Diverses

Marc Schießer · Regisseur von »Wishlist« | Interview

Zuletzt aktualisiert am 8. Juli 2019 um 18:08

Zum Jahreswechsel 2011/12 habe ich mit dem Filmemacher Marc Schießer aus Wuppertal mal ’n Bierchen getrunken, via Skype (Köln–Wuppertal, das ist ne Weltreise in Zeiten des Internets). Schnacken wie die Waschweiber, das können wir, wenn es um Filme geht – und um Filme ging es. Aktuell in der Postproduktion zu seinem neusten Kurzfilm, hat Marc auf meine Fragen hin mal Revue passieren lassen, wie sein Filmschaffen angefangen hat.

Marc Schießer

David Johann Lensing: Du steckst seit Wochen in der Postproduktion zu deinem aktuellen Filmprojekt. Was hast du zuletzt daran gemacht?

Marc Schießer: Mir das Ganze immer wieder angeschaut und kleinste Details ausgemerzt, die mir noch aufgefallen sind. Dabei versuche ich, mir den Film mit den Augen eines Betrachters anzuschauen, der das Ergebnis noch nicht kennt – was schwierig bis unmöglich ist. Zurzeit halte ich mich eigentlich mit Kleinigkeiten auf, wie zum Beispiel das Austauschen einzelnen Wörter aus diversen Lieblingstakes, sprich: Wenn mir einzelne Betonungen in der fertigen Tonspur nicht gefallen, schneide ich sie aus einem besseren Take heraus und tausche die Wörter oder Silben. Solch ein Fetischkram hält mich gerade beschäftigt.

Du hast also noch nicht versucht, eine gewisse Distanz zu deinem Film zu gewinnen?

Marc Schießer: Na ja, ich habe mir den Film die letzten vier Tage nicht geschlossen am Stück angeschaut und bin gespannt, wie es wirkt, wenn ich ihn mir jetzt wieder ansehe. Wird sich zeigen, ob die Abstinenz zu einem objektiveren Blick führt.

Unbedingt was mit ’ner Knarre

Spulen wir von der Gegenwart erst einmal weit zurück. Das erste, was ich nach eifriger Internet-Stalkerei über Marc Schießer gefunden habe, war eine rege Forendiskussion über dessen Film Drei Bengel für Bali – war das Dein Erster?

Marc Schießer: Nein. Das war das dritte oder vierte Filmprojekt, das ich umgesetzt habe. Davor gab’s sogar schon einen Film, der auf Festivals lief. Die Geschichte deines Lebens hieß der. Darin geht’s um einen Typen, der gerade auf dem Heimweg ist und sich schon irrsinnig auf die Lasagne freut, die er gleich zu Abend essen wird – er stellt sich vor dem inneren Auge vor, wie er das Ding aus dem Kühlschrank nehmen und genießen will – da geht er durch eine Unterführung und wird vor einer Leuchtreklame plötzlich hinterrücks niedergeschlagen.

Ehe er sich versieht, steht ein Typ mit einer Knarre vor ihm – ich war 16 Jahre alt und wollte unbedingt was mit ’ner Knarre machen – und dieser Typ sagt: Erzähl mir eine Geschichte, die mich unterhält, sonst erschieß ich Dich. Also überlegt der Protagonist, was er erzählen könnte, geht seine Gedanken durch und kommt zu dem Schluss, dass er noch nichts erlebt hat, das spannend genug wäre, um davon zu erzählen. Das sagt er dem Typ auch und dieser drückt ab: Peng, Platzpatronen! Es bestand also nie eine echte Gefahr.

Am Ende geht der Typ ein bisschen desillusioniert durch die Gegend… diesen Film habe ich im Rahmen eines Praktikums beim Medienprojekt Wuppertal gemacht – vor Drei Engel für Bali. Und der lief dann auch auf ein paar Festivals. Das war so das erste, halbwegs guckbare Ding.

Erst „Zweifel“, dann „Schmerz“

Als Filmemacher in Wuppertal kommt man am Medienprojekt wohl nicht vorbei. War das deine erste Begegnung mit dieser Institution?

Marc Schießer: Die veranstalten jedes Jahr diese „No Clip“-Aktion, an der du dich 2011 mit Käfighaltung ja auch beteiligt hast. Bei dieser Aktion habe ich schon als Schüler mitgemacht, im Alter von 14 Jahren. Davor habe ich halt nur mit Freunden aus Jux und Dollerei ein bisschen gedreht, mit einer Hi8-Kamera, in der wir auch direkt geschnitten haben. Sowas halt. Mein erster „No Clip“ war zum Thema „Zweifel“, am Jahr darauf habe ich direkt wieder mitgemacht und einen Dreiminütiger zum Thema „Schmerz“ gedreht. Danach kam erst das Praktikum. 14 Tage und „Die Geschichte meines Lebens“. Das waren so die Anfänge.

Ich springe ins Jahr 2009. Wir haben uns beim 24-Stunden-Filmfestival Manifest, wieder initiiert vom Medienprojekt, kennengelernt. Damals hast du von deinem Kurzfilm Mit offenen Augen erzählt, den Du zuvor gemacht hattest. Der lief sogar in Ludwigsburg, richtig?

Marc Schießer: Japp, das war ein kurzer Horrorfilm mit Flashback-Struktur, wie so oft, aber ein total straightes Ding. Geht über zwei Typen, die sich in einem Keller streiten. Das Drehbuch hatte ich damals aus Spaß geschrieben, fürs private Ideenarchiv. Dann kam es so, dass wir im Literaturkurs in der Schule, Klasse 10 oder so, ein Filmprojekt machen sollten.

Unsere Gruppe hat sich natürlich erst ein mega aufwändiges Ding überlegt: 60 Minuten, hochkomplexe Story, gesellschaftskritische Themen und mit einer fetten Prügelei, in deren Choreographie und Ausarbeitung wir eigentlich all unsere Energie gesteckt haben. Sprich: Jeder Schlag, jede Bewegung war durchgeplant, aber sonst hatten wir nix. Irgendwann wurde die Zeit dann knapp und es war klar, dass wir’s so nicht hinbekommen würden – eine Woche vor Abgabeschluss.

Marc Schießer plötzlich auf Platz 2

Also haben wir besagtes Drehbuch aus dem Archiv genommen und die radikale Kurzplanvariante gemacht: Ein Tag lang gedreht, in derselben Nacht geschnitten und am nächsten Tag abgegeben. Das Ergebnis habe ich dann auch beim Medienprojekt Wuppertal gezeigt und die haben sich die Mühe gemacht, es über den Festivalverteiler rauszuschicken. Und plötzlich: Platz 2 auf dem Bundesfestival Video in Ludwigsburg! (hier geht es zum damaligen Festivalkatalog) Ich war total perplex, weil das Ding ja so super schnell gedreht wurde und aus dem großen Epos nix geworden ist.

Nachtrag: Der Deutsche Jugendvideopreis, den Marc Schießer gewonnen hat, heißt heute Deutscher Jugendfilmpreis. Hier geht’s zur Historie des entsprechenden Festivals.

Als die mich vom Festival angerufen haben, ob ich kommen könnte, habe ich erstmal abgesagt, weil an genau dem Wochenende der Abiball anstand. Als die dann aber meinten, es würde sich wirklich lohnen, zu kommen, lief’s so: Ich bin zur Verleihung gefahren, habe mir praktisch nur den Preis abgeholt, und bin danach direkt weiter zum Abiball. Schon witzig, dass zuweilen die Sachen, die man selbst gar nicht so schätzt, weil man eben nicht allzu viel Herzblut und Arbeit reingesteckt hat, irgendwo gezeigt werden und dann auch noch gutes Feedback bekommen. Da denkt man sich doch: „Warum ausgerechnet der!?“

Inzwischen mischt Du beim Medienprojekt auch organisatorisch mit?

