Philosophie vom Bleiben

Metaphysik bei Aristoteles · leicht erklärt

Zuletzt aktualisiert am 14. Oktober 2019 um 9:24

In diesem Beitrag geht’s um Metaphysik bei Aristoteles – und Metaphysik allgemein. Wir klären drei Fragen: Was bedeutet der Begriff? Worum geht’s in der Disziplin? Und welche Rolle spielt Aristoteles in der Metaphysik? Er war ein Schüler von Platon und damit ein Philosoph der griechischen Antike, im 4. Jahrhundert vor Christus. Während Platon der athenischen Hocharistokratie angehörte und ein angesehener Bürger war, kam Aristoteles gebürtig nicht aus Athen und galt dort als Metöke. Das heißt, wie im Beitrag zur sokratischen Methode erwähnt, dass er in dem Stadtstaat keine Bürgerrechte innehatte. Das mag ein Grund dafür gewesen sein, dass Aristoteles die Welt im anderen Licht sah als sein Lehrer Platon, was sich in auch in der Metaphysik von Aristoteles widerspiegelt.

Zur Einführung ins Fach Philosophie gibt es hier einen eigenen Beitrag: Philosophie für Anfänger*innen.

Beitragsbild zu »Metaphysik mit Aristoteles«

Begriff und Disziplin

Der Begriff »Metaphysik« setzt sich zusammen aus den griechischen Wörtern metá (das heißt: nach oder jenseits) und phýsis (Natur). Die Metaphysik umfasst also die Dinge jenseits der Natur im weitesten Sinne. Alles, was wir nicht sinnlich wahrnehmen oder empirisch (also durch Beobachtung) erfassen können, fällt in den Bereich der Metaphysik. Damit haben wir sie sogar schon als philosophische Disziplin bereits grob umrissen. Auch wenn wir diese Disziplin heute auf Aristoteles zurückführen, wurden metaphysische Ideen bereits vorher diskutiert – von Aristoteles’ Lehrer Platon, von Platons Lehrer Sokrates und selbst von einigen Vorsokratikern. Doch niemand in der Antike hinterließ ein derart durchdachtes Werk wie Aristoteles.

Er war in der abendländischen Philosophie der erste Denker, der systematisch begründete, weshalb zum Verständnis des Empirischen eine Untersuchung des Nicht-Empirischen notwendig ist. Ein früher Herausgeber von seinen Schriften war Andronikos von Rhodos. Der hat die Texte von Aristoteles sortiert und alles, was thematisch über die empirischen, physischen Naturdinge hinausreichte, bezeichnete er als Meta-Physik. Seitdem sprechen wir von der Metaphysik bei Aristoteles – als Wissenschaft, die das Seiende als Seiendes untersucht.

Aristoteles vs. Platon

Was unterscheidet die Metaphysik bei Aristoteles nun von seinen Vorgängern? An den vorsokratischen Ideen kritisierte er, dass sie empirische Dinge als Urstoff oder Ursache des Seienden anführten – Thales etwa das Wasser, Anaximenes die Luft, womit sie aus heutiger Sicht zur Naturphilosophie statt zur Metaphysik zählen. Mehr dazu im Beitrag über die Vorsokratiker. Den platonischen Ideen, um die es zuletzt ging, wirft Aristoteles eine Art Verdopplung vor. Denn bei Platon gibt’s ja zu jeder seiner Ideen zwei Aspekte, Begriff und Prinzipien. Ist das sinnvoll? Denn demnach wäre der Begriff »Seehundbaby« genauso existent wie das Seehundbaby selbst.

Aristoteles diskutiert bzgl. Platon auch das Problem des »dritten Menschen«. Kleiner Exkurs: Was alle Einzelmenschen im »Menschsein« gemein haben, bezeichnet Platon als »Idee des Menschen«. Nun sind gemäß seiner Logik die Ideen selbst vollkommen und unveränderlich. Die Idee des Menschen ist demnach »der Mensch« als unveränderlicher. Dann müsste es aber noch eine übergeordnete, dritte Auffassung vom Menschen geben, die beides –Einzelmenschen und unveränderlichen Menschen – zusammenfasst. Etwas kompliziertes Thema, das wir im Beitrag über den Universalienstreit im Mittelalter nochmal ein bisschen vertiefen.

Metaphysik und Ontologie

Während für Platon die wahrnehmbaren Naturdinge nur ein Widerschein denkbarer Ideen sind, gelten diese Dinge für Aristoteles selbst als etwas Seiendes. Das »Seiende« ist allerdings ein vieldeutiger Begriff bei Aristoteles. Die Lehre des Seienden wird auch als Ontologie bezeichnet. Das kann verwirren – wo ist der Unterschied zwischen Metaphysik und Ontologie? In aller Kürze: Die Metaphysik wurde der Sache nach schon bei Aristoteles (dem Namen nach erst später) unterteilt in eine allgemeine (metaphysica generalis) und eine spezielle Metaphysik (metaphysica specialis). Die allgemeine Metaphysik entspricht der Ontologie und die spezielle Metaphysik mit Themen wie dem Ewigen oder Göttlichen, grob gesagt, der Theologie – was Theologen nicht davon abhielt, einen ontologischen Gottesbeweis zu erbringen.

Es würde den Rahmen sprengen, en detail auf die Metaphysik bei Aristoteles einzugehen. Jedenfalls hatten seine Schriften einen großen Einfluss auf das Denken im Mittelalter. Darauf kommen wir im Beitrag über die Gottesbeweise bei Thomas und Anselm zu sprechen. Passendes Zitat vom Historiker Burckhardt, mal wieder: »Die Religionen sind der Ausdruck der ewigen und unzerstörbaren metaphysischen Bedürfnisse der Menschennatur.« Doch das vorletzte Wort gebührt Aristoteles selbst, und seiner Einleitung zur Metaphysik, die da lautet:

Alle Menschen streben von Natur nach Wissen; dies beweist die Freude an den Sinnes-wahrnehmungen, denn diese erfreuen an sich, auch abgesehen von dem Nutzen, und vor allen andern die Wahrnehmungen mittels der Augen

Aristoteles

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2 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. Jürgen Wirth sagt:

    Hallo,
    ausgezeichnete Exkursion ins Jenseits der Physik und sicher auch der Mathematik, ist sie nicht die Mutter aller Naturwissenschaften. Will Mann/Frau sich in diesem Jenseits tummeln, so denke ich, verlässt man ebenso die Welt der vorhersagbaren Mathematik sowie allem nachvollziehbaren Erlebnissen, getränkt in der Lösung der nicht beweisbaren Hypothesen, welche aber sehr wohl einer gewissen Logik gehorchen.

    Nichts ist nicht nichts.

    P.S.: Ich schreibe derzeit einen Roman welche im Jahre 1347 beginnt und ich dem Protagonisten, welcher 1352 in Prag Kirchenrecht und Philosophie studiert, stets interessante Vorstellungen von Sein, Gott und der Welt in den Mund schiebe. Selbstverständlich sind die Herren Platon und Sokrates sowie Thales, den wohl ersten Philosophen als Leitfiguren dabei.

    Ich bin derzeit bei Seite 340 und würde Ihnen, bei Interesse gerne auch meinen Auszug zu diesem Thema mailen. Ich muss es aber so gestalten, dass es zumindest ein Realschüler versteht.

    Da kam Ihr Eintrag wie ein Geschenk.

    Jürgen Wirth
    Schriftsteller

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