Philosophie vom Bleiben

Gottesbeweise bei Thomas von Aquin und Anselm von Canterbury

Hier geht’s um Gottesbeweise bei Thomas von Aquin und Anselm von Canterbury und damit um Theologie, oder den theologischen Zweig der Metaphysik. Wer die Existenz Gottes beweist, wird von der Kirche entsprechend gehyped, weshalb wir es heute mit zwei Denkern zu tun haben, die heiliggesprochen wurden. Schauen wir mal, ob die Theorien von Thomas und Anselm statt Beweise nicht eher Hinweise sind, auf jenes höhere Wesen, das wir verehren – oder bezweifeln.

Philosophiegeschichtlich beamen wir uns ins europäische Mittelalter. Anselm war ein Philosoph und Theologe des 11. Jh., geboren in Italien, gestorben in England, Canterbury, wo er als Erzbischof wirkte – daher Anselm von Canterbury. Er war überzeugt, dass sich die Existenz Gottes allein durch die Vernunft beweisen lasse. Viele seiner Argumente sind inzwischen als nicht-so-überzeugend vom Tisch, doch sein ontologischer Gottesbeweis schlägt sich wacker.

Der ontologische Gottesbeweis

Ontologisch heißt er, weil Anselm von einer logisch-begrifflichen Ebene auf das Sein schließt. Ontologie ist ja die Lehre des Seienden, mehr dazu Beitrag über Metaphysik bei Aristoteles. Eine ähnliche Beweisführung bzgl. der Existenz Gottes hat übrigens Descartes unternommen, ein Philosoph, der uns später mal begegnen wird. Die Argumentation bei Anselm beruht auf zwei Prämissen. Erstens: Gott ist das, worüber hinaus nichts Größeres gedacht werden kann. Zweitens: Dinge, die im Geist gedacht werden können, kann es auch in Wirklichkeit geben.

Daraus folgt: Wenn Gott das ist, worüber hinaus nicht Größeres gedacht werden kann, muss er eines derjenigen denkbaren Dinge sein, die sowohl im Geist gedacht werden können, als auch in Wirklichkeit existieren, denn sonst wäre Gott ja kleiner als all die anderen denkbaren Dinge, für die eben beides gilt. Ergo: Gott muss existieren – im Geist, und in der Wirklichkeit. Es ist erstaunlich, dass dieser Gottesbeweis so viel Rezeption angestoßen hat, bis heute – dieser Beitrag reiht sich da ja in aller Bescheidenheit ein. Gleich die oberste Prämisse hinkt. Tauschen wir Gott doch mal aus: Der Teufel ist das, worüber hinaus nichts Böseres gedacht werden kann. In der Wirklichkeit gibt’s böse Dinge, das heißt: Wenn der Teufel das denkbar Böseste im Geiste ist, dann muss es ihn auch in Wirklichkeit geben, was den Gottesbeweis zum Teufelsbeweis und letztlich zu einer Formel mit x-beliebiger Variable macht. Darauf ist auch schon ein Zeitgenosse von Anselm gekommen, worauf Anselm jedoch gekontert hat – und long story short: Sein Gottesbeweis lebt bis heute fort.

Der kosmologische Gottesbeweis

Thomas von Aquin gilt als einer der einflussreichsten Denker seiner Zeit. Er lebte im 13. Jh. in Italien und wollte seine ungläubigen Zeitgenossen von der Existenz Gottes überzeugen. Dazu führte er als Beweis seine »fünf Wege« an. Die ersten vier Wege stellen Varianten des kosmologischen Gottesbeweises dar. Sie beginnen mit einer kaum zu leugnenden Wahrheit, von der Thomas dann auf die notwendige Existenz eines Gottes schließt. Weil sich diese ersten vier Wege sehr ähneln, beschreiten wir exemplarisch nur einen davon:

Thomas sagt, dass alles in Bewegung ist. Das können wir –sogar fundierter als er damals, oder Heraklit noch viel früher – aus heutiger Sicht bestätigen. Selbst wenn ich ruhig im Raum stehe, sause ich dabei auf einem gewaltigen Erdball durchs Universum. Jede Bewegung, sagt Thomas weiter, muss von irgendetwas angestoßen sein, wie beim Domino. Und deshalb, so sein Beweis, muss es einen Gott geben, als ersten Beweger, der den Ball ins Rollen brachte. Auf den anderen Wegen von Thomas begegnen wir Gott zum Beispiel als erstem Verursacher oder Ausdruck der Vollkommenheit.

Der teleologische Gottesbeweis

Thomas’ fünfter Weg ist der teleologische Gottesbeweis. Teleogisch bedeutet, auf ein Ziel hin gerichtet – das Wort kommt vom altgriechischen τέλος – das heißt: Ziel, Zweck oder Sinn. Der teleologische Gottesbeweis genießt heute sogar noch mehr als Anselms Gottes-Argument eine erstaunliche Beliebtheit. Sie beruht auf der Überzeugung, dass die Natur so perfekt sei, mit all ihren Lebensformen, dass dahinter ein großer Plan stehen muss. Gottes Plan, natürlich. Diese oft auch kreationistische, also die Schöpfungsgeschichte beim Worte nehmende Auffassung heißt »Intelligent Design«. Die Idee von einem solchen »intelligenten Entwurf« wird harsch kritisiert von Menschen, die auf etliche gar nicht so perfekte Aspekte der Natur hinweisen. Wer schonmal eine Blinddarmentzündung hatte, wird sich in diesem Disput sicher leicht orientieren können.

Autor

David Johann Lensing (*1989) arbeitet als freier Autor, Filmemacher und Fotograf in NRW.

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