Marc Schießer: Ja, seit 2009 sogar schon. Bot sich an, auch wegen des Praktikums, das ich da schon gemacht habe. Jetzt läuft das quasi als Nebenjob. Ich betreute da Jugendgruppen, kümmere mich um die Kameras, Materialwartung, Kontrolle der Leihgaben und derlei. Weil wir viel Equipment haben, das Tag für Tag durch viele Hände geht, müssen da viele Augen drüber schauen. Daneben mache ich noch medienpädagogische Sachen – zum Beispiel Jugendgruppen anleiten und ihnen Kameras und Schnittplätze erklären.

Weg mit der Kamera

Dein großes Interesse als Filmemacher gebührt ja der Regie. Gibst Du die Kamera im Zuge dessen denn gerne aus der Hand, oder willst Du trotzdem auch die technische Kontrolle bewahren?

Marc Schießer: Bloß nicht! Am Anfang hab ich die Kamera immer noch selbst geführt. Bis AusSetzer. Aber das würde ich nie wieder machen wollen, nicht bei Projekten, bei denen ich bewusst Regie führen möchte, weil das einfach viel zu viel von der Konzentration wegnimmt. Es kostet Energie, wenn man neben der Beurteilung von Performance und Licht auch noch schauen muss, ob die Schärfe stimmt und so.

Was nicht heißen soll, es würde mir keinen Spaß machen, mit Kameras zu arbeiten. Zuletzt habe ich mit der Canon 60D viel selbst gedreht, im Rahmen eines HipHop-Workshops. Da ging’s darum, 30 Videos in 10 Tagen zu machen – mit Jugendlichen, die ein bisschen kompliziert sind. Das war eine klasse Erfahrung, zumal ich erstmals richtig die DSLR-Technik ausprobieren konnte, die mir vom Handling und Look viel besser gefällt, als das Arbeiten mit herkömmlichen Camcordern.

Aber wie gesagt – die Kamera nehme ich nur noch bei Sachen in die Hand, bei denen ich nicht selbst Regie führe. Bei AusSetzer habe ich zum ersten Mal mit einem Kameramann gearbeitet.

Ein konkreter Bewerbungsfilm?

Marc Schießer: Ja. Ein 10-minütiger Streifen über einen Hangover. Für die Filmschule hat’s offenbar nicht gereicht, trotzdem wurde er wieder auf dem Festival in Ludwigsburg gezeigt.

Highlight Partyschiff

Welche Festivals haben dir bis dato am besten gefallen?

Marc Schießer: Auf so vielen war ich noch gar nicht. Mit dir bin ich in Rostock und Wiesbaden gewesen. Dann wurde Schlagbohrer ja außerdem auf einem Queer-Filmfestival gezeigt, auf dem ich aber nicht gewesen bin. Wunderte mich nur, dass unser Kurzfilm so ernst genommen wird. Wie beschrieb die DIE ZEIT-Redakteurin in Rostock Schlagbohrer noch gleich? „Michael Haneke trifft Schwulenwitz“ oder so – für ein DVD-Cover nicht die schlechteste Headline. Das FiSH-Festival war auch jeden Fall das Highlight: Die Location, die Filme, das Partyschiff, die Podiumsdiskussion – hat mir echt gut gefallen.

Als wir in Wiesbaden bei der Werkstatt der Jungen Filmszene waren, sprachst du noch von einem Vampirfilm als nächstes Projekt. Stattdessen hast Du Die Dinge die waren gemacht. Wie kam’s?

Marc Schießer: Vampire sind halt rasend schnell uncool geworden. Irgendwann nach Wir sind die Nacht und Twilight 2 war’s wohl offiziell, da konnte man nicht ernsthaft einen Film machen, in dem ein Vampir die Pointe ist. Nicht schon wieder… hätten alle nur gesagt. Stattdessen habe ich zwischen den Auftragsarbeiten, den Musikvideos, an einer anderen Sache geschrieben.

Trotzdem standen eine ganze Weile erstmal die Auftragsarbeiten im Vordergrund, die ich schon mit Herzblut und soweit möglich einer eigenen Handschrift umsetzen wollte. Es bleibt zwar ein Auftrag und irgendwie nicht Dein Eigen, zumal die komplette Tonspur von einem anderen Künstler ist, trotzdem arbeite ich bei den Musikvideoproduktionen nicht auf Sparflamme. Im Gegenteil: Wir versuchen, möglichst gute, originelle Bilder zu finden, um den Song zu visualisieren.

Offen für Neues

Du machst Videos für Künstler aus der Rap-Szene. Schwierig, da nicht in Klischees zu versinken. Solche Musikvideos fokussieren doch meist auf die Rapper, deren Gesten…

Marc Schießer: …deren Karren, deren Bitches, deren Ketten… ja. Aber viele von den Leuten, mit denen ich da zusammengearbeitet habe, ließen mir schon viele Freiheiten und waren offen für Neues. Vielleicht auch, weil sie selber einfach keine Ideen hatten. Natürlich muss man die Musiker manchmal trotzdem regelrecht überreden, mal was auszuprobieren, was Anderes zu wagen und so.

Ich würde gerne mal ein Musikvideo drehen, in dem der Rapper selbst gar nicht auftritt – aber das geht in dieser Musikrichtung kaum.  Kenne da auch keine Referenzvideos von bekannten Leuten, in denen der Rapper nicht persönlich auftaucht. In anderen Musikzweigen gibt’s davon wiederum haufenweise. Na ja, obwohl ich bis jetzt Jeden gefragt habe, ließ sich sowas noch nicht realisieren. Zuletzt habe ich Tantalusqualen gemacht.

Musikvideos sind vor allem deshalb super, weil man sich technisch ausprobieren kann, was das Arbeiten mit Stimmungen und zuweilen sogar Erzähltechniken angeht. Da habe ich, learning by doing, schon viel lernen können – zumal man die Tricks und Kniffe dann natürlich auch auf die eigenen Projekte anwenden kann, wie jetzt eben in Die Dinge die waren.

Interview – Teil 2

Im zweiten Teil unseres überlangen Interviews nehmen wir das aktuelle Projekt vom Wuppertaler Filmemacher Marc Schießer in den Fokus: Die Dinge die waren. Ein intensiver Blick hinter die Kulissen eines Kurzfilms, der ein Wendepunkt in Marcs Filmschaffen werden soll. Erstmals stehen professionelle Schauspieler vor seiner Kamera, die einem Herzensprojekt Leben einhauchen.

David Johann Lensing: Dein aktuelles Filmprojekt also, was hat es damit auf sich? Wann und wie ging’s los?

Marc Schießer: Die Idee zu dem Film kam mir schon 2010, als ich noch mitten in Musikvideoproduktionen steckte. Das Drehbuch habe ich dann erst  im Mai/Juni 2011 geschrieben. Dann kam auch schon das Casting, das in diesem Umfang totales Neuland für mich war. Erstmal fand ich’s krass, wie viele professionelle Schauspieler bereit waren, bei sowas mitzumachen. Da fragt man sich echt, warum man das so lange mit den eigenen Kollegen gemacht hat.

