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Game of Thrones Pilot: die unveröffentlichte, erste Folge | 2009

Zuletzt aktualisiert am 6. Juli 2019 um 18:42

Zum ersten Mal klingt das legendäre Intro der Serie Game of Thrones aus und es öffnet sich unter Kettenrasseln ein schweres Holztor. Drei Reiter mit Fackeln führen ihre Pferde durch den Tunnel hinter diesem Tor. Er führt sie durch die Mauer, die den Kontinent Westeros vor dem hohen, eisigen Norden schützt. Dort beginnt die Fantasy-Saga Game of Thrones, sowohl in der Serie von David Benioff und D. B. Weiss, als auch in der Buch-Vorlage von George R. R. Martin. Doch schon diese erste Szene sah einmal ganz anders aus, in der originalen, unveröffentlichten Game-of-Thrones-Pilot-Folge, um die es nachfolgend gehen soll: War sie wirklich so katastrophal, dass daran beinahe die ganze Serie gescheitert wäre?

Beitragsbild zu »Game of Thrones Pilotfolge«, es zeigt Daenerys Targaryen

Das Cushing-Skript

George R. R. Martin archiviert anscheinend etliche seiner Unterlagen in der Cushing Memorial Library in Texas. In dem Sammelsurium an Dokumenten und ganzen Manuskripten entdeckten Redakteure der HuffPost Anfang 2019 ein Drehbuch, das auf den 22. Oktober 2009 datiert ist – eben jene Zeit, um die herum der unveröffentlichte Pilot gefilmt wurde (laut Martins persönlichem Blog). Dieses sogenannte »Cushing-Skript« führt noch Tom McCarthy als Regisseur auf, der später umbesetzt wurde durch Tim Van Patten. Doch auch vor der Kamera hat es Personalwechsel gegeben, im zweiten Anlauf. Über die erste Fassung verrät Showrunner David Benioff im Interview mit John August (Scriptnotes):

Es dauerte fast vier Jahre, bis der Pilot fertig war. [Dann] zeigten wir das Ergebnis [den Drehbuchautoren] Craig Mazin, Ted Griffin und Scott Frank. Ihnen dabei zuzusehen, wie sie diesen ursprünglichen Piloten sahen, war eine der schmerzhaftesten Erfahrungen meines Lebens.

David Benioff

90 Prozent neu gedreht

Benioff vergleicht es mit einer Blinddarmentzündung. Danach drehte sich Craig Mazin zu ihm um und sagte: »Ihr habt da ein paar massive Probleme.« Mazin ist der Drehbuchautor von Filmen wie Hangover, Teil 2 und 3, sowie Scary Movie, Teil 3 und 4 – doch obwohl es sich dabei um ganz anderen Stoff handelt, als eben Game of Thrones werden sollte, hatte Mazin wohl recht.

Letztendlich haben wir 90 Prozent des Piloten neu gedreht. Oder 92 Prozent. Ich meine, es wurde so viel neu gedreht, dass am Ende ein anderer Regisseur den Credit erhielt.

David Benioff

Nikolaj Coster-Waldau (aka Jamie Lannister) schätzt den Anteil des neu gedrehten Materials sogar auf 95 Prozent. (Dass er und seine Cast-Kolleg*innen den originalen Piloten zu sehen bekamen, lässt hoffen, dass es das Ding irgendwann einmal auf eine Bonus-Disc oder einfach ins Internet schafft.)

Nun, hat sich der Dreh diverser neuer Szenen gelohnt? Als er die finale Fassung des Game-of-Thrones-Piloten schließlich bei seiner Premiere erlebte, erinnert sich Craig Mazin wie folgt:

Ich war fassungslos. Überrumpelt. […] Sie haben nicht einfach nur etwas Schlechtes gerettet und wirklich gut gemacht. Sie haben kompletten Müll (OT: »a piece of shit«) in etwas Brillantes verwandelt!

Craig Mazin im Gespräch mit John August

Daenerys im Game-of-Thrones-Piloten

Charaktere und Szenen wurden umgeschrieben, Figuren neu besetzt. So übernahm die Rolle der »Drachenmutter« Daenerys Targaryen, ursprünglich von Tamzin Merchant (Jane Eyre) gespielt, nun Emilia Clarke – und brachte ihr Weltruhm ein. Die gesamte Einführung dieser Figur war einst anders vorgesehen, wesentlich harmloser als im bekannten Game-of-Thrones-Piloten.

Im [Cushing-Skript] wirkt Daenerys bei ihrer Hochzeitsfeier glücklich. […] Sie genießt die Tatsache, dass Khal Drogo nur weiß, wie man in ihrer Sprache »Nein« sagt – sie hingegen antwortet ihrem neuen Mann mit einem »Ja«. Außerdem wird Daenerys im unveröffentlichten Piloten nicht vergewaltigt.

ScreenRant (aus dem Englischen übersetzt)

Damit aber fehlte Daenerys die Motivation, die ihre Figur im späteren Verlauf der Serie maßgeblich antreibt: Die wiederholte Erfahrung, von Männern wie ein gefälliges Lustobjekt benutzt zu werden (wie im offiziellen Serienpiloten zu sehen), treibt Daenerys schließlich dazu, das Zepter selbst in die Hand nehmen zu wollen.

Filmtipp: Die GoT-Schauspielerin Keisha Castle-Hughes spielte als Kind die Hauptrolle in dem meisterhaften Film Whale Rider (2002) von Nikki Caro – sehr sehenswert!

Weiteres im Game-of-Thrones-Piloten

12 weitere Änderungen zwischen der originalen und der finalen Game-of-Thrones-Pilotfolge fasst Charlie Jane Anders in einem empfehlenswerten Beitrag für io9 zusammen (Englisch). Hier eine Auswahl markanter Änderungen im Überblick: In der unveröffentlichten, ersten Folge der Fantasy-Saga gab es…

  • …ein viel genaueres Bild vom Wesen der »Weißen Wanderer«, man erlebt gar ihrer Kommunikation untereinander.
  • …angeblich sogar ein anderes Intro, das einen alten Mann zeigt, der einen Raben samt Brief auf eine Reise schickt.
  • …weniger Einführung zu der Stark-Familie und auch weniger Screentime für die Stark-Charaktere.
  • …offenbar einen viel großmäuligeren Theon Greyjoy.
  • …einen früheren Auftritt von Daenerys Targaryen, die in der finalen Fassung erst in Minute 33 auftritt.
  • …keine geschwisterliche Szene zwischen Cersei und Jamie (!)

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