Philosophie

Ethik und Moral · der Unterschied | Erklärung, Praktische Philosophie

Zuletzt aktualisiert am 12. April 2019 um 15:44

In der Umgangssprache werden die Begriffe »Ethik« und »Moral« oft durcheinander gebracht und für ein und dasselbe verwendet. Zumeist für: »richtiges Verhalten«. Doch wenn man es genau nimmt, lassen sich damit zwei verschiedene Aspekte eines Themenbereichs bezeichnen. Worin genau der Unterschied zwischen Ethik und Moral besteht, soll im Folgenden besprochen werden. Dabei geht es hier um ein allgemeines, weit verbreitetes Verständnis von Ethik und Moral. Es gibt – wie immer – Philosoph*innen, die sich ihren eigenen Reim auf Begriffe machen.

Hinweis: Dieser Blogbeitrag behandelt ein Thema der Praktischen Philosophie. Hier findet sich mehr zum Unterschied zwischen praktischer und theoretischer Philosophie.

Der Unterschied zwischen Ethik und Moral

Vorweg direkt das heutige Verständnis von Ethik und Moral, wie es in unserer Gegenwart des frühen 21. Jahrhunderts vorherrscht. Leicht erklärt, in aller Kürze:

Moral bezeichnet Verhaltensregeln unter Menschen, also Gebote und Normen zur Lebensführung. Wer diesen Geboten und Normen folgt, handelt »moralisch«. Regeln für moralisch gutes oder richtiges Handeln können aus dem Verhaltenskodex einer bestimmten Religion oder Philosophie abgeleitet werden, oder sich nach den Prinzipien individueller Personen richten (siehe auch: autonome/heteronome Moral im vorletzten Absatz).

Ethik ist das Nachdenken über die Moral, oder auch die Wissenschaft von der Moral (Moral-Wissenschaft). Darum heißt es Ethik-Unterricht und nicht Moral-Unterricht.

Vergleich: Die Moral ist der »Gegenstand« des Ethik-Unterrichts. So, wie es in der Wissenschaft der belebten Natur (Biologie) und dementsprechend im Biologie-Unterricht um das Leben als »Gegenstand« geht.

Die Wörter Ethik und Moral in einer Skizze zum Thema

Kurz gesagt, Ethik ist die Bezeichnung für die philosophische Disziplin, deren Gegenstand die Moral ist, also für Moralphilosophie.

Grundwissen Ethik/Praktische Philosophie (2007) · daraus stammt auch, der Idee nach, die oben abgebildete Skizze 1
Das Antlitz eines arabischen Mädchens, dazu der Text: Ethik und Moral – der Unterschied

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Warum Ethik-Unterricht so wichtig ist

Die Ethik dreht sich maßgeblich um die Begründung dessen, was wir als »moralisch« bezeichnen. Im Mittelpunkt steht daher häufig die Frage nach dem »Warum?«. Diese Frage muss regelmäßig neu gestellt werden, um zu überprüfen, ob unsere moralischen Grundsätze im Hier und Jetzt (noch) angebracht und vernünftig sind? Während manche Dinge einen zeitlosen Charakter haben (sollten), wie etwa die Würde des Menschen, sind andere moralische Regeln, etwa im Umgang mit Medien oder Sexualität, manchmal nicht mehr zeitgemäß.

Ethik-Unterricht ist heutzutage wichtiger denn je, da wir in einer zunehmend pluralistischen (also vielfältigen) Gesellschaft leben. Bei all den Vorteilen einer solchen Gesellschaft mangelt es ihr in Sachen Ethik und Moral an einem allgemein verbindlichen Fundament gemeinsamer Werte. Da genügt es nicht mehr, dass man auf bestimmte Grundgesetze (»Die Würde des Menschen ist unantastbar«) oder religiöse Regeln (»Du sollst nicht töten«) verweisen kann. Denn ab wann kann man von einem »Menschen« sprechen (wichtig beim Thema Abtreibung) und in welchem Fall sollte »töten« erlaubt sein (wichtig beim Thema Todesstrafe und Sterbehilfe, oder eben, je nach Ausgang der ersten Frage, auch beim Thema Abtreibung) – um nur drei Beispiele wichtiger Streitpunkte gegenwärtiger Debatten rund um Ethik und Moral zu nennen. Der Ethik-Unterricht dient dazu, ein Urteilsvermögen zu entwickeln, um allgemeine oder eigene Moralvorstellungen begründen oder hinterfragen zu können.