Trotzdem sollte man ein gewisses Level erreicht haben, ehe man sowas ausprobiert. Die Schauspieler würden vermutlich auch so mitmachen, aber für Einen selbst ist es besser, wenn man schon etwas Sicherheit und Erfahrung im Umgang mit Leuten hat. Deshalb ist es, denke ich, sehr gut, im Kreis der eigenen Leute anzufangen – wo man noch sagen kann: „Mach mal lieber so oder so“ – bevor man mit Profis arbeitet, bei denen man schon eine andere Sprache anwenden sollte. Sagen wir’s so: Ich finde es logisch, dass ein Jeder im privaten Rahmen anfängt, aber genauso logisch ist es, irgendwann den nächsten Schritt zu machen und mit richtigen Schauspielern zu arbeiten. Einmal gemacht will man’s – wie beim Kameramann – nicht mehr anders machen. Es ist einfach beachtlich, was richtige Schauspieler einem geben, beziehungsweise was man aus denen herausholen kann, wenn man sie fordert.

Hier geht es zum ersten Teil unseres Interviews.

Die Dinge die waren

In den Hauptrollen: Tim Kalkhof und Sunny Bansemer

Nach diversen Internetakquisen habt ihr ein Face-to-Face-Casting veranstaltet. Hattest Du mit Nervosität zu kämpfen?

Marc Schießer: Nervös war ich, klar. Vor allem bei den ersten Durchgängen. Man will halt total professionell wirken und weiß ja eigentlich gar nicht, wie das geht. Aber so ist das irgendwie bei allen Filmsachen – oder hast du schon viele Leute Regie führen sehen? Man kann da schlecht sagen, was richtig und was falsch ist.

Man vertraut einfach darauf, dass die Anderen es auch nicht wissen.

Marc Schießer: Genau! Irgendwann kommt man immer an so einen Punkt, an dem man denkt „War das jetzt richtig so? Hab ich das gut gemacht?“ – das ist so ein Punkt, der halt kommen muss. Aber schlussendlich gibt es kein richtig oder falsch. Man muss einfach einen Weg für sich finden, der gut funktioniert. So war es bei dem Casting auch. Nach drei Bewerbern hat man gemerkt: Klar, das läuft jetzt so. Die lachen jetzt nicht, wenn ich was von denen will, sondern machen das. Du wächst einfach rein in die Sache.

Seid ihr denn fündig geworden?

Marc Schießer: Was die weibliche Hauptrolle anbelangt schon. Aber die männliche Hauptrolle – die tragende Figur des ganzen Films – für den haben wir eben keinen gefunden. Also haben wir nochmal Freunde und Bekannte gefragt. Unter anderem sprach ich mit einem Kollegen, der in Ludwigsburg Schnitt studiert und der hat mir dann einen Typen von der Schauspielschule Ludwigsburg empfohlen. Er schickte mir einem Film von ihm, den ich gut fand, obwohl es eine ganz andere Rolle war,  aber man sah einfach direkt, dass dieser Schauspieler wahnsinnig viel Talent hat!

Ich habe den dann angeschrieben, er hatte Zeit und Lust und wollte sich prompt treffen – und zwar unbedingt persönlich. Viele bieten ja ein Skype-Casting an. Leute aus München oder woher auch immer, die nicht zum Castingtermin kommen können. Manche schicken Videos… habe da ein paar sehr witzige Clips zugeschickt bekommen… doch genau das wollte besagter Schauspieler nicht. Er wollte sich treffen, trotz der riesigen Distanz zwischen Ludwigsburg und Wuppertal.

Spontan in der Mitte getroffen

Wir haben uns dann in Mainz, also der Mitte, verabredet. Rückblickend schon wieder so eine Sache, bei der ich sagen muss: Ja, nie wieder anders! Eine weitere Lektionen dieses Projektes. Ein persönliches Treffen ist das beste, was man machen kann, um zu schauen, ob die Chemie stimmt. Denn genauso wichtig wie das Schauspieltalent ist ja auch, wie’s auf der menschlichen Ebene funktioniert. Höchste Priorität hat das Verständnis der Rolle. Wenn das total auseinander geht, kann man sich gleich denken, dass es Probleme geben wird. Das Treffen mit dem Hauptdarsteller fand aber wohlgemerkt erst eine Woche vor Drehstart statt. Wir hatten zwar noch einen Typen in der Pipeline, den wir hätten treffen können, aber eigentlich war allen klar, dass es von diesem Mainz-Termin abhängt.

Gott sei Dank war’s dann auch der mega Glücksgriff! Es hätte gar nicht besser laufen können. Ist schon abgefahren, dass wir diesen Typen quasi in letzter Sekunde gefunden haben, auf so einem Wege. Der hat die Messlatte auf ein ganz anderes Level gehoben – da hätte keiner der anderen Bewerber mithalten können.

Und dann habt ihr Die Dinge die waren gedreht. Warum diesen Film?

Marc Schießer: Ich finde, jeder Film sollte irgendwie was persönliches haben, ein persönliches Kernelement. Das kann auch in einem strangen Film, was weiß ich, in eben einem Film über einem Vampir muss das der Fall sein – Sachen einfließen lassen, die man in sich hat. Persönliches einbringen. Eine Handschrift. Erfahrung. Das ist es, was einen Film irgendwie speziell macht und interessant. Was die Zuschauer dazu bringt, sich mit dem Film zu identifizieren zu connecten auf ne Art und Weise.

Könnte auch ein Serienkiller sein

Das habe ich früher nicht so gesehen. Da dachte ich, es wäre geil, einfach mal einen Genre-Film zu machen. Einen Actionfilm und dieses und jenes. Mittlerweile denke ich, dass jeder Film ein persönliches Element braucht. Genrefilm hin oder her, er sollte was haben, was Ausdruck deiner Persönlichkeit ist. Das habe ich im Laufe der Jahre gelernt und deshalb ist Die Dinge die waren jetzt ein extrem persönlicher Film geworden, der halt ein Thema behandelt, das mich total beschäftigt hat.

Im Prinzip gibt’s auch keine… ich musste den Film machen! Das klingt total abhoben-künstlerisch, aber ich musste Die Dinge die waren einfach machen. Die Geschichte hat sich einfach aufgedrängt. Auf jeden Fall. Vom Genre her ist es ein Beziehungsdrama. Trotzdem hoffe ich, dass der Film nichts davon hat, was das Genre eigentlich auszeichnet. Von der Form her ist es total anders umgesetzt, so dass es sich nie anfühlt wie ein Beziehungsdrama.

Im Treatment hatte ich noch geschrieben, dass, wenn man den Film guckt, das Gefühl haben soll, es könne auch um einen Serienkiller gehen. Einfach vom Look und Feel her. Trotzdem bleibt es ein Beziehungsdrama und irgendwann rückt die Beziehung in den Vordergrund. Es sollte aber nicht Banales oder Alltägliches haben, wie so oft Sat1-Filme oder öffentliche-rechtliche Liebesdramen. Es sollte nicht reduziert und minimalistisch, sondern groß und düster sein – optisch aufwändig, musikalisch progressiv, experimentell schon fast. Also vieles, das man nicht mit einem Beziehungsfilm assoziiert. Da sind surreale Traumsequenzen drin und sowas. Nicht so das Standard-Beziehungsdrama.

Die Logline „500 Days of Summer meets Fight Club“ – haste aber schon wieder zurückgenommen, warum?

Marc Schießer: Weil’s ziemlich hochgestochen war. Das sind zwei absolut grandiose Filme und äh… nur wenn die Optik ein bisschen düster ist wird’s nicht direkt ne Fight-Club-Optik. Das war einfach zu hochgegriffen. Deshalb muss das Kommentar vernichtet werden.

