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How to Sell Drugs Online (Fast) | Serie 2019 | Kritik

Wenn Google nicht lange im Voraus wüsste, woher unsere Such-Gewohnheiten rühren, könnte die Suchmaschine hierzulande eine gesteigertes Interesse an (schnellem) Drogenverkauf vermuten. Aber natürlich würden nur Idioten sowas wie How to Sell Drugs Online (Fast) als ernsthafte Suchanfrage ins Clear Web trompeten. Stattdessen handelt es sich bei der flotten Zeile um den Titel einer sechsteiligen Mini-Serie, die am 31. Mai 2019 auf Netflix erschienen ist. Die Folgen dauern durchschnittlich je eine halbe Stunde – also etwa 10 Minuten länger, als MDMA braucht, um in deinem Hirn die Party zu starten. Dieses und weiteres Drogen-Wissen vermittelt die angeblich »Coming-of-Age«-Comedy der Kölner bildundtonfabrik.

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Beitragsbild zur Serienkritik »How to Sell Drugs Online (Fast)«

Heute Nerd, morgen noch immer

How to Sell Drugs Online (Fast) erzählt die Leidensgeschichte von Moritz Zimmermann (Maximilian Mundt). Der blasse Lockenkopf erwartet sehnlichst die Rückkehr seiner Freundin Lisa (Lena Klenke). Die hat sich im US-Auslandsjahr jedoch neu erfunden und findet den missmutigen Loser mit den herabhängenden Mundwinkeln plötzlich gar nicht mehr so cool 😫. Da kommt ihr der waschbrettbäuchige Sunnyboy Dan (Damian Hardung) gerade recht – und schnappt Moritz vor dessen Augen das Mädchen weg. Als Köder scheint dabei Ecstasy (aka MDMA) eine gewisse Rolle zu spielen. Kein Problem, denkt sich Moritz: Das kann ich auch. Kurzerhand steigt er mit seinem besten Kumpel – und Quasi-Lebenspartner – ins Drogengeschäft ein. Das tatsächlich nicht die Dealer diejenigen mit den Ködern sind, sondern die Polizei die Angelrute halten, das ist noch so ein fun fact, den wir im Laufe dieser Serie lernen.

Trailer zu How to Sell Drugs Online (Fast)

Teen startup. True story.

Wie die besten unglaublichen Geschichten basiert – believe me if you can – auch How to Sell Drugs Online (Fast) auf wahren Begebenheiten, die sich von Leipzig ausgehend global zugetragen haben. Die ganze Story kannst du dir hier von Vice erzählen lassen: Aufstieg und Fall eines 20-jährigen Online-Dealers. Doch warum spoilern lassen, wenn die Kölner bildundtonfabrik (btf) den Stoff so viel wirkungsvoller aufbereitet? Künstlerisch freiheitlich interpretiert, versteht sich (angefangen bei einem fiktiven Handlungsort – Rinseln statt Leipzig).

Die Prämisse ist großartig, aber die Originalgeschichte allein ist zu wenig für eine Serie. Wir haben dann also den Internet-Kinderzimmer-Drogenhandel als Basis genommen und eine ganz neue und eigenständige Geschichte entwickelt.

Philipp Käßbohrer im DWDL-Interview

In die Hauptrolle des drogenhandelnden »Masterminds« schlüpft dafür der Hamburger Schauspieler Maximilian Mundt – geboren 1996, aber glaubwürdige 17 Jahre alt, wenn er vor der Kamera den Moritz gibt (na ja, ein YouTube-Kommentar dazu: »17 years old«. LOOKS LIKE HE LIVED 3 TIMES). Anyway, als Mitglied der Generation Z stellt Moritz zum Auftakt der Serie zynisch fest:

Jeder von uns hat das gesamte Wissen der Menschheit in der Hosentasche, könnte mit einem Klick berühmt werden, von seinem Kinderzimmer aus die Welt verändern – unbegrenzte technologische Möglichkeiten. Und was machen wir damit? Face Swap.

Du bist so jung wie du dich – nein.

Wenn du nicht weißt, was Face Swap ist, dann gehörst du nicht dazu, zur Gen Z 🤦‍♀️ – und das ist okay. Als inzwischen selbst abgehängter Möchtegern-Medienkenner (*1989) hat mir die Miniserie How to Sell Drugs Online (Fast) in ihren rund drei Stunden Gesamtlaufzeit eindrucksvoll vor Augen geführt, wir sehr ich von vorgestern bin. Aber hey, ich hatte trotzdem meinen Spaß! Doch was ist schon eine einzelne Meinung?

