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Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes | Film 2018 | Kritik

Der Dokumentarfilm Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes ist im Auftrag des Vatikan entstanden. Als Initiator wird im Abspann an erster Stelle dem kirchlichen »Medienchef« Dario Viganò gedankt. Dieser ist noch vor der Weltpremiere des Films am 13. Mai 2018 von seinem Amt zurückgetreten. Nicht wegen dem Film, wohlgemerkt, sondern weil er einen Brief von Papst Benedikt XVI. nicht in gebührender Ausführlichkeit zitiert hat. Wer auch immer sich darüber empörte, kann beruhigt sein: Papst Franziskus kommt abendfüllend und unzensiert zu Wort, in dieser 96-minütigen, nach ihm benannten Doku. Als Regisseur für das Projekt fragte der Vatikan einen so renommierten wie fleißigen Filmemacher an: Wim Wenders (Don’t Come Knocking). Er genoss nach eigenen Angaben künstlerische Freiheit in der Umsetzung des Films.

Score vom Bleiben
Beitragsbild zum Film »Papst Franziskus: Ein Mann seines Wortes«

Francis in den Städten

Auf Entscheidung des Regisseurs hin, erzählt Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes nicht die Biografie seiner Hauptfigur. Stattdessen geht es um den großen Rundumschlag aller aktuell relevanten Themen, zu denen sich Stellung beziehen lässt. Dazu ist der Papst auf der ganzen Welt unterwegs. Südamerika, USA, Italien – Klagemauer, KZ, Kinderkrankenhaus. Eingerahmt und zuweilen unterbrochen wir dieser Rundumschlag von inszenierten Schwarzweiß-Szenen, in denen Franz von Assisi (gespielt von Ignazio Oliva) durch unberührte Natur spaziert, betet und dichtet.

In der Geschichte der Kirche hatte noch kein Papst den Namen Franziskus angenommen. Damit war ein enormes Vermächtnis verbunden! Franz von Assisi steht für eine grundlegende Erneuerung der Kirche, für eine radikale Zuneigung zu den Armen und Ausgestoßenen und für ein völlig anderes Verhältnis zur Natur.

Wim Wenders1

Somit ist dann auch Mutter Natur (politisch konkret: der Klimaschutz) ein dominantes Thema in dem Dokumentarfilm Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes. Das steht etwas im Gegensatz zur Vielfliegerei des Kirchenmannes, aber im Einklang mit seiner Enzyklika Laudato si‘ »über die Sorge für das gemeinsame Haus«. Ein ganz besonderes Schreiben, wie Wim Wenders (als erzählende Stimme aus dem Off) betont.

Im Juni 2015 geschieht etwas nie Dagewesenes. Der Brief eines Papstes wird von der ganzen Welt gelesen, nicht nur von Katholiken oder Christen.

Von Vergebung und Versäumnissen

Gemeint ist besagte Enzyklika, in der Papst Franziskus auf 100 Seiten zum Schutz des Planeten aufruft. Das liest sich so: »Die echte menschliche Entwicklung ist moralischer Art und setzt die vollkommene Achtung gegenüber der menschlichen Person voraus, muss aber auch auf die Welt der Natur achten […]« (Der Brief bleibt hier unvollständig zitiert, fettes Sorry dafür 🙏 hier gibt’s in voller Länge nachzulesen.) Einerseits ist das Klima ein löblicher Themenschwerpunkt, der in der Weltpolitik einen viel höheren Stellenwert haben sollte. Andererseits ist das »nie Dagewesene« bezüglich der Enzyklika eine etwas überhebliche Beschreibung. Weder hat den Brief »die ganze Welt« gelesen, noch werden päpstliche Worte erstmals von Nicht-Christen rezipiert. Aber okay, ein bisschen Pathos muss sein.

Am Besten ist der Film, wenn er Papst Franziskus mit seiner Entourage im Gefängnis zeigt. Etwa in einer Justizvollzugsanstalt in Philadelphia. Dort spricht der Papst zu den Häftlingen, sagt: »Wir alle haben es nötig, um Vergebung zu bitten« – und er wäscht und küsst die Insassen die Füße. Eine derart demütige Geste steht dem katholischen Kirchenoberhaupt einfach gut zu Gesicht.

Am Schlechtesten ist der Film, wenn er binnen 4-5 Minuten – ziemlich in der Mitte – die Themen Homosexualität, Gleichberechtigung und Kindesmissbrauch abarbeitet. Da fallen solche Sätze: »Die Welt kann sich nicht weiterentwickeln ohne das Zusammenspiel und das Prinzip der Gegenseitigkeit zwischen Männern und Frauen. Natürlich sind Bewegungen wie Machotum und Feminismus keine Hilfe, weil sie einfach einseitig sind.« Nicht das beste Begriffspaar für einen Atemzug. Machismus beruht auf einem Weltbild, das die Überlegenheit des Mannes verherrlicht. Feminismus fordert die Gleichberechtigung von Frauen – genau das Gegenteil von »einseitig«. Und wenn man sich auf der Konklave von 2013 im Clementine Saal des Vatikans in der graumelierten Männerrunde so umschaut: Durchaus etwas, wo der Vatikan Nachholbedarf hätte.

Lesetipp: Das ZEIT-Interview mit dem Kriminologen Christian Pfeiffer gibt neue (wenn auch wenig überraschende) Einblicke in die Vertuschungs-Bemühungen seitens der katholischen Kirche. Im Mittelpunkt steht ein möglicher Zusammenhang von Zölibat und Kindesmissbrauch.

Fazit zu Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes

Künstlerische Freiheit hin oder her, am Ende ist Papst Franziskus – Ein Mann seines Wortes ein Werbefilm für den Vatikan. So, wie die Komödie Prakti.com (2013) ein Werbefilm für Google ist. Während letzterer Auftraggeber das Format locker-fröhlicher Unterhaltung wählte, findet Wim Wenders (aus der katholischen Kirche ausgetreten und zum dritten Mal verheiratet, übrigens) einen bedeutungsschwanger-seriösen Tonfall für das Projekt »Papst-Film«. Ob gewollt oder nicht: durchaus im Einklang mit einer Zielgruppe, die Orientierung in den Wirren der Gegenwart sucht. Papst Franziskus ist eine glaubwürdige, sympathische Leitfigur mit lobenswerten Ansichten – und mit einer tollen Präsenz vor der Kamera.

Doch dass er als Kirchenoberhaupt keinen Goldschmuck trägt und ein kleines Auto fährt, müsste doch eher als Mindestanspruch gelten, statt Begeisterung zu entfachen. Die kommenden Jahre (realistischer: Jahrzehnte) werden zeigen, ob der »Mann seines Wortes« auch ein Mann der Taten ist. Zumal es der Worte so viele sind.

Fußnoten

  1. https://weltexpresso.de/index.php/kino/13237-interview-mit-wim-wenders-autor-regisseur-produzent

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