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MEINE NACHT BEI MAUD mit Françoise Fabian | Film 1969 | Kritik

Zuletzt aktualisiert am 8. Januar 2019 um 19:07

Einem Zyklus aus sechs Filmen mit dem übergeordneten Titel Sechs moralische Erzählungen entspringt das Werk Meine Nacht bei Maud (1969) von Éric Rohmer – einem Mann, der seinen Namen selbst wählte, wie das Mädchen in Greta Gerwigs Lady Bird. »Einfach weil er mir gefiel«, so Rohmer, der Zeit seines Lebens ein unglaublich fleißiger Filmschaffender und Literaturkenner war. Hier geht es nun um einen verlobten, gläubigen Katholiken, der eine Nacht mit einer anderen Frau verbringt.

Frauen haben immer zu meinem moralischen Fortschritt beigetragen. | Jean-Louis in Meine Nacht bei Maud

Françoise Fabian und Jean-Luc Trintignant in dem Film »Meine Nacht bei Maud«

Moral in Theorie und Praxis

Zum Inhalt: Meine Nacht bei Maud handelt von einer geschiedenen Frau namens Maud (Françoise Fabian), die Besuch von einem alten Freund bekommt, Jean-Louis (Jean-Louis Trintignant). Anfangs noch in Anwesenheit eines weiteren Freundes verstricken sie sich in ein Gespräch über Ehe, Moral, Religion und den Philosophen Blaise Pascal – ehe Maud und Jean-Louis sich zu zweit im Bett wiederfinden. Zuvor schlug das Gespräch einen Bogen, zum Thema Treue und Verführung. Jean-Louis, der am selben Tag seine zukünftige Frau kennengelernt hat, will im Bett bekleidet bleiben…

Zur Orientierung: Der Filmzyklus Sechs moralische Erzählungen setzt sich aus folgenden Werken zusammen:

  • Die Bäckerin von Monceau (Kurzfilm, 1962)
  • Die Karriere von Suzanne (Spielfilm, 1963)
  • Die Sammlerin (Spielfilm, 1967)
  • Meine Nacht bei Maud (Spielfilm, 1969)
  • Claires Knie (Spielfilm, 1970)
  • Liebe am Nachmittag (Spielfilm, 1972)

Nachtrag: Diesen Beitrag habe ich als Anfang-20-Jähriger geschrieben, offensichtlich ohne Ambitionen (oder Geisteskraft), intellektuell ins »Rohmerische Reich« einzusteigen. Bis heute fehlt mir die Muße, Meine Nacht bei Maud eine zweite Chance zu geben – die der Film sicher verdient hätte – daher sei hier auf die tiefergreifende Filmkritik von Andreas Thomas (Filmgazette) hingewiesen.

Der Mensch im Alltag

Von Éric Rohmer hatte ich zuvor nur Pauline am Strand (1983) gesehen, sogar zweimal. Ein schöner Film, so wie ein großes Aquarium mit interessanten Fischen schön ist. Schwimmen nach links, blubb bla, nach rechts, bla blubb, und fressen und balzen und paddeln rum. So kam mir das Verhalten der Protagonist*innen in Pauline am Strand vor – einem Film, in dem ich leider nicht mehr entdeckt habe, als einen beliebigen Ausschnitt aus dem alltäglichen Leben ein paar normaler Leute. Etwas »öde«, könnte man auch sagen.

Als etwas »öde« kam mir dann auch Meine Nacht bei Maud vor, über den ich im Zuge meines Vorhabens gestolpert bin, die Top 100 der Cahiers du cinéma durchzusehen. Schon im ersten Akt des Films drängte es mich, nach einer Tätigkeit zu suchen, die ich nebenher erledigen konnte (letztendlich: Skizzen kritzeln). Der Film fordert seinen Zuschauer*innen einfach nicht mehr Aufmerksamkeit ab, als es ein Hörbuch täte. Éric Rohmer gelingt hier ein sicher geistreiches Referat zum Thema Liebe und Religion und so – aber in einer Form, die den Verdacht nahelegt, eine Lektüre des Drehbuchs wäre genauso gewinnbringend gewesen, ungeachtet der Inszenierung. Meine Nacht bei Maud ist ein Film, der ohne Weiteres für blinde Menschen funktioniert.

Philosophie, aufs Leben angewandt

Es stimmt: Die meisten der Filme Eric Rohmers sind zuallererst aus Wörtern, Sätzen, Aussagen, Reflexionen gemacht. Allein diesen Sätzen zu folgen ist Abend füllend, Kopf füllend, anregend – und mitunter auch anstrengend. Doch was wäre ein Film wie Meine Nacht bei Maud ohne die Menschen, die diese Sätze sagen? Bestenfalls eine Philosophievorlesung der interessanteren Art. Meine Nacht bei Maud ist deshalb nützlicher als jeder philosophische Rekurs, weil der Film das mit der Philosophie anstellt, was sie einzig und schließlich legitimiert. Er wendet sie auf die Praxis, also auf das Leben, an.

Andreas Thomas (Filmgazette)

Fazit zu Meine Nacht bei Maud

Interessante Sichtweisen und Dialoge, meinetwegen auch Figuren (wobei die Protagonisten allzu sehr dem Zwecke kontroverser Diskussionen zu dienen scheinen, weniger als für sich stehende Charaktere funktionieren). Als »Film« versagt das Ding ob der vernachlässigten visuellen Komponente für mich. Aber hey, Meine Nacht bei Maud gibt es natürlich auch als Buch.

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