Philosophie vom Bleiben

Mythologie bei Hesiod, Homer und Sappho

Zuletzt aktualisiert am 9. September 2019 um 16:49

Hi! In diesem Beitrag geht’s um Mythologie bei Hesiod, Homer & Sappho, drei griechischen Größen der Dichtkunst, die im 8. und 7. Jahrhundert v. Chr. lebten. Es handelt sich hier um den Einstieg in eine Reihe, die sich eigentlich um Philosophie dreht. Dazu habe ich eine mehrteilige Einführung zu Themen, Geschichte, Sinn und Zweck der Philosophie erstellt, die diesem Beitrag vorausgehen. Bevor wir aber die ersten philosophischen Konzepte unter die Lupe nehmen, schauen wir, wie sich die Menschen vor der Philosophie die Welt erklärt haben – mithilfe von Mythen. Wobei Mythen heutzutage seitdem weiß Gott nicht ausgedient haben.

Beitragsbild zum Thema »Mythologie bei Hesiod, Homer & Sappho«

Die Funktion der Mythen

Ehe wir zu Sappho & Co. kommen, machen wir einen geografischen und geschichtlichen Schlenker. Ein Mythos ist eine sagenhafte Erzählung. Viele Mythen zusammen bilden die Mythologie einer bestimmten Kultur oder Volksgruppe. Daher sprechen wir heute etwa von der nordischen Mythologie als Gesamtheit aller Mythen aus Skandinavien. Bevor sich die christliche Mythologie mit ihrem einen Gott dort breit machte, gab es im Norden zahlreiche Gottheiten, von denen Thor wohl der bekannteste ist – der Donnergott, nach dem auch der Donnerstag benannt ist. Thor hat den Sprung von den Mythen in die Marvel-Filme geschafft. Doch während die Thor-Abenteuer der Gegenwart den Einen zur Unterhaltung und den Anderen zum Geldscheffeln dienen, kam den Mythen in der Vergangenheit eine viel grundlegendere Funktion zu – und zwar eine sinnstiftende.

[…] die Mythologien, die hinter den Donner einen Donnerer, unter die Erde einen festen Unterbau, damit sie nicht falle, in die Gestirne Geister setzten, die sie in ihren Bahnen herumführten, suchen nicht weniger für die wahrgenommenen Bestimmtheiten und Bewegungen eine Substanz, an der diese nicht nur hafte, sondern die eigentlich die wirksame Kraft selbst ist. Und über die bloßen Beziehungen der Dinge, über ihre Zufälligkeit und Zeitlichkeit hinaus wird ein Absolutes gesucht: frühe Denkweisen können sich mit der Entwicklung, dem Gehen und Kommen aller irdischen Formen im Körperlichen und Geistigen nicht abfinden, sondern jede Art der Lebewesen ist ihnen ein unveränderlicher Schöpfungsgedanke.Georg Simmel, in: Philosophie des Geldes

Stell dir ein kleines Volk vor, das mitten in der Natur lebt, ohne je Naturkunde-Unterricht gehabt zu haben. Wenn entsprechende Kenntnisse fehlen, wirkt nicht nur das Wetter launisch, sondern auch das Wachstum der Pflanzen zum Beispiel. Du steckst ein Korn in die Erde und daraus wird Grünzeug – wie funktioniert das? Du bist schön, ich geh’ der Sache auf den Grund und dein Bauch wird rund – aber warum? Woher kommen die Kinder und das Leben und alles?

Hier gibt’s den Beitrag als Video:

Die Anfänge der Mythen

Immanuel Kant, den wir später kennenlernen, definierte den Menschen mal als ein Wesen, das sich Fragen stellt, die es nicht beantworten kann. Kurzum: Philosophische Fragen. Doch bevor der Mensch ein philosophisches Denken entwickelte, gab er darauf eine mythische Erklärung, die so oft erzählt wurde, bis andere Menschen sie als Wahrheit annahmen: Wetter, Wachstum und das Wunder des Lebens – dahinter steckt, vielen Mythen zufolge, göttlicher Wille.

Wer sich wann die ersten Geschichten ausdachte, diese Anfänge bleiben im Dunkeln. Vielleicht im Dunkeln jener Höhle im Lonetal, wo der Löwenmensch gefunden wurde. Das ist eine Holzskulptur, halb Mensch, halb Raubkatze, eines der ältesten Kunstwerke überhaupt. Schwer vorstellbar, dass irgendwer diese Kreatur schnitzte, ohne sich damals schon Geschichten dazu erzählt oder auch nur gedacht zu haben – vor rund 40.000 Jahren.

