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Wildling · mit Bel Powley | Film 2018 | Kritik: Düsterer Kreaturen-Krimi

Zuletzt aktualisiert am 7. Mai 2019 um 8:15

Am 10. März 2018 wurde der Film Wildling auf dem South by Southwest Film Festival in Texas uraufgeführt. Es handelt sich um das Spielfilm-Regiedebüt des deutschen Filmemachers Fritz Böhm (*1980 in Berlin). Die Hauptrollen in dem Fantasy-Horrorfilm spielen Bel Powley (White Boy Rick), Brad Dourif und Liv Tyler (Der Herr der Ringe). Erzählt werde soll die Geschichte einer »missverstandenen Kreatur« – doch für diese Mitgefühl zu wecken, gelingt dem Werk nur mäßig.

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Beitragsbild zur Filmkritik »Wildling«

Das Mädchen Anna (Bel Powley) wächst in einem geschlossenen Raum zur jungen Frau heran. Das Fenster mit Blick auf den Wald ist vergittert, der Knauf der verriegelten Tür steht unter Strom. Der einzige Kontakt zur Außenwelt ist ihr »Daddy« (Brad Dourif), der ihr versichert: All die Vorkehrungen dienen Annas Sicherheit – denn da draußen treibe sich ein Wildling herum, der alle anderen Kinder aufgefressen habe. Als Annas Gefangenschaft ein jähes Ende findet, nimmt sich Sheriff Ellen Cooper (Liv Tyler) der verstörten Frau an.

Der Wald ist nie ganz fern

Regisseur Fritz Böhm hat bei etlichen Filmen (Tage, die bleiben, Exit Marrakesch uvm.) die Post-Produktion mit begleitet und hat dadurch einiges an Erfahrung im VFX-Department angesammelt. Das sieht man seinem Regie-Debüt auch an. Mit den Bildern von Kameramann Toby Oliver (Get Out) wird unter Zuhilfenahme von Set Extensions und anderen Computer-Effekten eine dicht-düstere Dickicht-Atmosphäre heraufbeschworen. Der Wald ist in diesem Film nie ganz fern – und wird gen Ende zum zentralen Handlungsort. Für ein Erstlingswerk ist Wildling damit außergewöhnlich aufwändig gemacht. Ein märchenhafter Monsterfilm, der Crime und Mystery gekonnt miteinander verwickelt.

Der Auftakt ist realistisch gehalten, wie Lenny Abrahamsons thematisch ähnliches Drama Raum (2015). Doch ab der Partyszene gen Filmmitte offenbart Wildling sein Wesen als Fantasy-Horror par excellence. Er ist nie so abgedreht wie etwa das Meerfrauen-Musical The Lure (2015) und dennoch unberechenbar genug, dass Tode à la Apocalypto (2006) und Werwolf-Reminiszenzen Einzug finden. Passt das alles zusammen? Einerseits ja, als schaurig-schräges Genre-Kino (wenn man denn weiß, mit welchem Genre man es zu tun hat), andererseits nein. Bel Powley, die Verstörung und Widerwillen, Wut und Angst im Zuge einer grotesken Verwandlung fantastisch darstellt, funktioniert gen Ende kaum mehr als die »missverstandene Kreatur«, die Böhm nach eigenen Angaben erschaffen wollte. Dazu fehlt es an Momenten der »Verständigung« zwischen den Menschen und Anna, die zudem selbst nicht weiß, wie ihr geschieht.

Der Film lässt sich auch als Metapher lesen, auf das Heranwachsen, das Frau-Werden unter ängstlichen Männern (siehe dazu: Meredith Borders‘ Slashfilm-Review · auf Englisch). Insofern ist Wildling ein gelungenes Genre-Stück, das Spielraum für Deutungen lässt.

Fazit zu Wildling

Eine Schauspielgröße wie Liv Taylor kommt in ihren Szenen nicht dazu, ihr Potential voll auszuspielen, und auch die Figur ihres Sohnes (gespielt von Collin Kelly-Sordelet) bleibt schablonenhaft – was die Annäherung zwischen ihm und Anna etwas hölzern, zuweilen unglaubwürdig macht. Die Effekte sind beeindruckend und hinterlassen doch den Eindruck, dass weniger mehr gewesen wäre – es gibt zum Beispiel einen Sprung ins Wasser, bei dem die visuellen Effekte eher negativ auffallen. Alles in allem ein ambitionierter Film, der Genre-Fans gefallen könnte.

Wenn im Abspann schließlich Linda Perry den Song Wildling singt – über »the prettiest thing I’ve ever seen« – denk ich mir, bei aller Liebe für diese faszinierende Kreatur, ist »hübsch« nicht wirklich das Merkmal, um das sie besungen werden muss.

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