Philosophie vom Bleiben

Tugendethik bei Aristoteles

In diesem Beitrag geht es um Tugendethik bei Aristoteles, dem berühmtesten Philosophen der griechischen Antike. Er lebte im 4. Jh. v. Chr. – trotzdem sind seine Gedanken zur Ethik noch heute relevant. Im Folgenden liegt der Fokus auf der Nikomachischen Ethik. Dieses Werk von Aristoteles ist womöglich nach dessen Sohn oder (wohl eher) nach dessen Vater benannt, beide hießen Nikomachos.

Das Ziel des Lebens

Im ersten Teil der Nikomachischen Ethik ermittelt Aristoteles das »Leitziel menschlichen Handelns«. In der Ethik allgemein geht’s ja um moralisches Handeln. Dazu gibt es hier einen eigenen Beitrag. Aristoteles fragt nun: Warum tun wir, was wir tun? Unsere Medizin dient der Gesundheit, die Ökonomie (oder Wirtschaft) dient dem Wohlstand, aber wem dienen Gesundheit und Wohlstand? Aristoteles benennt als das höchste Ziel unseres Handelns: das Glück. Oder: die Eudämonie, um die es auch in den nächsten Beiträgen zu Epikur und Hedonismus geht. Eudämonie ist ein vielschichtiger Begriff, der mit »Glück« oder »Glückseligkeit« nur dürftig übersetzt ist und je nach Konzept andere Bedeutungen mit sich bringen kann. So ist das Glück bei Aristoteles anders als im Hedonismus nicht einfach nur das wichtigste Ziel, sondern auch das allumfassende Ziel. Das Glück dient nicht noch etwas Anderem; wir streben es um seiner selbst willen an. Aber wie erreichen wir dieses Ziel? Hier kommt die Tugend ins Spiel, oder auf Griechisch: Arete.

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Der Zweck des Menschen

Im Deutschen ist der Begriff »Tugend« verwandt mit »Tauglichkeit«. Tauglich ist, was seinen Zweck erfüllt – ein Netz etwa, wenn es Fische fängt. Für Aristoteles hatte alles einen Zweck, oder eine Funktion. Was ist die besondere Funktion des Menschen? Funktionen zur Lebenserhaltung haben alle Organismen, auch Pflanzen und Tiere. Funktionen der Wahrnehmung haben Tiere und Menschen. Eine Funktion, die allein dem Menschen zukommt, ist der Logos – der uns schon im Beitrag zu den Vorsokratikern begegnet ist, hier wieder gut übersetzt mit: Vernunft.

Wenn für Aristoteles das Gutsein einer Sache von der Erfüllung ihrer Funktion abhängt, und die Funktion von uns Menschen die Vernunft ist, dann tun wir gut daran, diese Vernunft zu benutzen. So wie ein Netz taugt, wenn es Fische fängt, taugt ein Mensch, wenn er denkt. Und ein tauglicher Mensch ist ein tugendhafter Mensch.

In der antiken Philosophie war »Arete« der Begriff für »Tugend« – und zwar Tugend im Sinne von einem Bestzustand. Diesen können wir in jedem Charakterzug und Lebensbereich anstreben, wobei Bestzustand kein Extrem meint.

Der Mittelweg zum Glück

Aristoteles definiert Tugend als »ein Verhalten der Entscheidung, das die Mitte […] hält und durch Überlegung bestimmt wird« (NE, 1106b). Das heißt, wir überlegen uns den besten Mittelweg. Am Beispiel von Mut als Charakterzug verhalten wir uns also weder lebensmüde noch feige – die beiden Extreme von Mut, wenn wir zu viel oder zu wenig davon haben – sondern wir verhalten uns tapfer. Tapferkeit ist wohlüberlegter Mut zwischen den Extremen, und damit: eine Tugend. Noch ein Beispiel: Im Umgang mit Geld verhalten wir uns weder geizig noch verschwenderisch – sondern großzügig, denn Großzügigkeit ist eine Tugend.

Doch wer sich einmal tugendhaft verhält, hat nicht gleich einen tugendhaften Charakter. Dazu braucht es Gewohnheit: Indem wir unser Verhalten stets mit Überlegung am bestmöglichen Mittelweg ausrichten, bilden wir einen tugendhaften Charakter aus. Und ein solch tugendhafter Charakter ist es, den Aristoteles als wahre Glückseligkeit preist. So einfach!

Autor

David Johann Lensing (*1989) arbeitet als freier Autor, Filmemacher und Fotograf in NRW.

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