Die platonischen Ideen | Antike

Zuletzt aktualisiert am 30. September 2019 um 7:48

In diesem Beitrag geht es um die platonischen Ideen. Platonische Freundschaft oder Liebe – diese Begriffe hast du bestimmt schonmal gehört. Heutzutage werden sie oft verknüpft mit Keuschheit oder Friendzone, was vermuten lässt, dass dieser Platon ein netter Typ war, nur eben nicht für gewisse Stunden. Doch Platons Liebesleben hat mit seinen Ideen enttäuschend wenig zu tun. Bevor es hier also zur Sache geht, klären wir das Missverständnis auf.

Zur Einführung ins Fach Philosophie gibt es hier einen eigenen Beitrag: Philosophie für Anfänger*innen.

Beitragsbild zum Thema »Die platonischen Ideen«

Das Missverständnis

Der Begriff der platonischen Liebe geht zurück auf die Renaissance (Wiedergeburt, im Französischen). Das war jene Kulturepoche im 15. und 16. Jahrhundert, in der das Mittelalter in die Neuzeit überging. Damals wurden verschollene Werke der Antike wiederentdeckt – etwa die Schrift Symposion von Platon, die im Beitrag über Die sokratische Methode zur Sprache kam. Darin ging es ja, unter anderem, um ein Gespräch zwischen Sokrates und Diotima, die ihm das Eros-Konzept erklärt – das erotische Begehren. Marsilio Ficino, ein Philosoph der Renaissance, prägte nun in seiner Rezeption dieses Konzepts den Begriff der platonischen Liebe. Er meinte damit die höchstmögliche Liebe unter befreundeten Menschen und langer Rede kurzer Sinn – schon sind wir im 21. Jahrhundert mit seinen Friendzones und wissen immer noch nicht, was mit platonischen Ideen (wie der Liebe) eigentlich gemeint ist.

Beitrag als Video:

Die Richtigstellung

Platons Ideen haben nichts zu tun mit unseren Ideen im Sinne von Einfällen, wie etwa sie der kleine Wikinger alle naselang hat. Wenn wir auf »eine gute Idee« kommen, können wir davon nicht auf Platons »Idee des Guten« schließen. Oder seine Idee des Tapferen oder die Idee des Schönen. Um die Verwechslungsgefahr zu mindern, könnten wir bei Platons »Ideen« auch von »Formen« sprechen – und Platons Formenlehre. Im Englischen wird sie genau so genannt: Plato’s theory of forms. Einfach mal im Hinterkopf behalten. Wenn Sokrates, der ja als Figur in Platons Dialogen auftritt, nun wissen will, was schön ist, dann möchte er nicht etwa hören: Ein Sonnenaufgang! Ein Supermodel! Ein Seehundbaby!

Nicht, weil diese Dinge nicht schön sind, sondern weil es sich dabei bloß um Beispiele handelt. Sokrates und Platon aber ging um die Eigenschaften von etwas, um eine Definition. Das war es, worauf viele der platonischen Dialoge abzielten, in denen die sokratische Methode zum Einsatz kam: eine allgemeingültige logisch-formale Antwort darauf, was etwas ist. Woher wissen wir sonst, dass wir dasselbe meinen, wenn wir etwa von »Liebe« sprechen? Oder von »Schönheit«.

Die Idee des Schönen

Egal, Schönheit liegt bekanntlich im Auge der Betrachtenden! Genau hier kommt ein wichtiges Merkmal von Platons Ideen (oder Formen) zum Tragen. Denn für Sokrates und Platon sind sie etwas, das wirklich existiert, bloß jenseits unserer Wahrnehmung. Wenn wir eine Sache als »schön« wahrnehmen, dann ist das der Wiederschein dieser existierenden Idee des Schönen.

Ideen haben, Platons Ideenlehre nach, zwei Aspekte: den Begriff, etwa »Schönheit«, und die zugrundeliegenden Prinzipien, hier: des Schönen. Beides hängt zusammen ist und genauso wirklich existent wie du und ich oder dieser coole Film mit Keanu Reeves und Carrie-Anne Moss. Sokrates erkannte – in Platons Dialogen – dass die Prinzipien des Schönen von anderer Art sein müssen, als die Dinge im Bereich unserer Wahrnehmung, auf die sich die Prinzipien auswirken. Ob das ein Seehundbaby ist, zum Knuddeln süß, oder ein Sonnenaufgang, durch planetare Konstellationen zustande gekommen – Schönheit als platonische Idee ist nicht derart greifbar oder anzuschauen.

Also: Was ist schön? Diese Frage müssen wir ohne unsere Sinne beantworten, weil wir ja nicht den Abglanz des Schönen in der wahrnehmbaren Welt beschreiben wollen, sondern das Urbild des Schönen. Wir suchen Prinzipien oder Ursachen von Schönheit, die jenseits der Wahrnehmung liegen und allem Schönen in der wahrnehmbaren Welt gemein sind. Als solche sind platonische Ideen in sich vollkommen, unveränderlich und nur dem Denken zugänglich. Frei nach Der kleine Prinz: Man sieht nur mit dem Hirne gut.

