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Wie kommt man auf eine Idee? | Kreativität für Filmemacher

Zuletzt aktualisiert am 7. Juli 2019 um 17:22

Sie ist der entscheidende Faktor in der Kunst. Wenn sie nicht erkannt wird, folgt bekanntlich die Frage: Kann das weg? Wenn sie begriffen wird, kommt es hingegen prompt zur Bewertung, dagegen vermag sich kaum wer zu wehren: Gefällt sie mir oder nicht? Es geht um die Idee.

Die wenigsten lassen sie unbewertet auf sich wirken. Und die meisten, die irgendwas mit Kunst machen, wurden bereits gefragt: Woher hast du bloß solche Ideen? Als gäbe es einen geheimen Grabbeltisch, wo sie zwischen coolen T-Shirts vergraben liegen. Bei Kurzfilmfestivals ist diese Frage sehr beliebt. Man möchte annehmen: Weil die Moderatoren keine Idee hatten, was man sonst fragen könnte. Dann macht es irre viel Sinn danach zu fragen, wo man sie findet. Diese Ideen. Der antike Philosoph Platon hat mit seiner Ideenlehre ein sehr schönes Bild dazu vermittelt. Platons Ideen haben zwar im Grunde nichts mit den Ideen zu tun, von denen hier die Rede ist, aber eine passende Metapher mit verwirrend ähnlichen Begriffen ist es allemal. Platon sagte, so in etwa:

Platons schöne Idee

Die Ideen sind alle schon da. Sie sind vollkommen und ewig, verändern sich nicht und sind Urbild und Ursache für alles, was es in der Welt zu sehen, hören, riechen, schmecken und fühlen gibt. Denn Ideen selbst sind nicht mit den Sinnen zu finden – sie sind allein dem Denken zugänglich.

Ich finde, diese platonische Vorstellung kann man prima auf die Ideen anwenden, die im Folgenden besprochen werden. Ideen, wie sie bei Kurzfilmfestivals zum Beispiel abgefragt werden. Gerade bei Filmen hat man oft das Gefühl: Das habe ich so oder ähnlich schonmal gesehen… (oder bei Liedern: gehört). Ja, das Rad wird nicht neu erfunden. Die Idee gibt es schon. Aber es gab sie nicht schon tausendmal. Es hat sie immer schon gegeben, im Denken – eben seit es Denken gibt. Inzwischen gibt es vielleicht tausend Annäherungen an eine bestimmte, vollkommene, ewige Idee. Der Film „Titanic“ zum Beispiel kommt ziemlich nah ran an die Idee eines perfekten Liebesdramas, für meinen Geschmack. Aber dieser Vergleich zu den platonischen Ideen ist nur ein schöner Gedanke zum Wesen von Ideen. Gehen wir nun zur Praxis über.

Ideen suchen und finden

Gerade läuft der 99Fire-Films Wettbewerb. Auch wenn die Veranstalter auf Facebook gerade ordentlich Beef kassieren, weil ein Burger-Imperium als Werbepartner mit ziemlich werbelastigen Vorgaben irgendwie nicht so gut ankommt bei den Kreativen, die sich voll in künstlerischer Freiheit suhlen wollten (darüber fucken wir uns einfach ein andermal ab). Das Regelwerk steht jedenfalls, die 99 Stunden laufen und bis Montag 13 Uhr gilt es, einen Film abzuliefern. Okay. Alles steht bereit: Kamera, Team, Location, Requisiten und ja, vielleicht so ’n Burger, der in echt sowieso ganz anders aussieht, als der Werbepartner es möchte.

Fehlt nur noch die Idee.

Bei anderen Kurzfilmfestivals lautet die Antwort auf die Frage:

Wie bist du bloß auf diese Idee gekommen?„, oft:
Weiß nicht, sie war einfach so da. Und dann hab ich sie umgesetzt.

Das ist wahr. Oft muss man gar nicht auf Ideen kommen, sondern die Ideen kommen zu einem und drängen und quängeln und wollen umgesetzt werden – sonst gehen sie nämlich weiter, zum nächsten zugänglichen denkenden Kopf. Unter Zeitdruck fehlt jedoch der Luxus, darauf zu warten, dass eine Idee vorbeikommt. Wir müssen sie suchen. Also, wo und wie?

