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After Passion | Film 2019 | Kritik: Romanze von Fans, für Fans

Zuletzt aktualisiert am 12. Mai 2019 um 16:40

Was als Fan-Fiction zur Boyband One Direction begann, zieht nun selbst Fans an. Bloß nicht aufs Konzert, sondern ins Kino. Wobei die meisten Fans das Werk vermutlich dort sehen werden, wo sie schon besagte Fan-Fiction lasen: auf ihrem Smartphone. Der Teenie-Liebesfilm After Passion von Jenny Gage ist eine Adaption der Geschichte After von Anna Todd (*1989), die sie auf der Plattform Wattpad veröffentlichte. Dort wurde die Geschichte über 500 Millionen mal »angesehen« und 8 Millionen mal bewertet. Die Zahl der Leser*innen muss irgendwo dazwischen liegen.

Score vom Bleiben
Beitragsbild zu dem Film »After Passion«

After Passion: Tessa + Hardin 4ever

Tessa Young (Josephine Langford, Schwester der Hannah-Baker-Darstellerin aus Tote Mädchen lügen nicht) ist die Tochter einer alleinerziehenden Mutter (Selma Blair) und die Freundin ihrer Highschool-Liebe Noah (Dylan Arnold). Schweren Herzens bringen die beiden das Mädchen zum Auftakt ihres ersten Studienjahres an die Uni, die Tessa fortan besuchen soll. Als Bücherwurm und Musterschülerin will sie dort nur eines: lesen und lernen.

Doch ihre neue Mitbewohnerin Steph (Khadija Red Thunder) setzt andere Prioritäten – für sich und für Tessa, die gefälligst ins Leben eintauchen soll. So dauert es nicht lange, ehe Tessa eine Bekanntschaft macht, die ihre Welt gehörig auf den Kopf stellt. Sie begegnet dem mysteriös-melancholischem Kommilitonen Hardin Scott (Hero Fiennes Tiffin, Neffe des Schauspielers Ralph Fiennes).

Hier geht’s zu After von imaginator1D, dem Wattspad-Pseudonym von Anna Todd.

OMG, nothing is original!

Schon zum ersten Absatz der Story gibt es zehntausende Kommentare, von User*innen, die den Film zu soft finden – »they worked too hard to make it PG13« (in Deutschland übrigens FSK 0) – bis hin zu jungen Autorinnen, die in Todds Fußstapfen treten möchten: »Fuck fuck fuck I’m writing a story and my main character’s name is Tessa but now i dont wanna make it seem like im copying o_o«.

Wer sich fragt, für wen der Film After Passion gemacht ist, findet die Antwort in der Wattpad-Community – einer lebhaften, jungen Leser*innenschaft, die sich nicht um ein ordentliches Lektorat schert, geschweige denn um ein originelles Lese-Erlebnis. Das ist gar nicht böse gemeint, sondern in Anbetracht der Ansprüche mancher Kritiker*innen, die »Originalität« fordern, wenn sie einfach etwas ganz Anderes als das Dargebotene wollen.

Ich wollte speziell nur Fan-Fiction über [die Band] One Direction lesen, also dachte ich mir, dass ich selbst ein Kapitel verfassen sollte. Es war sprichwörtlich ein Zufallsgedanke. Zum Glück habe ich das nicht länger hinterfragt, ansonsten hätte ich es wohl nie gemacht. […] Nach drei Monaten bekam After Passion immer mehr Zuspruch, und am Schluss legte es dir Website lahm. Wattpad kontaktierte mich und schlug mir vor, meine Texte als Roman zu veröffentlichen. Es gab eine Auktion zum Buch, und ich konnte mir einen Lektor und einen Verlag aussuchen – der wahrgewordene Traum jedes Autoren.