Die Frage »Was ist der Mensch?« ist Gegenstand der Philosophen Anthropologie, einem Teilbereich der theoretischen Philosophie. Mehr dazu in diesem Blogbeitrag. Man kann natürlich auch die Fähigkeit zum moralischen Denken selbst als Kriterium für Menschlichkeit diskutieren. Dazu ein großer Vertreter aus der Philosophischen Anthropologie:

Die grundlegende Fähigkeit auf sich selbst und andere einzugehen, sich selbst und anderen Antwort zu geben, macht den Menschen zu einer »verantwortlichen« Person, zu einem »responsible being«, einem moralischen Subjekt.

Ernst Cassirer, in: Versuch über den Menschen, S. 22 2

Diesen Blogbeitrag in Bild und Ton gibt’s – leicht verkürzt – hier zu sehen:

Beispiele für Moral

Hieße Ethik-Unterricht stattdessen Moral-Unterricht, ginge es wohl darum, ganz konkrete Grundsätze oder Moral-Vorstellungen zu vermitteln – was man als Schüler*in zu tun und zu lassen hat. Sätze der Moral sind oft als Sollenssatz oder Imperativ (in der Aufforderungsform), also befehlend oder zwingend formuliert. Hier ein paar Beispiele:

Die 10 Gebote

Die 10 Gebote aus der Bibel

1) Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.

2) Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht mißbrauchen.

3) Du sollst den Feiertag heiligen.

4) Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren.

5) Du sollst nicht töten.

6) Du sollst nicht ehebrechen.

7) Du sollst nicht stehlen.

8) Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.

9) Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus.

10) Du sollst nicht begehren deines Nächsten Weib, Knecht, Magd, Vieh noch alles, was dein Nächster hat.

Man beachte die nicht zufällige Reihenfolge, die Prioritäten der Entstehungszeit dieser Regeln widerspiegeln – und vieler Jahrhunderte, in denen sie tradiert wurden (»nicht töten« ist Gebot Nr. 5, noch nach »Feiertag heiligen«). Am 10. Gebot ist deutlich abzulesen, das diese Regeln aus einer patriarchalischen Zeit stammen, in der sämtliche Autorität in Händen der Männer lag und Frauen als deren Eigentum betrachtet wurden, ebenso unmündig wie Kinder und versklavte Menschen. Aufgabe der Ethik ist, wie gesagt, das Hinterfragen: »Sind diese Gebote noch zeitgemäß?« Wichtig zu betonen ist, das zu keiner Zeit in der Geschichte die 10 Gebote nicht auch von hohen Vertretern der Kirche missachtet wurden. Wenn sich in der Gegenwart Menschen auf »gute alte Zeiten« berufen, in denen noch »Moral und Sitte« herrschten, ist bei genauerem Hinschauen eine Fantasie-Vergangenheit gemeint, die sich nicht historisch rekonstruieren lässt.

Wilhelm Busch

Und die Moral von der Geschicht‘:
Bad‘ zwei in einer Wanne nicht

Diese Zeilen stammen ursprünglich aus der Bildergeschichte Das Bad am Samstagabend von Wilhelm Busch. Sie handelt von zwei Jungs, die in der Badewanne Quatsch machen. Der erste Teil dieses Zitat ist zum geflügelten Wort geworden. Zahllose Alltags- und Benimmregeln wurden daraus gebastelt: »Und die Moral von der Geschicht‘, ärger die Geschwister nicht« / »belüge deine Eltern nicht« / »quäle deinen Hamster nicht« etc. pp.

An den Beispielen von Bibel und Busch kann man erkennen, dass es in der Moral oft gar nicht um das Handeln geht, sondern um das Unterlassen von Handlungen – also was man nicht tun sollte. Bei all den Verboten stellt sich doch die Frage: Wie soll man denn nun handeln?

Beispiele für Ethik

Der kategorische Imperativ

Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.