Konstanten plus Variablen minus Mathe

Ich mache das so: Mein Gelaber von „Kreativität braucht Grenzen“ ist bierernst gemeint. Innerhalb von Grenzen, wie sie etwa ein Wettbewerb vorgibt, finde ich viel eher Ideen, als wenn ich zu Hause rumhänge, an die Decke starre und in mich reinhorche. 99 Stunden und ein paar Bedingungen („Dreht bitte was mit Schleichwerbung“) sind zurzeit die gegebenen Grenzen. Nun habe ich mir ein paar weitere Grenzen gesteckt, indem ich vor dem Startschuss ein Team zusammengestellt und eine Location gefunden habe.

Die Location (in meinem Fall: ein uriger Buchladen) ist eine Konstante, eine schöne Kulisse, einfach weil eine schöne Kulisse einen Film schon sehr aufwerten kann. Die Teammitglieder vor der Kamera, also die Schauspieler, sind noch Variablen. Sie sind einigermaßen konstant in ihrem Erscheinungsbild – Mann mit langem Bart, extrem drahtiger Mann, Frau mit blondem Haar (schrecklich oberflächlich zusammengefasst) – aber als Schauspieler eben recht variabel, in den Rollen, die sie spielen.

Was ich an Mathe gehasst habe, war der Eindruck, dass es zu jeder Rechnung nur ein Ergebnis gibt (ich weiß bis heute nicht, ob es so ist). Eine Rechnung mit Variablen bleibt von Natur aus unbestimmt, doch bei der Suche nach einer Filmidee gibt es auch dann kein einziges, festes Ergebnis, wenn man die Variablen ausfüllt. Gut, man könnte mit Platon argumentieren und sagen: Die ewige, perfekte Idee ist das angestrebte Ergebnis – aber man erreicht halt nur eine Annäherung. So wie es keinen perfekten rechten Winkel gibt, unter dem Mikroskop betrachtet, sondern nur etwas, das nah rankommt.

Mit Methode zur Idee

Das was ich hier mache, rumsabbeln entlang eines anscheinend losen Gedankenstrangs, das ist übrigens Teil der Methode. Wenn du deine Grenzen abgesteckt hast, mit ein paar Konstanten und ein paar Variablen, dann geht der Spaß los: Szenarien durchspielen. Das geht nicht überall gleich gut. Wenn du den ganzen Tag auf der Arbeit bist und die Art von Job hast, in der du viel reden, regeln, denken musst, dann fehlt es an Zeit, Szenarien durchzuspielen. Nun funktioniert jedes Hirn anders und viele schneller als meines – durchaus wahrscheinlich, dass man es mit Geistesblitzen und flottem Denken auch so zu einer Idee bringt.

Ich persönlich stoße am besten beim Auto- oder Radfahren auf Ideen. Eher beim Autofahren, ehrlich gesagt, weil es längere Fahrten sind (ich bin faul). Warum überhaupt beim Fahren? Weil man die Finger von seinem Smartphone lassen sollte und sowieso nix Anderes tun kann. Die Gedanken sind frei, zu wandeln – das sind sie verdammt selten, heutzutage. Wenn selbstfahrende Autos erstmal etabliert sind und selbst der „Fahrer“ auf der Rückbank daddeln kann, dann bin ich wohl raus aus dem Ideen-haben-Business. Aber noch nicht. Noch sitze ich in meinem Auto und fahre und spiele im Kopf innerhalb meiner Grenzen mit den Konstanten und Variablen.

Wie das Schritt für Schritt aussieht, erläutere ich am Beispiel einer Ideensuche für den aktuellen 99Fire-Films Wettbewerb.

Teil 2

Bis hierher habe ich über die Idee im Allgemeinen gesprochen. Der Cliffhanger war (nur falls es keiner mitgekriegt hat): Der Denker sitzt im Auto und grübelt. Mit Spannung fragen wir uns: Wie kommt er denn nun auf eine Idee? Nachfolgend ein Praxisbeispiel, wie man – mit einigen Konstanten und Variablen im Kopf (den festgelegten Rahmenbedingungen und Möglichkeiten, was Team und Technik angeht) – zu einer Idee für einen Kurzfilm kommt.

Die vier Komponenten der Ideensuche

Vorweg sollte man eine Unterscheidung treffen. Nennen wir es mal die zwischen Prämissen, Szenen, Ideen und Rahmen. Eine Prämisse bildet man sich in Form einer Festsetzung: Der bärtige Mann (einer der Schauspieler, die dabei sind, siehe: Teil I) ist der Buchladenbesitzer und der drahtige Typ (der andere engagierte Schauspieler) sein Sohn. So, das ist eine Prämisse. Kommen mir unter dieser Prämisse Ideen? Vater und Sohn könnten zerstritten sein, eine weitere Prämisse. Oder sie könnten gerade streiten, das wäre eine Szene. Eine Idee ist es noch nicht, weil ein Streit erstmal etwas Alltägliches und Langweiliges ist.

