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DER VORNAME · Darf man sein Kind so nennen? | Film 2018 | Kritik

Zuletzt aktualisiert am 7. Mai 2019 um 6:24

Treffen sich fünf in unserer Gegenwart herumspukende Zeitgeister auf ein Abendessen und ecken an. So die Prämisse von Sönke Wortmanns Komödie Die Vorname. Sie ist ein Remake des französischen Films Le Prénom (2012) und wie dieser die Adaption eines gleichnamigen Theaterstücks von Alexandre de La Patellière und Mathieu Delaporte. Ungeachtet der historischen Vorbilder des neuen Wortmann-Werks soll es im Folgenden um die Frage gehen, ob man historische Vorbilder einfach so außer Acht lassen darf? 

Score vom Bleiben
Die Schauspieler*innen Janina Uhse, David Fitz, Justus von Dohnányi und Caroline Peters in dem Film »Der Vorname«. Bild: Constantin Film Verleih GmbH

Zum Inhalt: Die Grundschullehrerin Elisabeth (Caroline Peters) und ihr Ehemann Stephan (Christoph Maria Herbst) – Literaturprofessor, Besserwisser – laden zum Essen ein. Mit dabei: Elisabeths Bruder (Florian David Fitz) – Immobilienmakler, Besserverdiener – samt seiner hochschwangeren Freundin Anna (Janina Uhse), sowie ein musischer Familienfreund namens René (Justus von Dohnányi). Eine heitere Runde, harmlos zankend, guter Laune. Bis Elisabeths Bruder verrät, welchen Vornamen das Kind in Annas Bauch tragen soll. Ein Eklat!

Erster Name, zweite Wahl?

Wer bis hierher gekommen ist, ohne vorher im Web oder sonstwo über Werbung für den Film Der Vorname zu stoßen und somit vielleicht noch keine Ahnung hat, welcher Name denn bitte so schlimm sein könne? Herzlichen Glückwunsch! So ging’s mir, als ich ohne jegliche Vorkenntnisse im Apollo Kino in Aachen saß – und ich schiebe einen Großteil meines Gefallens für den Film eben dem »Oha-Effekt!« zu. Der Trailer (nicht zu empfehlen, aber hier zu sehen) ist ein zum Winter aus Vivaldis Jahreszeiten geschnittenes Spoiler-Feuerwerk, das viele starke Pointen und Momente verballert. Sicher, trommeln gehört zum Handwerk und der Film will schließlich von mehr Kinogänger*innen gesehen werden, als das französische Original (hierzulande: 50.000 Leutchen) – aber dass für die Werbung so sehr die Wirkung aufs Spiel gesetzt wird, ist (mal wieder) einfach bisschen bitter.

Ohne viel über den Handlungsverlauf des Films zu verraten, gewährt Christoph Maria Herbst hier einen kleinen Einblick in seine Arbeitsweise. Ein souverän geführtes Interview von Chilly – Das junge Magazin.

Christopher Maria Herbst im Interivew

Kammerspiel mit Lokalkolorit

Ähnlich wie Gott des Gemetzels (2011), Nur eine Stunde Ruhe! (2014) und Le Jeu – Nichts zu verbergen (2018) ist auch Der Vorname ein Kammerspiel französischen Ursprungs. Wobei mit dem Konzept Kammerspiel – eigentlich hätte die gesamte Geschichte allein im Gastgeber-Haus erzählt werden können – wird ein paar Mal gebrochen. Gleich zu Beginn des Films von Sönke Wortmann (Der bewegte Mann, Schoßgebete) gibt es eine Pizzaboten-Fahrt mit dem Roller durch die ehemalige Bundeshauptstadt. Ordentlich Lokalanstrich für alle, die sich in Bonn auskennen. Der Fokus liegt in dieser Montage auf den Straßenschildern und den Namen, die sie tragen, . Ganz lässig wird dazu der übliche Vorspann eingeblendet. Allerdings nur mit den Vornamen der jeweiligen Schauspieler: »Janina« macht mit, statt »Janina Uhse«, und »Florian« statt »Florian David Fitz«. Irgendwie sympathisch. Als würde man einen Film von Freund*innen sehen.

Doch die ach so freundliche Runde kriegt sich dann ganz schön in die Haare, als der Vorname des kommenden Kindes gelüftet wird. Schon vorher flott und witzig erzählt, nimmt das Hin-und-Her spitzzüngiger Dialoge hier an Tempo auf. Die Gag-Dichte des Films bleibt dabei so hoch, dass man herzlich viel zu Lachen hat – allein das ist schon eine Qualität, die einen Film sehenswert macht. Hinzu kommt noch eine solide Kameraarbeit von Jo Heim und seinem Team und jo, halt ne gute Regie. Bei solch einem Ensemble fast ein Selbstläufer, möcht‘ man meinen. Trotzdem, hat der Sönke gut gemacht (Zeit Online empfindet manch Regie-Einfälle als »überflüssig«, aber das ist Geschmäckle). Soweit das Zwischenfazit: Toller Film!

Andere Meinungen: Vergnüglich bis bissig

Sehr vergnüglich gelingt es dem Film, mit fortschreitender Handlung immer neue Abgründe aufzureißen und seinen Protagonisten ein ums andere Mal den Boden unter den Füßen wegzuziehen. Dabei sind die Personen – so sehr sie zunächst auch als Stereotype aktueller bürgerlicher Milieus angelegt sind – durchaus glaubhaft und entwickeln Tiefe.

