Cinemathek

The Umbrella Academy | Kritik: Episch-lässige Superhero-Serie

Zuletzt aktualisiert am 19. Mai 2019 um 20:25

Eine Comic-Verfilmung voller Superheld*innen, die den Weltuntergang verhindern wollen. So weit, so zeitgemäß. Doch nicht nur, was das Genre angeht, trifft The Umbrella Academy einen Nerv. Veröffentlicht am 15. Februar 2019 auf Netflix, enthält diese Serie auch in Sachen Format, Figuren, Look & Feel so viel Zeitgeist, wie’s eben geht. Mit dabei sind Ellen Page (Inception), Tom Hopper (Game of Thrones), Mary J. Blige (Mudbound), Adam Godley als Affe und der vielversprechende Newcomer Aidan Gallagher (*2003).

Score vom Bleiben
Plakat zur Serie »The Umbrella Academy«

1989. Am 1. Oktober kommen 43 Kinder unter obskuren Umständen zur Welt. Denn all deren Mütter waren am Morgen dieses Tages noch nicht schwanger. Der Forscher und Milliardär Reginald Hargreeves (Colm Feore) macht sich auf, um möglichst viele jener besonderen Kinder zu adoptieren. Er bekommt sieben von ihnen. Fortan wachsen die Jungen und Mädchen in seiner »Umbrella Academy« auf und bilden unter der strengen Führung ihres Adoptiv-Vaters außergewöhnliche Fähigkeiten aus.

Mit diesen Superkräften kämpfen die Kids gegen Verbrechen und werden zu Berühmtheiten. Doch das Zusammenleben als Familie läuft alles andere als harmonisch. In der Gegenwart begegnen sich die inzwischen erwachsenen und ihr eigenen Wege gehenden »Umbrella-Kids« anlässlich des Todes ihres Vaters wieder – nur um zu erfahren, dass die Apokalypse bevorsteht.

Die Comics, auf denen die Serie basiert, sind im englischsprachigen Taschenbuch-Format hier erhältlich*:

*Affiliate-Links [mehr dazu]

Die Gegenwart, die es nie gab

10 Folgen von je knapp einer Stunde – mit The Umbrella Academy kann man getrost ein Wochenende verbringen, oder: ver-bingen. Das ist kein Zufall, sondern Zeitgeist-Faktor Nr. 1, das Format. Eine Spieldauer, die sich von Serienjunkies in 1-2 Tagen wegsuchten lässt, ist genau das, wonach eine Streaming-Plattform wie Netflix lechzt: Vollzeit-Zuschauer*innen. Und die werden zufrieden sein, wenn die investierte Zeit sich als dermaßen unterhaltsam auszahlt.

Tolle Kulisse, mit Talenten besiedelt

The Umbrella Academy ist nicht nur hoch budgetiert, was sich in einer beeindruckenden Ausstattung (die Academy selbst ist vollgestopft mit exotischen Exponaten, als würde Charles Darwin dort wohnen), sowie in starken Actionszenen und Effekt-Gewittern niederschlägt. Auch dramaturgisch ist die Serie wunderbar durchdacht. Es gibt einen spannenden, Haken schlagenden Plot, in den wohldosiert (und stets relevante) Rückblenden eingestreut werden – kein Leerlauf, keine Langweile. So zumindest meine Wahrnehmung, hier eine andere:

Als Nummer Fünf plötzlich aus der Zukunft zurückkommt, wird aus dem Whodunit um den Tod des Vaters ein Who’ll do it – es geht um nicht weniger als die Apokalypse. Allerdings ahnt man als Zuschauer zu früh, in welche Richtung sich die Geschichte entwickeln könnte, die erzählerisch wie eine in die Länge gestreckte Vorgeschichte wirkt.

Benedikt Frank (Süddeutsche) über The Umbrella Academy

Pogo und ein Robo namens Dolo… res

Randnotiz: Ich hab’s nicht geahnt. Weiter geht’s: Zeitgeist-Faktor Nr. 2 sind die Figuren. Ein Ensemble voller Menschen, deren Fähigkeiten übers Menschliche hinausreichen – und dazwischen Ellen Page als Kind »Nummer Sieben«, das sich keiner Superkräfte bewusst ist und ob seiner Gewöhnlichkeit das Leben einer Ausgestoßenen führt (die hier vom Style her sehr an Susie Myerson aus Mrs. Maisel erinnert und bezüglich ihrer Geigenskills auf die 10.000-Stunden-Regel angesprochen wird).

