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Kleine Geschichte Afghanistans | Buch 2017 | Kritik

Zuletzt aktualisiert am 16. Mai 2019 um 18:22

Die Kleine Geschichte Afghanistans stellt die erste Gesamtdarstellung der afghanischen Geschichte in deutscher Sprache dar. Ihr Autor ist der BICC-Direktor Conrad Schetter (*1966), der als Professor für Friedens- und Konfliktforschung an der Universität Bonn lehrt. Seit über 20 Jahren beschäftigt er sich mit Afghanistan. Auf rund 160 Seiten nimmt Schetter in diesem Buch die Geschichte dieses Landes von der Antike bis zur Gegenwart in den Blick. Er versucht, Gründe für die anhaltenden Kriege und Krisen in Afghanistan darzulegen. 2017 ist das Buch beim Verlag C.H.Beck in vierter, aktualisierter Auflage erschienen. Die kurzweilige Lektüre verschafft innerhalb weniger Stunden einen eindrucksvollen Überblick.

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Beitragsbild zur Buchkritik »Kleine Geschichte Afghanistans«

Vielfalt ohne Frieden

In 14 Kapiteln – zunächst über das »kulturelle Mosaik« Afghanistan, dann in Zeitabschnitte unterteilt, von den »Griechen und Nomaden« im 6. Jh. v. Chr. bis hin zu »Afghanistans Weg in eine ungewisse Zukunft (seit 2016)« – liefert Conrad Schetter eine informativ dichte, schmucklose Erzählung der Ereignisgeschichte. Den Rahmen bildet ein Abschnitt über das Verhältnis Deutschlands zu Afghanistan, das stets »ein besonders enges und in seiner Art einzigartiges war«, sowie eine Herausarbeitung von fünf Grundzügen, »die bis heute die Entwicklung des Landes« beeinflussen.

Zu Beginn eingängig erläutert, prüft Schetter diese Grundbezüge am Ende der Geschichte mit Blick auf die Zukunft nochmals auf die Gültigkeit. Im Anhang finden sich Zeit- und Stammtafel samt einem Personenregister. Letzteres zeigt deutlich, dass die Geschichte Afghanistans ausschließlich von Männern geschrieben wurde – bis in die jüngste Gegenwart. Unter den 230 genannten Personen sind 6 (!) Frauen, von denen keine einzige in Afghanistan geboren wurde. Das Land zählt rund 35 Millionen Einwohner*innen1 [Stand Juli 2018].

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5 Gründe für Afghanistans Situation

Besagte fünf Grundzüge, die sich laut Conrad Schetter als ausschlaggebend für Afghanistans schwierige Geschichte erweisen, sind Folgende.

  1. Ein unzugänglicher Naturraum, in dem sich kaum wirtschaften lässt (mach dir selbst ein Bild, via Google Earth).
  2. Das starke Stadt-Land-Gefälle in Bezug auf Fortschrittsdenken und Konservativismus.
  3. Der extreme Partikularismus, der sich aus einer in Clans, Dörfer, Stämme und andere Gemeinschaften gesplittete Bevölkerung mit kaum einheitlichen Identitätsbezügen ergibt.
  4. Die kulturelle Vielfalt, negativer gesprochen: Zerklüftung, die aus dem Partikularismus folgt, von der Politik instrumentalisiert wird und die Entwicklung zum Nationalstaat behindert.
  5. Afghanistans weltpolitische Rolle als Spielball von Großmächten und fremden Interessen, nicht zuletzt aufgrund seiner Lage zwischen China, Russland, dem Iran und dem lange durch Groß-Britannien besetzten Indien.

Diese fünf Grundzüge der afghanischen Geschichte traten wie in einem Brennglas gebündelt während des Afghanistankrieges zutage, der in den letzten vier Dekaden tobte [und] werden auch die zukünftige Entwicklung des Landes prägen.

conrad schetter, in: kleine geschichte afghanistans, s. 13, 154

5 Frauen in Afghanistans Geschichte

Die erste Frau, die in Kleine Geschichte Afghanistans auftaucht, ist die Prinzessin Roxane. Sie heiratete Alexander den Großen – jenen Feldherrn, der im 4. Jh. v. Chr. gen Osten marschierte. Er drang bis zum Kabulfluss vor, dessen Quelle im heutigen Afghanistan liegt. (In dem 2004 veröffentlichten Film Alexander spielt Rosario Dawson die Prinzessin Roxane.)

