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Platons Höhlengleichnis · einfach erklärt + PDF | Philosophie

Zuletzt aktualisiert am 18. April 2019 um 10:17

Platons Höhle, Schatten an Felswänden und angekettete Menschen – das berühmteste Gleichnis der Philosophie ist ein grausig Schönes. Seit seiner Entstehung im antiken Griechenland vor rund 2.500 Jahren hat es bis heute nichts an seiner Relevanz und Wirkungskraft verloren. Schauen wir uns Platons Höhlengleichnis näher an! Ein kleiner Ausflug in die theoretische Philosophie.

Vorweg eine Frage an dich: Was führt dich her? In welchem Zusammenhang interessiert dich Platons Höhlengleichnis – und nach welchen Antworten suchst du? Mit einem kurzen Kommentar dazu würdest du mir sehr helfen, diesen Beitrag zielführender zu gestalten. Danke dafür 🤗 David

Beitragsbild zu »Platons Höhlengleichnis«

Führe uns ans Licht, Sokrates!

Platons Höhlengleichnis · einfach erklärt, in aller Kürze: Platon war ein Philosoph. Er hat das Höhlengleichnis aufgeschrieben. Das ist eine Art Geschichte, die geht so: Die Menschen sitzen in einer Höhle. Sie sind so gefesselt, dass ihre Blicke nur in eine Richtung gehen – zu einer Wand, an der Schatten zu sehen sind. Es sind die Schatten von Dingen, die am Licht vorbeigetragen werden. Dieses Licht ist hinter den Menschen. Die Menschen halten die Schatten an der Wand für die Wirklichkeit. Sie kennen ja nichts Anderes als diese Schatten. Erst wenn sich ein Mensch aus der Höhle befreit, kann er zum Licht hingehen und die wirklichen Dinge sehen. Aber die anderen, gefesselten Menschen werden dem Befreiten nicht glauben, wenn er zurückkommt und von den wirklichen Dingen erzählt – weil sie ihn nur als einen der Schatten an der Wand sehen. Die Moral von der Geschicht‘: Die Wirklichkeit, die siehst du nicht (es sei denn, du befreist dich aus den Fesseln)

Höhlengleichnis zwecks Verständnis

Wozu braucht man ein Gleichnis? Ein Gleichnis stellt einen Vergleich her, um ein besseres Verständnis zu gewinnen. In diesem Fall geht es um ein besseres Verständnis von der sogenannten Ideenlehre. Um diese anschaulicher zu erklären, wählt Platon den Kunstgriff des Gleichnisses, indem er uns eine Geschichte erzählt.

Wir finden Platons Höhlengleichnis im 7. Kapitel seines Werks Politeia. Der Titel wird oft übersetzt als »der Staat«, was missverstanden werden kann. Die »Polis« (von der sich der Titel Politeia ableitet) ist die Stadt, oder der Personenverband, der die Bürgergemeinde einer solchen Stadt bildete. Eine Stadt wie Athen in der Antike etwa, auch »Stadtstaat« genannt, aber mit einem Staat wie Deutschland in der Gegenwart nicht zu vergleichen. Der perfekte Staat, den Platon beschreibt, unterscheidet sich sehr von unserem Land. Zum Beispiel, indem er nicht von einer Politikerin angeführt wird, sondern von einem Philosophen. Und zwar einem, der die Idee des Guten erkannt hat.

Hier unser Blogbeitrag über Platons Ideenlehre.

Eine Höhle in einer Felswand, dazu der Text: Platons Höhlengleichnis

Höhlengleichnis via Buch, PDF & Web

Kleine Leseprobe – so beginnt Platons Höhlengleichnis im Original, nach der Übersetzung von Friedrich Schleiermacher:

Nächstdem, sprach ich, vergleiche dir unsere Natur in bezug auf Bildung und Unbildung folgendem Zustande. Sieh nämlich Menschen wie in einer unterirdischen, höhlenartigen Wohnung, die einen gegen das Licht geöffneten Zugang längs der ganzen Höhle hat. In dieser seien sie von Kindheit an gefesselt an Hals und Schenkeln, so daß sie auf demselben Fleck bleiben und auch nur nach vorne hin sehen, den Kopf aber herumzudrehen der Fessel wegen nicht vermögend sind. Licht aber haben sie von einem Feuer, welches von oben und von ferne her hinter ihnen brennt. […]

Platon lässt das Gleichnis von Sokrates erzählen, der sein Lehrer war und als Protagonist der häufig in Platons Schriften auftaucht. Sokrates neigt dazu, etwas ausschweifend zu reden – und ständig quatscht ihm Glaukon dazwischen. Denn wie so vieles in Platons Werk ist auch das Höhlengleichnis als Dialog angelegt.

