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NIGHTCRAWLER über Skandal-Journalismus | Film 2014 | Kritik

Zuletzt aktualisiert am 17. Dezember 2018 um 9:21

Ich arbeite als Redakteur für eine Servicezeitung. Das ist der schönere Begriff für »Anzeigenblatt«. Unsere News sind nicht immer knackfrisch, sehr wohlwollend, PR-Blubb und Feel-Good-Stories für Frühstücker, die gerade keine Lust auf Politik haben.
Trotzdem stelle ich mich an lustigen Tagen Fremden gegenüber gerne als »Journalist« vor. Sollen die doch wenigstens denken, ich würde investigativ medienwelterschütternde Skandale aufdecken. Nach dem Film Nightcrawler von Dan Gilroy hat man wiederum eher Angst bis Ekel vor diesem Berufsstand.

Jake Gyllenhaal in dem Film Nightcrawler

Doch die Hauptfigur des Films Nightcrawler, Lou Bloom aka Jake »Psycho-Eyes« Gyllenhaal (Time to Dance), sollte sich sicher auch nicht – möchte sagen: weit weniger, als meine Wenigkeit – als rechtschaffener Journalist bezeichnen.

Zum Inhalt: Lou Bloom, ein junger weißer Amerikaner, ist fest davon überzeugt, dass Erfolg aus Ehrgeiz hervorgeht – »Wenn man im Lotto gewinnen will, braucht man die Kohle für einen Lottoschein.« Sein Job ist, über Umwege, der eines Kameramanns, der sich nachts auf die Suche nach spektakulären Bilder fürs Frühstücksfernsehen macht. Doch wenn die Wirklichkeit nicht drastisch genug aussieht, braucht es seine Nachhilfe…

Bloom ist die Schmeißfliege an den Stories, die keine sind – sondern schlicht inszeniertes Elend. Er hält seine Kamera auf brennende Autos, sterbende Menschen, will Blut sehen, aufzeichnen, weiterreichen, an die Hinterfrauen und -männer eines Senders, die es dann – so roh wie juristisch gerade noch vertretbar – der breiten Öffentlichkeit zum Frühstück servieren wollen.

Was ist noch gleich Journalismus?

Oh. Da sind wir wieder, beim Frühstück. Auf dem Tisch liegt noch die Servicezeitung, vielleicht neben (oder unter) der Tageszeitung, während über den Flachbild in der Küchenecke die Nachrichten in Bild und Ton flackern. Und im Morgenmantel vibriert das Handy, das ja auch Neues aus der Welt zu verkünden hat. An uns herangetragen von Leuten, die sich an lustigen Tagen »Journalisten« nennen. Oder es sich auf die Visitenkarte schreiben. Oder gar welche sind, weil sie es gelernt, es studiert haben? Was ist denn Journalismus? Wen fragt man da? Wikifragmichpedia:

Journalismus bezeichnet die periodische publizistische Arbeit von Journalisten bei der Presse, in Online-Medien oder im Rundfunk mit dem Ziel, Öffentlichkeit herzustellen.

Diese »periodische publizistische Arbeit« ist aber doch eine reichlich lange Kette, ist jedes ihrer Glieder ein Journalist? Ist Lou Bloom in dem Film Nightcrawler nicht vielmehr ein Kameramann? Der Typ, der dessen Material verarbeitet, ein Cutter? Die Frau, die dem Typ dabei über die Schulter schaut und sagt, was wo wie lange zu sehen sein soll, eine Redakteurin (das steht übrigens auf meiner Visitenkarte, ohne das -in) und der Chef, der den Hut auf hat, ein Verleger oder Programmdirektor oder, oder, oder…? Wo bleibt der/die Journalist*in?

Jake Gyllenhaal über unsere Obsession mit »Breaking News« und der fragwürdigen Ethik hinter der Nachrichtenmaschinerie, wie sie in Nightcrawler dargestellt wird:

Wir sind alle Komplizen: Die Nightcrawlers, die TV-Sender und die Menschen, die das Zeug schauen. […] Ich vergleiche es mit Fastfood. Wir wissen alle, dass es schlecht für uns ist. Aber die Leute lechzen danach.

Jake Gyllenhaal (zitiert in The Guardian)

Fazit zu Nightcrawler

Bevor ich hier nun über die Medienbranche, ihre Abgründe und die Soziopath*innen (und Möchtegern-Journalist*innen), die sich darin einnisten, ins Schwafeln gerate, komme ich lieber auf den Punkt: Nightcrawler mit Jake Gyllenhaal und Rene Russo ist sehenswert. Der Film regt zum Nachdenken an. Er unterhält, auf die voyeuristische Unterhaltungsweise, die man danach verfluchen möchte. Kurz: 8/10 Punkte für einen kurzweiligen Ausflug in die verkehrte Welt eines fleißigen Nachtschicht-Außendienst-Mitarbeiters von Fox News, o. Ä.

Den Bechdel-Test besteht der Film im Übrigen so gerade eben: Es gibt ein kurzes Gespräch zwischen zwei Mitarbeiterinnen eines Senders, Nina und Linda, über die Legalität ihres Contents. 

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