Die zweite erwähnte Frau ist Prof. Dr. Christine Noelle-Karimi, die das frühe 19. Jahrhundert in der Geschichte Afghanistans als »dunkles Kapitel der Bruderkriege« beschrieb. Eben diese Wendung zitiert Schetter. Die dritte Frau ist Soraya Tarzi, in Syrien geboren und aufgewachsen, ehe sie Amanullah Kahn heiratete. Dieser fungierte drei Jahre lang als König von Afghanistan – bis eine Europareise das Ende seiner Herrschaft einläutete.

Den Ärger der Afghanen erweckte besonders, dass seine Frau Soraya unverschleiert durch Europa reiste.

S. 76

Das war 1928. Nach seiner Reise wollte König Amanullah in Afghanistan eine allgemeine Schulpflicht einführen, Religion und Staat trennen, sowie Schleier, Polygamie und die Wegschließung von Frauen abschaffen.

Das Reformvorhaben verbreitete sich in Windeseile und wurde allseits als Provokation empfunden. Die Kritik konzentrierte sich besonders auf seine Frauenpolitik.

S. 77

Nach Aufständen wurde Amanullah aus Kabul vertrieben. Sein Nachfolger ließ die Mädchenschulen schließen und führte die Schleierpflicht wieder ein.

Aufstieg der Taliban im Sinne der USA

Die vierte Frau, die in Kleine Geschichte Afghanistan, ist Benazir Bhutto, die 1993 zum zweiten Mal das Amt der Premierministerin im benachbarten Pakistan übernahm. Das war die Zeit, in der dort der systematische Aufbau der Taliban begann. Dies geschah unter anderem im (finanziellen und politischen) Interesse und mit entsprechender Unterstützung von Saudi-Arabien und den USA. Sie sahen in der radikal sunnitisch-orthodoxe Bewegung eine willkommene Bedrohung für den schiitischen Iran. »Seit Spätsommer 1994 breiteten sich die Taliban in Südafghanistan aus«, schreibt Schetter.

Filmkritik: Lone Survivor (2013) mit Mark Wahlberg erzählt von Kämpfen amerikanischer Soldaten gegen die Taliban in Afghanistan. Empfehlenswert ist der Streifen eher nicht.

Die fünfte genannte Frau ist die europäische Frauenbeauftragte Emma Bonino – aufgrund ihrer Festnahme bei einem Besuch in Kabul, 1997. Zu der Zeit forderte die Taliban gerade einen offiziellen Sitz in den Vereinten Nationen, während sie mit Schmuggelgeschäften in Milliardenhöhe ihren Machtbereich ausbreiteten. Afghanistan war derweil zum weltweit größten Heroinproduzenten aufgestiegen.

Fazit zu Kleine Geschichte Afghanistans

Der Fokus auf die paar wenigen Frauen fasst die Kleine Geschichte Afghanistans schon in a nutshell zusammen. Es ist eine gewaltsame Geschichte unrechtmäßiger Besitzansprüche, angetrieben von männlicher Geltungssucht und Machtgier. In Sachen Emanzipation meist ein kleiner Schritt vor, gefolgt von zwei großen Schritten zurück. Oh, die sechste Frau ist übrigens Victoria, die Königin von England. Sie nahm 1849 den größten Diamanten der Welt – den Koh-i-Noor – als Geschenk an. Es handelte sich dabei um britische Kriegsbeute, die das Land bis heute im Tower zu London zur Schau stellt. Entwendet wurde der Stein, ganz ursprünglich, übrigens dem Khan von Mawla aus, natürlich, Afghanistan. Conrad Schetters »kleine Geschichte« ist eine übersichtlich strukturierte, erhellende Lektüre über das Schicksal dieses Landes.

Die siebte Frau, die in diesem Beitrag abschließend noch erwähnt werden soll, ist Malalai Joya. Diese afghanische Politikerin wurde 2005 im Alter von 27 Jahren als jüngstes Mitglied in das neu gegründete afghanische Parlament gewählt. Seitdem hat sie mit ihren Vorwürfen gegenüber den Machthabern für einiges an Aufregung gesorgt. 2010 befand das TIME Magazin sie als eine der 100 einflussreichsten Personen des Jahres. In ihrem Buch Ich erhebe meine Stimme kommt die berühmte Afghanin auf etliche der von Schetter erwähnten Politiker zu sprechen. Selbst hat Malalai Joya es jedoch nicht in dessen Kleine Geschichte Afghanistans geschafft.

Fußnoten

  1. https://www.cia.gov/library/publications/the-world-factbook/geos/af.html

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