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Nach Afghanistan kommt Gott nur noch zum Weinen | Buch 2002

Zuletzt aktualisiert am 16. Mai 2019 um 18:20

Das Buch Nach Afghanistan kommt Gott nur noch zum Weinen erzählt »ein exemplarisches, afghanisches Frauenschicksal«, geschrieben von Siba Shakib (*1969). Die deutsch-iranische Schriftstellerin, Journalistin und Dokumentarfilmerin lernte auf einer Afghanistanreise, in einem Flüchtlingslager, eine Frau namens Shirin-Gold kennen. Sie ließ sich ihre Lebensgeschichte erzählen – und gibt diese auf 318 Seiten1 wieder. Keine besondere Biografie, sondern eine, wie sie Hunderttausende anderer Afghaninnen ähnlich erlebt haben.

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Beitragbild zur Buchkritik »Nach Afghanistan kommt Gott nur noch zum Weinen«

Die Ohnmacht der Einzelnen

Geboren in einem Bergdorf Afghanistans fällt Shirin-Gols Leben in eine Zeit, da dieses Land von 22 Jahren Kriegsgeschehen heimgesucht werden soll (nicht, dass es in der Vergangenheit viel friedlicher gewesen wäre). Sie wächst in Armut auf, als viertes Kind nach drei Söhnen – womit ihre Mutter »endlich Hilfe bekomm[t], bei der vielen Arbeit […], dem Feldbestellen, Brotbacken, Kleidernähen, Schafhüten, Kühemelken, Essenkochen, Teppichknüpfen und was sonst noch an Arbeit anfällt« (S. 18). Es ist ein hartes Leben, doch auf seine Weise ein sicheres, eingebettet in jahrhundertealte Traditionen – bis die Russen einmarschieren. Shirin-Gol verschlägt es vom Land in die Stadt, von der Stadt in den Nachbarstaat, von Pakistan in den Iran und immer wieder zurück in die unbarmherzige Heimat. Früh verheiratet, vielfache Mutter, von Familie und Volk in die Enge eines elendiges Daseins getrieben. »Die Geschichte der Shirin-Gol« ist eine Geschichte der Unterdrückung – durchbrochen von kleinen Momenten des Widerstands.

Als gleich zu Beginn die »Sozialromantik verwestlichter Fantasie« adressiert wird, weist die Shakib bereits in die Richtung der folgenden Geschichte. Wenn hier im späteren Verlauf von »Widerstand« die Rede ist, geht damit kein revolutionäres Aufbegehren einher. Gemeint sind keine heroischen Gesten, sondern einzelne Worte oder der Blick einer Frau ist das Gesicht ihres Henkers. Was auch immer geschieht, liegt im langen Schatten eines übergroßen Gegners.

Dieser Antagonist hat kein Antlitz, hat vielmehr zahllose Gesichter – die von langbärtigen Mullahs und russischen Soldaten, »selber noch Jungen […] keine Ahnung vom Leben, vom Krieg, vom Töten, und vom Getötetwerden schon gar nicht« (S. 26), Gesichter von Gewalttätern, deren Gewalttaten die Autorin bereits im ersten Kapitel von Nach Afghanistan kommt Gott nur noch zum Weinen schildert. Wenige Seiten und kein Zweifel mehr: Dieses Buch scheut nicht vor schrecklichen Details. Die Ohnmacht und der Schmerz der Protagonistinnen und all ihrer Wegbegleiterinnen – wir Leser*innen sollen es fühlen.

Egal, wer man ist und was man getan hat

Shakib berichtet von den Gräueln auf allen Seiten, seien es die Russen, die in Dörfer einfallen und sich an der Bevölkerung vergehen, die Briten, die Amerikaner, oder die Afghanen selbst, die ihrerseits die fremde Soldaten brutal zurichten: »Hemdausziehen nennen es die Afghanen, wenn sie den Russen ringsherum die Taille aufritzen und die Haut über den Kopf ziehen […]« (S. 27) – Symptome des Krieges, der das Land wir ein Virus überzieht und niemanden verschont. Einmal ist Shirin-Gol im Gebirge, in einem Dorf, deren Bewohner nicht wahrhaben wollen, dass dieser Virus auch sie befallen soll.