Immanuel Kant

Auch dieser Satz von dem Philosophen Immanuel Kant – geschrieben im späten 18. Jahrhundert – ist, wie der Name schon sagt, als Imperativ formuliert. Gefordert ist, dass das zugrunde liegende Prinzip deiner Handlungen eines sein muss, dass du dir auch als Gesetz für alle Handelnden vorstellen kannst. Im kategorischen Imperativ spiegelt sich der Übergang von einer einfachen Moralregel hin zum ethischen Denken. (Wohlgemerkt nicht historisch gesehen – es wurde schon früher an die Vernunft appelliert und Ethik gelehrt – sondern im Denken eines Menschen, der seine ausgereiften Gedanken wiederum zu einer besonders einflussreichen Lehre aufbereitete.) Kant gibt mit dem kategorischen Imperativ keine konkrete Regel, sondern ein Prüfkriterium für Regeln im Zusammenhang mit Ethik und Moral zur Hand.

Die goldene Regel

Die Goldene Regel

Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst.

Auch bekannt als Sprichwort: »Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu« (wieder eine Unterlassung). Dem Namen nach wurde der Ausdruck »golden rule« von Christ*innen im 17. Jahrhundert geprägt, in Anlehnung an das Gebot der Nächstenliebe: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.« (Lev 19,18) Dem Inhalt nach findet sich die Idee hinter der Goldenen Regel in diversen religiösen und philosophischen Texten seit dem 7. Jahrhundert – unter anderem auch in China, Indien und Persien. (Mehr über die Goldene Regel liest man bei Dr. Martin Bauschke im Netzwerk Ethik heute)

Ethik in der Gegenwart

Als ein alter Grundsatz der praktischen Ethik hat sich die Goldene Regel bis in jüngste philosophische Diskurse erhalten. Hier ein Auszug aus einem aktuellen Heft Information Philosophie, der »Zeitschrift, die über Philosophie informiert«, erschienen im September 2018:

Die Standardauffassung von Ethik geht immer noch davon aus, dass ein einzelner Akteur auf die eine oder andere Weise handelt und seine Handlung die Haupt- bzw. unmittelbare Ursache für Wohl oder Schaden eines oder mehrerer anderer Individuen darstellt.

Information Philosophie 3/2018, S. 52 · in Bezug auf Heilinger, Jan-Christoph: Individuelle moralische Verantwortung im globalen Kontext: Bin ich verantwortlich für den Klimawandel? (2017)

Nun können einzelne Geschäftsleute oder Politiker*innen mit ihren Handlungen oft ganz unmittelbaren Einfluss auf Wohl oder Schaden vieler Individuen nehmen. In der Ethik geht es also auch um das Beurteilen von Handlungen – oder eben Unterlassungen – von anderen Menschen, maßgeblich: Verantwortungsträger*innen. (In diesem Sinne ein lehrreiches Beispiel ist die Dokumentation Fahrenheit 11/9 über die USA der Gegenwart. Eine konkrete Praxisübung ethischer Beurteilung sozusagen.)

Noch ein Wort zu Sollenssätzen bzw. Imperativen. Solche Sätze beschreiben keine tatsächlichen Zustände. Stattdessen schreiben sie vor, was erstrebenswerte Zustände sind (auch, wenn man diese in der Wirklichkeit oft nicht vorfindet). Ein beschreibender (deskriptiver) Satz ist zum Beispiel: »Viele Menschen lügen.« Weder verhindert diese Tatsache den moralischen Grundsatz »Du sollst nicht lügen« – noch lässt sie sich für einen entgegengesetzten Grundsatz »Du sollst lügen (weil sowieso viele Menschen lügen)« heranziehen. Die Begründung dessen, was sein soll, mit dem, was (manchmal »von Natur aus«) ist, führt zu einem naturalistischen Fehlschluss.

Ethymologie der Begriffe

Der deutsche Begriff »Ethik« geht auf {ebenso wie »ethics« aus dem Englischen) das griechische Wort »ethos« zurück. Das kann man mit »gewohnter Aufenthaltsort« übersetzen, oder – im übertragenen Sinne – mit »Brauch«, »Gewohnheit«. Gemeint sind dabei solche Bräuche, die zum Wohl der Gemeinschaft beitragen und für deren Mitglieder zur Gewohnheit werden sollten. Von »ethos« leitet sich auch »äthos« ab, womit der Charakter eines Menschen beschrieben wird. Ein guter Charakter ist demnach einer, der die Bräuche und Gewohnheiten einer Gesellschaft in Ehren hält.

Moral geht auf das lateinische Wort »mos« und dessen Plural »mores« zurück. Es hat dieselbe Bedeutung wie »ethos«, nämlich »Brauch« oder »Gewohnheit« – ebenfalls auch in Bezug auf den Charakter eines Menschen.