Die platonischen Ideen in der Kritik

Dementsprechend unsinnig ist die Suche nach empirischen (also aus der Beobachtung gewonnenen) Beweisen für platonische Ideen – die gibt’s nicht. Du musst schlichtweg an sie glauben. Die entsprechende Glaubensrichtung, der Platonismus, ist im Laufe der Geschichte auf viel Kritik gestoßen. Nietzsche etwa verglich sie mit dem Christentum, das für ihn ein »Platonismus fürs Volk« war. Tatsächlich ist Platons »Idee des Guten« eine verlockend gute Idee. Dafür sind wir Menschen, die gute Ideen und Geschichten lieben, leicht zu gewinnen. Deshalb ist das Höhlengleichnis auch so beliebt. Darin erklärt Platon in Form einer Geschichte, was mit seinen Ideen gemeint ist. Das Gleichnis findest du im Dialog Phaidon und wird dir hier einmal in leichter Sprache erzählt.

Im nächsten Beitrag geht’s um Metaphysik bei Aristoteles. Der war ein Schüler von Platon und setzte sich in seinen Schriften zur Metaphysik kritisch auseinander mit seines Lehrers Ideen, die ja ein metaphysisches Konzept sind. Kritik an der Ideenlehre findest du außerdem bei Hegel, Hannah Arendt und vielen anderen.

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7 Kommentare zu „Die platonischen Ideen | Antike“

  1. Hallo David,

    vielen Dank für die sicherlich mühevolle Arbeit die Scripte und Videos zu erstellen. Ich studiere selber an der Fernuni Hagen Kulturwissenschaften und habe im März die P1 Prüfung. Da die Scripte der Fernuni mir manchmal ziemlich diffus erscheinen (je nach Themengebiet, besonders schlimm in der Philosophie des Geistes), sind deine Videos und Beiträge eine willkommene Hilfe. Man merkt, hier hat sich jemand Gedanken gemacht schwierige Sachverhalte klar und verständlich zu erklären, auch ist ein roter Faden zu erkennen, den ich mir in meinen Essays auch wünschen würde.
    Über weitere Beiträge zur Philosophie oder zum Fernstudium würde ich mich freuen, es motiviert mich selber am Studium dran zu bleiben, denn gerade in P1 fühle ich mich doch „verloren“ in der ganzen Theorie 🙂

    Viele Grüße

    1. Hey Franziska,

      danke für dein Feedback! Vor kurzem habe ich meine B.A.-Arbeit ausgerechnet zu einem Thema aus dem Bereich der Philosophie des Geistes eingereicht (weiß allerdings noch nicht, wie ich abgeschnitten habe) – wenn du also zu dem Bereich konkrete Fragen hast, kann ich evtl. mit frisch recherchiertem Halbwissen behilflich sein 😉 (oder besser: passenden Lektüre-Tipps) // In jedem Fall gutes Gelingen weiterhin und viel Spaß im Fernstudium! Liebe Grüße

      1. Hallo David,
        ich drück dir die Daumen für deine B.A.-Arbeit und bin mir ziemlich sicher, dass du da bestimmt gut abgeliefert hast 🙂 An sich ist Philosophie des Geistes ein spannendes Thema, ich tue mich leider schwer mit dem Script 😉 Vor allem die vielen verschiedenen Theorien zu Monismus und Dualismus…und teilweise ist das Script auch für mich schwer verständlich, z.B. wird zu Descartes Dualismus geschrieben, er gehe davon aus, dass „die Seele endet erst, wenn das Denken endet“. Weiter folgt keine Erläuterung und ich bin davon ausgegangen, die Seele stirbt mit dem Körper. Aus der Originalquelle geht aber was anderes hervor…. -.- Aber mir brennt noch eine andere Frage unter den Nägeln und da du Philosophie als Hauptfach belegt hast, wäre ich interessiert wie du das siehst: Sind die Scripte und Lehrinhalte in P1 und P2 zu einseitig theistisch bzw. christlich? Ein Kommilitone hatte sich darüber aufgeregt, dass Philosophen wie Feuerbach, Nietzsche, Russel, Schopenhauer usw. kaum behandelt werden. Ich selbst habe bisher nur P1 belegt, aber es scheinen tatsächlich viele Profs und Mitarbeiter in Lehrgebiet II einen theologischen Hintergrund zu haben. Ich persönlich bin auch etwas erschrocken, dass Prof. Hoffmann und Knaup eine harte Linie fahren zum Thema Pränataldiagnostik und Abtreibung. Ich wollte auch Philosophie als Hauptfach belegen, deshalb die Frage. Naja, wenn ich mal soweit bin wird Medizin-Ethik wohl nicht mein Thema für die B.A.-Arbeit 😉

