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Das Paradies der Täter · von Jürgen Seidel | Buch 2013 | Kritik

Zuletzt aktualisiert am 19. Mai 2019 um 20:47

Im Jahr 2013 erschien Jürgen Seidels Jugendroman Das Paradies der Täter. Es handelt von der Familie eines Nationalsozialisten, der nach dem Zweiten Weltkrieg in Argentinien untertaucht. So, wie viele andere seiner Landsleute auch. Auf knapp 400 Seiten1 zeichnet Seidel die Gewissenskonflikte der nächsten Generation nach. Das Ergebnis ist eine Liebesgeschichte mit Krimi-Elementen vor einem einzigartigen historischen Hintergrund.

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Beitragsbild zur Buchkritik »Das Paradies der Täter«

Die Ratten, die sich Sieger nannten

Argentinien, 1952. In der Provinzhauptstadt La Plata wohnen jüdische Emigrantenfamilien und untergetauchte Nationalsozialisten, deren Kinder dieselbe Schule besuchen: Das deutschsprachige Colegio Friedrich, mit seinen nur vier Klassen und siebzig Schüler*innen, die sich als »die Kippots« und »die Weißen« in feindlichen Lagern gegenüberstehen. Der 17-jährige Tom kommt neu an diese Schule. Noch bevor er sich richtig vorstellen kann, lernt er Walli kennen – ein jüdisches Mädchen, in dass er sich Hals über Kopf verliebt. Deshalb verschweigt er seine Herkunft, denn Tom ist der Sohn eines ehemaligen SS-Rottenführers und nach-wie-vor Nazis.

Der Zorn und die Scham, die er für seine Eltern und die untergetauchten Täter empfindet, scheinen zwischen den Zeilen des Romans nur so zu brennen, während er zerrissen scheint zwischen seiner Liebe für Walli und dem Wunsch zu erfahren, was seine Eltern tatsächlich während des Krieges getan haben […]Sven Trautmann für das Literaturportal Leser-Welt2

Als ich mir das Buch im Jahr 2017 zulegte, ging es mir um Recherche-Zwecke. Ich wollte mehr über das Argentinien der 50er Jahre zu erfahren, in Hinblick auf die geflohenen Nationalsozialisten, jedoch nicht nur vermittels historischer Daten und Infos (dafür gibt’s andere Lektüre). Mit Seidels Roman wollte ich eintauchen in die damalige Zeit. Diese Erwartungen hat Das Paradies der Täter mehr als erfüllt. Seidel geht detail- und kenntnisreich auf die Thematik geflohener Nazis ein, ohne einfach »Infodump« zu betreiben, sondern wohldosiert, fast beiläufig.

Im Treppenhaus und in den Fluren erzählte er Liselotte und mir weiter von allerlei Gerüchten, die sich um Nazis rankten. Die Worte »Klosterrouten« und »Rattenlinien« fielen, die Fluchtrouten quer durch Europa und über den Atlantik. […] Strecken und Pfade durch Tirol und Italien, die auch die schlimmsten Nazis nutzten – die ganzen großen Namen: Josef Mengel, Adolf Eichmann und viele andere. | S. 282

Das Paradies der Täter spürbar gemacht

Dazu erweckt Seidel die 50er Jahre an jenem konkreten Ort (La Plata) mit zahlreichen Beobachtungen beeindruckend zum Leben. Die Geschichte von Tom und Walli ist emotional indes so stark erzählt, dass ich über die Lektüre fast meine Recherche-Maßnahme vergaß. Also das Reinkleben Hunderter bunter Zettelchen, um all die Beschreibungen von Gebäuden, Straßen und »Requisiten« jener Zeit zu markieren. Mit allerlei recherchierten Kleinigkeiten beschwört Seidel eine spürbar »echte« Atmosphäre herauf. Da kann man als Möchtegern-Autor*in noch richtig was lernen!