Charakter: Das moralische Wesen einer Person, der moralisch relevante Teil der individuellen Persönlichkeit. Nach Aristoteles reicht es nicht aus, das Richtige zu tun, um ein moralisches Leben zu führen […]. Vielmehr gehört auch dazu, einen tugendhaften Charakter auszubilden und somit eine gute Person zu sein.

Philosophie in 30 Sekunden, S. 80 3

Philosophische Unterscheidung

Wie auch in der heutigen Umgangssprache wurden die Begriffe schon damals häufig synonym verwendet. In der Philosophie hat sich jedoch – zwecks präziseren Nachdenkens und Sprechens über die Sache – die oben genannte Unterscheidung etabliert. Zur Wiederholung:

Moral ist der Begriff für die Normen, Regeln und Werte einer Gesellschaft. Ethik ist der Begriff für die Untersuchung moralischer Frage, wie: Welche Normen, Regeln und Werte sind diejenigen, nach denen ich mein Handeln ausrichten sollte? Wie begründe ich meine Handlungen?

Während sich die griechische Philosophie vor Sokrates noch überwiegend mit den Grundstrukturen der Wirklichkeit und Einteilung des Seins (Ontologie) sowie der Naturlehre beschäftigten, legte Sokrates – der Lehrer Platons – seinen Fokus auf das, was man schon unter Ethik verstehen kann: Eine gelungene Lebensgestaltung. Dies ist uns unter anderem von Aristoteles – dem Schüler Platons – überliefert:

Sokrates hingegen behandelte ethische Fragen – also nicht die Natur in ihrer Gesamtheit –, in ihnen suchte er das Allgemeine und lenkte als erster seine Gedanken auf Definitionen.

Aristoteles, Metaphysik 987b (hier im Kontext nachzulesen)

Ethik auf aller Welt

Mit dem Begriff »Sokratische Wende« wird diese Verschiebung des Schwerpunktes antiker Philosophie hin zu Ethik und Moral auf Sokrates zurückgeführt. Doch als philosophische Disziplin systematisch eingeführt hat die Ethik erst Aristoteles in seinen Werken (besonders bekannt geworden ist die aristotelische Tugendethik). Die Ethik kam allerdings, nicht dem Begriffe, wohl aber der Idee nach, nur erst und ausschließlich im antiken Griechenland auf. Auch die Lehre des chinesischen Konfuzius (im 6. Jahrhundert v. Chr. geboren) zum Beispiel enthält Elemente, aus der sich die »konfuzianische Ethik« ableiten ließ.

Im Mittelpunkt des Denkens von Konfuzius steht das Leben der Menschen in der Gemeinschaft, d. h. das menschliche Zusammenleben. Damit erhält in seinem Denksystem die Ethik eine besondere Bedeutung. Die Ethik von Konfuzius ist allerdings kein Katalog von Tugenden. In ihrem Zentrum steht die Menschlichkeit.

Eun-Jeung-Lee, in: Ethik im Weltkontext (2014), S. 125 4

Was bei einem zu engen Fokus auf die abendländische Philosophie – deren Ursprung in der griechischen Antike gesehen wird – nicht vergessen werden darf: Bei der Erhaltung und Überlieferung der Werke griechischer Philosophen spielte die islamische Kultur eine wichtige Rolle. (Mehr dazu in einem Beitrag von Michael Lausberg: Arabische Philosophie im Mittelalter).

Die Werke von Aristoteles, Platon, Euklid und Ptolemaios sind [um das Jahr 1000] längst ins Arabische übersetzt – den meisten Gelehrten im europäischen Westen dagegen werden die Schriften noch weitere 200 bis 300 Jahre unbekannt bleiben.

GEO EPOCHE: Die Welt im Jahr 1000 (Nr. 35, 02/09), S. 140

Ziele und Werte

Die Ziele von Ethik und Moral verlagerten sich von der griechischen Philosophie – wie führt man ein gutes Leben? – mit ihrem Fokus auf das Leben des Einzelnen, in der Gegenwart hin zur Frage: Was gelingt das Zusammenleben vieler Menschen auf begrenztem Raum? In einer solchen Gesellschaft kann man sich nicht aus dem Weg gehen, sondern muss lernen, miteinander klarzukommen. Dazu braucht es klare Regeln für die Gemeinschaft.