Der Krieg. Warum? Was haben wir getan? Nichts, schreit Shirin-Gol. Man muss dem Krieg nichts antun, damit er kommt. Wenn der Krieg kommen will, kommt er. Egal, wer man ist und was man getan hat. Hört auf, Fragen zu stellen, packt eure Sachen, wir müssen uns beeilen, wir müssen fliehen. | S. 137

Fliehen, ohne einen Blick zurück zu werfen.

Gewalt gegen Wehrlose und leere Versprechen

Shirin-Gol muss nicht hinsehen, um zu wissen, was geschieht. Wer auch immer die Männer sind, die in den Hubschraubern sitzen – warum sind es eigentlich immer Männer? –, wer auch immer sie sind, in wessen Namen auch immer sie kämpfen – kämpfen? Tun sie ja gar nicht. Sie schießen nur. Auf Wehrlose. Auf Ahnungslose.

Die augenfällige Männerlastigkeit in der kriegerischen und politischen Historie dieses Landes ließ sich bereits in der Lektüre von Kleine Geschichte Afghanistans von Conrad Schetter nicht übersehen (hier geht’s zur Buchkritik). Shakib streut die Historie absatzweise in ihren Roman Nach Afghanistan kommt Gott nur noch zum Weinen ein, ohne Zahlen und Namen ein allzu hohes Gewicht beizumessen. Das liest sich so:

Shirin-Gol lernt [noch als Mädchen, an einem ihrer wenigen Schultage], dass es immer einen Mann gibt, der Chef des Landes ist, der verspricht, allen die Freiheit zu bringen, der früher Nur Mohammad Taraki genannt wurde, dann Babrak Karmal, dann Hafizulla Amin – oder hieß er zuerst Karmal und dann Amin? Dann hieß er Haji Mohammad Chamkani, dann Mohammad Najibullah. Jedenfalls gibt es immer irgendeinen Mann, der verspricht, die Freiheit zu bringen. | S. 43

Eine Zeit, die keine Angst kennt

Ein Versprechen, auf das nicht viel zu geben ist – auch das lernt Shirin-Gol, die sich immer wieder dümmer stellen muss, als sie ist. Amüsante Passagen wie diese sind rar in Nach Afghanistan kommt Gott nur noch zum Weinen. Ebenso die Verschnaufpausen im Leben der Hauptfigur. Ihre seltenen Momente idyllischer Muße bleiben belastet von Shirin-Gols Situation, die sich nie ausblenden lässt.

Etwas weiter oberhalb, dort, wo der kleine Bach aus den Felsen entspringt, legt Shirin-Gol sich auf den Rücken, streckt ihren dicken Bauch mit dem Vergewaltigerkind darin in den Himmel, breitet die Arme und Beine aus, schließt die Augen, döst und träumt von einer Zeit, die keine Angst kennt […] | S. 119

Es ist erstaunlich, wie Shakib es gelingt, eine gesichtslose Frau im überfüllten Flüchtlingslager, eine vermeintliche Lügnerin, die fremde Kinder an der Essensausgabe vorschiebt, für uns zu einer Person mit einem Namen und einer Lebensgeschichte macht. Am Ende teilen wir Shirin-Gols Verzweiflung, spüren ihre Hilflosigkeit – und haben doch nur den Hauch einer Ahnung, was es heißt, in ein solches Leben geworfen zu sein.

Lesenswert: Das Buch Ich erhebe meine Stimme (2009) der afghanischen Politikerin Malalai Joya beschreibt eindringlich die Situation der Frauen in Afghanistan aus einer anderen Generation und Position heraus – als jüngste Parlamentarierin des Landes.

Fazit: Nach Afghanistan kommt Gott nur noch zum Weinen

Der Schreib- und Sprachstil ist gewöhnungsbedürftig. Es gibt keine Anführungszeichen für wörtliche Rede. Es gibt wachsende Wort-Ungetüme (Madar-ohne-Farbe-im-Gesicht-und-ohne-Stimme-im-Mund) und gebetsmühlenartige Wiederholungen – besonders gegen Ende. Doch das passt, als konstanter Gedankenstrom eines Gehirns, das zunehmend mürbe wird, ob der Aussichtslosigkeit und der »Hoffnung, die nur aus Warten besteht« (wie Laure Adler es mal über ein anderes Buch formulierte).

