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Eadweard Muybridge & Animal Locomation | Vorgeschichte des Films

Zuletzt aktualisiert am 18. April 2019 um 9:37

Wir bezeichnen Filme im Englischen als »movies«, eine Abkürzung für »moving images/pictures«, also bewegte Bilder. Dabei sind es nie die Bilder, die sich bewegen, sondern stets unsere Augen, die Bewegung sehen – wenn Reihen ähnlicher Bilder sie gut genug vortäuschen. Mit solchen Bilderreihen experimentierten schaulustige und schöpferische Menschen schon seit geraumer Zeit, ehe dem Fotografen Eadweard Muybridge im Jahr 1872 der Durchbruch gelang, mit einem Pferd namens Sallie. Im Folgenden soll die Vorgeschichte des Films gehen – und um das Werk Sallie Gardner at a Gallop, auch bekannt als The Horse in Motion.

Hinweis: Bei Sallie Gardner at a Gallop (1878) von Eadweard Muybridge handelt es sich noch um den Vorläufer des Films. Als das erste richtige Bewegtbild im Sinne von »movie« gilt die Roundhay Garden Scene (1888).

Beitragsbild zum Blogbeitrag »Eadweard Muybridge: Sallie Gardner & Animal locomotion«

Die Illusion von Bewegung

Die Anfänge liegen wie so oft im Dunkeln – selbst die der Lichtspiele. Über die Schattenspiele prähistorischer Vorfahren können wir heute nur mutmaßen. Ebenso, ob die Bildsequenzen auf antiken Vasen bereits »in Bewegung« gedacht oder betrachtet wurden, lange vor Eadweard Muybridge. Hier ein (englischsprachiger) Artikel des Animation Magazine über die älteste Animation der Welt, die auf einer über 5.000 Jahre alten Vase im Iran entdeckt wurde. In dem (ebenfalls englischsprachigen) Buch The Oxford Handbook of Chinese Cinemas (2019) kann man nachlesen, dass auch die Chines*innen schon von vor Jahrtausenden an Lichtspielen tüftelten. Die Geschichte der frühen Erfahrungen und Erfindungen mit bewegten Bildern ist, gelinde gesagt, unübersichtlich.

Die Laterna magica, die Bilder auf eine Leinwand werfen konnte, stammt aus dem 17. Jahrhundert und wurde schon 1850 für die Verwendung von Fotografien eingerichtet. Die Herstellung einer Illusion von Bewegung gelang in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts durch die sog. Wunderscheiben und das 1834 durch William Horner patentierte Zoetrop, dessen Vorläufer bis in das Altertum zurückreichen.

James Monaco, in: Film verstehen (2009), S. 75

In der Broschüre Von der Camera Obscura zum Film geht es um die Vorgeschichte des Films anhand von Objekten aus der Sammlung von Prof. Werner Nekes.

Warum Eadweard Muybridge?

Warum beginnen wir die Vorgeschichte des Films hier also ausgerechnet mit Eadweard Muybridge? Gewiss, wir hätten ebenso gut Étienne-Jules Marey nehmen können. Nicht selten werden diese beiden Pioniere in einem Satz genannt, siehe nochmals James Monacos Standardwerk Film verstehen:

In den 1870er Jahren begannen Eadweard Muybridge in Kalifornien und Étienne-Jules Marey in Frankreich, mit der fotografischen Aufzeichnung von Bewegungen zu experimentieren.

james monaco, s. 75

Marey war es sogar, der Muybridge indirekt inspirierte – allerdings mit einem Buch, das Marey schrieb, worauf Muybridge die Bewegtbilder schuf, um die es hier geht.

Geboren am 9. April 1830 als Edward James Muggeridge änderte der junge Mann im Alter von 21 Jahren erstmals seinen Namen zu »Eadweard«. Wohl in Anlehnung an einen gleichnamigen König, der in seinem Geburtsort Kingston einst gekrönt wurde. Diesen Ort verließ Eadweard jedoch schon kurze Zeit später, 1952, um nach Amerika auszuwandern – ein Amerika, dessen Westen noch kaum erschlossen war.

Wer war Eadweard Muybridge?

