Unterwegs

EXIT INSIDE · theAngelcy im Druckluft, Oberhausen | Konzert 2016

Zuletzt aktualisiert am 6. Juli 2019 um 15:17

Die Erwartungen pendelten sich um den Nullpunkt ein, als wir kurz nach 20 Uhr (Einlass, angeblich) an die Tür klopften und niemand öffnete. Anscheinend auch niemand da war. Das Gebäude sah von außen auch eher nach Bruchbude als Veranstaltungsort aus. Das Druckluft in Oberhausen. Und hier sollte gleich ein Konzert steigen? Nicht, dass wir von der israelischen Band theAngelcy, deren Album Exit Inside wir vor einiger Zeit entdeckt haben, hier im Ruhrpott einen hohen Bekanntheitsgrad erwartet hätten. Aber so gar nirgendwer?

Info: Die Band theAngelcy wurde im Sommer 2011 in Israel gegründet. Seitdem tourt sie fast pausenlos durch die Heimat und Europa. 2014 erschien ihr Debütalbum Exit Inside. Nachfolgend Erinnerungen unser erstes Konzert dieser außergewöhnlichen Band. Später haben wir theAngelcy noch in Lübeck (2017), in Düsseldorf (2018) und zuletzt in Köln (2019) erlebt.

Sechs Engel in Oberhausen

Es war mein erstes Mal im Druckluft in Oberhausen. Keine Ahnung, was ich mir darunter vorgestellt habe. Die vagen Vorstellungen wurden von konkreten Eindrücken der Exit-Inside-endlich-live-Sause vollends verdrängt. Ein wenig überrascht hat mich der kleine, kalte, mit knalligen Stickern und antifaschistischen Sprüchen tapezierte Bau schon. »Aktionismus!«, schallte es von allen Wänden, zuweilen mit einer fetten Portion Wut, gar einer Note Hass, das Feinbild Nazi inbrünstig angeprangert.

Ich weiß nicht, wie viele oder welche Gruppierungen hinter den Stickern stehen, aber sie scheinen mir viel Zeit mit der Produktion und Verbreitung von Aufklebern zu verbringen. Darunter »Refugees welcome«, natürlich. »Bring your families«. Queer-Magazine auf dem Fenstersims, nebst Schwulissimo-Ausgaben. Gehäuft Begriffe und Kürzel mit Sternchen: Trans*, Inter*, LSBTI*. Habe nach Kleingedrucktem gesucht, einer Erläuterung, einem Sternchen-Verweis. Dumme Angewohnheit, sollte man das Sternchen doch lesen, wie ein Computer es lesen würde. Nämlich als Variable: Ersetze Sternchen durch »alles Mögliche«, so einfach.

Lesetipp: Später im März besuchten wir ein Toys2Masters-Bandbattle in Bonn. Hier geht’s zum Blogbeitrag.

Ein Typ und dem sein Kumpel

Ein Mann mittleren Alters trug einen schwarzen Pulli mit »Malt Whiskey«-Aufdruck im Walt-Disney-Schriftbild. Amüsant. Ein anderer einen Jutebeutel als Rucksack. Insgesamt waren es vielleicht zwei Dutzend Fans der Band und ihres Albums, in jenem Vorraum, durch den die Gesprächs-Schnipsel schwirrten: Deutsch, Englisch und mir unbekannte Sprachen. Auf Exit Inside wird übrigens Englisch gesungen.

Es waren viele Eindrücke, die man im Druckluft sammeln konnte, in der Dreiviertelstunde zwischen offiziellem Beginn (21 Uhr, nachdem irgendwann doch Menschen auftauchten) und tatsächlichem Auftakt des Konzerts von theAngelcy am Samstag, 5. März 2016. Es gab auch eine Vorband, wovon ich erst am selben Abend erfuhr. Indie-Pop von Douglas Firs, hier zu hören:

Ein Typ an der Klampfe, sein Kumpel am Keyboard, zwischen Boxen, die irgendwie falsch eingestellt waren und penetrant surrten. Ein Störgeräusch, das ob seiner Monotonie von meinem Hirn bald ausgeblendet oder schlicht in den Schatten gestellt wurde, von der Musik, die mir wirklich gefiel. Douglas Firs sang sich die Halsschlagadern dick, den Kopf rot, und ließ uns im Druckluft mit dem Gefühl zurück, einem Musiker gelauscht zu haben, dessen Fährten zu folgen sich lohnen könnte.

