Daguerreotypie – war ein Bekannter von Louis Aimé Augustin Le Prince (*1841), genauer: ein Freund seines Vaters. Er machte den Jungen, der später die berühmte Roundhay Garden Scene drehen sollte, schon früh mit Fotografie vertraut. Das war der Beginn einer lebenslangen Leidenschaft, wenngleich es kein langes Leben sein sollte.

Vor dem Haus der Familie Whitley, ein Standbild aus der Roundhay Garden Scene

Lizzie und Louis legen los

Im Alter von knapp 30 Jahren – und nach einem Studium der Chemie und Physik in Deutschland, wie erzählt wird – da war Le Prince vom Schüler zum Lehrer herangewachsen. Gemeinsam mit Elizabeth »Lizzie« Whitley, eine Töpferei-Studentin, die ihm das »Ja-Wort« gab, gründete er 1871 in England die Leeds Technical School of Arts.

Ihre Ehe war zweifelsohne eine echte Partnerschaft. Beide traten der Philosophical and Literary Society von Leeds bei. Gemeinsam leiteten sie die Kunstschule von ihrem Reihenhaus in Park Square aus, wo sie Übungen mit den Materialien anboten, die wortwörtlich die »neuen Medien« ihrer Zeit waren. Lizzie hielt in ihren Memoiren fest, dass Louis in Park Square anfing, mit »bewegten Fotografien« zu experimentieren – und mit den bestmöglichen Materialien für Film.

matt edgar, in: Finding Lizzie Le Prince (2010, anlässlich des Ada lovelace tages)

Es war einmal, im Herbst ’88

Im Garten von Lizzies Elternhaus in Oakwood, Roundhay, nordöstlich von Leeds, versammelte sich eines Tages – nachdem viele Jahre ins Land gezogen waren – ein Teil der Familie. Es war derselbe Herbst, in dem in London ein Serienmörder sein Unwesen trieb, der als »Jack The Ripper« in die Geschichte eingehen sollte. Und der erste Herbst in der Amtszeit Wilhelm II. als letzter Kaiser des Deutschen Reichs. Louis und Lizzie hatten inzwischen einen herangewachsenen Sohn, der diesem Garten-Treffen in Leeds beiwohnte, ebenso wie Lizzies Eltern Joseph und Sarah. Mit dabei war außerdem Annie Hartley, eine Freundin der Familie. Louis selbst war mit einem seltsamen Mahagoni-Kasten ausgerüstet.

Er bat die Anwesenden, sich vor dem Kasten aufzustellen und im Kreis zu gehen. Der Kasten war Louis Le Prince’s Kamera.

Ian Youngs, in: Louis Le Prince, who shot the world’s first film in Leeds (2015)

Mit diesem Gerät – der »Single-Lens Camera MkII« – wurde an jenem Tag Geschichte geschrieben, oder vielmehr aufgezeichnet: Die ältesten echten Bewegtbild-Aufnahmen, die uns bis heute erhalten geblieben sind, unter dem Titel Roundhay Garden Scene. Festgehalten mit einem Papierfilm der Marke Eastman Kodak. Sie lassen sich zurückdatieren auf den 14. Oktober 1888 – nur 10 Tage vor dem Tod von Sarah Whitley im Alter von 72 Jahren. 

Die erste Schauspielerin

Lizzies Mutter, die in diesem Film zu sehen ist, findet sich auch in der IMDb – als erste Schauspielerin der Filmgeschichte. Im Guinness-Buch der Rekorde hat die Roundhay Garden Scene den Platz als älteste überlebende Filmaufnahme inne.

Roundhay Garden Scene (1888)

Das schaurigste Gefühl, das ich in Jahren des Betrachtens alter Stummfilme je hatte, ging mit dem Sehen einer älteren Dame in Haube und langem Kleid einher, herumschlurfend in der Einfahrt eines Hauses in Roundhay, Leeds. 

Die Frau ist Sarah Robinson Whitley, […] geboren im Jahr 1816. Ich wurde plötzlich getroffen vom Erstaunen – dass ich da einen Menschen, der vor Königin Victoria geboren wurde, weniger als 30 Jahre nach der Französischen Revolution und in einer Zeit, da Sklaverei für Groß-Britannien noch legal war, in Bewegung sehe.

