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ANASTASIA mit Meg Ryan · Fiktion und Wirklichkeit | Film 1997 | Kritik

Zuletzt aktualisiert am 28. Dezember 2018 um 7:37

Gestern fiel der erste Schnee des Jahres über Aachen. Das versetzte uns irgendwie in eine winterliche Stimmung. Ich meine, richtig winterlich, Russland-winterlich. Warum also nicht mal Anastasia gucken? Dieser 90er-Jahre-Zeichentrick-Hit über die Zarentochter, den Sonia im Schlaf mitsprechen (oder vielmehr: mitsingen) kann, und um den ich mich – etwas weniger begeisterungsfähig fürs Prinzessinnen-Genre – bis dato gedrückt hatte. Wie dumm von mir, handelt es sich doch um nicht weniger, als den vielleicht besten Zeichentrick-Film jenseits des Disney-Universums.

Die kesse Prinzessin

Zum Inhalt: Anastasia Romanow wächst als jüngste Zarentochter im Palast auf – bis dieser eines Nachts während der russischen Revolution von einem wütenden Mob gestürmt wird. Anastasia und ihre Großmutter Marie entkommen mithilfe des Küchenjungen Dimitri, verlieren sich auf der Flucht jedoch aus den Augen. Gestrandet in einem Waisenhaus vergisst das Mädchen seine Herkunft, während in Paris eine alte Dame auf ihre Enkelin wartet. Sie ist bereit, viel Geld zu zahlen, für jede*n, der oder die sie zu ihr zurückbringen möge.

Hinweis: Bei JustWatch finden sich aktuelle legale Streaming-Angebote zu Anastasia. Dieser Blogbeitrag enthält keine Spoiler.

Historischer Kontext

»Während einige der Charaktere und Ereignisse in diesem Film von wohl bekannten, historischen Figuren und Geschehnissen inspiriert sind, ist die Darstellung dieser Charaktere und die Schilderung der Ereignisse fiktional.«

So liest es sich im Abspann von Anastasia. Damit nur ja niemand auf die Idee kommt, dass die sprechende Fledermaus Bartok mit dem Dämonenglas in Wirklichkeit eine ganz andere Rolle gespielt habe.

Nein, die Wirklichkeit sieht natürlich viel düsterer aus. In Folge der Oktoberrevolution 1917 ist ein Großteil der russischen Zarenfamilie von den Bolschewiki ermordet worden, um den Gegnern dieser neuen Machthaber keine möglichen »Symbolfiguren« zu belassen. Doch Anastasia, die jüngste Zarentochter, galt lange als verschollen, bald als wieder aufgetaucht. Die heute als Anna Anderson bekannte preußische Fabrikarbeiterin etwa hielt sich für die Zarentocher – so konsequent, dass der Name Anastasia es bis auf ihren Grabstein geschafft hat. Sie war die Inspiration für Filme wie Anastasia (1956) mit Ingrid Bergman und den hier besprochenen Anastasia aus den späten 90ern. Sie war allerdings nicht die echte Anastasia.

Anastasia Nikolajewna Romanowa
Anastasia Nikolajewna Romanowa, das arme Kind aus reichem Hause.

Im Jahr 2007 wurde durch DNA-Tests nachgewiesen, dass es sich bei einer der 1991 aufgefundenen Leichen um Anastasia handelte. Sie wurde gemeinsam mit ihren Eltern und Schwestern ermordet.

Fabelhafte Schattenseiten

Rasputin – der in dem Film Anastasia, man sieht es schon auf den ersten Blick, als Bösewicht auftritt – war bereits Monate vor der Oktoberrevolution nicht mehr am Leben. Der legendäre Wanderprediger ist als zeitweiliger enger Vertrauter der Zarenfamilie in die Geschichte eingegangen. Und er hat diese nicht mit einem Fluch belegt, wie es der Film darstellt.

Ein allgemeiner Vorwurf gegen Animationsfilme, die auf historischen Figuren basieren, ist der, dass sie sich nicht an die Fakten halten. Ich denke, das führt zu Korinthenkackerei – denn wenn es sich um einen fiktionalen Film handelt, warum muss er sich an der Realität orientieren? […] Lass die Kinder und Erwachsenen ihre Filme haben. Und wenn sie Interesse haben, mehr über das Leben der echten Figuren herauszufinden, können sie selbst recherchieren.

