Cinemathek

MANHATTAN mit Mariel Hemingway, Meryl Streep | Film 1979 | Kritik

Zuletzt aktualisiert am 10. Januar 2019 um 16:34

Eine romantische Schwarzweiß-Komödie aus den späten 1970er Jahren. Neurotische Intellektuelle im Großstadt-Getummel, seichte Unterhaltung, viel Blah Blah – das ist Manhattan. Für manche »der Gipfel seiner Karriere« (Frankfurter Rundschau). Andere weinten während des gesamten Films. Was hat es damit auf sich?

Schauspielerin Meryl Streep in dem Film »Manhattan«

Zum Inhalt: Im New Yorker Stadtteil Manhattan treibt sich der 42-jährige Isaac Davis (Woody Allen) herum. Er schreibt Witze für TV-Shows und geht mit der 17-jährigen Schülerin Tracy (Mariel Hemingway) aus, während seine zweite Ex-Frau namens Jill (Mery Streep) ein Buch schreibt – Enthüllungen aus ihrer gemeinsamen Ehe. Jill lebt inzwischen offen in einer lesbischen Beziehung.

Sie ist diejenige, die meine Aufmerksamkeit am meisten erregt hat, nachdem sie sich den heiklen Fragen der weiblichen Sexualität und Ermächtigung widersetzt hat. Jill und Isaac hatten ein Kind zusammen, aber sie verließ ihn wegen einer Frau. Isaac versucht auf lächerliche Weise, die männliche Überlegenheit über Jills Wahl geltend zu machen. Sowohl Jill als auch ihre Partnerin Connie wehren sich, und sie scheinen kein bisschen beeindruckt von seinen Macho-Annahmen.

Larissa Oliveira (Medium) · aus dem Englischen übersetzt

Die ersten paar Minuten von Manhattan:

Als ich Manhattan mit Meryl Streep (Suffragette – Taten statt Worte) zuletzt gesehen habe, war ich Mitte 20 und nicht so begeistert. Meine Notizen von damals: »Wenn ich versuche, Manhattan objektiv zu betrachten, sehe ich einen typischen Woody-Allen-Film, spannend wie ein anderthalb-stündige Monolog mit einem intellektuellen Stadtneurotiker. Den eigentlichen Stadtneurotiker hat der Regisseur zwei Jahre zuvor, 1977, gedreht. Mir kommt es so vor – aber ich habe zu wenige Filme von Allen gesehen, um diese Meinung fundiert nennen zu können – als wiederhole sich Allen ständig.« Und weiter mokierte ich:

Seine Filmografie könnte den Slogan tragen »Quasseln und quasseln lassen«, viele seiner Protagonisten sind kulturell, künstlerisch, intellektuell, neurotisch ganz oben auf, drücken einander und dem Zuschauer ständig ihre Meinung auf… das kann schon nerven. Woran erinnere ich mich?

Das 1×1 der Filme von Allen

Blue Jasmine (2013) mit einer anstrengenden Cate Blanchett und ihren First World Problems. Vicky Cristina Barcelona (2008), den ich ziemlich großartig fand, weiß aber nicht mehr genau weshalb – vielleicht wegen des starken Ensembles? Der Stadtneurotiker (1977), weil »den muss man ja gesehen haben«. Hatte das große Vergnügen, diesen Klassiker mit einer jungen Frau zu sehen, die diesen Film durchweg zum Kotzen fand und all das, was Kritiker*innen in Sachen Stilbruch und Genre-Erfindung so feiern, eiskalt niedergemacht hat. Was noch? Zelig (1983), den fand ich tatsächlich klasse! Match Point (2005), spannend. Bananas (1971), viel zu lange her, aber ja, stimmt, der war richtig albern, völlig anders als das Großstadt-Gelaber. Wovon rede ich also, von wegen »ständige Wiederholung«? Vielleicht ist es nur dieser Manhattan, der mir so lang vorkam wie das komplette Œuvre eines ausschweifenden Drehbuchautoren. Ja, das muss es sein.

Inzwischen sind die Vorwürfe gegen Woody Allen so laut geworden, das man seine Filme kaum mehr sehen kann, ohne sie im Hinterkopf zu haben.

Das 1×1 der Vorwürfe gegen Allen

Zuletzt las ich über Christina Engelhardts Erinnerungen an ihre Beziehung mit Allen, die begann, als sie 16 Jahre alt war – und er 41. Als sie zum ersten Mal und »unter Tränen« den Film Manhattan sah, erschien es Engelhardt überdeutlich, dass sie als Inspiration für die Rolle der jungen Geliebten gedient haben müsse. Mariel Hemingway, die in Manhattan die 17-jährige Schülerin spielte, schrieb später in ihrem Buch Out Came the Sun (2015) darüber, wie Woody Allen sie zu einem zweisamen Paris-Ausflug habe überreden wollen, sich aber kurzerhand mit seinem Privatjet verzog, als Hemingway auf ein eigenes Hotelzimmer bestand. Aus meinen damaligen Notizen:

Ich musste bei Manhattan – ein Film in dem Allen scheinbar sich selbst spielt und in dieser Rolle eine leidenschaftliche, aber irgendwie lieblose, sexuelle Beziehung zu einer 17-Jährigen hegt – ständig an die Vorwürfe denken, über Woody Allen, der seine Adoptiv-Kinder missbraucht haben soll. Wahr oder unwahr, mir beschert die Tatsache, dass sich derselbe Mann schon Jahrzehnte vor den mutmaßlichen Übergriffen, die Rolle eines Aufreißers mit Faible für junge Frauen auf den Leib schreibt, ein mulmiges Gefühl.

Graue Welt, wohin man sieht

In Zeiten von #MeToo ist es eigentlich nur noch Frustration. Es gibt unwahrscheinlich viele großartige Filme, die nicht gegen ihre Macher verteidigt werden müssen – warum nicht diesen Werken zuwenden? Es ist unmöglich zu entscheiden, welche Seite in welchem Fall bezüglich welcher konkreten Begebenheit letztlich im Recht ist. Schwarzweiß-Filme wie Manhattan zeigen es überdeutlich: Die Wirklichkeit lässt sich nicht mit Schwarz und Weiß allein abbilden. Es gibt etliche Graustufen dazwischen. Und daher auch immer wieder Stimmen wie diese, bezüglich der feministischen Zwischentöne in Manhattan:

Ich glaube fest daran, dass Allens Absicht nicht darin bestand, die Frauenbewegung lächerlich zu machen, sondern eine mächtige Frau vor ihrer Zeit zu zeigen. Jills neue Familie und Entscheidungen sind eine Beleidigung für die moralischen Werte und das zerbrechliche Ego von Isaac. Noch heute jagt jede der drei Frauen [in Manhattan] der Gesellschaft Angst ein, wenn sie sich nicht den Männern unterwerfen, sondern ihr eigenes Selbst verwirklichen.

Larissa Oliveira (Medium) · aus dem englischen übersetzt

Isaac streit mit seiner lesbischen Ex – in einer weiteren Szene aus Manhattan:


Fazit zu Manhattan

Was bleibt von Manhattan? Das fasst Woody Allen gen Ende seines Films quasi selbst zusammen: »Menschen in Manhattan, die sich ständig diese wirklich unnötigen neurotischen Probleme erschaffen, die sie davon abhalten, sich mit unlösbareren, schrecklicheren Problemen im Universum auseinanderzusetzen.« Kann man sich anschauen. Kann man auch lassen. Ein viel angenehmerer, schwarzweißer Großstadtfilm mit viel Gerede: Frances Ha mit Greta Gerwig.

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