        Sorry für den langen Text und viele liebe Grüße

        1. Zu Descartes und seiner Philosophie kann ich dir ein Buch von Dominik Perler empfehlen, mit dem schlichten Titel »René Descartes« (aus der Beck’schen Reihe) – sehr gut lesbare Zusammenfassung seiner zentralen Gedanken und Thesen. Jedenfalls will sich Descartes zum Fortleben der Seele nach dem Tode gar nicht festlegen – aus diesem Grund hat er in der zweiten Auflage extra den Untertitel seiner Meditationen geändert (nachdem sein Korrespondenz-Verwalter Mersenne den Untertitel der ersten Auflage, über die Unsterblichkeit der Seele, gesetzt hatte). Die Sterblichkeit der Seele läge letztlich in Gottes Händen, meint Descartes. Und apropos Gott…

          Mir sind die Inhalte in P1 und P2 ehrlich gesagt nicht als einseitig christlich oder theistisch erschienen; hatte aber auch gar nicht auf diesen Aspekt geachtet (als totaler Laie im Bereich der Philosophie war alles Neuland für mich, da hatte ich nach Feuerbach & Co gar nicht »Ausschau gehalten«). Schopenhauer kommt im Kursheft zur Tierschutzethik vor, Russell wird im Kursheft zur Theoretischen Philosophie thematisiert (hinsichtlich seiner Kritik an Platon) – aber es stimmt, viel Fokus liegt auf diesen Herren (auch Nietzsche), soweit ich mich erinnern kann, tatsächlich nicht. Dennoch hatte ich im Laufe des Studiums nie das Gefühl in irgendeine Ecke gedrängt und in meinem Fokus allzu sehr gelenkt zu werden. Habe mich viel mit Scheler und Plessner beschäftigt, und später mit Butler und Haraway, Gender Studies und sowas, das war alles andere als christlich – aber super interessant!

          Was die »harte Linie« zu Pränataldiagnostik und Abtreibung angeht, die ist mir gar nicht aufgefallen (leider – klingt nach einer spannenden Beobachtung, um bei Seminaren mal persönlich nachzuhaken und es zu diskutieren). Medizinethik hab ich allerdings auch ein bisschen links liegen lassen – leider, leider muss mit Blick auf Prüfungen ja immer ein strenges Haushalten mit der eigenen Aufmerksamkeit und Lernkapazität stattfinden.

          Liebe Grüße!

          1. Hallo David,
            vielen Dank für deine ausführliche Antwort. Jetzt ergibt es auch Sinn, warum Descartes Position im Studienbrief nicht genauer festgelegt wird. Beim nächsten Bibliotheksbesuch werde ich das Buch mal besorgen.

            Falls du selber mal einen Eindruck von Prof. Hoffmann und seiner Meinung zum Thema Abtreibung, Suizid usw. haben möchtest, es gibt Videos. https://www.youtube.com/watch?v=NorqjspdLpo
            Allerdings kann ich seine „Fakten“ ab Minute 11 (angebliche wäre Kindstötung Neugeborener in demokratischen Staaten der USA erlaubt usw) nicht recherchieren. Und nach dem Anschauen des Videos bin ich mir nicht sicher, ob ich wirklich mal auf ein Medizinethikseminar gehen möchte…

            Da beruhigt mich deine Einschätzung über den Studiengang doch sehr, ich hatte schon Angst, ich würde um dieses Thema nicht herumkommen. Vielleicht kommt doch nochmal eine Nitzsche oder Feuerbach Seminar.

            Viele liebe Grüße zurück!

          2. Danke für den Link, Franziska! Sehr interessanter Vortrag. Im stimme dir zu, dass daraus in der Tat eine ziemlich »harte Linie« spricht, die mir persönlich nicht zeitgemäß erscheint. Habe via Kommentar mal nachgehakt, hinsichtlich einer Quelle zur gesetzlich erlaubten Kindstötung. Schade, dass sich dieser Vortrag gar nicht auf die republikanisch regierten Bundesstaaten der USA und deren lebensbedrohliche Politik für Millionen von Menschen bezieht… doch bei näherer Betrachtung, wie der »Bundesverband Lebensrecht« so tickt, verwundert es nicht.

  2. Hallo David,
    schön, dass du das auch so siehst. Falls du eine Antwort bekommst auf deine Frage, würde mich die Quelle auch sehr interessieren.

    Ansonsten freu ich mich auf weitere inspirierende Blog-Beiträge von dir.
    Viele liebe Grüße

    PS: das P2 Script Medizinethik ist im WS18/19 überarbeitet worden – ich bin schon gespannt, bekomme es Mitte März zugeschickt. Der Autor Prof. Günther Pöltner steht dem opus dei nahe und ist auch Redner auf verschiedenen theologischen Veranstaltungen – warum sollte es auch anders sein, wenn gefühlt alle Profs aus dem Bereich praktische Philosophie einen theologischen Hintergrund haben…

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