Die transhumane Figurenriege ergänzt ein sprechender Affe namens Pogo (stark animiert!) und eine Roboter-Mutter namens Dolores (hey, wie in Westworld!). Die Besetzung ist angenehm divers und weicht darin etwas von der Comic-Vorlage von Gerard Way und Gabriel Bá ab – ganz im Sinne der Autoren (hier ein Artikel über die Diversität in The Umbrella Academy, englischsprachig).

Zeitreise-Thriller trifft Musikvideo

Last but not least – Zeitgeist-Faktor Nr. 3 – das »Look & Feel« der Serie. Das 20. Jahrhundert ist, wie wir erfahren, in The Umbrella Academy anders verlaufen als in unseren Geschichtsbüchern. Wir bewegen uns in einer alternativen, stylischen Vintage-Gegenwart, in der VHS, Vinyl und 70er-Jahre-Flair noch en vogue sind. Das Setting ist ansehnlich in Szene gesetzt. Selbst einfache Dialoge im schäbigen Motelzimmer bekommen durch farbkräftige und kontrastreiche Beleuchtung eine Musikvideo-Ästhetik – von so manch Schnitt-Collagen und Szenen-Ideen ganz zu schweigen. Oh, und Bildideen wie die Zigarette im Asche-Häufchen, das einst ein Verwandter war: nice!

Manchmal schlägt die inszenatorische Verspieltheit vielleicht etwas über die Stränge, Stichwort: Splitscreen-Montage im Augenlabor. Oh, und wo wir gerade im Augenlabor sind: Die Vater-Sohn-Szene mit dem Medi-Tech-Typen erinnerte doch seeehr an jene legendäre Kündigungsszene aus Fight Club. Aber wie Palahniuk schon schrieb: »Nothing […] is original.«

Ergänzt durch einen hippen Soundtrack, featuring Run Boy Run von Woodkid (in einer Sequenz, die tatsächlich ans entsprechende Musikvideo erinnert), Dancing in the Moonlight von Toploader (für eine tolle Tanzszene) und weitere Kultsongs, etwa von Queen (für eine brachiale Schießerei), bricht The Umbrella Academy für inszenatorische Spielereien immer wieder aus dem zunehmend epischen Plot-Konstrukt aus – in einer lässigen Mischung, die man jedoch auch als störend empfinden kann, zumindest laut Konsens auf Rotten Tomatoes:

Die düstere Sensibilität der Serie [The Umbrella Academy] kollidiert oft mit ihren spritzigen Genre-Überlagerungen.

Rotten Tomatoes

Lesetipps: Apropos Queen – schon Bohemian Rhapsody (2018) gesehen? Hier geht’s zur Filmkritik. Und hier zur Filmkritik der Zeitreise-Dramedy See You Yesterday (2019).

Fazit zu The Umbrella Academy

Man muss weder die Comics kennen, noch überhaupt ein Fan von Superhero-Movies sein, um sich für diese Serie zu begeistern. Doch ein Faible für das Thema »Zeitreise« und ne gute Portion Action sollte schon gegeben sein. Für Cineast*innen bietet The Umbrella Academy eine anspruchsvolle Kameraarbeit, zuweilen mit langen One-Shots, auch über Zeitebenen hinweg (à la Tote Mädchen lügen nicht) und anderen ambitionierten Einfällen (der Zoom-Out zum Querschnitt des Hauses, samt Ratten in den Wänden – sehr cool).

Über Themen und Technik hinaus gibt’s fantastische schauspielerische Leistungen, die für ein glaubwürdiges emotional verstricktes Beziehungsgeflecht und jede Menge Spaß sorgen. Insbesondere Ellen Page (wie immer) und Aidan Gallagher (wie nie zuvor) stechen aus dem Ensemble heraus. Erwähnenswert ist auch der lässig eingefügte Episodentitel – immer wieder anders. Meine Lieblings-Szene ist übrigens die aus Folge 5, in der Pogo (der Affe) an der Roboter-Mutter herumschraubt. In diesem Sinne…

Das letzte Wort soll jener haben, der Gott für tot erklärte:

Der Mensch ist ein Seil, geknüpft zwischen Tier und Übermensch – ein Seil über einem Abgrunde. Ein gefährliches Hinüber, ein gefährliches Auf-dem-Wege, ein gefährliches Zurückblicken, ein gefährliches Schaudern und Stehenbleiben.

Friedrich Nietzsche

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.