Die Möglichkeiten innerhalb der Grenzen sind absurderweise grenzenlos. Der Bärtige kann alles sein: der Weihnachtsmann, ein Axtmörder, ein Alien – oder die Frau des anderen Typen, mit besonders markanter Gesichtsbehaarung. Aber mir gefällt die Prämisse mit dem Buchladenbesitzer, sie ist so angenehm wahrscheinlich. Der drahtige Typ könnte sein Kollege sein, die Frau (jene engagierte Schauspielerin) eine Kundin, die reinkommt. Über solche Prämissen denkt man kaum bewusst nach, sie sind eher das Blinzeln im Ideenfindungsprozess – Vorhang auf, Vorhang zu, neues Bild, ganz unbewusst, zack, zack. Bewusst denke ich eher über Szenen nach, die sind für mich die eigentlichen Leitersprossen auf dem Weg zur Idee.

Von der Szene zur Idee

Wenn man beim Autofahren alleine ist, dann kann man’s ja machen. Man schlüpft so von Rolle zu Rolle und lässt sie aufeinander los, spricht für jede irgendeinen Text, der so in den Sinn kommt. In meinem Hirn ist die Frau plötzlich eine Kaugummi kauende, coole Zeitgenossin, die sich in den Buchladen (ein Antiquariat) verirrt und nach Paperblanks fragt. Diese leeren kleinen Büchern, die man verschenkt, weil man selbst keine Ahnung hat, was man da reinschreiben sollte. Für ein Tagebuch sind sie zu klein, für Rezepte gibt’s das Internet und Kontaktdaten ändern sich so schnell, dass man sie nicht in ein Büchlein schreiben will. Es sei denn, man mag sie bei Sterbefällen dramatisch durchstreichen.

Eine Kundin fragt also nach leeren Verschenkbüchlein und stößt auf die Antihaltung eines Antiquars, der Zeit seines Lebens echte Bücher verkauft hat, mit Text drin, und solche Geschenkideen bescheuert findet. Die Szene in meinem Kopf (also das Selbstgespräch) finde ich witzig (ja, ich finde mich manchmal witzig). Der Antiquar lehnt natürlich ab:

Sowas haben wir nicht.“ – und da könnte der Kollege um die Ecke kommen:
Doch! Sowas haben wir, hier, ein Buch mit leeren Seiten.

Und er reicht der Kundin so ein altes, vergilbtes Buch, dessen Seiten tatsächlich unbeschrieben sind. Wo kommt das jetzt her?

Keine Ahnung„, sagt der Kollege, „von da hinten, aus dem Regal“ – schnurzegal.

Das jedenfalls, dieses alte vergilbte Buch ohne Inhalt, das ist eine Idee.

Diesen Blogbeitrag als Video kann man sich hier anschauen:

Annäherung an die perfekte Idee

Eine neue Idee? Ich überlege kurz und merke: nein, keinesfalls. Hat’s schon tausendmal gegeben. Ich denke dabei zuerst an Harry Potter, also warum nicht mit dieser Assoziation spielen? Die Kundin könnte scherzen:

Aber nicht so ein gruseliges Harry-Potter-Tagebuch, in…“ (…in das man reingesogen wird, möchte sie sagen, aber als sie ihre Hand darauflegt, passiert es auch schon – schwups, die Frau ist weg! Wie gesagt, nicht originell, und ich möchte behaupten, Harry Potter ist der perfekten Idee von einem verzauberten Buch näher gekommen, als ich hier, aber hey, ich hab 99 Sekunden, nicht sieben Bücher lang Zeit.)

Fast hätte ich’s vergessen: Bei meiner Ideensuche habe ich noch eine andere vorhandene Konstante in meinem Kopf. Der bärtige Mann ist im Real Life Teil der LARP-Community (Life Action Role Play). Das heißt, ihm stünden ein paar Kostüme und Komparsen zur Verfügung, um das Mittelalter zum Leben zu erwecken (oder war’s die Frühe Neuzeit? Irgendwas Altes). Also katapultiere ich die Frau einfach mal dorthin, durch das Zauberbuch. Da steht sie dem Bärtigen und dem Drahtigen gegenüber, beide im Mittelaltergewand, und… ja? Was passiert? Das ist wieder eine Szene, die sich auf zig Arten entfalten kann.