Cartoon Palooza Review

Anders argumentiert – auch mit Blick auf Pocahontas (1995), den Film über die Vermittlerin zwischen Ureinwohnern und Kolonisten, der die Dezimierung der Ureinwohner und ihrer Kultur ausklammert – schreibt ein Kommentator:

Ich mag die beiden Filme. Aber es ist unglaublich unverschämt, dass sie sich direkt an historische Ereignisse anlehnen, den Protagonist*innen einen westeuropäischen Anstrich verleihen (»white wash them«), und dann Profit damit machen.

Michael A. Barnum

Mensch, kann man denn gar nichts mehr guten Gewissens genießen? Nicht einmal einen munteren Kinderfilm voller schöner Lieder? Nein. Zumindest nicht in seliger Ignoranz. Doch mit den Schattenseiten im Hinterkopf, drehen wir jetzt den grandiosen Soundtrack auf und liefern ein paar Gründe dafür, weshalb Anastasia trotzdem ein gelungener Film ist.

Der Soundtrack zum Film:

Apropos Schattenseite. Dieser Tage wird der Name »Anastasia« (gemessen an einer Google-Recherche…) zumeist mit der Hauptfigur aus Fifty Shades of Grey in Verbindung gebracht. Doch mit der Hauptfigur aus dieser verkorksten BDSM-Trilogie hat Zeichentrick-Anastasia so ziemlich gar nix gemeinsam.

Anastasia, Bartok & Co.

Damit kommen wir auch schon zur größten Stärke dieses Films: Ihrer wortgewandten Hauptfigur voller Witz und Wucht. Im deutschen gesprochen von Anja Kling (Wishlist), im Original von Meg Ryan. Auch der weitere Original-Cast kann sich sehen (okay, hören) lassen. John Cusack spricht Dimitri, Anastias love interest. Christopher Lloyd – »Doc« Brown aus Zurück in die Zukunft – spricht Rasputin und dessen Fledermaus Bartok verleiht Hank Azaria (Friends) die Stimme.

Quelle: quickmeme

Das Regie-Duo hinter Anastasia, Don Bluth und Gary Goldman, haben schon Däumeline (1994) gemeinsam umgesetzt. Bluth ist außerdem der Regisseur von Feivel, der Mauswanderer (1986).

Neben der Hauptfigur Anastasia und dem Sidekick Bartok gibt es noch eine ganze Reihe liebenswerter Figuren. Dazu gehören Vladimir, der weise Begleiter, und Sophie, die quietschfidele Verwandte. Die Dynamik zwischen den Charakteren, deren Blicke und Bewegungen – all das ist so lebhaft, lebensnah und charmant überzeichnet umgesetzt, dass man darin das Erfolgsgeheimnis des vielfach preisgekrönten und kommerziell erfolgreichen Zeichentricks sehen darf. Die 90er-Jahre-CGI jedenfalls, eher holprig eingebaut, sind es nicht. Besondere Hingucker des Films sind die »großen Tanznummern« in St. Petersburg und Paris (samt Abstecher nach Chanel und ins Moulin Rouge).

Zu guter Letzt: Hier die Stimmen von Aislene und Gracie von The Feminist Critique mit einem regen Redeschwall über Anastasia (und vieles andere):

Fazit zu Anastasia

Herz und Witz für Klein und Groß. Anastasia ist der erste Spielfilm der Fox Animation Studios, die damit dem Oeuvre des Platzhirschen Walt Disney ein bemerkenswertes Werk entgegensetzten. Und auch, wenn die Fox Studios nach drei Filmen wieder dicht machten, blieb mit Anastasia ein Klassiker, der sich bis heute gut gehalten hat. Kurzweilige 94 Minuten, die tempo- und ideenreich auf ein perfektes Ende zusteuern – und dazwischen so goldige Momente wie dieser:

Fantastischer Film!

Mehr über die historische Anastasia Romanov gibt es kompakt und kompetent zusammengefasst in einem Video von Simon Whistler (Biographics) auf YouTube, in englischer Sprache.

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