Anna Todd · aus der Pressemitteilung

Kitsch mit Ansage

Die Verfilmung von After Passion ist eine schnulzige Herzschmerz-Story, ist Style over Substance, ist Erstes-Date-Kino – und wurde als nichts anderes vermarktet. Etwaige Vergleiche, die schon im Vorfeld zu 50 Shades Of Grey (ebenfalls Fan-Fiction, basierend auf Twilight) gezogen wurden und nun in Enttäuschung darüber münden, dass After Passion ziemlich harmlos ist, sind hinfällig, wenn man sich den Trailer nochmal anschaut: alles arg abgelutscht, aber keine Mogelpackung.

Es ist also leicht, den Film After Passion niederzumachen. Ähnlich wie Avatar erzählt er eine altbekannte Story nach vertrautem Muster. Doch wo Avatar noch eine epische Fantasy-Welt und ein neuartiges 3D-Erlebnis oben drauflegt, liefert After Passion: nichts. Nichts Neues, jedenfalls. Dafür viel Kitsch und Konflikte, die eigentlich keine sind.

Da [befinden wir uns] auch schon mitten in einem Film, in dem universitäre Englischseminare daraus bestehen, dass eine Diskussion über Jane Austens Stolz und Vorurteil mit dem Satz »Elizabeth Bennet sollte mal chillen« beginnen, und in dem alles auf die Enthüllung eines Geheimnisses zuläuft, das eine gehobene Seifenoper nicht mal als Cliffhanger des Tages in Betracht ziehen würde.

Andreas Köhnemann (Kino-Zeit) · zur ganzen Filmkritik

Lesetipp: Hier ein Beitrag über gute und schlechte Cliffhanger – und hier zur Filmkritik von Summer ’03, einer Coming-of-Age-Komödie über Erste Liebe, Erstes Mal, Erste Major Fuck-Ups, die ich persönlich ziemlich grandios fand.

Eine mögliche Herangehensweise an den Film: Man versetze sich zurück ins Alter von etwa 16 Jahren, denkt all die Filme weg, die man aus dieser Genre-Ecke seither gesehen hat, und erinnert sich stattdessen der Konflikte, die man in jenem Alter hegte – Konflikte, die rückblickend eben keine waren (First World Puberty). Aus dieser unbedarften Perspektive betrachtet ist After Passion ein vergnügliches Filmerlebnis mit etwas flachen Figuren, gespielt von einem divers besetzten, überzeugenden Cast.

Fazit zu After Passion

Ehrlich gesagt, hier mein erster Eindruck: Ich saß auf einer Pressevorführung von After Passion. Links hinter mir zwei jüngere, weibliche Fans der literarischen Vorlage, die im noch dunklen Saal schon vorfreudig über die Autorin sprachen. Rechts hinter mir zwei ältere, männliche Filmkritiker, die im Verlauf des Films ihr Missfallen in Stoßseufzern ausdrückten. Zwischen diesen Parteien war mir der Gedanke dauerpräsent: Für wen ist dieser Film denn wohl gemacht?

Nicht für mich, wurde mir rasch klar. Doch dem Zynismus meiner Kollegen zur Rechten wollte ich mich partout nicht hingeben – und war auch, zugegeben, positiv überrascht von der kontrastreichen, kräftigen Farbgebung und schlicht schönen Bildern. Den Umgang mit Sexualität kann man als prüde und langweilig oder portioniert und verantwortungsvoll beschreiben (apropos, schon Sex Education gesehen?).

Am Ende dachte ich: hach, das war doch ganz nett. Daheim erzählte ich happy über die einfache Wirkung von 08/15-Genrefilmen. Erst Tage danach las ich vernichtende Rezensionen zu After Passion und stellte meine eigene Kompetenz als Filmkritiker in Frage, mal wieder. Aber na ja, zu spät.

Lesetipp: Wie schreibt man eine Filmkritik? Hier geht’s zum Praxis-Guide Filmkritik schreiben mit Beispielen, Tipps und Schritt-für-Schritt-Anleitung.

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