Extrem hohe Lernkurve

10 Tage Powerdreh. Wie war das?

Marc Schießer: Mir fehlen ein bisschen die Maßstäbe. Ich war zum Beispiel noch nie bei einem Studentenfilm mit dabei. Keine Ahnung, ob die Dimensionen bei Die Dinge die waren vergleichbar sind – es war auf jeden Fall größer, als alles, was ich vorher gemacht habe. Insofern, als das es anfangs langsam voranging, das Locationscouting und Casting lange gedauert hat. Und dann waren die Dreharbeiten selbst organisatorisch und vom Aufwand her auf einem ganz anderen Level. Das waren verdammt viele Motive, die koordiniert und abgeklärt werden mussten, zuweilen schwierig mit den Genehmigungen, Sachen wie Pizza-Hut. Kneipen, Diskotheken und sowas. Das muss ja alles Wochen im Voraus geklärt werden, damit die einen reinlassen und man die ganze Nacht da drehen kann.

Die große Zahl an Szenen so aufzuteilen auf die zehn Tage war schon enorm, wie ein großes Puzzle: wenn man den Teil da dreht, kann man den nur da und so. Hinzu kommt, dass der ganze Film nachts spielt, abgesehen von ein paar Traumsequenzen. Da war auch die Frage, welche Motive abhängbar waren und welche nicht. Deshalb gab’s – wie schon bei Tantalusqualen – ein richtiges Team in der Preproduction. Leute, die die Produktion mitstemmen. Also organistorisch helfen. Das war auch ne echt coole Erfahrung: Leute dabei zu haben, die den einen oder anderen Bereich komplett übernehmen. Dann gab’s natürlich Dispos, wer wann wen wo abholt, wann was gedreht wird und wie die Pausen eingeteilt sind. Das war ein ganz anderes, insofern angenehmes Arbeit, als damals mit drei vier Freunden, alles eher provisorisch. Diesmal war’s absolut durchorganisiert. Auch anstrengend und lang aber vor allem extrem lohnenswert.

War ne super geile Erfahrung. Gab jeden Tag ne neue Herausforderung – ob’s das erste Mal mit vielen Komparsen war. Wie inszeniert man einen vollen Club, dass der echt aussieht? Mit 50 Leuten? Und wie dreht man ein fahrendes Auto im nächtlichen Regen? So war die Lernkurve extrem hoch.

Da hätte viel schief gehen können – ist es auch?

Marc Schießer: Na ja, es gibt oft Abstriche, Sachen die nicht klappen, wie man sich das vorstellt, aber letztlich hat alles geklappt. Im Gegenteil kam es auch mal vor, dass man ein abgesprochenes Motiv nicht bekommt und stattdessen spontan dann doch was Geileres findet. Vieles ergibt sich dann im Geschehen.

Tantalusqualen als Generalprobe

Und das Team – inzwischen eingespielt?

Marc Schießer: Viele waren schon bei den Musikvideos dabei. Und Tantalusqualen war quasi die Generalprobe, da gab’s schon feste Rollen für Produktionsleiter und Aufnahmeleiter, Dispos und dergleichen, der ganze Quatsch. Aber auch wenn wir da noch dachten: wow, ist das alles krass, Unterwasser-Aufnahmen und sowas – im Vergleich zum neuen Film war das doch sehr easy. Schon fast ein Fun-Dreh. Deshalb kannten wir uns alle schon, und es entwickelte sich auch voll schnell eine Dynamik im Team. Kaum vorstellbar wie’s erst sein muss, wenn man richtig 60 Tage und so dreht. Man ist rund um die Uhr mit diesen Leuten zusammen und macht die ganze Zeit nichts anderes als diesen Film. Schon ne geile Erfahrung. Will jetzt nicht anfangen mit „wir waren eine große Familie“ und so – aber ehrlich gesagt, ja. Waren wir.

Erfahrungen vs. Erwartungen, wie steht es damit?

Marc Schießer: Ich würd’s auf jeden Fall sofort nochmal machen. Am Anfang war ich natürlich nervös, weil so viel Geld dahinter steht, so viele Leute, die davon abhängen, aus Städten angereist kommen – und wenn die einem 10 Tage ihres Lebens zur Verfügung stellen, teilweise dafür Urlaub genommen haben, spürt man schon einen anderen Druck, als wenn man einfach mal so für sich nebenbei ein Filmchen dreht. Oder ein Musikvideo. Also war ich nervös, gerade am Anfang, wollte auch professionell wirken und so. Der erste Tag war dann interessant, weil erstmal nur der Hauptdarsteller alleine da war. Es waren auch nur Szenen, in denen er noch nichts sagen musste. Deshalb war ich tierisch gespannt, wie der die Rolle sprechen wird. War ja kein richtiges Casting mit ihm.

Es ging also quasi auf einer Toilette los, die wir erstmal dreckig machten mussten, weil die viel zu klinisch rein war. Wir haben die dann vollgeschmiert, mit Markern mit Naziparolen und sowas. War ne Kotzszene, die im Film um vier Uhr nachts spielt. Damit ging’s los. Die Nervosität fiel ganz schnell ab, vermutlich nur, weil’s funktioniert hat. Die Anspannung ist ja nur gut – gibt einen enormen Adrenalinausstoß, ich meine, das waren viele Tage, in denen ich kaum geschlafen hab, immer unter Strom war. Schon interessant, wozu der Körper imstande ist – wie viel Energie man rausholen kann. Wenig geschlafen, wenig gegessen, trotzdem ging’s mir die ganze Zeit super. Als Regisseur gibt’s ja nicht das dich mehr begeistert, als einen Film machen zu können – da ist man einfach voll da.

Man fällt in ein Loch

Merkt man nach dem Dreh, wie die Anspannung abfällt?

Marc Schießer: Ja, auf jeden Fall! Danach fällt man erstmal in ein riesen Loch. Da fühlt man sich komplett nutzlos.

Wie war denn die Chemie zwischen den Schauspielern von Die Dinge die waren?

Marc Schießer: Wir wollten eigentlich vorher ein Treffen arrangieren, aber das hat zeitlich nicht funktioniert, weil wir ihn ja erst sehr kurzfristig gefunden haben – und sie war total eingebunden in andere Projekte. Wir wollten das nutzen, um Fotos zu machen, von der gemeinsamen Beziehung, die man dann schon als Requisiten vorbereiten kann. Kostümproben und so. Na ja, klappte halt nicht.  Die haben sich also am Set kennen gelernt – und dann noch zuerst eine Telefonatszene gedreht, in der die beiden tatsächlich telefoniert haben. Eine der wenigen Handkamera-Einsätze, bei ihr. Ich hab ihm ein paar Anweisungen gegeben und bin dann ein paar Räume weiter gegangen, zu ihr. Das war die erste Szene, haben sich gut verstanden, alles palletti.

Zu guter Letzt, schlicht und einfach, womit habt ihr gedreht?

Marc Schießer: Canon 7D, Privatbesitz vom Kameramann. Hatten ursprünglich mit zwei Kameras geplant, aber der zweite Kameramann ist abgesprungen. Trotzdem haben wir uns für Szenen mit extrem vielen Einstellungen oder Schuss-Gegenschuss-Momenten in Dialogen noch eine 60D dazugenommen, Wie viel wir tatsächlich aufgenommen haben, weiß ich nicht. Hab’s nur bei einer Szene aus Jux ausgerechnet und da war’s ein Drehverhältnis von 75:1. Dreieinhalb Stunden für eine Szene, die nur zwei Minuten lang ist, oder so. So um den Dreh.

Interview: Teil 3

Im dritten und letzten Teil meines Interviews mit Marc Schießer zum Start ins Jahr 2012 weichen wir ein bisschen ab von meinem Fragenkatalog. Nachfolgend ein Gespräch über Filme und wie man sie macht und sieht und aus dem Machen und Sehen lernen kann. Dazu ein kritischer Rückblick auf bisherige Projekte und ein Ausblick auf zukünftige – denn nach dem Film ist vor dem Film.