Nachtrag: …und deshalb reiche ich hier mal Douglas Firs‘ jüngstes Album nach, Hinges of Luck (2017). Enjoy:

Die Agentur der Engel

Nach dem Gig von Douglas Firs gings für ihn direkt zurück in die Heimat, zu einem Termin mit dem belgischen Frühstücks-Fernsehen. Für uns – die inzwischen knapp 30 Leute im Druckluft – folgte die Band theAngelcy, für die wir angereist waren. Ja, angereist. Alle. Denn offensichtlich kam (bis auf zwei Persönchen, von denen eine der Barkeeper war) keine*r der Zuschauer*innen aus Oberhausen (Quelle: Umfrage des Frontsängers Rotem Bar Or). Im familiär-intimen Halbkreis standen wir vor der Band, die wir über ihr Album Exit Inside auf Spotify für uns entdeckt haben. Also, wer trat da auf?

theAngelcy, die Agentur der Engel. Oder Engel-Agentur? Oder vielmehr: Engeltur? Schrecklich kitschiges Wortspiel. Oder einfach schön? Ganz witzig? Zyniker und Romantiker streiten sich auf meinen Schultern. Doch wozu sich mit Nichtigkeiten aufhalten? Der Name steht – und er wird stehen, auf Plakaten und Feuilleton-, ach was: Titelseiten! In Zeitungen, Magazinen, Blogs und Event-Kalendern werden wir über diesen Bandnamen stolpern, sollte die fidele Gruppe nicht zerbröseln, bevor sie richtig durchstartet (wenn sie das überhaupt planen). Den kraftvollen Klang von Exit Inside haben sie eins zu eins beim Live-Auftritt heraufbeschworen, mit grandioser Leichtigkeit!

Hier mal ein Crowdfindung-Video von theAngelcy aus dem Jahr 2013:

Was hörten wir da, im Druckluft?

Sechs Musiker und mehr Instrumente, als ich benennen kann. Mir bekannt: Schlagzeug – doppeltbesetzt – Gitarre, Kontrabass, Violine, Querflöte, noch mehr Flöten, lauter kleine Sachen die ganz bestimmte Geräusche von sich gegeben haben, wenn man sie nah am Mikrofon streichelt, schlägt, dagegen klopft… und vieles mehr. Kurzum: Das Sixtett konnte man getrost als kleines Orchester bezeichnen. Was hat dieses Orchester für Musik gemacht? Das fragen wir, die Schubladenliebhaber*innen, uns gerne – war das Folk? Oder Jazz? Eine Mischung? Oder ist das jetzt Klezmer? Hört selbst rein, hier ist deren Debüt-Album Exit Inside:

Exit Inside

Wozu Genres beschwören, wenn man mit Adjektiven um sich werfen kann? Ist ja keine Journalismus-Schule hier, also bitte: Die Musik von theAngelcy, ob live oder auf Exit Inside, ist lebhaft, verspielt, abwechslungsreich, die Musizierenden – jede*r Einzelne! – eine Virtuose… oha, sollte ich diesen Text überhaupt gender-neutral schreiben? Frontmann Rotem Bar Or dazu, als er das Publikum für eine Hintergrund-Gesangseinlage in Jungen und Mädchen aufteilte: »We know, it’s 2016… there are no genders anymore…« – sympathisch.

We are a natural disaster,
Shake, mama, shake your head.
We are a natural disaster,
lost all hope to ever understand
the powers in command here.

Lyrics aus: My Baby Boy

Rotem Bar Or über die musikalischen Einflüsse hinter theAngelcy und Exit Inside:

Singen, kaufen, sterben

theAngelcy sind eine israelische Band. Das Druckluft in Oberhausen vorerst war die letzte Station auf ihrer Deutschland-Tournee. CDs gab’s keine mehr, nach dem Konzert. Aber im Internet kann man ihr Album Exit Inside finden.

»Buy our CD Exit Inside, it will make you happy«, so Rotem.

»For a few moments«, ergänzt Flötist Uri Marom, »then you’ll buy something else. Then again, then again. Then you die, that’s basically it.« 

Ich würde ja gerne einen Ausschnitt von diesem großartigen Konzert einbetten. Einen YouTube-Schnipsel, irgendwas – aber tatsächlich hat kein Mensch auf dem Konzert von theAngelcy sein Smartphone hochgehalten. Na toll. Wir haben 2016 und auf NICHTS ist mehr Verlass. Derweil sagt die Band höchstselbst: »Tschüss!«

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