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Ich erhebe meine Stimme · von Malalai Joya | Buch 2009 | Kritik

Das Buch Ich erhebe meine Stimme ist teils die Geschichte eines Landes, teils ein politisches Manifest. Eingerahmt sind diese Elemente in eine außergewöhnliche Autobiografie. Geschrieben wurde sie von der afghanischen Menschenrechts-Aktivistin Malalai Joya (*1978). Behilflich war ihr dabei der kanadische Autor Derrick O’Keefe. Erschienen im Jahr 2009, nimmt das Buch »die drei vergangenen Jahrzehnte der Gewaltherrschaft und Unterdrückung« in Afghanistan in den Fokus. Joya geht es darum, einem breiten Publikum zu erklären, dass mit dem Sturz des Taliban-Regimes im Herbst 2001 längst kein Frieden in das Land am Hindukusch eingekehrt ist – im Gegenteil.

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Beitragsbild zum Buch von Malalai Joya, »Ich erhebe meine Stimme«

Protest unterm Leichentuch

»Eine Frau kämpft gegen den Krieg in Afghanistan«, heißt es auf dem Cover des rund 300 Seiten starken Buchs.1 In 14 Kapiteln beschreibt Malalai Joya darin ihren Lebensweg. Von einer Kindheit in Flüchtlingslagern bis ins afghanische Parlament, von dem Rauswurf aus selbigen direkt ins Rampenlicht der internationalen Öffentlichkeit. Joya hat inzwischen etliche Länder besucht und bei verschiedensten Anlässen gesprochen. Sie ist immer wieder in ihre Heimat zurückgekehrt – während andere womöglich längst politisches Asyl beantragt hätten. Hauptsache weg.

Denn die ganze Zeit über war und ist Joya dabei Gefahren ausgesetzt. Denen einer jeden Frau in Afghanistan und insbesondere denen einer politischen Aktivistin. Sie prangert alte Kriegsherren an, die im neuen Gewand an der aktuellen Politik beteiligt sind. Sie läutet zum Kampf gegen diese gewaltbereiten Gegner. Und sie lebt dafür »als Flüchtling im eigenen Land«. Ich erhebe meine Stimme ist in der Ich-Perspektive geschrieben und konfrontiert die Leser*innen mit der ganzen Wucht von Joyas Persönlichkeit: mutig, selbstbewusst, wortgewandt.

Um meine Identität zu verbergen, muss ich unter dem Schutz einer Burka aus schwerem Stoff reisen, die für mich ein Symbol für die Unterdrückung der Frauen ist, ein Leichentuch für lebendige Menschen. […] Das Gesichtsfeld verkleinert sich wegen des Sichtfensters vor den Augen, und unter der Burka ist es erstickend heiß. Das einzig Nützliche an diesen langen blauen Gewändern war, dass man Schulbücher und andere verbotene Dinge darunter verstecken konnte. | S. 9, 54

Wie Joya zur Ikone wurde

Der erste Eindruck ist, zugegeben, etwas irritierend. Auf dem Buchrücken heißt es »vier Attentate« habe Malalai Joya überlebt. Auf Seite 8 schreibt sie selbst von »mindestens fünf Attentate[n] und zahllose[n] Verschwörungen« …mindestens? Sollte sie die genaue Zahl der Attentate – so mein naiver Gedanke – nicht konkret im Kopf haben, als immerhin extrem einschneidende Erlebnisse? Erst im weiteren Verlauf der Lektüre erklärt sich die oft unübersichtliche Risikolage rund um Joya. Bis dahin hat sie ihre Leser*innen längst für sich gewonnen und von ihrer Sache überzeugt.

Malalai Joya wurde zur Ikone für freiheitliche denkende Afghan*innen, als sie – von ihrer Provinz als Repräsentantin gewählt – einer sogenannten »Loja Dschirga« (großen Versammlung) in Kabul beiwohnte. Von den 502 »gewählten« Abgeordneten waren 114 Frauen (viele davon jedoch handerlesen von mächtigen Männern, wie Joya später noch thematisiert). Sie schreibt: »Ich war entsetzt und schockiert, Warlords und andere wohlbekannte Kriegsverbrecher in der ersten Reihe dieser wichtigen Versammlung zu sehen.« Was Malalai Joya daraufhin tat, ist beeindruckend: Am 17. Dezember 2003 verschaffte sich entgegen aller Widerstände ein paar Minuten Redezeit und sprach die Heuchelei in aller Öffentlichkeit an:

Ich kritisiere an euch, meinen Landsleuten, dass ihr nicht an der Legitimität und Rechtmäßigkeit dieser Loja Dschirga zweifelt, weil hier auch die Verbrecher teilnehmen, die unser Land in diesen Zustand gebracht haben.

»Obwohl eine Kandidatur theoretisch illegal für Milizführer oder Kombattanten war«, schreibt Joya in Ich erhebe meine Stimme über das einige Monate nach der Versammlung gebildete Parlament, »stellten Warlords oder ihre Verbündeten 60 Prozent der neuen Parlamentarier, wie ein Bericht von Human Rights Watch enthüllte.« (S. 168).

Ich erhebe meine Stimme – und klage an

Hier ein Video von jenem historischen Moment, der eine Zäsur in Malalais Leben bedeutete. Spätestens seit diesem Auftritt hat sie sich dem Kampf für Gerechtigkeit in Afghanistan verschrieben. Ein englisches Transkript der Sequenz findet sich in der Video-Description auf YouTube:

Einen eindrucksvollen Dokumentarfilm über Malalai Joyas Wahlkampf und Einzug ins Parlament im Jahr 2005 hat die dänische Filmemacherin Eva Mulvad gedreht. Er ist in voller Länge und Englisch untertitelt auf YouTube verfügbar: Enemies of Happiness (2006).