David Johann Lensing: Wie sieht’s aus, Marc, hast du das nächste Projekt ist schon in der Pipeline?

Marc Schießer: Oh ja, im April wird gedreht. Es gibt so ein Projekt das heißt Blickpunkte, 10 Filmemacher machen 10 Kurzfilme in Wuppertal. Einzige Auflage: Muss in Wuppertal spielen und dort eine andere Nation, die in Wuppertal lebt, in den Fokus nehmen. Frankreich, Russland, Polen. Ich hab Frankreich. Das ganze große Ding hat ein Kernteam organisiert. Das ganze Projekt hat ne bestimmte Förderung bekommen. Am Ende kommt ne Gesamt-DVD raus. Jeder Film hat einen Zeitraum von drei Wochen innerhalb derer er dann binnen wenigen Tagen abgedreht werden soll. Ich hab noch kein Drehbuch niedergeschrieben. Die Gesamtplanung ist aber schon sehr konkret. Es gibt einen Drehbuch-Abgabetermine. Es gibt jetzt schon einen Premiere-Termin. Regietreffen und sowas, alles schon genau geplant. Ganz nach dem Motto: Gibt’s ein Drehbuch? – Nein, aber es gibt ein Poster!

Kontroversen als Kompliment

Die Dinge die waren steht hingegen kurz vor der Fertigstellung. Wie gehst Du mit Feedback um?

Marc Schießer: Ja. Schwierig. Ein paar Leute haben den Film in der aktuellen Fassung schon gesehen. Er ist wie gesagt noch nicht ganz fertig, aber man kann sich schon vorstellen, wie das Endprodukt aussehen soll. Bei Musikvideos konnte ich mit Kritik gut umgehen. Kann man ja immer noch auf den Song schieben, nach dem sich das Video zu richten hat. Aber bei so einer persönlichen Geschichte wie Die Dinge die waren, ein Projekt in dem so viel Herzblut steckt… also ein paar haben den schon gesehen und es ist total kontrovers. Vier Leute, zehn Meinungen.

Musikvideos sind erstens nicht so kontrovers, entweder die Bilder gefallen oder halt nicht, es ist halt nicht so persönlich dass es einem viel ausmachen würde. Es unterstützt den Song und die Bilder sind schön, also was willst du mehr? Mit Die Dinge die waren mache ich hingegen eine neue Erfahrung, mit so einer Kritik umzugehen. Und vor allem, was das ultraschwierigste am Filmemachen ist, wie ich finde, welche Meinung man annimmt und welche nicht. Man kann nicht auf jede Meinung hören. Zumal manche deiner ursprünglichen Intention widersprechen. Man soll ja zu dem stehen, was man da machen wollte.

Einerseits soll man seine eigene Stimme und Meinung nicht übertünchen lassen von allen Anderen, andererseits durchaus offen sein für Vorschläge. Es gibt halt auch total gegensätzlich Aussagen. Den einen gefällt der Anfang besonders, den anderen besonders nicht! Cool ist, wenn bestimmte Szenen Kontroversen aufrufen. Es gibt einen Streit in dem Film, in dem meine Testgucker richtig Partei ergriffen haben – so, dass inhaltliche Diskussionen aufgekommen sind über die Motivation und Fairness der Protagonisten.

Das ist dann ja schon eher ein Kompliment.

Die Zeiten sind vorbei

Marc Schießer: Klar: „Der Film ist toll aber dein Held ist ein Arschloch“ ist ein Kompliment! Ging aber soweit, dass es hieß, man könne und wolle sich gar nicht erst mit dem Held identifizieren. Sprich: filmisch toll gemacht, aber die Wirkung bleibt aus, weil man nicht teilnehmen will. Solche Kritik ist wiederum hart und man muss sehen: Von wem kommt sie? Wie gehe ich damit um und derlei?

Lesetipp: Mehr über Marc Schießers Kurzfilm Die Dinge die waren im Teil II unseres Interviews.

Hast du eigentlich schonmal mit Film gedreht, beziehungsweise auf Film?

Marc Schießer: Nee. Das wird auch wahrscheinlich nicht mehr passieren, oder? An den Filmschulen wird’s noch gefordert und gefördert und gelehrt. Aber ich bin der Meinung, dass es in den nächsten fünf Jahren oder so aussterben wird. Klar werden manche Filmemacher aus Liebhaberei oder Nostalgie noch auf Film drehen, aber die digitale Technik holt zu sehr auf. In ein paar Jahren wird 90 Prozent aller Sachen digital gedreht. Ich glaube in ein paar Jahren können sich nur die absoluten Exoten ein Beharren auf echtem Filmformat erlauben, aufgrund eines persönlichen Fetisches oder so – aber Standard wird’s sicher nicht mehr sein. Digital ist billiger, schneller und jetzt schon optisch kaum noch von Film zu unterscheiden.

Nachträglich: ein kleiner Exkurs zum Unterschied zwischen Film und Video.

Wenn ich die Möglichkeit bekäme, klar, würde ich es auf jeden Fall ausprobieren wollen. Wäre schon ne coole Sachen. Aber wenn ich ne Summe X zur Verfügung habe und die verteilen müsste, würde ich die nicht in Filmmaterial stecken. Ist viel zu teuer und  man könnte viel weniger Takes drehen. Da würde ich das Geld lieber an anderer Stelle investieren und digital drehen. Muss jetzt nicht DSLR sein, aber ne RED Scarlet würde ich einer Filmkamera vorziehen.

Marc Schießer hinter der Kamera

Wenn man auf Film dreht, bleibt einem nichts anderes übrig, als dem Take an sich mehr Aufmerksamkeit zu schenken, weil er ja mit viel höheren Kosten verbunden ist. Coverst du gerne?

Marc Schießer: Nein. Man sollte jetzt nicht diverse Kamera aufstellen und aus jedem Winkel alles aufzeichnen, das nicht. Wohl sollte man so viele Takes machen, wie man kann, im gegebenen Zeitfenster – und auf jeden Fall auch mehrere Perspektiven. So viel, wie der Drehplan zulässt. Eben damit man noch im Schnitt entscheiden kann, ob’s das Close oder doch die Halbnahe ist, die man sehen will. Also ja, ich bin für Spielraum im Schnitt. Wir hatten bei Die Dinge die waren teilweise auch zwei Kameras gleichzeitig im Einsatz. Für die Dialoge.

Hattest mal gesagt, dass du dich so in Dialogauflösung verliebt hast. Würdest du’s wieder so machen?

Marc Schießer: Auf jeden Fall. Es macht natürlich nicht immer Sinn – ne komplexe Fahrt oder so, wo man sicher weiß, so solls nachher aussehen, da sammele ich keine extra Einstellungen. Das wäre verschenkte Zeit. Was gar nicht geht ist das Ausrichten des Bildes nach den Kameras, wenn man mit mehreren simultan dreht und verhindern will, dass man sich abschießt, das geht gar nicht.

Aber ansonsten: Wir hatten an einem Tag nicht die zweite Kamera für den Gegenschuss im Dialog und da hab ich’s schon total vermisst. Bei einem wichtigen Dialog ist es total super, wenn man mit einer zweiten Kamera die direkte Reaktion des Gegenspielers einfangen kann. Das macht Spaß, ist hilfreich, sinnvoll und spart überdies unglaublich viel Zeit – zumal die Szenen meist doch durchgespielt werden, was für die Schauspieler sinnvoller ist, als sie total zu zerhackstücken.

DSLR und Drumherum

War es dein erster Dreh mit DSLR?

Marc Schießer: Nein, die letzten beiden Musikvideos auch schon. Jeweils mit Canon 7D. Bei Die Dinge die waren auch die 60D, wobei mit persönlich, ganz subjektiv, das Bild der 7D besser gefällt – und die Kamera im Ganzen. Die 60D kann mit dem Klappbildschirm trumpfen, der ziemlich cool ist.