Eadweard Muybridge ließ sich in San Francisco nieder, damals noch eine junge Metropole, die erst seit 1846 und dem Ende des Mexikanisch-Amerikanischen Krieges zur USA gehörte. Es war die Zeit des Goldrausches. Allein 1848 hatte sich die Bevölkerungszahl der Stadt von 600 auf über 20.000 (!) Einwohner*innen vervielfacht. Unter ihnen verkaufte Eadweard nun Bücher, bis er den Buchladen 1860 an seinen Bruder Thomas überschrieb und die Stadt verließ. In diesem Jahr ereignete sich ein heftiger Kutschenunfall, bei dem Eadweard eine Kopfverletzung erlitt (die sein Anwalt viele Jahre später anführte, um seinen Klienten als »unzurechnungsfähig« zu erklären – als Muybridge wegen eines Rache-Mordes vor Gericht saß, aber das ist eine andere Geschichte, mehr dazu im englischsprachigen Buch The Inventor and the Tycoon).

Apropos Buch: Hier einige Empfehlungen zu Bildbänden mit Eadweard Muybridges Fotografien (Partnerlinks, erfahre mehr dazu).

Was tat Eadweard Muybridge?

Überspringen wir mal – im Galopp – die »verlorenen Jahre« zwischen Muybridges Unfall und dem Beginn seiner neuen Karriere. Als er 1866 nach San Francisco zurückkehrte, begann Muybridge mit einem alten Freund namens Silas Selleck zu arbeiten, der bereits in der Fotografie-Branche tätig war. Es sei wahrscheinlich, dass Muybridge durch Selleck schon früher, in den 180er Jahren, mit der Fotografie in Kontakt gekommen war – schreibt Arthur P. Shimamura in einem lesenswerten Artikel über das Leben Muybridges (Englisch). Inspiriert wurde der aufstrebende Pionier seiner neuen Profession mutmaßlich von Vorbildern wie der Fotografin Julia Margaret Cameron (1815-1879).

Seine ersten Fotografien schoss Eadweard Muybridge im Yosemite Valley, dem Zentraltal des heutigen Yosemite-Nationalparks (siehe dazu: die Doku Durch die Wand). Doch berühmt ist Muybridge heute vor allem wegen jener fotografischen Werke, in denen er mit dem Einfangen von Bewegungen experimentierte. Insbesondere: Sallie Gardner at a Gallop und das Mammut-Projekt Animal locomotion (siehe auch: die Galerie auf artsy.net).

Sally Gardner at a Gallop (1878)

Sallie Gardner at a Gallop (oder: The Horse in Motion) ist eine Serie von Fotografien, die ein galoppierendes Pferd zeigen – entstanden im Rahmen eines Experiments von Eadweard Muybridge am 15. Juni 1878. Die Serie enthält 24 Einzelbilder, die damals in einer Vorrichtung namens »Zoopraxiskop« betrachtet werden konnten. Das Experiment sollte die Frage beantworten, ob ein Pferd im Galopp je alle vier Füße gleichzeitig vom Boden löste. Und siehe da: Ja! Sallie Gardner hieß übrigens die Stute, die in dieser Bilder-Serie zu sehen ist:

Im späteren Verlauf seiner Karriere arbeitete Eadweard Muybridge an Fotoserien, die unter dem Titel Animal locomotion veröffentlicht wurden. Sie zeigten sowohl Tiere als auch Menschen in arttypischen bzw. alltäglichen Bewegungen – Bewegungen, die sichtbar gemacht werden, wenn man die Einzelbilder schnell hintereinander schneidet. Hier einige Eindrücke aus diesen bemerkenswerten Vorläufern der Filmgeschichte:

Animal locomotion (1887)

Animal locomotion. Plate 1, Walking (mehr dazu in der Online-Bibliothek Digital Commonweath)

Animal locomotion. Plate 2, Walking

Animal locomotion. Plate 137, Descending Steps

Animal locomotion. Plate 187, Dancing

Animal locomotion. Plate 189, Dancing

Animal locomotion. Plate 541, Multiple cerebro-spinal sclerosis

Auf das Folgejahr der ersten Fotografien aus der Serie Animal locomotion von Eadweard Muybridge lässt sich dann der Beginn der Filmgeschichte datieren. Denn 1888 entstand die berühmte Roundhay Garden Scene. Mehr dazu im nächsten Blogbeitrag.

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