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Kairo 678 · Sexuelle Belästigung in Ägypten | Film 2010 | Kritik

Zuletzt aktualisiert am 5. Juni 2019 um 6:34

Wäre der Film Kairo 678 später erschienen – rund um die Silvesternacht 2015/16 – hätte dieses ägyptische Gesellschaftsdrama hierzulande sicher mehr Aufmerksamkeit bekommen. Das Regie-Debüt von Mohamed Diab zeigt, dass in Ägypten weit verbreitet ist, was in jener Nacht in Köln als Ausnahmezustand Schlagzeilen machte. Doch »sexuelle Massenbelästigung« ist nicht der einzige Ausdruck misogynen Männerverhaltens, auf das Diab mit seinem Film den Fokus lenken will. Kairo 678 erschien am 22. Dezember 2010. Nur wenige Wochen vor dem »Tag des Zorns« in Ägypten 2011 – »zweifelsohne ein Vorbote der Revolution«, schrieb A. O. Scott (NY Times) damals über das kontroverse Werk.

Score vom Bleiben
Beitragsbild zur Filmkritik »Kairo 678«

Kairo, um das Jahr 2010. Drei Frauen aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten fühlen sich in die Enge getrieben. Für Fayza (gespielt von der ägyptischen Schauspielerin Bushra) geschieht es alltäglich. Aufgrund des niedrigen Einkommens ist die zweifache Mutter zur Fahrt im überfüllten Bus gezwungen. Dort wird sie trotz Kopftuch und weiten Mantels von fremden Männern begrapscht – bis sie sich wehrt. Die wohlhabende Seba (Nelly Karim) wehrt sich längst. Wenn auch auf ganz andere Weise, nachdem sie einige Monate zuvor zum Opfer einer Massenbelästigung wurde. Das dritte Schicksal im Bunde ist Nelly (Nahed El Sebaï, siehe auch: Nach der Revolution). Sie ist eine Callcenter-Mitarbeiterin und Comedienne, die auf dem Heimweg brutal belästigt wird – und den Täter mithilfe ihrer Familie zur Polizei schleift.

Einzelne Frauen, gemeinsame Sache

Selbstjustiz, Aufklärung und Rechtsweg. Die Protagonistinnen in Mohamed Diabs Film Kairo 678 dienen als repräsentative Fallbeispiele, um eine große Problematik gleich von mehreren Seiten zu beleuchten. Wie die Einzelschicksale im ersten Akt des Films dramaturgisch miteinander verflochten werden, erinnert an Babel (2006) – auch wenn die chronologischen Brüche weit seltener und geordneter sind. Wenn sich ihre Wege auf eine Weise kreuzen, so dass die Figuren selbst ihre gegenseitige (zufällige, geografische, zwischenmenschliche) Nähe zunächst gar nicht bemerken, unterstreicht das die Message dieses Films. Unsere kleinen Handlungen stehen in einem sozialen Geflecht. Wir sind alle miteinander verbunden und füreinander verantwortlich.

Wenn der Bus hielt, drängten sich alle Männer und Frauen an der Haltestelle nach vorn, um einsteigen zu können. Ich mischte mich unter die Menge drängelnder, kämpfender Körper. Doch kaum war ich im Bus, hatte ich das Gefühl, einen Ofen betreten zu haben, in dem die dicht gedrängten Körper zu einer einzigen Masse verschmolzen. | S. 841

Lesetipp, der die Relevanz des Films nochmals unterstreicht: In dem Buch Ich spucke auf euch (1991) von Nawal El Saadawi – das nicht mit Kairo 678 zu tun hat, abgesehen vom gleichen Schauplatz, und knapp 20 Jahre zuvor herauskam – macht die Protagonistin in der ägyptischen Hauptstadt ganz ähnliche Erfahrungen wie die Fayza im Film. Sie beschreibt »das erniedrigende Drängen männlicher Körper gegen meinen« als Beute fremder »Geschlechtsteile, die sich von allen Seiten« an sie pressen. In diesem Zusammenhang lernen wir im Film Kairo 678 den »Zitronentrick« kennen.

Verflochten und vielschichtig

Je nach Blick auf den Film – meiner ist der eines Filmemachers, der selbst gern solche dramaturgischen Kniffe auf Drehbuch-Ebene versucht und in anderen Werken tendenziell cool findet – mag die »Verflechtung« von Handlungssträngen zu sehr Kunstgriff sein.

Anfangs wirkt diese Versuchsanordnung etwas spröde. Sie ist zu sehr Idee und zu wenig Leben. Aber es gelingt Diab bald, der Geschichte ihren eigenen Lauf zu lassen. Sie emanzipiert sich vom reinen Anliegen zu einem spannenden Krimi. 

Parvin Sadigh (ZEIT ONLINE)

Mit der Rolle des Kommissars (Maged El Kedwany) samt voreiligem Assistenten bekommt der Film in der zweiten Hälfte eine ungeahnte Komik. Sie lockert das dramatische Geschehen zwischendurch auf, ohne es abzuschwächen. Dazu trägt das starke Schauspiel aller Beteiligten bei. So ist Maged El Kedwany als Kommissar nicht reines Komik-Element. Er tritt als vielschichtiger Charakter in Erscheinung, der in Kario 678 einen interessanten Weg geht und sich als Teil des Problems erkennen muss.

Auch die drei Hauptdarstellerinnen spielen durchweg überzeugend. Sie entfalten besonders in den Szenen, in denen die gemeinsame Sachen an Konflikten zwischen einander in Zweifel gezogen wird, große Kraft. Dabei kann Nelly Karims eindringlicher Blick schonmal stellvertretend für viele Worte dienen. Bemerkenswert sind auch die Nuancen im Verhalten der drei Frauen, ob sie unter sich sind, oder in Gegenwart ihrer jeweiligen Partner, zu denen sich ganz verschiedenartige Verhältnisse haben.

Fazit zu Kairo 678

Die Kameraarbeit, die stellenweise so wackelig ist, dass sie die Aufmerksamkeit damit auf sich zieht, ist ein kleiner Wermutstropfen in diesem sonst so einnehmenden Werk. Kairo 678 wurde – trotz Hinweises auf »wahre Begebenheiten«, auf denen der Film basiere – vorgeworfen, gewaltsame Notwehr zu verharmlosen oder männliche Frustration gemeinhin als Grund für die weitverbreitete sexuelle Belästigung vorzuschieben. Es gab auch Kritik über die »negative Darstellung« Ägyptens.

Fast nebenbei wirft der Film einen Blick auf die sozialen Unterschiede zwischen Geschlechtern und Gesellschaftsschichten in diesem Land. Wobei der Schauspieler El Kedwany betont, dass es sich bei dem Thema von Kairo 678 um kein rein ägyptisches Problem handele. Kurzum: Wer ein kontroverses Werk sehen möchte, das schon damals für Wirbel sorgte und noch heute nichts von seiner Relevanz eingebüßt hat, sollte diesem 100-minütigen Drama eine Chance geben.

Fußnoten

  1. El Saadawi, Nawal: Ich spucke auf euch. Bericht einer Frau am Punkt Null. München 1991. ISBN: 3-88897-109-8

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