Die längste Zeit über wurden Mythen mündlich überliefert, von einer Generation zur nächsten. Dass wir heute noch so viel über die griechische Mythologie wissen, ist unter anderem Hesiod, Homer und Sappho zu verdanken – erstere schrieben Geschichten über Gottheiten auf, letztere schrieb Lyrik über sie. Damit wandern wir vom Norden Europas in den Süden. Mythen gab’s übrigens überall dort, wo es die Menschen hinzog.

Mythologie bei Hesiod und Homer

Hesiod war ein Hirte, der sich für das Dichten begeisterte. Er schrieb etwa die Theogonie, eine Erzählung über die Entstehung der Welt und Göttinnen und Götter, die sie bewohnen und beherrschen. Eine Schöpfungsgeschichte also – die liest sich so:

Zuerst nun war das Chaos, danach die breitbrüstige Gaia, niemals wankender Sitz aller Unsterblichen, die den Gipfel des beschneiten Olymps und den finsteren Tartaros bewohnen […]; weiter entstand Eros, der schönste der unsterblichen Götter, der gliederlösende, der allen Göttern und Menschen den Sinn in der Brust überwältigt […]

Hesiod (Theogonie)

Homer hingegen schickte den Helden Odysseus auf eine Reise mit göttlicher Einmischung. Bei dieser Odyssee handelt es sich um eines der bekanntesten Schriftwerke überhaupt. Obwohl vor rund 2700 Jahren geschrieben, wirkt es sich noch gewaltig auf die heutige Zeit aus – etwa als Inspiration für Ulysses von James Joyce, einer der wichtigsten Romane des vergangenen Jahrhunderts, oder für den Film O Brother, Where Art Thou? mit George Clooney.

Sappho und die Nachwelt

Schon die Menschen der Antike, der ersten Epoche unserer Philosophie-Geschichte, die rund 600 v. Chr. begann, kannten die Werke von Hesiod und Homer und wurden in ihrem Denken von diesen beeinflusst. Wie sich dabei jedoch der Wandel vollzog, von der Mythologie zur Philosophie – oder auch: vom Mythos zum Logos – dazu mehr im nächsten Beitrag, über Naturphilosophie der Vorsokratiker.

Die Lyrikerin Sappho, die etwas später als Hesiod und Homer lebte und ihrerseits über göttliche Gestalten wie Aphrodite und Eros schrieb, ist heute weniger bekannt als besagte Herren. Das liegt nicht zuletzt daran, dass ein Großteil ihres Gesamtwerks verschollen ist. Zuletzt wurde erst 2014 ein Gedicht von Sappho wiederentdeckt. »Hätten wir noch die sämtlichen sapphischen Gedichte«, das schrieb der Kulturphilosoph Friedrich Schlegel über die Brillanz dieser Lyrikerin, »vielleicht würden wir nirgends an Homer erinnert.« In diesem Sinne, hier die erste und letzte Strophe aus Sapphos Ode an Aphrodite, die Göttin der Liebe:

Bunten Thrones ewige Aphrodite,
Kind des Zeus, das Listen flicht, ich beschwör dich,
nicht mit Herzweh, nicht mit Verzweiflung brich mir,
Herrin, die Seele.
Komm zu mir auch jetzt; aus Beschwernis lös mich,
aus der Wirrnis; was nach Erfüllung ruft in
meiner Seele Sehnen, erfüll. Du selber
hilf mir im Kampfe.

Sappho (Ode an Aphrodite)

Mythen der Gegenwart

Dass Mythen immer noch in Mode, wenn auch in anderer Form als die Mythologie bei Hesiod, davon zeugt etwa das Büchlein Mythen des Alltags von Roland Barthes. Aber das ist auch schon wieder über 50 Jahre alt. Etwas aktueller zeigt Yuval Noah Harari in Eine kurze Geschichte der Menschheit auf, wie Mythen die Institutionen und Unternehmen der Gegenwart zusammenhalten. Das macht er in einem coolen Bogenschlag von jenem Löwenmenschen im Lonetal hin zur Firmengeschichte des KFZ-Herstellers Peugeot, dessen Logo bekanntlich ein Löwe ist. Etwas später in dieser Reihe geht’s dann um das Mythen-Wesen Leviathan, ein Seeungeheuer, das einer berühmten Staatstheorie seinen Namen lieh.

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