Von der Idee zum Rahmen

Nun, so schwappt man hin und her zwischen Prämissen (die sich irgendwann festigen) und Ideen und Szenen (die man bei Gefallen beibehält, zu Prämissen festigt und von da aus weitermacht) – fehlt nur noch der Rahmen. Das Wichtigste, ehrlich gesagt.

Denn wie du gesehen hast, suchst du in Wahrheit nicht eine Idee. Das ist viel zu wenig für 99 Sekunden. Gute Geschichten sind voll von tollen Ideen und reihen eine starke Szene an die nächste. Aber das fühlt sich alles nicht gut an, schlussendlich, nach dem Abspann, wenn es keinen Rahmen gibt. So, wie der Bilderrahmen ein Gemälde umschließt, muss unser Rahmen die Geschichte umschließen.

Jede Geschichte ist eigentlich unendlich, in beide Richtungen. Wenn du deiner Freundin eine Story aus dem Urlaub erzählst, ist das ja nur ein Ausschnitt aus deinem Leben. Eine Geschichte, die mit deiner Geburt begonnen hat (für dich), tatsächlich aber schon über unzählige Ahnen vor deiner Zeit geschrieben wird. Und dein Leben reicht bis ins Hier und Jetzt und die unbestimmte Zukunft. Was du eigentlich machst, wenn du eine Story aus deinem Urlaub erzählst: Du wählst einen Anfang und du wählst ein Ende, weil du entschieden hast, dass das dazwischen eine erzählenswerte Geschichte ist. Wenn ich von einem Rahmen rede, meine ich also nur einen gut gewählten Anfang und ein gut gewähltes Ende.

Anfang und Ende

Bis jetzt fing meine Geschichte damit an, dass die Frau in den Laden kommt. Das ist langweilig und banal. Ach ja, und wo ist eigentlich dieser Werbepartner, den ich – so schreibt es der Kurzfilm-Wettbewerb vor – im Film erkennbar einbauen muss? Besagtes Burger-Imperium. Ich denke kurz über dieses Unternehmen nach und was ich aktuell damit assoziiere. Weil ich vor wenigen Tagen erst eine Webserie gesehen habe, die ein mir bekannter Filmemacher für das Burger-Imperium inszeniert hat und in der es darum geht, den neuen Lieferservice zu bewerben, nehme ich einfach das. Den Lieferservice also.

Ich lasse den Film mal damit beginnen, dass der Buchladenbesitzer übers Telefon Burger bestellt. Prima. Viel weniger langweilig und banal… nicht. Also muss ich’s irgendwie aufpeppen. Wie könnte man eine Essensbestellung interessanter machen? Indem der Buchladenbesitzer extrem unfreundlich ist. Das finde ich schon wieder witzig. Humor ist leider ein sehr ausgeprägter Antrieb bei mir. Die Wahrscheinlichkeit, dass dabei gefühlvolle oder gruselige Filme herumkommen: eher gering.

Damit sich der Rahmen schließt, bietet es sich an, den Film damit enden zu lassen, dass der Lieferdienst kommt. Das wäre ein Zeitfenster von ein paar Minuten, das man auch gut auf 99 Sekunden verdichten kann (die Leute müssen nur schneller reden). Jetzt haben ich einen Rahmen, aber noch keinen guten.

Harmonie ist alles

Das ist wie bei einem Bild: Der Rahmen kann total langweilig sein, so ’n 08/15-Ding aus dem Baumarkt, oder zum Bild passen, farblich und was weiß ich. Die Farbe des Rahmens harmoniert (also kommuniziert/korrespondiert, blah) mit den Farben des Bildes. Das ist ein guter Rahmen. Also sollte der Rahmen meiner Geschichte, die Essensbestellung, die aufgegeben wird und eintrifft, irgendwie mit der Geschichte selbst harmonieren, kommunizieren, korrespondieren.

Das war’s. So komme ich auf Ideen, einem (aber nicht dem einzigen) Bestandteil eines Drehbuchs, das man dann nur noch umsetzen muss. Bei dieser Gelegenheiten kann man den Film wiederum mit ein paar rein visuellen Ideen spicken, die nicht unmittelbar auf die Geschichte Einfluss nehmen. Das Ergebnis meines Ideen-Eintopfs gibt es nun hier zu sehen, viel Spaß!

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