Cinemathek

Personal Shopper · mit Kristen Stewart | Film 2016 | Kritik

Der Spielfilm Personal Shopper von Olivier Assayas (Zwischen den Zeilen) ist eine interessante Genre-Mischung aus Drama, Mystery und Psycho-Thriller. In der Hauptrolle ist Kristen Stewart zu sehen, als junge Amerikanerin, die für ein berühmtes Model in Paris als »personal shopper« arbeitet. Außerdem mit dabei: der deutsche Schauspieler Lars Eidinger. Personal Shopper war 2016 in Cannes für die Goldene Palme nominiert und bescherte Olivier Assayas den Best Director Award. Kristen Steward wurde wiederum beim Oaxaca FilmFest als Best Actress ausgezeichnet. Ihre Performance ist das Highlight dieses in vieler Hinsicht sehenswerten Werks, das am 14. Dezember 2016 in Frankreich erschien.

Score vom Bleiben
Beitragsbild zur Filmkritik »Personal Shopper«

Im Beisein des Geistes

Maureen (Kristen Stewart) arbeitet als »personal shopper« für das Topmodel Kyra. Dafür düst Maureen mit ihrem Roller durch die Straßen von Paris, von einer Edel-Boutique zur nächsten. Sie darf Schmuck und schöne Kleider für Kyra aussuchen, aber nicht anprobieren. Während ihrer Zeit in Paris verbringt Maureen eine Nacht in dem Haus ihres kürzlich verstorbenen Zwillingsbruders Lewis – um Kontakt zu dessen Geist aufzunehmen. Wenig später bekommt sie SMS von einer anonymen Person.

Ein Mensch zu sein wird auch dadurch definiert, dass wir uns irgendwo in der Mitte zwischen der realen und unserer inneren Welt, unseren Fantasien, befinden. In der echten Welt gibt es Dinge, die in unserer Nähe sind, die wir verstehen, und dann gibt es Dinge, die sehr weit weg sind, die wir kaum verstehen, die mysteriös bleiben.

Olivier Assayas im Interview (Deutschlandfunk Kultur)

Im Schatten der Schönen und Reichen

Es beginnt wie Eric Rohmers Pauline am Strand – mit dem Öffnen eines Tores, um das Auto in die Einfahrt zu lassen. Doch von der wortreichen Leichtigkeit in Rohmers sommerlicher Komödie findet sich in Personal Shopper keine Spur. Es geht um Trauer und Spiritualität, vereint in der Figur Maureens, der Kristen Stewart eine beeindruckende Präsenz verleiht. Wie schon in Zwischen den Zeilen (über das Verlagswesen, aber eigentlich Beziehungen in Zeiten der Digitalisierung) bildet auch in Personal Shopper das titelgebende Motiv vom stellvertretenden Einkaufen für die Schönen und Reichen nur den Hintergrund für das eigentliche Thema – Einsamkeit in Zeiten der Digitalisierung.

Die Kamera folgt Kristen Steward in Personal Shopper behutsam durch Alltag und Lebenswelt ihrer entfremdeten Figur. Sie findet ihren Job ätzend, ihre Chefin (das Model Kyra) sowieso. Sie hat kaum Kontakt zu ihrem Freund und überhaupt kaum Freund*innen, sondern lässt sich stattdessen aggressiv-neugierig auf einen anonymen Chat ein. Das Handy ist ihr ständiger Begleiter und Haupt-Informationsquelle – etwa, wenn sie mehr über Hilma af Klint erfahren will, eine abstrakte Malerin, die sich vom Okkultismus inspirieren ließ. Zunächst schleichend, dann schlagartig driftet der Film dabei ins Mysteriöse ab. Gibt es Geister? Und wenn ja, meinen sie es gut mit uns, oder haben sie böses im Sinn?

Erklärung zum Ende von Personal Shopper

Vorsicht, Spoiler! Wenn du den Film noch sehen möchtest, springe direkt zum Fazit.

Gen Ende des Films Personal Shopper trifft Maureen den neuen Partner der Freundin ihres verstorbenen Bruders. Die beiden unterhalten sich im Garten, bis er schließlich aufbricht. Maureen starrt in die Ferne und wir sehen hinter ihr, im Fenster, eine Gestalt mit einem Glas in der Hand. Sie bewegt sich entlang der Fenster-Fassade, verschwindet hinter dem Rahmen – und in der offenen Tür zum Garten taucht nur noch das Glas auf, in der Höhe schwebend, in der es zuvor die Gestalt gehalten hat.

Das Glas fällt zu Boden und zerspringt in Scherben. Maureen vermutet, dass ihr Gesprächspartner von vorhin das Glas hat stehenlassen, zu nahe an der Tischkante – und dass es deshalb gefallen ist. Wenn diese Gestalt also der Geist von Maureens Bruder Lewis war und dieser versucht hat, mit seiner Schwester zu kommunizieren, dann ist der Versuch gescheitert.

Danach sehen wir, dass Maureen in den Oman reist. Dort eingetroffen, scheint einmal mehr ein Geist mit einem Glas auf sich aufmerksam machen zu wollen. Dieses Mal sieht Maureen das Glas schweben, fallen und zerbrechen. Sie fragt in den leeren Raum: »Bist du es, Lewis?« Ein Klopfen ertönt. »Bist du in Frieden?« Kein Klopfen. »Hast du Böses im Sinn?« Eine Art Klopfen? Schwer zu sagen. »Kommt das alles nur von mir?«, fragt Maureen zuletzt – und wieder klopft es. Ende.

Personal Ending

Eine ausführliche Besprechung zum Ende von Personal Shopper mit etlichen Fan-Theorien (Maureen ist verrückt, traumatisiert, selbst tot, etc.) findet sich in englischer Sprache auf THiNC. Als Favorit wird da die Theorie genannt, dass Maureen im Hotel gestorben ist – also von Ingo ermordet wurde. Doch diese Theorie geht mit Blick auf die Details nicht auf. Stattdessen scheint es sich eher um böswillige Geister zu handeln, die mit Maureen herumspielen, weil diese sich angemaßt hat, mit der Geisterwelt Kontakt aufnehmen zu wollen. Maureen ist verletzlich und empfänglich für die bösen Spielereien der Geister. Dieses »ending« findet THiNC-Autor Taylor Holmes persönlich am naheliegendsten.

Fazit zu Personal Shopper

Was für ein wundervoller Film! Mit Leichtigkeit nimmt uns Kristen Stewart für ihre Figur ein und zeigt uns die seltsame Berufswelt eines »personal shoppers«. Assayas fügt dieser Kulisse geschickt Atmosphäre und Thrill hinzu. Das Gesamtwerk ist reich an Spannung und Bedeutungsebenen, weiß zu überraschen und wirft Rätsel auf – ein schlicht und ruhig erzähltes und doch intensives Seherlebnis!

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