Holger Heiland (Kunst+Film)

Die 90 Filmminuten von Wortmanns Interpretation sind spritziger und bissiger als der 2012 veröffentlichte »Der Vorname«-Kinofilm, der mit satten 19 Minuten mehr zu Buche schlägt.

Antje Wessels (Wessels Filmkritik)

Darf man sein Kind so nennen?

Bevor wir dann doch kurz auf den Vornamen zu sprechen kommen, um den es in Der Vorname geht, hier ein dezenter SPOILER!!!-Hinweis. Und vorweg noch dieses amüsante Video über allerlei andere Vornamen. Ob oder ob nicht sie in Deutschland zulässig sind, wer entscheidet das eigentlich?

Florian David und Janina präsentieren:
Darf man sein Kind so nennen?

Der »Rufname« einer Person ist derjenige Vorname, mit dem sie üblicherweise angesprochen wird. Bei unserem ehemaligen Bundesminister Karl-Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Buhl-Freiherr von und zu Guttenberg hatte man da eine beachtliche Auswahl.

Jetzt lass den Popo mal in Ruhe!

Bei den meisten Personen sind es ein oder zwei Vornamen, weshalb die Wahl schon etwas wichtiger ist. Man will dem Kind ja nicht das Leben unnötig schwermachen. Umso mehr erstaunt es, dass laut dem Video da oben (eine tiefgreifende Recherche wäre freilich angebracht) der Name »Popo« zulässig ist. Aber um Popo geht’s hier nicht. Popo muss sich dran gewöhnen, ausnahmsweise mal nicht im Mittelpunkt zu stehen. Denn so popolär ist der Name nun auch wieder nicht.

Zwischenbemerkung: Immer wieder liest man – und Florian David betont es mehrmals – dass es in Deutschland die Erkennbarkeit des Kindesgeschlechts relevant sei. Die Namensgebung habe »die natürliche Ordnung der Geschlechter« wiederzugeben. Nach Auseinandersetzung mit Filmen wie Girl (2018) und insbesondere Butlers Das Unbehagen der Geschlechter (1990) kommt mir diese Vorgabe als geradezu diskriminierend und engstirnig vor. Es gehe jedoch weniger darum, dass der Vorname eindeutig über das Geschlecht informiere, sondern vielmehr nicht das »falsche« Geschlecht andeute. Wir dürfen gespannt sein, wie sich solche Ideen in Zeiten von »divers, männlich, weiblich« entwickeln.

Die Kenntnis des Films Der Vorname lässt sich seit gestern Abend übrigens in Geld bemessen. Bei Wer wird Millionär? war diese Frage in der Weihnachtsausgabe – am 17. Dezember – satte 8.000 Euro wert: Die Wahl welchen Vornamens sorgt in der aktuellen Kinokomödie von Sönke Wortmann für heftige Turbulenzen?

A) Viagra · B) Heiland · C) Godzilla · D) Adolf

Der Vorname in Der Vorname

Die Antwort ist D. Und anders als Herr von und zu Guttenberg trug der Mann, der die deutsche Geschichte in ihr bis dato dunkelstes Kapitel gesteuert hat, nur einen Vornamen. Adolf Hitler. Sein Name ist fest mit dem Holocaust verhaftet, dem systematischen Völkermord an über 6 Millionen europäischen Juden. Darf man dem eigenen Kind dessen Vornamen geben? Ja. Aber will man? 

Tatsächlich leben in Deutschland heutzutage immerhin 46.171 Adolfs, wie aus einer Datenbank des Namenkundlichen Zentrums der Universität Leipzig hervorgeht. Eine Karte des Instituts zeigt, dass der Vorname bundesweit vertreten ist, allerdings mit deutlich sichtbaren Lücken in Ostdeutschland. Das lässt sich leicht erklären, war es doch in der ehemaligen DDR verboten, sein Kind Adolf zu nennen.

Tim Niendorf (FAZ)

Die Figur von Florian David bringt in Der Vorname einige interessante Argumente auf den Tisch, welche die Diskussion auch über das Filmende hinaus lebhaft gestalten. So gibt es neben »guten Adolfs« natürlich noch andere Vornamen mit berühmt-berüchtigten Vertreter*innen, die aus welchem geschichtsvergessenen Grunde auch immer weniger negativ belastet sind. Was ist etwa mit Joseph (Goebbels), Heinrich (Himmler), Gertrud (Scholtz-Klink)? (Zugegeben, habe in der Liste »wichtiger Politiker und Funktionsträger der NSDAP« unter den Hunderten von Namen gezielt nach weiblichen gesucht, allein aus Repräsentationszwecken – Gertrud war die einzige Frau, die ich gefunden habe. Völkermord war Männersache.)

Fazit zu Der Vorname

Ein sehr unterhaltsamer Film voller streitlustiger Charakterköpfe. Der Vorname lädt in erster Linie zum Lachen ein, regt aber auch interessante Folge-Gespräche an. Und wer vor diesem Film noch nicht weiß, wie das kommende Kind heißen soll, findet nach diesem inspirierenden Hin-und-Her bestimmt einen tollen Vornamen. Nicht den, natürlich. 

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