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Wer bin ich und wenn ja, wie viele? · von Precht | Buch 2007 | Kritik

Wer bin ich und wenn ja, wie viele? ist ein Buch, das sich als Erstkontakt zur Philosophie anbietet, »eine philosophische Reise« will es sein. Die Philosophie ist das Reste-Becken für Fragen, die wir nicht mit letzter Sicherheit beantworten können. Wann immer du also eine sichere Antwort findest, bist du nicht mehr in der Philosophie unterwegs, sondern in einem anderen Fach – Mathe, Chemie oder auch Theologie (wenn du ’ne sichere Antwort gefunden zu haben glaubst). Manchmal offenbaren sich vermeintlich klare Fragen erst durch beharrliches Grübeln als doch zutiefst philosophische – wie eben die drei harmlosen Wörtchen: Wer bin ich?

Buchcover von »Wer bin ich und wenn ja wie viele?«

Ich bin David, 30, Philosophie-Student, filminteressiert und viele andere Eigenschaften, die sich von Zeit zu Laune ändern können. Die Frage »Wer bin ich?«, hier und jetzt, wäre damit beantwortet – und ja, da ich gerade bin, bleibt nur noch zu zählen: wie viele? Ich bin Sohn, Bruder, Partner, Nachbar, Mieter, Bürger und eben Student, denn manche Eigenschaften haben die Qualität einer Rolle, von denen wir etliche im Theater des Lebens spielen. Bei mir sind’s also sieben. So viele. Na bitte, fertig! Doch ganz so schnell gibt sich Precht natürlich nicht zufrieden.

Wer bin ich und wenn ja wie viele?

Score vom Bleiben

Richard David Precht ist der Autor von dem Buch Wer bin ich und wenn ja, wie viele?, das 2007 erschien und sich 16 Wochen auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste hielt – vermutlich nicht zuletzt aufgrund des tollen Titels, den Precht quasi geklaut hat. Urheber ist ein Kumpel von ihm, der eines Abend betrunken fragte: »Wer bin ich und wenn ja, wie viele?« Die Antwort war: Ein Typ namens Guy und – zwei Promille… vielleicht? Auf rund 400 Seiten versucht Precht die Lust am Denken zu wecken. Er sagt ausdrücklich, was sein Werk nicht sein will, nämlich: »[…] eine Abfolge von Denkströmungen und -ismen, die mir oft zu sehr historisch interessiert sind oder die zu sperrig sind und zu trocken geschrieben.« (Einleitung)

Ein informativer Roman

Trocken geschrieben ist Wer bin ich und wenn ja, wie viele? schonmal nicht. In kurzen Kapiteln sorgt Precht mit einem lebendigen, oft szenischen Stil für ein Leseerlebnis, als hättest du es mit einem informativen Roman zu tun. Auf die Herleitung der philosophischen Formel »Cogito ergo sum« (Ich denke, also bin ich), die René Descartes am Kamin ausknobelte, folgt etwa feierlich: »Das Feuer im Ofen war noch nicht erloschen, als dieser Satz gedacht und ausgesprochen wurde, aber danach war die Welt der Philosophie nicht mehr das, was sie vorher einmal war.« (S. 52) In vollem Ernst.

Dazu gibt’s ne Prise Trivia. Sei es, dass wir von Wittgensteins Strandhaus erfahren, in dem er seine Homosexualität ausgelebt habe, oder davon, dass Descartes einmal jemanden erstochen hätte – in einem Duell. Letzteres scheint ein bisschen überspitzt formuliert. In anderen Quellen, etwa bei Geneviève Rodis-Lewis, einer französischen Philosophin, die ein ganzes Buch nur über Descartes geschrieben hat, lesen wir, dass dieser seinen Kontrahenten nicht erstochen, sondern gnädiger Weise am Leben gelassen hat. [1] Ob das bei Precht nur eine missverständliche Wortwahl oder ein flapsiger Umgang mit historischen Fakten ist, keine Ahnung. Mindestens drei Mal verweist Precht als Quellenangabe auf Wikipedia – aber da bin ich der Falsche für den moralischen Zeigefinger, weil ich selbst viel zu oft auf Wiki bin. Da darfste dich dann nur nicht wundern, wenn mal Quatsch dabei ist.

Fazit zu Wer bin ich und wenn ja wie viele?

Aber »zu sehr historisch interessiert« will Precht ja nicht sein. Er streut zwar viele biografische Eckdaten in Wer bin ich und wenn ja, wie viele? ein, aber behält doch den Fokus auf die großen Fragen, wie über die menschliche Sprache oder Moral, den er sich oft auch von Seiten der Hirnforschung annähert, was ganz cool und interessant ist. Dass er dabei schnelle Schlüsse zieht und mit vorläufigen Antworten jedes Kapitel-Thema auf rund zwölf Seiten abfrühstückt, hat ihm die Kritik eingebracht, dass Wer bin ich und wenn ja, wie viele? weniger die Lust am Denken wecke, als das Denken zum Buchpreis abnehme. [2]

Bisschen gemein, wer sowas schreibt soll’s selber besser machen – aber sowas hören Kritiker*innen nicht gerne. Was wiederum Filmfans nicht gerne hören, oder lesen, sind Spoiler, deswegen hier die ausdrückliche Warnung vor Seite 162, auf der Precht wie aus dem Nichts einfach mal drei Filmtode verrät – u. a. einen aus dem Harry-Potter-Franchise. Bei aller Liebe zur Weisheit, Mann, lass den Scheiß sein!

Nun sind über 10 Jahre her, seit dieser Bestseller Prechts literarische Karriere ins Rollen brachte, und der Herr ist fleißig geblieben. Inzwischen gibt’s eine dreibändige Philosophie-Geschichte aus seiner Feder und wenn du den Namen Precht bei YouTube einhackst, findest du immer mal wieder neue Clips, in denen der Denker gut verständlich und umgänglich über Themen der Gegenwart und Zukunft diskutiert. Insofern geht er mit gutem Vorbild voran, wenn er anderen Lust am Denken machen will.

Bücher von Richard David Precht sind hier erhältlich (Partnerlinks):

Wer bist du?

Das Buch Wer bin ich und wenn ja, wie viele? ist übrigens nach den berühmten Fragen von Kant gegliedert:

  • Was kann ich wissen?
  • Was soll ich tun?
  • Und was darf ich hoffen?

Die vierte Frage – Was ist der Mensch? – klammert Precht aus. Wenn du aber gerne wissen möchtest, was der Mensch ist, dann findest du hier einen Beitrag über philosophische Anthropologie. Das ist die Disziplin, die sich um eben diese Frage dreht, was der Mensch sei. Im nächsten Beitrag gibt’s dann mal einen Überblick über die philosophischen Disziplinen und Themen der Philosophie ganz allgemein – für den Fall, dass du dich wunderst, worum es in dem Fach eigentlich geht? Apropos: Wer bist du und wenn ja, warum Philosophie? Welche Fragen beschäftigen dich? Was hat dich zur Philosophie getrieben, was erhoffst du dir von ihr? Oder findest du Philosophie doof – und was müsste geschehen, dass sich das ändert, falls überhaupt möglich?

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[1] Geneviève Rodis-Lewis: Descartes: His Life and Thought, S. 58.

[2] Jens-Christian Rabe: Der erste Schritt zum Glück (Süddeutsche Zeitung)

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