Inwiefern ist das Bild unterschiedlich?

Marc Schießer: Ich finde, man sieht einen gewissen Unterschied. Wir haben bei der 7D im Cinestyle gedreht, eine Möglichkeit, ein vom Tonwert flacheres Bild aufzunehmen, das blass aussieht, damit man aber nachher bei der Farbkorrektur mehr Spielraum ist. Bei der 60D ist dieser Effekt nicht so effektiv. Aber das Urteil ist zu schwierig, weil super viel von den Optiken abhängt und wir für die 7D einfach auch die besseren Optiken hatten. Sigma nämlich. Ich hatte immer den Eindruck das Bild der 7D sei schärfer und plastischer und sieht einfach besser aus.

Ihr habt fürs Budget sogar einen Dolly Jibarm gemietet. Lohnenswert?

Marc Schießer: Ja! Sofort wieder. Wir haben den günstigsten Dolly genommen, den der Verleiher angeboten hat. Und es war ne super Sache, viele Fahrten sind smoother, viel glatter umzusetzen. Neue Gestaltungsmöglichkeiten in den Bilder, wenns nicht nur in der horizontalen geht, sondern auch vertikal.

Zu verspielt inszeniert?

Nutzt man das Ding dann nicht wo man kann, wenns einen großen Teil vom Budget gefressen hat?

Marc Schießer: Ja… es gibt auf jeden Fall kritische Stimmen, die eine Szene überstilisert fanden, was die Kamerabewegungen angeht.

Kannst du die Szene rechtfertigen?

Marc Schießer: Ja, klar! Auf jeden Fall. Ich würde auch auf keinen Fall anfangen, das Master irgendwie zu bewegen oder Dialoge weiß Gott wie in Bewegung zu setzen, wenn die Protagonisten es nicht auch tun. Aber wenn sich die Personen im Bild bewegen, dann die Kamera auch, wieso nicht? Ich finde, dass öffnet einem kreativere Inszenierungsmöglichkeiten.

Nun, du bist ein begeisterter Cineast, hast auch lange im Kino gearbeitet. Aktuelle Empfehlungen?

Marc Schießer: Gestern war ich in Mad Circus in Düsseldorf, im spanischen Original mit Untertiteln. So ’n verrücktes kleines Ensemble während des Franco-Regimes. Hat diese und jene Preise gewonnen, halt total abgefahren.

Aktuell im Kino

Wie war’s?

Marc Schießer: Totaler Reinfall. Ich fand den echt mies. Extrem konfus erzählt und durcheinander, schlichtweg: nicht gut. Dann hab ich zuletzt noch Cheyenne gesehen, und Gott des Gemetzels, den ich wiederum super fand, oder besser: sehr gut. Klassisch inszeniert halt, basierend auf einem Theaterstück. Abgefilmtes Theater, die Kamera macht gar nichts. Es sind halt vier Leute in einem Raum. Sehr übertrieben gespielt, totales Overacting weil’s nicht mehr naturalistisch ist – aber es macht einfach Spaß, den Darstellern dabei zuzuschauen.

Da hast du ja schonmal drei sehr unterschiedliche Filme genannt. Was macht für dich, absolut subjektiv, einen guten Film aus?

Marc Schießer: Keine Ahnung, weiß ich nicht. Wie gesagt: Einerseits der Gott des Gemetzels, Darstellerkino, filmisch extrem reduziert, andererseits… keine Ahnung… Apocalypse Now oder so. Ich stelle an einen Filme gerne die Ansprüche, die er an sich selbst stellt. Die Maßstäbe die er sich setzt, kann er sie einhalten, oder nicht? Auch wenn das manchmal spekulativ bleibt. Der überwiegende Anteil der Filme, die ich gut finde, sind weit weg vom Dogma-Stil, obwohl ich durchaus ein paar Dogma-Filme gut finde. Könnte das aber nicht auf ein paar bestimmte Kriterien herunterbrechen.

Mehr über die Filme, die im Rahmen des Dogma 95 entstanden sind, gibt es im Interview mit Kameramann und Oscar-Preisträger Anthony Dod Mantle.

Zwischen Konvention und Schreikrampf

Ich hätte jetzt getippt, dass du eher ein visueller Typ bist.

Marc Schießer: Das hast du Recht – das erwarte ich von Kino natürlich in erster Linie: dass es visuell interessant ist. Sonst könnte man auch ein Hörspiel aus der Geschichte machen. Filme, die das Filmische komplett ignorieren. Das machen gerade Dogma-Filme meistens ja doch nicht! Warum sollte man dann einen Film machen? Was mich ankotzt ist totale Beliebigkeit. Also wenn alles der absoluten Konvention entspricht, nicht davon abweicht und die Regie geradezu gelangweilt wirkt, das finde ich nervig.

Gibt’s für dich auch visuell over the top? Gaspar Noé oder so?

Marc Schießer: Von dem habe ich seinen neusten gesehen, Enter the Void – da hat’s für mich schon funktioniert, es war tricky, man wurde mitgerissen, andererseits war der wiederum sehr lang und hat seine tollen Ideen sehr weit ausgereizt, so dass man zwischendurch schon sich erwischt hat, dass man ausgestiegen ist – wenn die Kamera mal wieder in eine Lampe fliegt und neue Dimensionen eröffnet. Aber es geht auch…

Kennst Du die Bekmambetow-Filme? Wächter der Nacht, Wächter des Tages und so. Wanted hat der auch verbrochen. Die Filme sind visuell auch super aufwändig, aber da krieg ich halt Schreikrämpfe – ist echt furchtbar! Das ist dann halt sowas von over the top. Wenn jemand an eine Tür klingelt und die Kamera in die Klingel durch die Wand und an der anderen Seite wieder raus, NUR weil mans kann. Einfach nur so, ohne Intention. Und so ist der ganze Filme jede Minute. Da krieg ich die Krise.

Grenzen und Kreativität

Die Dogma-Regeln. Man hat sie aufgestellt und doch hab ich noch keinen Dogmafilm gesehen, der nicht wenigstens ein paar der Regeln bricht. Warum dann überhaupt Regeln. Deine Meinung?

Marc Schießer: Na ja. Es heißt ja, dass Grenzen und Regelwerke die Kreativität anspornen. Inwiefern da jetzt die Regeln im Einzelnen – die Urkunde, Regie nicht genannt, ohne Lichteinsatz – wenn sich dann doch keiner dran hält, ob das Sinn man sei mal dahingestellt, aber es war in jedem Fall ein interessantes Experiment und hat neue Impulse gesetzt.

Grenzen fördern Kreativität – würde ich sofort unterschreiben. Gerade im Amateurfilmbereich.

Marc Schießer: Siehe unseren Kurzfilm Schlagbohrer. Insofern schon. Aber ich finde, man kann’s auch zu weit treiben und es zu so einer Art Religion erklären, von wegen das wenige Mittel immer bessere Leistung fördern. Das ist ja auch nicht immer so! Robert Rodriguez ist ja bekannt dafür. Sagt: Ich brauch nur vier Millionen und lass es damit aussehen wie 15 Millionen. Weniger ist mehr. Ich finde den Erfolg dieser These zweifelhaft. Manche seiner Sachen wirken einfach schlampig gemacht.

Zum Beispiel Machete?

Marc Schießer: Der war okay. Ich finde zwar, diese Grindhouse-Nummer ist seit dem Double Feature schon wieder ausgelutscht, nach Planet Terror war’s einfach nochmal die gleiche Nummer. Ist halt ganz nett, ganz witzig, ganz übertrieben, aber ich muss den jetzt nicht nochmal sehen. Du?

