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POSE · inspiriert von PARIS IS BURNING | Serie 2018 | Kritik

Zuletzt aktualisiert am 30. September 2019 um 9:53

Pose ist eine Drama-Serie, die am 3. Juni 2018 auf dem amerikanischen Pay-TV-Sender FX veröffentlicht wurde. Sie handelt von der LGBT-Community in den späten 1980er Jahren in New York (LGBT = Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender). Der Cast umfasst fünf Transgender-Schauspielerinnen in Hauptrollen, womit die Serie bereits im Vorfeld Schlagzeilen machte. Pose ist preisgekrönt, von der Kritik gerühmt, launisch, lustig, leidenschaftlich und auf jeden Fall einen Blick wert.

Score vom Bleiben
Schauspielerin Indya Moore in der Serie »Pose«
Von links: Angel (Indya Moore), Damon (Ryan Jamaal Swain) und Blanca (Mj Rodriguez) auf einem Ball.

Trans-Frau trifft Trump-Fan

Zum Inhalt: Blanca hat es satt, sich von ihrer Mutter Elektra Abundance demütigen zu lassen. Doch es braucht einen üblen Schicksalsschlag, ehe Blanca endlich ihren Schritt in die Freiheit wagt. Sie verlässt das House of Abundance um ihr eigenes Haus zu gründen und als Mutter ihre eigenen »Kinder« aufzunehmen. Blanca findet ein bezahlbares Appartement und gründet das House of Evangelista (benannt nach dem kanadischen Model Linda Evangelista). Ihre ersten Kinder sind Damon, ein 17-jähriger Tänzer, und die Puerto-Ricanerin Angel. Fortan treten sie gemeinsam als Haus auf und gegen andere Häuser an – auf Bällen, die bunter nicht sein könnten.

Apropos Häuser: Was steckt wohl hinter dem »House of Haraway« des Drag-Künstlers Séamus Gallagher? Lieste hier.

Mütter, Kinder, Häuser, Bälle, worum geht’s hier? Die Serie Pose ist eine Milieustudie. Deutlich inspiriert von dem Dokumentarfilm Paris is Burning (1990) von Jennie Livingston, lässt Pose die darin beleuchtete Subkultur durch fiktionale Geschichten wieder aufleben – so schillernd wie möglich, so schmerzhaft wie nötig. Ehe wir uns also Pose widmen, werfen wir einen kurzen Blick auf Paris is Burning.

Die Serienkritik als Video gibt’s hier:

Paris is Burning

1962 in Texas geboren, in L.A. aufgewachsen und eines Tages im Washington Square Park in New York spazieren gegangen, traf die Regisseurin Jennie Livingston Mitte 20 dort auf einige Vogue-Tänzer*innen. Sie fragte, was es mit dieser Tanzform auf sich habe – und wurde prompt zu einem Ball eingeladen. So öffnete sich für Livingston die Tür zur Ball Culture, die sie daraufhin jahrelang mit der Kamera begleitete. Es geht um eine LGBT-Subkultur, in der verschiedene »Häuser« gegeneinander antreten, oder vielmehr: auftreten. Schaulaufen, Tanzen, Körper und Kostüme in Szene setzen – Posieren, in verschiedenen Kategorien. Was ist mit »Häusern« gemeint? Dazu die Drag Queen Dorian Corey:

Ich sage euch, was ein Haus ist. Eine schwule Straßenbande. Straßenbanden nehmen an Straßenkämpfen teil. Ein schwules Haus kämpft auf Bällen. Man tritt auf Bällen in Kategorien gegeneinander an. Die Häuser sind entstanden, weil man einen Namen brauchte. Die Namensgeber*innen der Häuser waren Ballkandidat*innen, die oft siegten.

Dorian Corey · Minute 25 von Paris is Burning

Das Buch zum Film Paris is Burning:

Das ist New York City

Ebenso sind die Häuser entstanden, weil sie Zuflucht für Menschen der LGBT-Community boten. Verstoßen von oder geflohen vor ihren Familien, haben diese Menschen eigene Familien gegründet, um zu überleben. Gen Ende der nur 76-minütigen Doku Paris is Burning erklärt ein 12- oder 13-jähriger (!) Junge, streetsmart, kess, in einer New Yorker Nacht den Arm um seinen Freund gelegt, wie es ist: »Es ist wie eine Gemeinschaft. In einer religiösen Gemeinschaft betet man zusammen. Nehme ich an. Und in der schwulen Gemeinschaft möchte man… Sie wollen zusammen sein. […] Das ist New York City, und so ist das Leben der Schwulen.« Dem Jungen gehört das letzte Wort in diesem bemerkenswerten Zeitdokument, das Pose zugrunde liegt. Ebenfalls zu Wort kommt eine legendäre »Mutter«, die das Haus Labeija gegründet hat.

Ich bin ein Mann, der eine Frau nachahmt. Ich war nie eine Frau; hatte nie monatliche Beschwerden. Ich war nie schwanger. Wie sich eine Frau fühlt? Ich weiß nur, wie sich ein Mann fühlt, der sich wie eine Frau kleidet. Ich wollte nie die Umwandlung. Das geht ein wenig zu weit. Denn später kann ich die Meinung nicht mehr ändern. Es gibt kein Zurück. Viele haben sich operieren lassen, weil sie dachten: »Oh, als Dragqueen wurde ich so schlecht behandelt. Wenn ich eine Muschi habe«, entschuldige das Wort, »werde ich toll behandelt.« Aber Frauen sind benachteiligt. Sie werden geschlagen, bestohlen, belästigt. Mit einer Vagina führt man kein fantastisches Leben. Es könnte sogar schlimmer sein.