Als Bewertungsmaßstab dienen in Ethik und Moral die Begriffe »gut« und »böse«/»schlecht«. Entspricht eine Handlung den moralischen Maßstäben einer Gesellschaft, gilt sie als »gut« – handelt man gegen sie, kann eine Tat, eine Absicht oder zuweilen gar ein ganzer Charakter als »böse« bzw. »schlecht« verurteilt werden. Moralische Ansprüche beziehen sich auf bestimmte Normen und Werte, die von Zeit zu Zeit und Gesellschaft zu Gesellschaft unterschiedlich sein könnten. Ein Wert ist, wie der Begriff schon sagt, etwas als »wertvoll« Erachtetes und kann sowohl materiell (und in Geld aufzuwiegen) oder immateriell (in unserem Geist vorhanden) sein. Ebenso kann ein Wert sehr subjektiv sein (ich persönlich empfinde zum Beispiel Musik von theAngelcy und das Programm von DemocracyNow! als wertvoll), aber auch sehr universell (wie etwa der Wert von Geld allseits anerkannt ist – sonst würden die Papierfetzen und binären Zahlkolonnen nicht funktionieren).

In gegenseitigem Vertrauen

Werte wie Freiheit und Sicherheit werden von den allermeisten Individuen geteilt und lassen sich zu den menschlichen Bedürfnissen, die in einer Abhängigkeit zueinander stehen. Ausgehend von einer Sicherung der Grundbedürfnisse wie Nahrung und Schlaf bedarf es etwa der körperlichen Sicherheit, um überhaupt die individuelle Freiheit ausleben zu können. Das stellt die Bedürfnispyramide des Psychologen Abraham Maslow dar:

Die Bedürfnispyramide von Maslow

Moralische Werte werden – von einer Allgemeinheit anerkannt – zu Normen oder Regeln, an denen wir unsere Handlungen ausrichten. Ein moralischer Wert ist etwa die Ehrlichkeit, aus der sich die Norm bzw. Regel ableiten, nicht zu lügen. Indem ich davon ausgehe, das sich die meisten Menschen in den meisten Situation an diese Norm halten, fühle ich mich sicherer im Umgang mit ihnen. Stell dir einfach eine Welt vor, in der die entgegengesetzte Norm gelte: »Du sollst lügen.« Ließe sich in einer solchen Welt ein sicheres Leben aufbauen, Gespartes anlegen, eine Familie gründen, morgens die Zeitung lesen und dann das Kind zur Schule schicken? In einer Welt, in der Lügen die Regel ist? Absolut nicht.

Aufgrund gemeinsamer moralischer Werte können viele Menschen ein Zusammenleben in gegenseitigem Vertrauen führen.

Unterscheidung von Gesetzen und Konventionen

Neben den Normen und Regeln der Moral gibt es noch andere »Richtungsweiser« in unserer Gesellschaft. Worin liegt der Unterschied zwischen moralischen Regeln und rechtlichen Gesetzen, bzw. zwischen moralischen Normen und gesellschaftlichen Konventionen?

Tischsitten und Straftaten

Konvention: Von »Konventionen« spricht man bei den ungeschriebenen Umgangsformen verschiedenster Länder oder Milieus, die ohne große Absprache von den jeweiligen Menschen eingehalten werden. Dazu gehören bestimmte Ansprachen, Gesten oder Tischsitten. Solche Konventionen nicht einzuhalten gilt als »unmanierlich« oder »daneben« – man offenbart sich als jemand, der/die »nicht dazugehört« (ob bewusst, als Außenseiter*in, oder als ahnungslose*r Tourist*in). Ein Verstoß gegen Konvention sollte jedoch keine ernsthaften Konsequenzen haben.

Gesetze: Von »Gesetzen« spricht man bei den rechtlichen Regeln verschiedenster Staaten, die in Schriftform festgehalten und durch Staatsgewalt (Polizei, Gerichte) durchgesetzt werden. Damit sollen die Sicherheitsbedürfnisse von Menschen gewährleistet werden – wobei durch unterschiedliche gesellschaftliche Konvention unterschiedliche Gesetze zustande kommen können, im Laufe der Geschichte (man betrachte etwa die Waffengesetze in Australien zu denen in den USA).