So fern […] schien der Mainstream in deutschen Serien nie und so nah kam eine deutsche Serie der Lebens- und Gedankenwelt der Generation Z ebenfalls noch nie.

Mark Heywinkel

Gen Z sagt: mega, mehr, so schnell wie möglich.

Bäm!, biddeschön, hier die zweite Meinung eines weiteren Ü30-Kritikers, der sich geht-so-entschlossen ist, ob er das Gesehene überhaupt beurteilen kann (sein Gesamturteil – auf ze.tt nachzulesen – fällt übrigens etwas kritischer aus als das aus dem Kontext gerissene Zitat vermuten lässt 😬). Aber was sagt Gen Z höchstselbst? Siehe HTSDOF auf Insta:

Gerade die 1. Staffel am Stück geguckt. Wahrscheinlich eine der besten Serien die ich je geguckt habe (außer Spongebob 😏🤣) hoffe mega auf weitere Staffeln

Wir brauchen unbedingt mehr staffeln😍

Die Serie ist wie eine Droge für mich, ich brauche es 💊 bitte Bringt Staffel 2 so schnell wie möglich raus 💊💚

How to Sell Drugs Online (Fast) trifft Ton und Nerv

Der Vibe in etwaigen Kommentar-Spalten zeigt: Bis dato passt das mit dem Feedback der Zielgruppe. Geschrieben wurde die Serie How to Sell Drugs Online (Fast) übrigens von btf-Brain Philipp Käßbohrer, Kroymann-Autor Sebastian Colley (80er-Kids) und dem ehemaligen Neo-Royale-Autor Stefan Titze (Mitte-90er-Küken) – drei Herren, die sich offenbar darauf verstehen, in Kopf und Schreibe jung zu bleiben. Nice. 😎

Fun Fact: Die beiden Showrunner der Serie, Philipp Käßbohrer und Matthias Murmann, haben in Folge 5, Minute 3 ein kleines Cameo als schnarchende Mitfahrer.

Auf Dialogebene trifft How to Sell Drugs Online (Fast) den richtigen Ton – und visuell den Nerv unserer Zeit. Das beginnt beim Logo, das an die Kurzfilm-Anthologie Love, Death & Robots (2019) erinnert, setzt sich im stylischen Intro fort (kurz, knackig, knallbunt) und findet in jeder Folge erneut Ausdruck in flotten Schnittcollagen und schick eingeflochtenen Screens und Interfaces, wann immer digital kommuniziert wird (oft). Das erinnert an die deutsche Webserie Wishlist – und tatsächlich waren dieselben VFX-Geeks aus der Wuppertaler Produktionsfirma Outside the Club auch an diesem Projekt beteiligt. Oh, und apropos fette Effekte: Ab sofort wird Deutschland nicht nur für die Game-of-Thrones-Drachen gefeiert, sondern auch für den How-to-Sell-Drugs-Igel – in seinem allzu kurzen, GoT-mäßig heftigen Auftritt. 🦔 Hedgedog out.

Merke: How to Sell Drugs Online (Fast) spielt in einer Welt, in der es nur zwei Arten von Tieren gibt: Nutztiere und Schädlinge. Und Schädlinge, die nerven einfach nur rum.

Fazit zu How to Sell Drugs Online (Fast)

Ein talentierter Cast (vielversprechende Newcomer und alte Hasen wie Bjarne Mädel – in Topform!), ein treibender Score (von Konstantin Gropper aka Get Well Soon) und eine technische Umsetzung, die sich sehen lassen kann. Das alles macht How to Sell Drugs Online (Fast) zu einem ziemlich starken Trip. Es gibt jede Menge cooler Bild-Ideen, wie eine Disco-Kugel, die zum Glitzer-Schädel mutiert, oder ganz schlicht: eine Kaminflamme, die in die vorsichtige Annäherung zwischen Moritz und Lisa reinknistert. 🥰

Ganz nebenbei wird Tschechows Gesetz neubestimmt (wenn du aufwändigst eine 3D-Druck-Pistole zusammenbaust, dann gehört sie auch abgefeuert!) und Ethik auf den Tisch gepackt: »Nur weil irgendwann mal jemand gesagt hat, was richtig und was falsch ist, heißt das nicht, dass wir es nicht hinterfragen dürfen.« Meta-mäßig wie die Serie von Szene 1 an ist, haben die Serienmacher genau das auch auf Produktionsebene getan: Konventionen hinterfragt (mehr dazu im DWDL-Interview).

Kurzum: How to Sell Drugs Online (Fast) ist geist- und lehrreich und witzig zugleich, sieht super aus und macht Lust auf mehr.

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