Der Kleinbus hielt vor einem prächtigen Stadthaus mit runden Balkonen, von deren Balustraden auf allen Etagen ein buntes Blütenmeer herableuchtete. An den Innenwänden hingen kunstvoll gefertigte Drahtkäfige, in denen Singvögel hin und her hüpften. Ich war in der Laune, hinaufzuklettern und sie in die Freiheit zu entlassen. | S. 303

[…] umso häufiger sah ich auch Polizeipatrouillen und am Straßenrand parkende Lastwagen, auf denen Soldaten in Reih und Glied saßen. Ihre Gewehre ragten in die Abendluft wie die Stachel großer Insekten. | S. 262

Fazit zu Das Paradies der Täter

Ein Musterbeispiel dafür, wie man vermeintlich »trockene Geschichte«, der viele Schüler*innen im Unterricht überdrüssig sind, so interessant verpackt, dass man kaum mehr, wie viel man bei der Spannung und Unterhaltung lernt. Das Paradies der Täter ist voller vielschichtiger Charaktere in einem verzwickten Beziehungsgeflecht zueinander. Die Dialoge sind lebhaft und auch die Sprachbilder aus dem Gedankenstrom des Erzählers immer wieder »sehenswert«. Der Titel des Buch basiert übrigens auf der Wendung vom »Paradies der Sieger«, wie die geflüchteten Nazis ihre neue Heimat nannten.

Das eigentliche Thema des Buches aber ist die Übertragung einer zwanghaften Ideologie auch auf die eigenen Kinder und jene Momente und Entwicklungen, denen es gelingt, sich aus diesen Zwängen zu lösen.

M. Lehmann-Pape3

Weitere Bücher von dem Jugendroman-Autor Jürgen Seidel sind hier erhältlich (Partnerlinks, erfahre mehr dazu):

Jugend unter dem Hakenkreuz

Das Paradies der Täter ist Teil einer offenen Trilogie über Jugendliche unter Einfluss des Nationalsozialismus. Den Beginn markiert der Roman Blumen für den Führer (2010). Er erzählt die Geschichte der 15-jährigen Reni. Das Mädchen wurde auserwählt, dem Reichskanzler Hitler während der Eröffnung der Olympischen Spiele im Sommer 1936 einen Blumenstrauß zu überreichen. Ihr Vater gehört bereits zu höheren Kreisen des Nazi-Regimes – und untersagt ihr jeden Kontakt zu dem jüdischen Jungen Jockel, der Reni ans Herz gewachsen ist.

Weiter geht es in Aachen, November 1944: Der Jugendroman Die Unschuldigen folgt der Partisanengruppe »Werwolf«. Diese soll einen von den Alliierten eingesetzten Bürgermeister liquidieren. Zu dem Mord-Kommando gehört auch die 19-jährige Heidrun, die Gewissensbisse bekommt, als sie den Sohn des Bürgermeisters kennenlernt. Mit dem Blick nach Argentinien im Jahr 1952 bildet Das Paradies der Täter den Abschluss der bemerkenswerten Trilogie, die jungen Leser*innen sachkundig und sprachgewaltig ein wichtiges Kapitel der deutschen Geschichte näher bringt.

Eine Seelenwanderung der besonderen Art hat Jürgen Seidel in […] vorgelegt. Inhaltlich völlig unabhängig – nicht durch Personen oder Handlung miteinander verbunden – aber unter der Klammer der Ideologie und der Zeit ergeben alle drei Romane in ihrer Gesamtheit eine Grundlage zur Versöhnung, da Seidel nicht klagt, sondern erklärt; nicht verurteilt, sondern versteht; nicht fordert sondern hofft.

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Pakt des Schweigens

Wenn du dich eingehender noch mit den Nationalsozialisten beschäftigen möchtest, die nach dem Zweiten Welt über sogenannte »Rattenlinien« aus Deutschland geflohen sind (unter anderem mithilfe der katholischen Kirche in Italien), empfehle ich die Dokumentation Pakt des Schweigens – Das zweite Leben des Erich Priebke von Carlos Echeverría. Sie erzählt eine schier unglaubliche Geschichte über »die Macht des Verdrängens« (hier zur Filmkritik auf kino-zeit.de) und ist, in fünf ca. 10-minütigen Teilen, frei auf YouTube verfügbar.

Fußnoten

  1. Vorliegende Ausgabe: Seidel, Jürgen: Das Paradies der Täter. München 2013. ISBN: 978-3-570-15577-6
  2. https://www.leser-welt.de/index.php?option=com_content&view=article&id=6812:das-paradies-der-taeter-juergen-seidel&catid=76:ab-12-jahre&Itemid=110
  3. https://www.rezensions-seite.de/rezensionen/spannung/j%C3%BCrgen-seidel-das-paradies-der-t%C3%A4ter/
  4. https://archivastrolibrium.wordpress.com/2013/02/26/das-paradies-der-tater-von-jurgen-seidel/

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