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Beasts of No Nation | Film 2015 | Kritik: Stirbt das Kind im Kinde

Zuletzt aktualisiert am 10. März 2019 um 22:31

Mit Beasts of No Nation ist am 16. Oktober 2015 zum ersten Mal in der Filmgeschichte ein Spielfilm gleichzeitig in einigen Kinos sowie bei dem Streaming-Dienstleiter Netflix erschienen. Es handelt sich um ein Kriegsdrama, das auf dem gleichnamigen Buch des nigerianischen Autors Uzodinma Iweala basiert. Adaptiert und inszeniert wurde die Verfilmung von Cary Joji Fukunaga (True Detective).

Score vom Bleiben
Beitragsbild zu »Beasts of No Nation«

Ein westafrikanischen Dorf wird von bewaffneten Soldaten überfallen, die keine Gefangenen machen. Dem Jungen Agu (Abraham Attah) gelingt – im Gegensatz zum Vater und Bruder – die Flucht in den Dschungel. Dort greift ihn eine Rebellen-Einheit auf, die Agu als Kindersoldaten rekrutiert. Fortan muss er mit Machete und Maschinengewehr die Befehle des »Commandant« (Idris Elba) befolgen, dem Anführer der Rebellen.

Idris Elba legt die Rolle ziemlich genau so aus wie Brad Pitt zuvor die des Lieutenant Aldo Raine in Quentin Tarantinos Inglourious Basterds. Allerdings versieht er den lässigen Psychopathen mit einem undefinierten afrikanischen Akzent, den sich der gebürtige Londoner auch erst antrainieren musste, was etwa zu gleichen Teilen übergriffig und strukturbedingt ist, also vermutlich interessant.

Felix Stephan, in: Der Schauwert des Krieges (Zeit Online)

Töten oder sterben, Junge?

Interessant ist die Performance von Idris Elba als Warlord in der Tat – wobei die Neuentdeckung Abraham Attah (*2001) in der Rolle des Killers wider Willen seinem berühmten Co-Star letztlich das Rampenlicht nimmt. Vielfach nominiert und mit Awards ausgezeichnet (etwa mit dem Marcello-Mastroianni-Preis bei den Filmfestspielen von Venedig), hat der in Ghana geborene Attah mit Beasts of No Nation ein beachtliches Schauspiel-Debüt hingelegt. Die Entwicklung seiner Figur vom schlitzohrigen Sohn zum gefühlstauben Soldaten lässt sich schmerzhaft glaubwürdig nachempfinden.

Bemerkenswert ist die Darstellung von Gewalt in diesem Film. Wir erleben die Brutalität des Krieges immerzu aus der Distanz des Jungen Agu. Mal aus der Ferne, wenn er von einem Fenster aus das Blutbad in einer überfallenen Stadt überschaut. Mal aus nächster Nähe, wenn Agu selbst die Machete auf einen Mann niederschlägt. Beasts of No Nation wurde dafür kritisiert, nicht genug der Gewalt zu zeigen, die der Junge erfahren (und angetan) haben muss. Andererseits kann man es auch als sinnvolles Maß betrachten, beschränkt auf Schlüsselszenen, die es braucht, um Agus Verwandlung nachzuvollziehen, ohne dabei je ins Voyeuristische abzudriften.

Eine sehenswerte Analyse von Beasts of No Nation hinsichtlich der darin verwendet filmischen Mittel liefert CrashCourse (auf Englisch).

Krieg im nationalen Nirgendwo

Der genaue Schauplatz von Beasts of No Nation bleibt unbestimmt. Obwohl das Setting einer Kirche zum Auftakt des Films der Kirche aus der Serie Black Earth Rising (2019) verblüffend ähnlich sieht: Um die Gewalttaten in Ruanda, Mitte der 90er Jahre, geht es hier nicht. Das mutmaßliche Motiv hinter der Unbestimmtheit von Zeit und Ort, nämlich den gezeigten Szenen einen universellen Charakter zu verleihen, geht auf. Gewiss darf man nicht »ganz Afrika« in diesem Werk repräsentiert sehen. Dennoch erzählt der Film eine Geschichte, die keinen konkreten geografischen oder historischen Anker braucht.

Obwohl [Beasts of No Nation] in einem unbenannten afrikanischen Land spielen soll, ist er dennoch sehr ghanaisch, was die Sprache betrifft, sowie die Eigenheiten der Charaktere und auch der Einsatz einiger bekannter lokaler Schauspieler*innen. Ich bin sehr stolz auf Abraham Attah, der das Maximum aus dieser Rolle herausgeholt hat (ohne frühere Schauspielerfahrung) – und dann noch eine Rolle in Spiderman: Homecoming landete!

Kweku Adu (aus Ghana) · via YouTube-Kommentar

Schauplätze und Kriegsparteien bleiben die (in beeindruckenden Bildern eingefangene) Kulissen eines besonders perfiden Kidnappings. Elbas Figur stellt Kinder vor die Wahl: töten oder sterben. Agu wird töten. Seine Angst, sein Überlebenswille, seine erschütterte Moral, ihr Verfall, bald seine Apathie – diese Facetten einer Figur, die brutal ihrer Kindheit beraubt wird, sind das Thema des Films Beasts of No Nation.

Fazit zu Beasts of No Nation

Cary Joji Fukunaga ist nicht nur für das Drehbuch und die Regie verantwortlich, sondern auch für die Kameraarbeit. Von Totalen des Dschungels, in denen der herumirrende Junge verloren wirkt, bis hin zu schnittlosen Verfolgung im Kriegsgeschehen, trägt die visuelle Umsetzung sehr zum packenden Filmerlebnis bei. Beasts of No Nation ist ein sehenswertes Kriegsdrama von großer, emotionaler Wucht, das aufgrund seiner Video-on-Demand-Auswertung vieles der Aufmerksamkeit einbüßte, die der Film verdient hätte.

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