Pepper Labeija · Minute 58

Der Trailer zu Paris is Burning:

Lesetipp: Hier geht’s zum ultimativen Paris is Burning Guide von Les Fabian Brathwaite (Out Magazine).

Eintauchen in die Lebenswelt

»Pose macht dort weiter, wo Paris is Burning aufhört«, schreibt die Huffpost und trifft es ganz gut. Denn die Doku zeigt nur kurze Ausschnitte, schneidet Lebens- und Leidensgeschichten an, verschafft einen ersten Eindruck. Sie wird kontrovers diskutiert für die Wahl der Ausschnitte und Herangehensweise, doch sie ist und bleibt ein wichtiges Zeitdokument. Was es allerdings wirklich bedeutet, die Mutter einen Hauses für die »wunderschönen Wesen« (Venus Xtravanganza) am Rande der Gesellschaft zu sein, das zeigt die Dramaserie Pose.

Blanca (gespielt von Mj Rodriguez) ist eine Transfrau, ebenso Angel (Indya Moore), die sie bei sich aufnimmt, zusammen mit Damon, der homosexuell ist und dafür von seinen religiösen Eltern verstoßen wird. In 8 Folgen von durchschnittlich einer Stunde Spieldauer tauchen wir als Zuschauer*innen von Pose ein in die Welt dieser Menschen, die um Anerkennung kämpfen – und zuweilen ums blanke Überleben. Denn im New York der 80er Jahre grassiert ein Virus, der von der Regierung Ronald Reagans kleingeredet wird.

Als AIDS lustig war

1982 kostet der Virus in den USA 853 Menschen das Leben. Auf eine Pressekonferenz im Weißen Haus werden Scherze über die »Schwulenseuche« gemacht. 1983 sterben daran 2.304 Menschen, 1984 sind es 4.251. Als bei der Pressekonferenz eine Frage dazu gestellt wird, lachen und scherzen die Anwesenden weiter. Der Präsident habe »keine Meinung« zu dem Thema, so der Pressesprecher Larry Speakes (der später zugab, vermeintliche Zitate des Präsidenten selbst fabriziert zu haben). 1985 sterben 5.636 Menschen an AIDS. Erstmals erwähnt Präsident Reagan das Wort »AIDS« in der Öffentlichkeit – weil nun auch sein Freund, der Schauspieler Rock Hudson daran gestorben ist.

Pose spielt etwas später – und beinhaltet folgende Dialogzeile:

Pray Tell: I know that Ronald Reagan will not say the word »AIDS«.

Von Callista Ring (Newsbusters) wird die Serie Pose daher der Falschdarstellung historischer Fakten beschuldigt.

Der Kurzfilm When AIDS was funny von Scott Calonic wurde 2015 veröffentlicht – einem Jahr mit 658.992 AIDS-Toten allein in den USA.

Mit Schwung aus dem Schwermut

Die Figuren in Pose leben in ständiger Angst vor dem Virus – wohlwissend, dass sie seitens der Regierung nicht ernst genommen wird. Wir sehen Krankenhäuser in schrecklichen Zuständen und Menschen grausam dahinsiechen. Einige der Protagonist*innen in Pose werden als HIV positiv diagnostiziert und müssen mit dem Todesurteil leben lernen.

Trotz dieser Thematik ist die Dramaserie Pose gar nicht so schwermütig, wie man annehmen mag (und wie etwa das Transgender-Drama Girl, in dem AIDS kein Thema ist). Es gibt Momente, die zum Heulen traurig sind – doch insgesamt überwiegen tatsächlich Frohsinn und Hoffnung. Und das liegt daran, dass die Menschen in dieser Serie das Leben und seine Vielfalt feiern, in allen Farben, mit Tanz und toller Musik. Wer mal reinhören möchte, in den Soundtrack zu Pose, bitte schön:

Fazit zur Dramaserie Pose

Kontrastiert wird das Leben in der Subkultur mit dem Leben der sprichwörtlichen »Schönen und Reichen«. Evan Peters (American Horror Story) spielt Stan, der im Trump Tower arbeitet und seiner Frau (und Mutter seiner Töchter, gespielt von Kate Mara) eine Spülmaschine schenkt – doch gelegentlich fährt er zu den Landungsbrücken, wo er sich mit Angel anfreundet, die dort anschaffen geht. Die Beziehungen wie diese zwischen der Transfrau und dem weißen Cisgender-Hetero-Mann und Trump-Fan, aber auch die junge Liebe zwischen Damon und Ricky oder die langjährige Freundschaft zwischen Blanca und Pray Tell, dem Veranstalter und Moderator der Bälle – diese Beziehungen sind es, die Pose wirklich sehenswert machen. Die Serie ist zutiefst menschlich, feiert das Leben, beklagt die Ungerechtigkeit und sagt ihr den Kampf an. Seit dem 31. Januar 2019 ist Pose (von den Machern von Glee, übrigens) auch in Deutschland verfügbar.

Besetzung · Cast von Pose

Blanca Rodriguez-EvangelistaMj Rodriguez
Elektra AbundanceDominique Jackson
Angel EvangelistaIndya Moore
Pray TellBilly Porter
Damon Richards-EvangelistaRyan Jamaal Swain
Stan BowesEvan Peters
Patty BowsKate Mara
Matt BromleyJames Van Der Beek
Helena St. RogersCharlayne Woodard
Ricky EvangelistaDyllón Burnside

Heimkino vom Bleiben: Auf die wiederholte Frage hin, wie wir die hier besprochenen Filme und Serien eigentlich sichten, nachfolgend unser technisches Setup, das ich für Heimkino-Momente nur empfehlen* kann: Als Beamer verwenden wir den BenQ TH681 Full HD 3D DLP-Projektor und diese Beamer-Leinwand sowie schon etwas ältere Lautsprecher von Citronic.

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