Hier folgt nun eine eigene, dem persönlichen Sprachgebrauch angepasste Fassung des Höhlengleichnisses…

Höhlengleichnis als Zusammenfassung

In einer Höhle harren die Menschen aus, von Geburt an festgekettet und so fixiert, dass sie nichts Anderes sehen können, als die gegenüberliegende Felswand. Hinter und über ihnen, jenseits eines Felsvorsprungs, lodert ein Feuer. Zwischen dem Feuer und den Menschen führt eine Mauer entlang. Dahinter spazieren Wesen hin und her, plaudern und tragen Gegenstände auf den Köpfen.

»Ein gar wunderliches Bild«, wirft Glaukon ein, im Original.

Die Menschen in Platons Höhlengleichnis also, sie erblicken von diesem Schauspiel hinter ihnen nur die Schatten, die das Feuer auf die Felswand vor ihnen wirft – und da sie von Geburt an nichts Anderes kennen, denken sie, dass dieses Schattenspiel die Wirklichkeit ist. Das Echo der Plauderstimmen schreiben sie den Schatten zu und baldowern Bezeichnungen für sie aus: Einen Schatten nennen sie Hund, einen anderen nennen sie Haus und so weiter – bis einer der Menschen freikommt.

Die Sonne sehen

Der befreite Mensch klettert über den Felsvorsprung und überwindet die Mauer. Erstmals nimmt er die Wesen wahr – und die wirklichen Gegenstände, deren Schatten bisher sein Weltbild waren. Der Mensch gelangt zum Höhleneingang und an die Erdoberfläche, wo seine in der Finsternis verkümmerten Glubscher nichts sehen – seine »Augen voll Strahlen«, wie Platon schreibt (bzw. Platons Übersetzer). Langsam gewöhnt sich der Entkommene daran, vermag Schatten zu erkennen und Spiegelungen im Wasser. Erst, wenn er sich an die helle Wirklichkeit gewöhnt hat, vermag er gar aufzublicken, zur Sonne.

Dann hat der Mensch alles erblickt und rennt begeistert in die Höhle zurück, um seinen Leuten zu berichten. Die sehen ihn aber nur als tanzenden Schatten, dessen Gerede sie verwirrt. Aus den Fesseln lösen will er sie, heraufführen ans Licht. Müsse man nicht, fragt Sokrates, diesen scheinbar kranken Schwätzers habhaft werden und wenn man »ihn umbringen könnte, auch wirklich umbringen?«

Lesetipp! »Platons Höhlengleichnis, nur in Zahlen ausgedrückt« – was es damit auf sich hat, liest du hier: Erstmals wurden Teile der mathematischen »DNA« entschlüsselt (Börse Express)

Tod dem Schwätzer

Jene Sonne, die unsere physische Welt erleuchtet, alles Leben in Gang bringt und am Leben hält, diese Sonne, die auch über Platons Höhle scheint, entspricht der Idee des Guten. Diese ist in der noetischen Welt, also der Welt unserer Gedanken, der oberste Grund alles Seins und Handelns. So hat Platon uns die Idee des Guten verständlich gemacht, ohne konkret zu erklären, was sie sein mag. Erst derjenige Philosoph, der die Idee des Guten erblickt und erkannt habe, und bereit sei, uns Höhlenmenschen, die wir nur schattenhafte Abbilder sehen, ans Licht heranzuführen – erst dieser Philosoph könne an der Spitze des perfekten Staates stehen. Klingt das nicht sinnvoll?

Wir Höhlenmenschen aber, die wir unsere Schattenbilder lieben und nix Neues lernen wollen, wenn wir des erleuchteten Philosophen nur habhaft werden können (was ja nicht geht, eigentlich, weil wir angekettet sind, aber wenn) – dann töten wir diesen Erleuchteten lieber und bringen ihn zum Schweigen. So ist es Sokrates selbst ergangen, dem Lehrer Platons: Die Athener ließen ihn für sein Gerede zum Tode verurteilen. Mit einem Schluck aus dem Schierlingsbecher sollte er sich selbst vergiften. Sokrates wehrte sich nicht, sagte »Zum Wohl!« – und verabschiedete sich ins Jenseits.

