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THE UNTHINKABLE – Die unbekannte Macht | Film 2018 | Kritik

Zuletzt aktualisiert am 23. Januar 2019 um 16:33

Schweden wird attackiert! Während die Freiheitsstatue bei New York schon in etlichen Kino-Desastern von Monsterwellen und Wirbelstürmen erfasst wurde, ist Stockholm bis dato von CGI-Katastrophen weitgehend (oder komplett?) verschont geblieben. Selbst für Höhere Gewalt (2014) – dem, was einem »schwedischen Katastrophenfilm« noch am nächsten kommt – hat der Regisseur Ruben Östlund (The Square) seine Story kurzerhand in die französischen Alpen verlegt. Also, allein ob seiner Seltenheit, soll The Unthinkable hier mal kurz besprochen werden.

Hinweis: Liebe Leser*innen, folgender Blogbeitrag enthält Spoiler. Eine Spoiler-freie Kritik habe ich für KinoFilmWelt geschrieben.

Schauspielerin Lisa Henni in dem Film »The Unthinkable«

Desasterfilm trifft Seifenoper

Zum Inhalt: Alex (Christoffer Nordenrot) lebt abgeschieden mit einem jähzornigen Vater und einer Mutter, die eines Heiligabends der Familie den Rücken kehrt. Da entscheidet der Junge (der wie ein 12-Jähriger behandelt wird, aber wie ein 20-Jähriger aussieht), dass er ebenfalls nichts mehr mit Papa zu tun haben will. Er packt seine sieben Sachen, zieht in die Bruchbude seines Onkels und geht fortan seinen eigenen Weg. Zeitsprung: Alex ist inzwischen ein junger Mann (der wie ein 20-Jähriger aussieht, aber den Gram eines 70-Jährigen zur Schau trägt). Als gefeierter Musiker kommt er zurück in die Heimat – ausgerechnet, als Schweden von einer unbekannten Macht attackiert wird.

Der Zeitsprung in The Unthinkable erfolgt nach etwa 20-minütiger Exposition. Waschechtes Familiendrama mit Jugendliebe-Nebenplot (love interest Anna wird gespielt von Lisa Henni). Erst danach bahnt sich, schleichend aber entschieden, der Katastrophenfilm seinen Weg. Das ist okay, bei knapp 130 Minuten Laufzeit kann man ruhig ein bisschen Mühe auf die Figurenzeichnung anwenden. Leider ist die zentrale Figur, fertig gezeichnet, eine ziemliche Karikatur. Christoffer Nordenrot, Drehbuchautor und Hauptdarsteller, glänzt als liebeskranker Miesepeter, der im Angesicht eines nationalen Notstand mit akuter Lebensgefahr ziemlich seltsame Dramen schiebt. Und da wir als Zuschauer*innen ja nicht den Blick von ihm abwenden können, müssen wir miterleben, wie der Katastrophenfilm im großen Finale nochmal einen Bogen zur hochnotpeinlichen Seifenoper schlägt.

Poesie für Verschwörungstheorien

Aber damit konzentriere ich mich noch auf die banalen Schwächen dieses Films. Kommen wir zum eigentlichen Kernproblem. Wer The Unthinkable noch sehen möchte, sei gewarnt: Es folgt ein Spoiler. Die Erklärung für die dargebotene Katastrophe in The Unthinkable hebt sich der Film für den Abspann auf, montiert als Nachrichten-Collage. Siehe da: Für die Bomben, den biochemischen Terror und kriegerischen Überfall auf Schweden ist niemand Geringerer als… – Trommelwirbel! – Wladimir Putin verantwortlich. Soll das Satire sein? Nach über zwei strengst humorlosen Stunden? Nein, das macht eher den Eindruck, als hätten sich da ein paar Jungs, die sehr erfolgreiche YouTube-Videos drehen können (siehe: Poesi för Fiskar, wirklich witzig!) an ihrem ersten crowd-gefundeten Spielfilm gehörig verhoben.

Poesie für Fische – kürzer und besser als The Unthinkable:

Eine sehr lesenswerte Filmkritik zu The Unthinkable hat Lucia Wiedergrün für Kinozeit verfasst. Sie bringt die Problematik des Films in bemerkenswerter Präzision auf den Punkt.

The Unthinkable möchte […] wohl eine provokante Geschichte mit aktueller politischer Relevanz schaffen. Unbewusst tut er das auch. In einem fast schon bewundernswerten Akt der Performanz trifft der Film einen Kern der Probleme des Jahres 2018, in dem alle Opfer sein wollen. Das reiche Schweden, das gerade beängstigend nach rechts rückt, steht hier unter Beschuss einer globalisierten Welt. Die macht offenbar so viel Angst, dass der Film sich nicht anders zu helfen weiß, als sie durch ein Nervengift zu inszenieren, das den Kern von Identität angreift – die Erinnerungen, die Basis von Heimat, Tradition und einem Wertekanon.

Lucia Wiedergrün (Kinozeit)

Fazit zu The Unthinkable

Rein handwerklich ist dieser Katastrophenfilm durchaus gut gemacht: Tolle Kameraarbeit, atmosphärische Settings, bombastisches Effekt-Gewitter – »Hebt den europäischen Katastrophenfilm auf ein neues Level«, heißt es auf der Bluray-Edition. Technisch mag das sein, doch inhaltlich fällt The Unthinkable gnadenlos durch. Dann doch lieber World War Z.

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