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FEIVEL DER MAUSWANDERER | Film 1986 | Kritik

Zuletzt aktualisiert am 8. Januar 2019 um 18:49

Fernab der Märchenwelten Disneys bewegt sich Feivel, der Mauswanderer. Die nach Micky wohl zweitberühmteste Maus aus Zeichenstrichen hat es in »einer amerikanischen Erzählung« (so der Originaltitel, inklusive Wortwitz: An American Tail) in die harte Wirklichkeit der Auswanderung verschlagen.

Zwei Mäuse-Geschwister singen unterm Sternenhimmel, Szene aus »Feivel, der Mauswanderer«

Angespült in Amerika

Zum Inhalt von Feivel, der Mauswanderer: Vertrieben aus ihrer osteuropäischen Heimat, besteigt die jüdische Maus-Familie Mousekewitz in Hamburg ein Schiff. Ihr Ziel ist Amerika, das Land jenseits des Atlantiks, wo es »keine Katzen gibt«. So erzählt man sich unter den zahlreichen Auswanderer-Familien. Auf der Überfahrt jedoch geht Feivel, der kleine Sohn der Familie Mousekewitz, bei einem schrecklichen Sturm über Bord. Er überlebt und wird – als Flaschenpost, sozusagen – in Amerika angespült. Nun gilt es, in dieser hektischen neuen Welt die Familie wiederzufinden.

Es schmerzt, diesen alten Kindheitsfilm in der Gegenwart – Dezember 2018 – zu sehen, da an der amerikanisch-mexikanischen Grenze zahlreiche Kinder von ihren Eltern getrennt werden. Das geht ganz ohne Sturm, auf Befehl eines Schurkenstaates. Vor wenigen Tag ist das zweite Kind solcher Auswanderer-Familien aufgrund schlechter Versorgung in amerikanischem Gewahrsam gestorben. Ein Junge nun, zuvor ein Mädchen, beide in diesem Monat (siehe den Beitrag von Democracy Now!). Heute gilt, wie damals schon: Amerika ist nicht das erhoffte Paradies.

Feivel, der Mauswanderer ist wie Disneys Oz – Eine fantastische Welt (1985), zu dessen Beginn sich das Mädchen Dorothy einer Elektroschock-Therapie ausgesetzt sieht. Diese Geschichten wurden von Menschen geschrieben, die Kinder auf das Schlimmste vorbereiten wollen. Ich habe vergessen zu erwähnen, dass das Erste, was Feivel nach seiner Flaschenspülung an Land entdeckt, ist, dass es in Amerika Katzen gibt.

Roger Ebert (zum Review)

»Gebt mir eure Müden«

Stimmt nicht ganz, Eberts Beobachtung. Das Allererste, was Feivel in Amerika entdeckt, ist die Freiheitsstatue. Sie befindet sich noch im Bau, Ende des 19. Jahrhunderts, in dem Feivel, der Mauswanderer spielt. Und so, wie die Freiheitsstatue in der Realität ein Geschenk des französischen Volkes an die USA war, ist es in dem Animationsfilm eine französische Taube namens Henri (im Original gesprochen von Christopher Plummer), die mit dem Bau der Statue vor dem Ufer New Yorks beschäftigt ist und Feivel, das gestrandete Mäusekind, bei sich aufnimmt.

Gebt mir eure Müden, eure Armen, eure geknechteten Massen, die frei zu atmen begehren, die bemitleidenswerten Abgelehnten eurer gedrängten Küsten. Schickt sie mir, die Heimatlosen, vom Sturme Getriebenen, hoch halte ich mein Licht am goldenen Tor! | Inschrift der Freiheitsstatue in New York

Lesetipp: 12 Facts About An American Tail (Mental Floss).

Feivel, der Mauswanderer ist also, wie Ebert schon andeutet, eine sehr düstere Fabel. Ganz ähnlich wie Mrs. Brisby und das Geheimnis von NIMH (1982), jenes preisgekrönte Mäuse-Märchen, mit dem Regisseur Don Bluth (Anastasia) auf sich aufmerksam machte. Und zwar niemand Geringeren als Steven Spielberg, der schließlich Feivel, der Mauswanderer produzierte. Nach dessen Großvater ist auch die Hauptfigur benannt (»Fievel«, so im Original, war der jiddische Name von Spielbergs Vorfahren Philip Posner). Dieser Großvater erzählte seinen Enkeln – der Trivia nach – vom Aufwachsen in Russland, wo jüdische Kinder aus den Schulen verbannt wurden und nur durchs Fenster zuschauen durften. Das taten sie dann auch, trotz der eisigen Kälte da draußen. Eine entsprechende Szene findet sich in Feivel, der Mauswanderer, der amerikanische Mäusekinder beim Schulunterricht traurig durchs Fenster beobachtet.

Hier erzählt die Bridgett Greenberg, ebenfalls eine Amerikanerin jüdischer Abstammung, was den Film Feivel, der Mauswanderer so besonders macht (auf Englisch):

Fazit zu Feivel, der Mauswanderer

Nachdem ich den Film bestimmt über 20 Jahre nicht gesehen hatte, weckten die Bilder und Lieder vor kurzem längst verschüttete Gefühle in mir: Da war sie wieder, die Beklemmung und die Trauer, die ich als Kind im Angesicht der armen Maus empfand. Roger Ebert mag recht haben, dass Feivel, der Mauswanderer ein sehr deprimierender Kinderfilm ist – und doch bleibt es ein Klassiker mit beeindruckenden Szenen, starker Wirkung und wahrem Kern.

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