Joya schreibt in Ich erhebe meine Stimme über diese Doku: »Es war eine große Ehre, in einem Film vorzukommen, der, wie ich glaube, einiges zum Verständnis der Leiden des afghanischen Volkes beiträgt.« (S. 162) Allerdings hätte sie sich ein anderes Ende gewünscht, mit weniger Gewicht auf der Rede des neuen, von Joya als korrupt beschriebenen Regierungschefs Hamid Karzai: »So bekommen manche Zuschauer vielleicht den falschen Eindruck, dass nach der Wahl jetzt alles im Land in Ordnung sei.« (S. 170)

Kulturelle Einflüsse

Interessant sind, noch recht zu Anfang von Ich erhebe meine Stimme, Joyas Absätze über ihre kulturellen Einflüsse. So habe sie Maxim Gorkis Die Mutter und Jack Londons Wolfblut als lesenswerte Bücher in Erinnerung – neben den Biografien von Vorbildern wie Patrice Lumumba und Mahatma Ghandi. Von den wenigen Filmen, wie sie als Mädchen im Flüchtlingslager zu sehen bekam, fällt ihr Spartacus ein, auf den Joya später nochmals zu sprechen kommt. Und nicht zu vergessen: Titanic (1997).

Trotz (und gerade wegen) all dieser Verbote [unter den Taliban] gab es natürlich einen Schwarzmarkt, und damals wurde der Kinofilm Titanic zu einem riesigen Erfolg im Untergrund. Videokassetten des Films wurden, wie auch andere Schmuggelware, über die iranische Grenze gebracht. Besonders Jugendliche wurden große Fans und organisierten geheime »Titanic-Parties«, um sich den Film anzuschauen. | S. 61

Die dunkelste Epoche

Die Lebensbedingungen in den Lagern, ihre Lektüre und ihre schon frühe und stets heimliche Tätigkeit als Lehrerin für Mädchen. All dies »veränderte mein Weltbild«, so reflektiert Joya über ihre Zeit vor und unter den Taliban. Den größeren Teil ihres Buchs Ich erhebe meine Stimme verwendet sie jedoch nicht auf die Beschreibung der Taliban-Schreckensherrschaft. Die Vergangenheit rückt bei Joya zwar nie ganz aus dem Blick – doch Gegenwart und Zukunft sind es, um die es ihr maßgeblich geht.

Die meisten beschreiben ausführlich die Grausamkeit und Rechtlosigkeit des Taliban-Regimes, übergehen aber normalerweise eine der dunkelsten Epochen unserer Geschichte: die Herrschaft der fundamentalistischen Mudschaheddin zwischen 1992 und 1996. Ich hoffe, dass dieses Buch Aufmerksamkeit auf die Gräuel dieser Warlords lenken wird, die jetzt das Karzai-Regime dominieren. | S. 11

Ich erhebe meine Stimme – 10 Jahre später

Zwar sind seit der Veröffentlichung des Buches Ich erhebe meine Stimme nunmehr 10 Jahre vergangen und Hamid Karzai ist nicht mehr der afghanische Präsident. Doch das Problem der Korruption und Kriegsverbrecher in höchsten Kreisen bleibt bestehen. Nur ein Beispiel von vielen: Gulbuddin Hekmatyār. Joya nennt ihn einen »Warlord«, einen »der schlimmsten Extremisten der Welt« (S. 24) und »für die USA einer der meistgesuchten Terroristen« (S. 169). Wikipedia nennt ihn einen »afghanischen Politiker«. Wer Genaueres über dessen Kriegsverbrechen in den 90er Jahren, insbesondere gegen Zivilist*innen, lesen möchte, sollte den weitaus detailreicheren englischen Wiki-Artikel dem deutschen vorziehen.

So oder so wird Hekmatyār auch von der neuen Regierung »begrüßt« (hier ein Bericht aus dem Jahr 2017). Der derzeitige Regierungschef Aschraf Ghani ernannte Abdul Raschid Dostum zu seinem Vize-Präsidenten. Dostum ist ebenfalls ein für seine Brutalität bekannter Warlord, der in Joyas Ausführungen eine unrühmliche Rolle spielt. Mehr über die bald anstehende Wahl in Afghanistan, bietet tagesschau.de.

Fazit zu Ich erhebe meine Stimme

In ihrem wohlstrukturierten Buch Ich erhebe meine Stimme nennt Malalai Joya die Namen derjenigen, die bekämpft werden müssen, und Maßnahmen, wie dieser Kampf zu bewältigen ist. Das Ergebnis stellt ein beeindruckendes Werk dar, mit Handlungsaufruf an alle Leser*innen – egal, wo auf der Welt wir uns befinden. »Die Wahrheit sei immer das erste Kriegsopfer«, mahnt Joya (S. 293) und ruft deshalb auch alle Nicht-Afghan*innen ausdrücklich dazu auf, sich auf dem Laufenden zu halten, »wie es in Afghanistan wirklich aussieht.« Als »ausgezeichnete Quelle für Nachrichten über die Bedingungen in Afghanistan« nennt Joya die Website von RAWA (Revolutionary Association of the Women of Afghanistan).

Lesetipp: In ihrem Buch Nach Afghanistan kommt Gott nur noch zum Weinen (2002) schildert Siba Shakib ein afghanisches Frauenschicksal von der Kinderstube über viele Kriegsjahre hinweg. Die Ereignisgeschichte des Landes arbeitet Conrad Schetter in Kleine Geschichte Afghanistans (2017) auf.

Fußnoten

  1. Vorliegende Ausgabe: Joya, Malalai: Ich erhebe meine Stimme. Eine Frau kämpft gegen den Krieg in Afghanistan. München 2009. ISBN: 978-3-492-05277-1

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