Erst Madonna, dann Spielfilmdebüt

Ich steh schon sehr auf den Look und dieses total überzogene. Ist halt ’n Partyfilm, der zum Glück nicht mehr sein will, als er ist. Wie sieht’s bei dir mit Musikvideos aus? Große Vorlieben?

Marc Schießer: Namen, die jeder nennen würde. Spike Jonze, Chris Cunningham, Michele Gondry, Mark Romanek … aber die Hoch-Zeiten sind da auch vorbei. Aktuell gibt’s da eher wenig. Chris Milk macht coole Sachen. Halbwegs aktuell. Die große Zeit des Musikvideos ist glaube ich vorbei. Früher war’s ja echt so: mach ein Video für Madonna und drei Jahre später kommt dein Spielfilmdebüt. Ist heute nicht mehr so. Man hat auch das Gefühl, alles schonmal gesehen zu haben. Stoße eher selten noch auf aktuelle Perlen.

Du weißt bereits, wie Die Dinge die waren aussehen wird. Gibt’s was, was du schon besser machen würdest? Zum Beispiel ist der Ton für dich nach so vielen Musikvideos doch ne ganz neue Erfahrung, oder?

Marc Schießer: Ja, das ist mir schon aufgefallen, dass Ton halt ein Riesending ist, das bis jetzt noch nicht so da war. Aber der Ton bei Die Dinge die waren ist gut geworden, der O-Ton, gut zu gebrauchen. Haben leider nur Mono, statt Stereo aufgenommen. Klingt zwar gut, ist aber nur Mono. Wichtiger aber: Manchmal ist man sich der Wirkung, die eine Szene haben soll, zu sicher – man meint, es muss unbedingt so wirken und merkt erst später, dass es auch in eine Richtung gehen könnte, hätte gehen sollen… die vielleicht noch besser von der Wirkung wäre, wenn man dieses Potential nutzen würden.

Emotionen kann man nicht kalkulieren

Es gibt da zum Beispiel eine Szene in der ich gesagt habe, wir machen auf keinen Fall eine Nahaufnahme, statt ein Superclose und wir gehen daraus zurück – dann hat der Schauspieler aber seinen emotionalsten Moment irgendwie in der halbnahen, in der wir die ganze Zeit sind. Da hat sich halt gezeigt, dass es gut gewesen wäre – auch wenn es sich dann visuell gesehen gedoppelt hätte – wieder in die Nahe zu schneiden, weil dadurch die Bindung zur Hauptfigur besser gelungen wäre.

Das war auf jeden Fall ein Fehler, den ich anders machen würde. Das ist natürlich eine ganz konkrete Sache die vermutlich keiner nachvollziehen kann, der den Film nicht gesehen hat. Das ist halt das Ding, wenn man eine Szene in Einzelbilder auflöst – da muss man auf so vieles achten. Und die Emotionen kann man letztlich schlecht kalkulieren, die nachher beim Zuschauer entstehen. Dazu muss man einfach mal spontan sein, sehen was die Schauspieler machen – und wenn der halt was total Irres macht, muss ich meine Shotlist darauf anpassen. Damit man das in ausreichendem Maße mitkriegt.

Marc Schießer am Set

Wie kompromissbereit bist du am Set? Gehst du viel auf Vorschläge ein?

Marc Schießer: Ja, keine Ahnung, müssten andere beurteilen. Ich hör mir natürlich an, was andere zu sagen haben, aber bis jetzt gab’s bei unseren Drehs selten großartige Vorschläge, wurde nicht viel gemacht. Man muss als Regisseur eine konkrete Vision haben, vom Film. Alles andere ist ätzend. War auch schonmal bei einem Dreh dabei, wo der Regisseur das irgendwie nicht hatte. Dann stehen alle dumm rum, keiner weiß genau was als nächstes gemacht wird… der Typ hat dauernd gesagt: Umbau! Und man dachte sich: Umbau auf was? Dann hat man nachgefragt und er musste erstmal überlegen und kommt dann mit der Antwort: „vielleicht machen wir mal ne Totale.“

Das ist halt irgendwie Quatsch. Wenn man halt selbst keinen Plan hat, kommt man nicht voran – vor allem wenn man dann Zeit verschwendet, weil die Shots nicht umbaulogisch sortiert sind. Es war halt ein blödes Gefühl, wenn man merkt, dass der Regisseur selbst nicht weiß, was er will. Hat seinen Darstellern immer gesagt: Machs anders. Wenn die dann fragten: Wie? Hieß es: Anders, irgendwie, anders betonen. Ganz furchtbar. Da tun einem die Schauspieler richtig leid, wenn die hören: War schlecht, mach anders – aber sie wissen nicht, wie?

Man ist ja selbst kein guter Schauspieler… Wie kommunizierst du mit deinem Cast? 

Marc Schießer: Praxis bringt da mal wieder viel mehr als Fachliteratur. Wichtig ist, dass man Schauspieler beurteilen kann, ob sie eine gute Arbeit liefern oder nicht. Grundsätzlich sollte man ne klare Vorstellung davon haben, was man sehen will. Sonst kann man ja nichts sagen. Eine gute Idee: den ersten Take den Schauspieler völlig frei machen zu lassen. Dann sieht man schonmal, ob’s überhaupt halbwegs in die Richtung geht, die man sich gedacht hat. Aber was nicht geht, ist, dass man selbst keine Vorstellung hat. Man sollte schon wissen, wie sich der Satz anhören soll. Oder wo die Probleme von dem Satz liegen könnten und so weiter. Da entwickelt man dann schnell ein paar Tricks und Kniffe, wie man den Schauspieler dazu bringt, es neu auszuprobieren.

Die Kunst der Schauspielführung

…mit der einfachen Hilfe von Adjektiven?

Marc Schießer: Es gibt verschiedene Typen. Manchmal merkt man, da ist jemand der eigentlich alles schon genauso verstanden hat, wie man’s eigentlich haben möchte, da muss man nur präzise sagen: Dieser Satz etwas schärfer, ganz konkret. Bisken aggressiver, schneller ausgesprochen, Betonung eher auf dem Wort als auf dem. Wenn das große ganze schon vermittelt ist, geht’s nur noch um solchen Satzbau.

Andererseits muss man manchmal das Rollenverständnis noch präzisieren und andere Anweisungen geben. Total wichtig ist einfach, dass sich Schauspieler auf den jeweiligen Partner, Schauspielpartner beziehen. Es soll der Eindruck entstehen, da würden miteinander reden und nicht warten, bis sie dran sind. Wirklich zuhören. Manche können nicht so gut mit ihrem Partner und dann muss man sehen, wie man diese Chemie beeinflusst. Man kann separate Anforderungen stellen, so dass sich die Partner gegenseitig neu fordern. Manchmal aber auch ganz anders, da sagt man: Spiel den nächsten Take so, als hättest du gerade beschlossen, dass du dich heute Abend umbringst. Und es gibt kein Rütteln daran, egal was der Partner sagt. Dann spielen Schauspieler das Take oft wieder ganz anders, mit einer ganz neuen Richtung.

Solche Sachen, damit zu spielen und auszuprobieren, machen halt total viel Spaß. Das find ich aber auch gar nicht so bedrohlich sondern cool, wenn man so einen Text hat und schaut: In welche Richtung kann der so alles gehen? Haben auch Dialoge gehabt wo wir Sachen versucht haben: Spielts mal so leise wie eben möglich, das man euch gerade noch hört, ganz behutsam. und im nächsten Take: Zerfetzt euch! Nehmt jede Gelegenheit im Text wahr, den anderen total fertig zu machen. Und manchmal schneidet man die Szene im Endeffekt aus solchen ganz unterschiedlichen Anweisungen zusammen und stellt fest: funktioniert in der Mischung sehr gut. Wobei das jetzt schon ein extremes Beispiel ist, nur ein Mittel von vielen, um ein Spiel aufzulockern. Um mehrere Reaktionen vom Schauspieler zu bekommen.

