Philosophie vom Bleiben

Die platonischen Ideen | Antike

In diesem Beitrag geht es um die platonischen Ideen. Platonische Freundschaft oder Liebe – diese Begriffe hast du bestimmt schonmal gehört. Heutzutage werden sie oft verknüpft mit Keuschheit oder Friendzone, was vermuten lässt, dass dieser Platon ein netter Typ war, nur eben nicht für gewisse Stunden. Doch Platons Liebesleben hat mit seinen Ideen enttäuschend wenig zu tun. Bevor es hier also zur Sache geht, klären wir das Missverständnis auf.

Zur Einführung ins Fach Philosophie gibt es hier einen eigenen Beitrag: Philosophie für Anfänger*innen.

Beitragsbild zum Thema »Die platonischen Ideen«

Das Missverständnis

Der Begriff der platonischen Liebe geht zurück auf die Renaissance (Wiedergeburt, im Französischen). Das war jene Kulturepoche im 15. und 16. Jahrhundert, in der das Mittelalter in die Neuzeit überging. Damals wurden verschollene Werke der Antike wiederentdeckt – etwa die Schrift Symposion von Platon, die im Beitrag über Die sokratische Methode zur Sprache kam. Darin ging es ja, unter anderem, um ein Gespräch zwischen Sokrates und Diotima, die ihm das Eros-Konzept erklärt – das erotische Begehren. Marsilio Ficino, ein Philosoph der Renaissance, prägte nun in seiner Rezeption dieses Konzepts den Begriff der platonischen Liebe. Er meinte damit die höchstmögliche Liebe unter befreundeten Menschen und langer Rede kurzer Sinn – schon sind wir im 21. Jahrhundert mit seinen Friendzones und wissen immer noch nicht, was mit platonischen Ideen (wie der Liebe) eigentlich gemeint ist.

Die Richtigstellung

Platons Ideen haben nichts zu tun mit unseren Ideen im Sinne von Einfällen, wie etwa sie der kleine Wikinger alle naselang hat. Wenn wir auf »eine gute Idee« kommen, können wir davon nicht auf Platons »Idee des Guten« schließen. Oder seine Idee des Tapferen oder die Idee des Schönen. Um die Verwechslungsgefahr zu mindern, könnten wir bei Platons »Ideen« auch von »Formen« sprechen – und Platons Formenlehre. Im Englischen wird sie genau so genannt: Plato’s theory of forms. Einfach mal im Hinterkopf behalten. Wenn Sokrates, der ja als Figur in Platons Dialogen auftritt, nun wissen will, was schön ist, dann möchte er nicht etwa hören: Ein Sonnenaufgang! Ein Supermodel! Ein Seehundbaby!

Nicht, weil diese Dinge nicht schön sind, sondern weil es sich dabei bloß um Beispiele handelt. Sokrates und Platon aber ging um die Eigenschaften von etwas, um eine Definition. Das war es, worauf viele der platonischen Dialoge abzielten, in denen die sokratische Methode zum Einsatz kam: eine allgemeingültige logisch-formale Antwort darauf, was etwas ist. Woher wissen wir sonst, dass wir dasselbe meinen, wenn wir etwa von »Liebe« sprechen? Oder von »Schönheit«.

Die Idee des Schönen

Egal, Schönheit liegt bekanntlich im Auge der Betrachtenden! Genau hier kommt ein wichtiges Merkmal von Platons Ideen (oder Formen) zum Tragen. Denn für Sokrates und Platon sind sie etwas, das wirklich existiert, bloß jenseits unserer Wahrnehmung. Wenn wir eine Sache als »schön« wahrnehmen, dann ist das der Wiederschein dieser existierenden Idee des Schönen.

Ideen haben, Platons Ideenlehre nach, zwei Aspekte: den Begriff, etwa »Schönheit«, und die zugrundeliegenden Prinzipien, hier: des Schönen. Beides hängt zusammen ist und genauso wirklich existent wie du und ich oder dieser coole Film mit Keanu Reeves und Carrie-Anne Moss. Sokrates erkannte – in Platons Dialogen – dass die Prinzipien des Schönen von anderer Art sein müssen, als die Dinge im Bereich unserer Wahrnehmung, auf die sich die Prinzipien auswirken. Ob das ein Seehundbaby ist, zum Knuddeln süß, oder ein Sonnenaufgang, durch planetare Konstellationen zustande gekommen – Schönheit als platonische Idee ist nicht derart greifbar oder anzuschauen.

Also: Was ist schön? Diese Frage müssen wir ohne unsere Sinne beantworten, weil wir ja nicht den Abglanz des Schönen in der wahrnehmbaren Welt beschreiben wollen, sondern das Urbild des Schönen. Wir suchen Prinzipien oder Ursachen von Schönheit, die jenseits der Wahrnehmung liegen und allem Schönen in der wahrnehmbaren Welt gemein sind. Als solche sind platonische Ideen in sich vollkommen, unveränderlich und nur dem Denken zugänglich. Frei nach Der kleine Prinz: Man sieht nur mit dem Hirne gut.

Die platonischen Ideen in der Kritik

Dementsprechend unsinnig ist die Suche nach empirischen (also aus der Beobachtung gewonnenen) Beweisen für platonische Ideen – die gibt’s nicht. Du musst schlichtweg an sie glauben. Die entsprechende Glaubensrichtung, der Platonismus, ist im Laufe der Geschichte auf viel Kritik gestoßen. Nietzsche etwa verglich sie mit dem Christentum, das für ihn ein »Platonismus fürs Volk« war. Tatsächlich ist Platons »Idee des Guten« eine verlockend gute Idee. Dafür sind wir Menschen, die gute Ideen und Geschichten lieben, leicht zu gewinnen. Deshalb ist das Höhlengleichnis auch so beliebt. Darin erklärt Platon in Form einer Geschichte, was mit seinen Ideen gemeint ist. Das Gleichnis findest du im Dialog Phaidon und wird dir hier einmal in leichter Sprache erzählt.

Im nächsten Beitrag geht’s um Metaphysik bei Aristoteles. Der war ein Schüler von Platon und setzte sich in seinen Schriften zur Metaphysik kritisch auseinander mit seines Lehrers Ideen, die ja ein metaphysisches Konzept sind. Kritik an der Ideenlehre findest du außerdem bei Hegel, Hannah Arendt und vielen anderen.

Wenn dir dieser Beitrag über die platonischen Ideen geholfen hat, gerne liken, teilen – und wenn du das Blog vom Bleiben unterstützen möchtest, abonniere auch den YouTube-Kanal. Noch Fragen? Einfach in die Kommentare!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.