Cinemathek

GRAND BUDAPEST HOTEL mit Saoirse Ronan | Film 2014 | Kritik

Zuletzt aktualisiert am 24. Dezember 2018 um 7:30

Er hat doch noch den Weg ins Bocholter Kinodrom gefunden: Nachdem ich enttäuscht feststellen musste, dass das neue Werk eines so namhaften Regisseurs wie Wes Anderson (Isle of Dogs) es nicht ins reguläre Kinoprogramm meiner Heimatstadt schafft (mit 80.000 Einwohner im westlichen Münsterland wohl zu klein?), war ich umso erfreuter, als das Ding gestern im Rahmen einer Sondervorstellung lief. Denn was auch immer ich über den Film Grand Budapest Hotel zu hören bekam, war stets mit dem Zusatz verbunden: »Kommt im Kino am besten zur Geltung!«

Schauspielerin Saoirse Ronan in dem Film »Grand Budapest Hotel«

Was für ein Kunstwerk!

Und so war’s dann auch: Wes Anderson bleibt seinen symmetrischen Bildkompositionen, seiner Detailliebe, seinen Kamerafahrten, seinem Tempo treu – und bietet in Grand Budapest Hotel einfach von allem etwas mehr: Mehr Story in mehr Zeitebenen mit mehr Stars an mehr Drehorten. Dabei verliert er nie die Kontrolle über sein hohes, buntes, munter wackelndes Gerüst – nein – er tobt sich darin aus!

Wes Andersons Faible für Symmetrie, zusammengefasst:

Zum Inhalt: Es war einmal, in der Republik Zubrowka, zwischen den Kriegen… Der Concierge Monsieur Gustave nimmt in seinem Grand Budapest Hotel den Flüchtlingsjungen Zéro unter seine Fittiche. Die folgenden Abenteuer des Mentors und seines Protegé bieten Stoff für ein ganzes Buch – das Jahre später von einer jungen Leserin aufgeschlagen wird.

Nach Grand Budapest Hotel torkelt man, ein bisschen blass vor Ehrfurcht, aus dem Kinosaal. Ein vermeintlich dreistündiges Epos ist in gefühlten 80 Minuten am Publikum vorbei gerauscht. Japp, das Zeitgefühl stellt dieser – tatsächlich 100 Minuten lange – Film völlig auf den Kopf.

In dem Moment, schon im letzten Akt von Grand Budapest Hotel, wenn Adrien Brody im Aufzug neben Saoirse Ronan (Am Strand, Lady Bird) steht, mit seiner rechten Hand vorsichtig ihr Päckchen aufreißt und man darunter den perfekt gewählten Ausschnitt vom Apfel in den Händen des Jünglings sieht, ist es mir deutlicher denn je ins Auge gestochen: Hier wird nichts, aber auch gar nichts, dem Zufall überlassen. Alles ist durchdacht und arrangiert, ein absolut perfektes, großes Kunstwerk! Lediglich die zahlreichen hochrangigen Schauspieler*innen – hoffe ich? – genießen in diesem streng durchkomponierten Stück ein bisschen Freiraum für Improvisation.

Kurz: 10/10 Punkte für einen einzigartigen Ritt, der absolut kunstvoll und doch irrsinnig unterhaltsam ist. Grand Budapest Hotel bietet einen Wirbelsturm an Story und ist dabei sehr schön anzusehen. Hut ab!

Grand Budapest Hotel als Holocaust-Film

Nachtrag: Was den Anteil weiblicher Figuren anbelangt, hat Grand Budapest Hotel den Bechdel Test übrigens nicht bestanden – es gibt zwar drei weibliche, Namen-tragende Charaktere, allerdings kommen sie nicht miteinander ins Gespräch. Im entsprechenden Forum gibt es eine rege Diskussion darüber, ob der Film chauvinistisch sei. Interessanter Beitrag einer Userin namens Alexandra, die das Werk in seiner Tiefenstruktur offenbar wesentlich besser verstanden hat als ich:

Die Kommentare, die Grand Budapest Hotel chauvinistisch nennen, sind sehr schlecht informiert. Dieser Film ist in keiner Weise abfällig gegenüber Frauen. Tatsächlich würde ich widersprechen, dass er das genaue Gegenteil ist. Anderson hat erklärt, dass Grand Budapest Hotel im Wesentlichen ein Holocaust-Film ist. Gustave, der bisexuell ist, vertritt die von den Nazis gefolterte LGBT-Community, Zéro Moustafa die Osteuropäer und Vilmos Kovacs die Juden. Alle diese Gruppen wurden wegen ihrer Sexualität, Religion und/oder ihres Erbes gefoltert, verfolgt und getötet. Die Leute in dem Film, die homophobe Beleidigungen verwenden, sind THE BAD GUYS (Dmitri Desgoffe zum Beispiel). […] Magst du Das Schweigen der Lämmer (1991) nicht, weil es einen frauenfeindlichen Mörder gibt? Nein, denn er ist der der Böse. Hier geht es um ein grundlegendes Verständnis von dem Konzept »Antagonist/Protagonist«. […] Jede*r, der/die denkt, dass dieser Film frauenfeindlich ist, versteht nicht wirklich, worum es geht, was äußerst enttäuschend ist, da ich Grand Budapest Hotel für einen sehr wichtigen Film halte.

Alexandra · übersetzt aus dem Englischen mithilfe des DeepL Translators

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.