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Mädchenbande | Film 2014 | Kritik: Zwischen Frohsinn und Stillsein

Zuletzt aktualisiert am 15. April 2019 um 8:49

Mädchenbande (auch Bande de filles, Girlhood) ist ein französisches Coming-of-Age-Drama, geschrieben und inszeniert von Céline Sciamma (Tomboy). Es handelt von einer Teenagerin, die ihren Platz in der Welt sucht, und dabei Freundschaften zu einer Mädchengang schließt. In den Hauptrollen zu sehen sind Karidja Touré (Back to Burgundy), Assa Sylla, Lindsay Karamoh, Mariétou Touré und Idrissa Diabaté. Am 15. Mai 2014 wurde Mädchenbande auf den Internationalen Filmfestspielen von Cannes uraufgeführt.

Score vom Bleiben
Beitragsbild zum Film »Mädchenbande«

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Mariemes Mädchenbande

Die 16-jährige Marieme (Karidja Touré) wohnt mit ihren kleinen Geschwistern, ihrem älteren Bruder und ihrer Mutter in einem Hochhaus am Rande von Paris. Gerade hat die schüchterne Teenagerin erfahren, dass sie den Sprung an die weiterführende Schule nicht schafft, da macht sie Bekanntschaft mit einer Mädchengang. Lady (Assa Sylla), Fily (Mariétou Touré) und Adiatou (Lindsay Karamoh) nehmen sie mit auf ihre Streifzüge. Sie tragen Lederjacken, Goldschmuck und glattes Haar. Fortan geht Marieme mit Klappmesser aus dem Haus, raubt Mitschülerinnen aus, prügelt sich und klaut Kleider für Hotelzimmer-Sausen, bei denen sie mit ihren Mädels zu Diamonds von Rihanna tanzt. Außerdem hat Marieme ein Auge auf Ismael (Idrisse Diabaté) geworfen, einen Freund ihres Bruders.

Hier die »Rihanna-Szene« aus Mädchenbande, für viele YouTube-Userinnen die Lieblingsszene dieses Films – und auch für die Regisseurin das »Herzstück« ihres Werks:

Kapitel einer Jugend

Mädchenbande ist unterteilt in vier Kapitel, die von langen, musikalisch untermalten Schwarzblenden unterlegt sind. Dadurch bekommt der Film einen episodischen Charakter: Ausschnitte einer Jugend, in denen die Hauptfigur sich in verschiedenen Rollen ausprobiert – als schüchterne Schülerin, als cooles Bandenmitglied, als aufgetakelte Kurier-Lady für einen Kriminellen und schließlich als sie selbst. Die Newcomerin Karidja Touré (*1994) überzeugte so sehr, dass sie mit dem »Most Promising Actress César Award« ausgezeichnet wurde. Wie die anderen Mädchen in diesem Film war Touré zuvor keine Schauspielerin, sondern wurde von den Caster*innen »entdeckt«.

Wenn es ein Mädchen im Teenager-Alter in deinem Leben gibt – egal welcher Rasse, ob Schwester, Cousin, Tochter, Freundin, wer auch immer –, dann wäre es klug, ihr diesen Film zu zeigen. Wenn es in deinem Leben ein schwarzes Teenager-Mädchen gibt? Es wäre irre, grenzwertig, fahrlässig, ihr diesen Film nicht zu zeigen. Es ist selten, dass ich das Wort benutze, aber Girlhood ist ein wichtiges Kunstwerk.

Barry Jenkins (Regisseur von Moonlight) zitiert nach The Female Gaze

Randnotiz: Dass Céline Sciammas Film international den Titel Girlhood trägt, passend zu Richard Linklaters Film Boyhood (ebenfalls 2014 erschienen) ist Zufall. »Ich habe den Titel Girlhood gewählt, ohne zu wissen, dass es Boyhood gab, aber ich war so froh«, erzählt Sciamma im Interview mit Independent, »ich denke, die Filme haben einen starken Dialog. Sie spiegeln sich gegenseitig und es ist wirklich interessant, einen Blick darauf zu werfen.«

Gewalt adaptieren

Vom Auftakt bis zur grandiosen Schlusseinstellung enthält Mädchenbande etliche herausragende Einzelszenen, die zusammengenommen einen starken Gesamteindruck hinterlassen. Zu Beginn zeigt Sciamma eine Partie American Football, ausgetragen von Teenagerinnen. Sie gehen alles andere als sanft miteinander um, wie es sich für den Sport gehört, doch danach liegen sie einander feiernd in den Armen. Die lautstarke, gesellige Freude der Mädchen hält den Heimweg über an, bis sie sich den Hochhäusern nähern. Kaum geraten die Silhouetten von herumlungernden Jungs und Männern in Sicht, schlägt der Frohsinn in Schweigen um und die Mädchengruppe löst sich leise auf. Zeit, sich nach Hause zu verdrücken.

Das ist die Welt von Mädchenbande, in welcher der Platz einer Frau von der Gesellschaft diktiert wird und sie ihren einzigen Trost mit Gleichgesinnten findet.

Alicia Malone, in: The Female Gaze (2018)

Väter und Brüder treten hier als Gefährder und Gewalttäter auf, die ihren Töchtern die Haare abschneiden und ihre Schwestern würgen. Das ist kein großes Thema des Films, sondern schlicht der Alltag seiner Protagonistinnen. Sie adaptieren das gewaltsame Verhalten, indem sie Faustkämpfe austragen, vor einem jubelnden, filmenden Publikum. Und auch wenn es um die Hierarchie in der eigenen Gang – ihrer Ersatzfamilie – geht, färbt die gesellschaftliche Prägung doch deutlich auf die Mädchen ab: Marieme beginnt ganz unten und muss auch unter Gleichgesinnten um Anerkennung kämpfen.

Fazit zu Mädchenbande

Der dritte Film von Céline Sciamma fügt sich nahtlos in ihr Œuvre ein. Wie in Water Lilies (2007) und Tomboy (2011) erzählt die Autorin und Regisseurin hier vom Heranwachsen und weiblicher Identitätsfindung. Dabei soll Mädchenbande kein Sozialdrama sein. Maßgebliches und klar dargestelltes Thema des Films ist die Selbstsuche seiner Hauptfigur, deren Charakterzeichnung behutsam voranschreitet. Die Kamera ist dokumentarisch nah dran am Geschehen, meist einfach eine interessierte Zuschauerin, die ihre Protagonistinnen kommentarlos in deren Umfeld beobachtet – zu häufigem, doch passendem Einsatz von Musik.

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