Nach Afghanistan kommt Gott nur noch zum Weinen ist ein beeindruckendes Werk über die Lebenswelt einer getriebenen Seele. Allein für herausragende Szenen wie Shirin-Gols Gespräch mit einem Taleban-Soldaten, der ihre Tochter heiraten möchte und für seine Islam-Auslegung von Shirin-Gol zur Rede gestellt wird (»Was ist das für eine Freiheit, die der Hälfte der Bevölkerung verbietet, das Haus zu verlassen?«), oder ihre Begegnung mit einem von Minen verstümmelten Jungen im zerbombten Kabul, ist dieses Buch die Lektüre wert. Es bildet den emphatischen Gegenpol zu ereignisgeschichtlichen Erzählungen über Afghanistan.

Dabei thematisiert Shakib alle fünf Grundzüge, die Scheffer in Kleine Geschichte Afghanistans als Grund für die Zerrissenheit des Landes herausarbeitet. Bloß, das Shakib Szenen statt Zahlen beschreibt. 22 Jahre Krieg, was sagt uns das schon? Welches Leid steht dahinter? Shakib gibt Antworten. Ihr Roman ist hier erhältlich.

Die Frauen wissen an diesem Nachmittag noch nicht, dass bald wieder Bomben […] auf ihr Land geworfen werden. Sie wissen an diesem Nachmittag noch nicht, dass ein paar von ihnen einige Monate später tot sein werden. Getroffen von Bomben der Amerikaner, die gekommen sind, sie zu befreien.

Stimmen zum Buch

Es gibt Bücher, bei deren Lektüre sich die Frage aufdrängt, wie viel Leid und Erschütterungen ein Mensch in seinem Leben ertragen kann, ohne dabei selbst den letzten Rest an Menschlichkeit oder auch an Lebensmut zu verlieren. Die Geschichte der Shirin-Gol […] gehört dazu. [Ihre Biografie], die sie in den Grundzügen mit Millionen afghanischer Leidensgefährtinnen teilt, liest sich wie ein einziger Alptraum

Brigitte Baetz (Deutschlandfunk) · hier geht es zu ihrer Buchkritik

Es ist ein sehr bewegendes Buch, also nicht unbedingt etwas für „zarte Gemüter“. Auch wenn es eigentlich kein Jugendbuch ist, empfehle ich es trotzdem auch für Jugendliche, die sich für die dortige Situation interessieren.

Leonora Pelger (Schülerin, Klasse 8) · hier geht es zu ihrer Buchkritik

Trotz all dieser schrecklichen Ereignissen ist Nach Afghanistan kommt Gott nur noch zum Weinen ein sehr poetisches Buch. Siba Shakib hat versucht, »die Eigenheiten, den Rhythmus und den Klang der Sprache ins Deutsche zu übertragen.« Wie sie erklärt, ist es »sehr orientalisch, dass man über Worte philosophiert und mit der Sprache spielt.«

Kerstin Schneider (Spiegel Online) · hier geht es zu ihrer Buchkritik

Shirin-Gol und der »wahre Islam«

Sieh mich an, wenn du zu mir sprichst. Der junge Taleb schweigt, überlegt, hebt den Kopf, sieht Shirin-Gol an mit stillen Augen, […] atmet ruhig, senkt den Blick abermals und sagt, welchen Unterschied macht es für dich, ob ich dich ansehe oder nicht? Einen großen Unterschied, sagt Shirin-Gold. Einen sehr großen. Ich will die Augen des Mannes sehen, der mir verbietet, auf die Straße zu gehen, der mir vorschreibt, mein Gesicht in der Öffentlichkeit zu verdecken, der mir verbietet zu arbeiten. […] Was hat der wahre Islam damit zu tun, ob ich arbeite?, fragt sie. Was haben der wahre Islam und Frieden in unserer Heimat damit zu tun, dass ich dazu verdammt bin, in den vier Wänden meines Zimmers eingesperrt zu sein? Was hat das mit überhaupt irgendetwas zu tun? Wem nützt oder schadet es, ob unsere Töchter in die Schule gehen? Was ihr da verbreitet, hat mit dem Islam nichts, aber auch gar nichts zu tun. | S. 172

Fußnoten

  1. Vorliegende Ausgabe: Shakib, Siba: Nach Afghanistan kommt Gott nur noch zum Weinen. Die Geschichte der Shirin-Gol. München 2001. ISBN: 978-3-442-45515-7

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