Philosophie vom Bleiben

Die sokratische Methode | Antike

Zuletzt aktualisiert am 23. September 2019 um 6:21

In diesem Beitrag geht’s um die sokratische Methode. Das ist ein philosophischer Begriff, der auf die griechische Antike zurückgeht – genauer: aufs 5. Jahrhundert vor Christus. Mit der sokratischen Methode ist eine bestimmte Art der Gesprächsführung gemeint. Oder, wie es in der Philosophie »seriöser« ausgedrückt wird: eine besondere Vorgehensweise im Diskurs. Übrigens: Wenn hier Begriffe verwendet werden, die du nicht kennst, habe ich mein Ziel der allgemeinen Verständlichkeit verfehlt. Deshalb bitte gerne via Kommentar drauf hinweisen, dann reiche ich eine Begriffserklärung schriftlich in der Videobeschreibung nach.

Zur Einführung ins Fach gibt es hier einen eigenen Beitrag: Philosophie für Anfänger*innen.

Beitragsbild zum Thema »Die sokratische Methode«

Die sokratische Methode

Benannt ist die sokratische Methode nach dem Philosophen Sokrates. Doch überliefert wurde sie von dessen Schüler Platon. Sokrates selbst hat nichts von seiner Weisheit für die Nachwelt niedergeschrieben – zumindest nichts, von dem die Nachwelt jetzt noch wüsste. Dafür war Platon umso fleißiger. Viele seiner Schriften sind Dialoge, in denen Sokrates als Gesprächspartner und damit als literarische Figur auftritt. Dieser literarische Sokrates stimmt nicht eins zu eins mit dem echten Sokrates überein. Stichwort: künstlerische Freiheit. Die wird sich Platon beim Schreiben über seinen Lehrmeister sicher genommen haben. Daher lässt sich nicht mit Gewissheit sagen, ob die sokratische Methode vom echten Sokrates angewandt wurde, oder ob Platon sie seinem Sokrates in den Mund legte.

Elitäre Demokratie

Der historische Sokrates lebte wie Platon in Athen zur Zeit der Attischen Demokratie, die nach der für Griechenland siegreichen Schlacht von Salamis 480 v. Chr. vorerst auf sicheren Säulen stand. Attika ist heute noch die Region rund um Athen, bloß das Griechenlands Hauptstadt damals noch eine Polis war, ein antiker Stadtstaat. Diese Staatsform beschrieb der Historiker Jacob Burckhardt mal als »schwatzhafteste« aller Staatsformen, weil das gesprochene Wort das wichtigste Mittel in der Politik war. Was das Demokratische im antiken Athen angeht – davon war ein Großteil der Bevölkerung wohlgemerkt ausgeschlossen. Etwa versklavte Menschen, Metöken (Fremde, die sich in Athen niedergelassen haben), sowie Kinder und Frauen.

Warum Frauen? Weil Politik Männersache ist, würde ein antiker Grieche sagen – und die Kinder sind Frauensache. Aber warum? Weil die Frauen die Kinder zur Welt bringen. Ja, aber warum schließt das Gebären von Kindern das Mitreden in der Politik aus? Weil Frauen keine Ahnung haben. Aha! Warum? Weil sie nix dazu lernen! Warum nicht? Weil sie doch die Kinder kriegen! Siehe da, du drehst dich im Kreis – das würde Sokrates sagen, nachdem er seinem Gegenüber ein Loch in den Bauch gefragt hat. Das ist die sokratische Methode: Fragen, bis der Arzt kommt! Oder: die Hebamme. Wusstest du, dass Sokrates’ Mutter eine Hebamme war? Aber kann er dir am besten selbst erzählen.

Hier gibt’s den Beitrag über Die sokratische Methode auch als Video:

Erkenntnis zur Welt bringen

Also du lächerlicher hast wohl niemals gehört, daß ich der Sohn einer Hebamme bin […]? [Meine Hebammenkunst] unterscheidet sich dadurch, daß sie Männern die Geburtshülfe leistet und nicht Frauen, und daß sie für ihre gebärenden Seelen Sorge trägt, und nicht für Leiber. […] Was mir Viele vorgeworfen, daß ich Andere zwar fragte, selbst aber nichts antwortete, weil ich nämlich nichts kluges wüßte zu antworten, darin haben sie Recht.

Theaitetos

Lesetipp: Hier gibt’s noch ein paar Zitate von Sokrates, zu Stöbern, Staunen und Kopfschütteln.

»Ich weiß, dass ich nichts weiß«, der Mann, der diese berühmten Worte sprach, vergleicht in Platons Dialog Theaitetos seine Art der Gesprächsführung – die sokratische Methode – mit dem Beruf seiner Mutter. So wie sie den Frauen half, Kinder das Licht der Welt erblicken zu lassen, so verhalf Sokrates den Männern zu hellen Momenten, in denen ihre Erkenntnis (oder Unkenntnis!) ans Licht kam. Wobei Sokrates auch mit Frauen sprach. Zumindest einer, nämlich mit Diotima – die einzige weibliche Figur, die in Platons Dialogen zu Wort kommt, indirekt.

Die sokratische Wende

Sie erklärt Sokrates, was »Eros« ist, das erotische Begehren. Sokrates will es genau wissen und wendet gegenüber Diotima seine Methode an. Wie er das tut, könnt ihr im Dialog Symposion von Platon nachlesen. Darin geht es auch um die »Idee des Schönen«, aber das ist ein neues Thema, dem wir uns im nächsten Beitrag widmen: Die platonischen Ideen, ein metaphysisches Konzept, dem Sokrates sozusagen den Weg ebnete.

Wofür Sokrates ebenfalls den Weg bereitete, war das Nachdenken über den Menschen. In diesem Zusammenhang steht der Begriff der sokratischen Wende, also der Verschiebung des Interesses der Philosophie von der Natur hin zu menschlichen Themen – wie der Ethik. Cicero formulierte es etwa so: »Sokrates hat als Erster die Philosophie vom Himmel geholt und in die Städte verlagert.« Die sokratische Methode des beharrlichen Nachfragens kannst du übrigens noch heute gut anwenden, wenn Gespräche festgefahren scheinen. Dann lohnt es sich manchmal, nachzuhaken, was dein Gegenüber unter den grundlegenden Streitbegriffen überhaupt versteht. Was ist zum Beispiel Anstand? Gerechtigkeit? Toleranz? So deckst du zuweilen Widersprüche im Denken auf, die den Diskurs festfahren lassen.

Wenn dir dieser Beitrag über die sokratische Methode geholfen hat, gerne liken, teilen – und wenn du das Blog vom Bleiben unterstützen möchtest, abonniere auch den YouTube-Kanal. Noch Fragen? Einfach in die Kommentare!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.