Heteronome und autonome Moral

Moral: Von »moralischen Normen« spricht man bei dem inneren Kompass, dem ein Mensch folgt, ohne Gesetz oder Gesellschaft zu fürchten, sondern nur das eigene Gewissen – zumindest dem Ideal nach. Zu unterscheiden ist nämlich noch zwischen heteronomer Moral und autonomer Moral. Heteronome (fremdbestimmte) Moral richtet sich nach dem, was Andere sagen, um diesen Anderen zu gefallen.

[…] beispielsweise ein Kind, das ehrlich ist, nur weil die Mutter gesagt hat, dass man ehrlich sein soll, oder ein gläubiger Mensch, der anderen hilft, nur weil seine Religion es ihm gebietet. grundwissen ethik/praktische philosophie (2007) · S. 10-11

Ein literarisches Beispiel für den Unterschied zwischen gesellschaftlichen Konvention und moralischem Handeln findet sich bereits in Die Geschichte vom Prinzen Genji, dem (mutmaßlich) ältesten erhaltenen Roman der Weltliteratur, geschrieben um das Jahr 1000 von der japanischen Hofdame Murasaki. Darin gibt es eine Szene, in der ein niederer Diener dem erhabenen Prinzen Genji dringend dabei helfen muss, einer kranken Frau zu helfen – doch der Diener zögert, sich dem Prinzen trotz der großen Dringlichkeit anzunähern.

Es verstieß natürlich gegen die Hofsitte, daß dieser [Diener] selbst Genji bedienen sollte, und er zögerte verwirrt und wagte nicht einmal die Estrade zu betreten. »Komm her,« sagte Genji ungeduldig, »gebrauche deinen Hausverstand!«

Murasaki, in: Die Geschichte vom Prinzen Genji, S. 106

Eine Frage der Freiheit

Ein Appell an die Moral: Entscheide dich für den Sittenverstoß, um einem Menschen zur Hilfe zu eilen. Natürlich handelt es sich auch hier um heteronome, vom Prinzen diktierte Moral.

Autonome (selbstbestimmte) Moral richtet sich nach dem inneren Antrieb und ist nur bei einem freien Willen möglichen. Mehr zu dem wichtigen Thema »Freiheit« und der Unterscheidung zwischen äußerer und innere Freiheit findet sich in folgenden Blogbeiträgen:

Die Geschicht‘ von der Moral

Zu guter Letzt: Die Geschicht‘ von der Moral 5

Ein Moralprinzip traf einen materiellen Vorteil auf einer Brücke, die nur breit genug für einen von ihnen war. »Herunter, du niedriges Ding«, donnerte das Moralprinzip, »lass man über dich hinwegschreiten!« Der materielle Vorteil blickte dem anderen nur wortlos in die Augen.

»Ach«, sagte das Moralprinzip zögernd, »lass und darum losen, wer von uns zurücktritt, bis der andere die Brücke überquert hat.« Der materielle Vorteil bewahrte sein beharrliches Schweigen und seinen ungebrochenen Blick.

»Um Streit zu vermeiden«, fuhr das Moralprinzip ein wenig unsicher fort, »werde ich selbst mich niederlegen und dich über mich hinweggehen lassen.« Da fand der materielle Vorteil seine Zunge. »Ich bezweifele, dass man auf dir besonders gut geht«, sagte er. »Ich bin ein bisschen wählerisch mit dem, was ich unter den Füßen habe. Wie wär’s wenn du ins Wasser stiegest?« Genau so geschah es.

Weitere Lesetipps: Was ist der Unterschied zwischen…

Fußnoten

  1. Kriesel, Peter/Bernd Wolf/Brigitte Wiesen: Grundwissen Ethik/Praktische Philosophie. Stuttgart 2007. ISBN: 978-3-12-337536-1.
  2. Cassirer, Ernst: Versuch über den Menschen. Einführung in eine Philosophie der Kultur. Hamburg 2007. ISBN: 978-3-7873-1829-2.
  3. Loewer, Barry (Hg.): Philosophie in 30 Sekunden. Die wichtigsten Strömungen und Begriffe aus der Geschichte der Weltanschauungen. Kerkdriel 2017. ISBN: 978-90-8998-397-8.
  4. Yousefi, Hamid Reza/Harald Seubert (Hg.): Ethik im Weltkontext. Geschichten – Erscheinungsformen – Neuere Konzepte. Wiesbaden 2014. ISBN: 978-3-658-04896-9.
  5. Bierce, Ambrose: Die gesammelten Geschichten und des Teufels Wörterbuch. Frankfurt 1999. ISBN: 978-3-861-50311-8

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