Mehr zu den Anfängen von Marc Schießers Filmschaffen in Teil I unseres Interviews.

Zeit als Gegner

Wenn man die Zeit dafür hat. War’s bei euch sehr strikt durchgetaktet?

Marc Schießer: War schon sehr tight. Wir haben zwar viel Zeit beanschlagt für wichtige Dialogszenen. Zweieinhalb Seiten Dialog gehen dann halt auch sieben oder acht Stunden. So war der Dreh halt aufgebaut: Von manchen Sachen weiß man, das sind die wichtigen, die müssen stimmen – da braucht man natürlich mehr Zeit. Da will man dann auch mehrere Einstellungen von den Darstellern machen und so. Um dann zu erforschen, was der Text so alles kann.

Trotzdem gab’s recht wenig Pausen. War stressig. Häufige Motivwechsel und so. Da war man zudem oft auf die Kulanz irgendwelcher Besitzer von Kneipen, Diskos und Filialen angewiesen. Wenn man an manchen Locations erst um zwei Uhr nachts anfangen kann, weil dann der laden dicht macht, und man dann nur zwei Stündchen zeit hat, muss es einfach schneller gehen – darunter leidet natürlich immer die Qualität, die man bekommt. Hatten also schon einen sehr engen Drehplan.

Eingeplant waren aber zum Glück ohnehin gewisse Impro-Elemente. Für Szenen aus der Vergangenheit und so wurde an verschiedenen Settings dann spontan geguckt: Welche Bilder machen wir? Was bietet die Location? Das zog sich durch den ganzen Dreh und war auch ne super Auflockerung zwischendurch.

Immer schön Ruhe vortäuschen

Bist du gut im Katastrophenmanagement?

Marc Schießer: War noch nicht oft gefordert. Ich glaub, das wichtigste ist, einen ruhigen Eindruck zu machen. Man darf halt nicht die Zügel schleifen lassen und allen zeigen. Dann würden alle nervös. Darum geht’s glaube ich oft beim Regie führen: Kontrolle und Ruhe vortäuschen auf wenn man grad selbst nicht weiß, was man machen soll. Möglichst immer Augen zu und durch, nicht schleifen lassen, nicht stagnieren. Wie gehst du denn mit Stress um?

Zeitliche Engpässe sind so ’n Ding, da fällts mir oft schwer, wirklich die Ruhe in Person zu sein. Wenn plötzlich Requisiten kaputt gehen oder ein Darsteller ausfällt – da werde ich schon hektischer, unruhiger, rede schneller, mehr, ermahne zuweilen unnötig oft zur Ruhe, wenns mir zu wuselig wird.

Marc Schießer: Was echt schwierig ist, ist die eigene Frustration zu verbergen. Wenn so ’n Scheiß ist, Batterien vom Tonrekorder leer oder so. Wenn man dann warten muss, obwohl die Zeit eh schon abläuft, dann ist man schon ziemlich angekotzt, was ich auch nicht so gut verbergen kann. Da schreit man dann niemanden an, klar, aber na ja, man ist schon genervt.

»Das wird ein mega Reinfall!«

Ein so ’n Ding war bei uns, wo so ’n Zeitungstyp am Set war. Kurz vor dem Statistendreh mit den geplanten 50 Leuten. Der Typ war halt früh am Treffpunkt und es waren erst zwei Leute da. Erste Frage natürlich: Könnte es sein, dass alles ausfällt, weil keine Leute kommen? Da hab ich natürlich ganz souverän geantwortet: Nein, kann überhaupt nicht sein, viel zu gut organisiert hier. Sind voller Zuversicht, wird schon klappen. Und ich dachte nur: Er hat so recht! Das wird ein mega Reinfall!

Hats denn geklappt?

Marc Schießer: Ja, ne halbe Stunde nach vereinbartem Zeitpunkt waren tatsächlich über 50 Leute am Set! Lief super, war aber voll der Glücksfall, hätte auch scheiße laufen können. Die meisten wurde da echt ganz spontan einen Tag vorher organisiert. Es hieß dann: Ich bring noch einen mit und so… wo man halt echt nicht wusste, wie viele kommen denn jetzt?

Zwei Tage später waren es dann aber auch nur 13 wo wir wieder 30 hätten gebrauchen können. Da hatten die Freunde und Bekannte wohl noch zu gut in Erinnerung, dass Statist sein nicht schön ist und nicht immer Spaß macht.

Wie hast du’s dann gelöst?

Marc Schießer: Choreografie, Leute viel laufen lassen, viel Bewegung ins Bild bringen. Mal hinter der Kamera den Pulli wechseln. Stand dann auch selber im Bild, wenn ich nicht zwangsweise hinter der Kamera sein musste. Die Räumlichkeiten waren auch echt groß. Große WG. Weniger Statisten heißt zum Glück aber auch weniger Anschlussfehler. Die Wege, die die da alle gelaufen sind, die verschiedenen Set-Ups, sind relativ okay – von der Kontinuität her, das wäre bei mehr Leuten wesentlich schwieriger gewesen.

Lesetipp: Hier geht es zum Interview mit dem Filmemacher Benjamin Teske (Strawberry Bubblegum)

Lernen von den Besten

Viele Kamerablicke?

Marc Schießer: Nee, gar nicht. Notfalls hätte man digital korrigieren müssen – das habe ich im Making Of von The International, dem Tom-Tykwer-Film mit Clive Owen gesehen. Da gibt’s ein paar Massenszenen in Istanbul, glaube ich, die wurden einfach auf offener Straße gedreht – die rennen da durch die Menschen, sogar mit einer Knarre, einer Attrappe natürlich, ohne das irgendwer davon wusste, mit einer Steadycam vorne weg.

Und da hat’s wohl erstaunlich gut funktioniert: Tausende Statisten, die die nie alle hätten bezahlen können, und ein paar der schlimmsten Kamerablicke wurden dann digital korrigiert, dass die Augen einfach woanders hinschauen. Es wurde nichts abgesperrt dazu, normaler Straßenbetrieb.

Du beziehst viele Tipps und Tricks aus solchem Behind-the-scenes Material, stimmt’s?

Marc Schießer: Ja, klar. Warum nicht? Ich denke, das ist der große Vorteil unserer Generation. Wenn man uns mit anderen Generationen vergleicht, die noch jedes Interview gelesen haben, um irgendwie an Hintergrundinfos zu kommen, haben wir das Glück bezüglicher bonusgespickter DVDs. Wir können jeden Film mit einem Kommentar gucken, es gibt tausend Insidertipps, alles super verfügbar. Ist doch unglaublich, das das alles neu ist. Anfang der 90er war das noch undenkbar. Da steckt eigentlich tausend Mal mehr Wissen drin, als in jeder Filmhochschule – weil da unterrichten eben nicht Francis Ford Coppola, Martin Scorsese und so weiter, sondern halt eher kleine Lichter. Es gibt so viele Tricks und Geheimnisse, das sollte man aufsaugen so viel’s geht.

Vielen Dank für das ausführliche Gespräch, Marc.


Nachtrag: Fünf Jahre nach diesem Gespräch hat Marc Schießer mit der Mystery-Serie Wishlist unter anderem den Deutschen Fernsehpreis und den Grimme-Preis gewonnen. Hier ist der Trailer zur zweiten Staffel, die im Dezember 2017 anlief:

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