Ian Macdonald, in: Louis le Prince shot the first film – but did he invent movies? (2015)

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Die Zeit war reif

Angelehnt an diesen ersten Film, die Roundhay Garden Scene, gibt es eine Dokumentation mit dem Titel The First Film (2016) – darin wird aufgearbeitet, weshalb es nicht Louis Le Prince ist, der uns heute gemeinhin als »erster Filmemacher der Geschichte« in den Sinn kommt. Stattdessen liegt der Name der Gebrüder Lumière eher zur Hand, die doch erst viel später Filme machten. In James Monacos Standardwerk Film verstehen wird (in einer Ausgabe von 2009) Louis Le Prince nur in einem Satz erwähnt, sozusagen unter »ferner liefen«:

In England entwickelten der Franzose Louis Augustin Le Prince und der Brite William Friese-Greene funktionstüchtige Kamera-/Projektor-Systeme schon gegen Ende der achtziger Jahre, die jedoch nicht weitergeführt wurden.

James Monaco, in: Film verstehen (2009), S. 249

Tatsächlich gab es eine ganze Reihe von Fotografen, Serienfotografen und Erfindern, die im ausklingenden 19. Jahrhundert bewusst oder unbewusst an der Vision von »bewegten Bildern« mitwirkten. Um nur ein paar Namen zu nennen:

Ottomar Anschütz · William K. L. Dickson · George Eastman · Thomas Edison · William Friese-Greene · Étienne-Jules Marey · Eadweard Muybridge · Charles-Émile Reynaud · John Arthur Roebuck Rudge

– diese Liste ist so vollständig, wie sie heterogen ist –

Ende der 1880er Jahre war die Zeit offenbar reif für die Erfindung des Films. Die erste erhaltende Fotografie – Blick aus dem Arbeitszimmer von Joseph Nicéphore Nièpce – stammt aus dem Jahr 1826. Rund 60 Jahre hat es gedauert, da Tatendrang und Technik endlich auf das Ziel ausgerichtet wurden, die Fotografien in Bewegung zu setzen. Dazu brauchte es immerhin nur eine Reihe von Bildern, rasch abgespult. Und dann ging plötzlich alles ganz schnell, so wie das in der Geschichte technischer Errungenschaften manchmal ist. Man denke nur an das Jahr 1731 und die Bestimmung des Längengrades mithilfe genialster Gerätschaften.

In der Bestimmung der Länge auf See, einem Bereich menschlichen Strebens, in dem seit Jahrhunderten kein Fortschritt zu verzeichnen gewesen war, wetteiferten plötzlich zwei rivalisierende, offenbar gleich gute Methoden miteinander.

Dava Sobel, in: Längengrad (1995) · S. 100

Weitere Werke

Bei dem Wettlauf um funktionierende Geräte und wertvolle Patente standen technische und kommerzielle Aspekte im Vordergrund – von Filmkunst kann da noch keine Rede sein (es sei denn in jenem weiten Sinne, in der Fettecken und Fußpilz als Kunst durchgehen, wenn man’s nur richtig in Szene setzt). Die Filme jedenfalls, die Louis Le Prince noch im selben Monat – Oktober 1888 – aufzeichnete, sind ebenso wie die Roundhay Garden Scene kurze Schnipsel aus einer längst vergangenen Zeiten… siehe: die Werke Traffic crossing Leeds Bridge und Accordion Player.

Traffic crossing Leeds Bridge (1888)

Accordion Player (1888)

Die Geschichte von Louis und Lizzie, die hiermit so vielversprechend beginnt, soll ein jähes und düsteres Ende nehmen. Doch dazu ein andermal mehr…

Buchtipps zum Filmjahr 1888

1888 tritt Wilhelm II. seine Amtszeit an – und der Filmkomponist Max Steiner wird geboren. Mehr über diese beiden Herren, sowie die Anfänge der Fotografie- und Filmgeschichte gibt’s in folgenden Büchern:

Quellen:

Blick in die Zukunft: Wie weit es die Fotografie – die Mutter des Films – gebracht hat, das konnte man eindrucksvoll auf der photokina 2018 in Köln erleben.

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