Diverses

Gehorsam bei Hannah Arendt + Handeln à la Rezo

In diesem Beitrag geht es um Gehorsam bei Hannah Arendt. Die Philosophin hat in ihrem Buch über die Banalität des Bösen etwas geschrieben, das im Kontext totalitärer Systeme steht, jedoch auch in unserer demokratischen Gegenwart relevant bleibt.

Beitragsbild zu »Gehorsam bei Hannah Arendt«

Und zwar wandte sich Arendt in besagtem Buch direkt an den SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann, der in den 1960er Jahren in Jerusalem vor Gericht stand und sich auf seinen Gehorsam gegenüber den Vorgesetzten berief. Arendt schrieb folgenden Satz:

[W]enn Sie sich auf Gehorsam berufen, so möchten wir Ihnen vorhalten, daß die Politik ja nicht in der Kinderstube vor sich geht und daß im politischen Bereich der Erwachsenen das Wort Gehorsam nur ein anderes Wort ist für Zustimmung und Unterstützung.

Mitgefühl statt Gehorsam

Eine Diktatur funktioniert nur, wenn die Leute sich ihre Werte und Normen diktieren lassen. Eine Demokratie wiederum funktioniert nicht, wenn wir uns unsere Werte und Normen einfach diktieren ließen. Stattdessen wählen wir diejenigen Menschen in politische Ämter, die unsere moralischen Werte am ehesten vertreten und mit entsprechenden Normen festigen und verteidigen. Wenn es um Angelegenheiten der Moral geht, sollten wir uns nie auf irgendwelche höheren Instanzen berufen – sondern müssen immer unseren eigenen Verstand gebrauchen. Oder wie Harari in seinem Buch 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert schreibt:

Da ist etwas zutiefst Beunruhigendes und Gefährliches an Menschen, die es vermeiden zu töten, weil Gott es sagt. Solche Menschen sind eher durch Gehorsam motiviert, als durch Mitgefühl.

Ethik in Zeiten des Internets

Ähnliches gilt natürlich auch für Menschen, die ein Wahlkreuz setzen, weil ein YouTuber es so sagt. Dieses Argument war im Zuge der Rezo-Debatte öfter mal zu hören. Doch während die Berufung auf Gott für ein Dogma steht – also ein fixes Weltbild, das wir nicht ändern wollen – stand die Berufung auf Rezo doch eher für die Ratio. Das heißt: für die vernunftgeleitete Beschäftigung mit einer Sachlage, um sich über bestimmte Dinge ein Urteil bilden zu können.

Dieser Blogbeitrag in Bild und Ton:

Lesetipp: Hier geht’s zu Blogbeiträgen über die Unterscheidung von Werten und Normen bzw. Moral und Ethik.

Ethik-Unterricht ist, wie schon einmal gesagt, wichtiger denn je, da wir in einer Gesellschaft leben, in der immer mehr Menschen das »sich Beschäftigen mit einer Sachlage« und infolgedessen das »Urteil bilden« für andere gerne mit-übernehmen. Das lässt sich eigentlich als schöner Effekt einer aufgeklärten Gesellschaft interpretieren, in der die Aufklärung selbst zu einem leidenschaftlichen Hobby wird. Ich bin da, als Blogger und kleiner YouTube-Fuzzi ja voll mit ihm Boot – und hab auch schon die Kritik gehört: Ist schön und gut, dass du dir eine Meinung bildest, aber musst du sie im Internet herausposaunen?

Die 3 Grundtätigkeiten des Menschen

Um nochmal auf Hannah Arendt zurückzukommen. Die beschreibt uns Menschen in ihrem philosophischen Hauptwerk, Vita activa oder Vom tätigen Leben, anhand von drei Grundtätigkeiten.

Die Tätigkeit des Arbeitens

Das ist einmal die Tätigkeit des Arbeitens. Das ist sozusagen die grundlegendste Tätigkeit, die dazu dient, das Leben zu erhalten. Sei es, dass wir irgendeinen Job machen, einfach nur, um Geld für Nahrung und Miete zu verdienen – oder auch bloß, indem wir überhaupt Nahrung zu uns nehmen. Denn letztendlich ähnelt die Tätigkeit des Arbeitens schon dem ganz natürlichen Stoffwechsel, mit dem unserer Körper daran arbeitet, uns am Leben zu erhalten. Ein Kreislauf von Essen, Schlafen und Schuften.

Die Tätigkeit des Herstellens

Dann gibt es die Tätigkeit des Herstellens. Viele Menschen produzieren Dinge, die nicht unmittelbar für unseren Lebensunterhalt oder puren Konsum gedacht sind. Sei es ein Werk wie Murasakis Roman über den Prinzen Genji, um das Jahr 1000 geschrieben und heute noch in manchen Bücherregalen zu finden – oder einfach nur das selbst geklöppelte Schränkchen einer Heimwerkerin, die es an ihr Enkelkind vererbt. In der Tätigkeit des Herstellens kommt der ewige Kreislauf des Arbeitens immer mal wieder an ein Ende, nämlich mit der Fertigstellung eines bestimmten Werks. Aber auch die Tätigkeit des Herstellens ist im Kreislauf des Lebens gefangen – jene Heimwerkerin wird sich bald ihrem nächsten Projekt widmen.

Die Tätigkeit des Handelns

Zu guter Letzt gibt es die Tätigkeit des Handelns, die für Hannah Arendt eine spezifisch menschliche Tätigkeit ist. Die also uns Menschen erst zu richtigen Menschen macht – nicht nur Arbeitstieren und produzierenden Wesen. Die Tätigkeit des Handelns ist die einzige, die ohne materielle Dinge auskommt. Sie ist fest verknüpft mit dem Sprechen. Handeln und Sprechen ist das, was wir Menschen im sozialen Miteinander tun, von Kindesbeinen an. Sei es, dass wir in der Schule aufzeigen, auf einer Demo mitskandieren oder im Internet kommentieren.

Wichtig für Arendt ist, dass Handeln und Sprechen sich nicht im rein Privaten stattfinden. Ein Mensch, der daheim allein den laufenden Fernseher anmotzt, nimmt nicht wirklich am sozialen Miteinander teil. Handeln und Sprechen geht nur im Austausch mit anderen Menschen. Arendt nennt es das »Bezugsgewebe menschlicher Angelegenheiten« – und dieses Bezugsgewebe hat sich in Zeiten der Digitalisierung eben auch aufs Internet ausgeweitet. In dem Sinne ist die öffentliche Kundgabe einer eigenen Meinung im Internet etwas spezifisch Menschliches, etwas, das uns überhaupt zu Menschen macht – immer vor dem Hintergrund, dass keiner Meinung, keinem Menschen dabei blind Gehorsam zu leisten ist.

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