Den Blogbeitrag als Video gibt’s hier:

Hollywoods Höhlengleichnis

In Platons Höhlengleichnis geht es um das Erwachen des Bewusstseins. Das Bewusstsein ist das Vermögen eines Menschen, die Außenwelt mit allen Sinn zu erkennen und sich selbst als von ihr zu verstehen. Die Höhlenbewohner, die nur Schatten tanzen sehen, sind nicht mit vollem Bewusstsein bei der Sache. Erst der Mensch, der aus der Höhle entkommt und seine Umwelt in ihrer wahren Gestalt erkennt, wird sich der Welt und seiner selbst bewusst. Soweit hat uns Platons Gleichnis die Idee vom Bewusstseinserwachen eindrucksvoll vermittelt.

Nun mag das Setting aus heutiger Perspektive etwas arg naturbelassen und realitätsfern daherkommen. Welcher urbane Mensch des 21. Jahrhunderts war schon in einer Höhle, in der Feuer brannten? Die Felshöhle ist letztlich nichts anderes als ein Sinnbild für die Familien oder Kreise, in denen wir aufwachsen.

Maßgeschneiderte Wahrnehmung

Im Zeitalter maßgeschneiderter Newsfeeds und sozialmedialer bubbles machen wir uns die Welt womöglich mehr denn je, »widde widde wie sie uns gefällt.« Dabei bleibt die Realität manchmal außen vor, außerhalb unserer Seifenblasen. Wir werden hineingeboren in ein Umfeld, wachsen mit diesem auf, adaptieren seine Ideale und Werte, definieren darüber unsere Identität und was gut, wahr oder richtig ist.

Die wenigsten Kids wachsen in Kreisen auf, die ihnen von klein auf beibringen, sich ihre Meinung selbst zu bilden, indem sie über das tradierte Wissen der Älteren hinausschauen. Zahlreiche Entscheidungen wurden über unsere jungen Köpfe hinweg gefällt und ebneten den Weg für die Entscheidungen, die wir als ältere Köpfe selbst zu fällen glauben. Tatsächlich bewegen wir uns dabei in den Bahnen der Gesellschaft, zu der wir gehören. Innerhalb unserer Höhle.

Hier einige Bücher zu Platon:

Platons Höhlengleichnis im Studioformat

Sehr anschaulich erzählt wird uns Platons Höhlengleichnis, in die Gegenwart übertragen, von dem Film Die Truman Show (1998) mit Laura Linney. Darin geht es um einen Mann, der seit seiner Geburt die Hauptfigur seiner eigenen Show ist, ohne etwas davon zu wissen. Umgeben von professionellen Schauspielern fristet er sein Dasein in einer Kleinstadt, die eigentlich ein Studio ist – beobachtet von Hunderten versteckten Kameras. Dass Trumans Kleinstadt dessen Höhle ist, die ihm das Erkennen der wirklichen Welt unmöglich macht, das wird uns Zuschauer*innen auf Anhieb klar. All seine Entscheidungen entspringen nur vermeintlich seinem eigenen Kopf, sondern werden von außen gesteuert. Selbst seine Ängste wurden sorgsam gepflanzt. Angst vor dem Meer etwa. Diese Angst verhindert, dass Truman seine Höhle verlässt.

Unser echtes Leben ist weniger dramatisiert und überzeichnet, als dass es uns ähnlich deutlich klar wird: Eigentlich sind wir alle True-mans und True-womans (denn ja, von diesem platten Wortspiel rührt der Name des Protagonisten her).

Eine Filmkritik zu Die Truman Show gibt’s hier als Video:

Höhlengleichnis hier und heute

Der Japaner Shigeru Takato ist mit seiner Großbildkamera in den Höhlen Kroatiens und dem Frankenland unterwegs. Er fotografiert aus dem Dunklen hinaus ins Helle und »lässt den Betrachter an Platons Höhlengleichnis denken. Der antike Philosoph sah im Aufstieg aus der Höhle der sinnlich wahrnehmbaren Welt in die rein geistige Welt den Sinn des Lebens«, schreibt die Westdeutsche Zeitung am 26. Januar 2019.

Der Masterstudent Michael Höhn setzt sich mit der Virtual-Reality-Technologie auseinander, indem er die »Diskrepanz zwischen Realität und Pseudorealität« am Beispiel von Platons Höhlengleichnis veranschaulichte. Auf einer Vernissage des Studiengangs Intermedialer Design in Trier entführte Höhn die Besucher*innen dazu in die berühmte Höhle, um sie dann langsam von ihren Ketten zu befreien. »Das Projekt symbolisiert den Aufstieg aus der Gefangenschaft in die selbstbestimmte, reale Welt«, schreibt der Trierische Volksfreund am 27. Januar 2019.

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