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Sex Education | Serie 2019 | Kritik: Schambefreite Sexualkunde

Zuletzt aktualisiert am 12. April 2019 um 15:43

Sex Education ist eine britische Serie, die »lustig, unbeschwert und warm« sein soll, ohne vor schwierigen Gesprächen zurückzuschrecken. So die Idee1 von Serien-Schöpferin Laurie Nunn. Besagte Gesprächen drehen sich, wie der Titel schon vermuten lässt, um Sex – und werden geführt von den Schauspieler*innen Gillian Anderson, Asa Butterfield, Emma Mackey und Ncuti Gatwa, um nur einige zu nennen. Die Serie wurde am 11. Januar 2019 auf Netflix veröffentlicht. Eine zweite Staffel wird bereits produziert. Nunns Idee geht auf: Sex Education ist so unterhaltsam wie lehrreich.

Score vom Bleiben
Poster zur Serie »Sex Education«

Serienkritik zu Sex Education

Der sozial unbeholfene Teenager Otis Milburn hat Probleme mit Sex, aber auch viel Ahnung davon. Seine Mutter Jean (Gillian Anderson) ist eine bekannte Sextherapeutin. Durch ihre offene Art hat sie ihrem Sohn eine gewisse Expertise mit auf den Weg gegeben, deren Potential erst Mitschülerin Maeve (Emma Mackey) erkennt: Otis könnte doch Sex-Tipps unter Schüler*innen geben! Sein erster Patient ist der Schläger-Macho Adam (Connor Swindells).

Otis, das ist sozusagen der feuchte Traum jeder Teenagerin. […] Er ist definitiv ein männlicher Charakter, der von einem Drehbuch-Team voller Frauen entwickelt wurde.

Laurie Nunn

Zielgruppe: Vanessa Schneider (Puls) empfiehlt die Serie Sex Education für Fans von Big Mouth, The End Of The Fucking World und der YouTube-Serie Druck (respektive dem norwegischen Original Skam).

Eine Teenager-Sex-Comedy also, in der es nicht (nur) um das berüchtigte erste Mal geht – und zudem ein erstaunlich offener Ton angeschlagen wird. Mit »offen« ist hier nicht das unverblümt-machohafte Herumgeblöke eines Steve Stifler (American Pie) gemeint, nein: Otis Milburn ist offen im Sinne von unvoreingenommen und ehrlich. Einem Stalker sagt er, klar und freundlich, wenn ein Mädchen »nein« sage, meine sie »nein«. Einer Mitschülerin, die beim Sex ihre Lust simuliert, rät er zur Masturbation – um herauszufinden, wie es ihr selbst am besten gefällt. Dass der blauäugige, bubenhafte Otis von seinen »Klient*innen« ernst genommen wird, obwohl es ihm selbst an sexueller Praxiserfahrung mangelt, ist der paradoxe Clou dieser Serie: Man muss nicht alles am eigenen Leib erfahren haben, um einfühlsam zu sein (mit der Tagline gesprochen: »Experience is overrated«). Zuhören und mitdenken, das sind die simplen Qualitäten dieses Serienhelden.

Sex Education ist eine der besten Comedy-Serien der letzten Jahre. 

Helden der Freizeit · hier geht’s zum Review

Die Serie ist witzig, selbstreferenziell, mit einem ausgeprägten Bewusstsein für soziale Gerechtigkeit […]Vanessa Schneider · hier geht’s zum Review

Zeitlos-stylisch und divers

Neben Otis gibt es noch eine Reihe weiterer Charaktere, mit denen man gerne ein paar Abende verbringt. Ein Stereotyp wie Adam, der seine Mitschüler herumschubst und legendär gut bestückt ist, wird gleich zum Auftakt der Serie entzaubert. Die wandelnden Klischees vieler Highschool-Formate sind durchaus auch auf den Schulgängen in Sex Education unterwegs. Doch die Serie folgt ihnen nach Hause, ins Private, ins Intime.

Die Figuren aus Sex Education stehen beispielhaft für eine neue Generation männlicher Serienhelden, die sich aus ihrer Testosteron-Zwangsjacke schälen.

Nora Voit, in: Die Jungen von heute (Zeit Online)

So werden aus vermeintlichen Abziehbildern ganzheitliche Figuren. Allen voran Otis‘ bester Freund Eric (ungemein lustig und liebenswert: Ncuti Gatwa) und seine »Geschäftspartnerin« Maeve (lakonisch und nicht minder lustig: Emma Mackey), aber auch deren Freund Jackson (gespielt von Kedar Williams-Stirling), dessen Mütter ihn mehr als Leistungssportler denn Schüler behandeln, sind stark geschriebene Charaktere. Figuren und Besetzung sind – wie man es bei Netflix immer öfter beobachtet (Black Mirror, Pose, The Umbrella Academy) – übrigens angenehm divers durchmischt.

Randnotiz: Schwer zu sagen, in welcher Zeit Sex Education eigentlich spielt – die Mode, die Autos, das gesamte Look & Feel, vieles erinnern an die 80er und 90er Jahre, dennoch gibt es Smartphones, besagte Diversität, einen Vibe der 2010er Jahre… kurzum: Sex Education ist zeitlos.

Nicht nur in Sachen Repräsentation, auch was respektvollen Umgang angeht, kann man von dieser Serie richtig was lernen. Ach, und wie intime Themen in Sex Education enttabuisiert und zum Gesprächsgegenstand gemacht werden – das geschieht auf nicht schamlose, sondern wundervoll schambefreite Weise.

Sex Education’s Spartacus-Moment:

Fazit zu Sex Education

Sex Education ist nicht immer lehrreich im pragmatischen Sinne, dass sich daraus wirklich Tipps für konkrete Probleme ableiten ließen. Mit Otis‘ »Behandlung« von Vaginismus wird einer Betroffenen kaum unmittelbar geholfen sein. Und andererseits: Indem Sex Education zeigt, dass man Sexualkunde wie Radfahren unterrichten kann – oder eben als unterhaltsames Streaming-Format – ist diese Serie wünschenswert zukunftsweisend (als Negativ-Beispiel für den allzu konservativen Umgang mit Sex, siehe: Am Strand). Sex Education nimmt den Druck, die Angst vor dem »Anderssein«, indem sie zeigt: Anders sind wir doch irgendwie alle.

Es ist egal, ob du in deinen 40ern bist, oder 16. Wenn du dich verliebst, benimmst du dich immer noch wie ein Teenager.

Laurie Nunn · zum Interview

Zitate aus Sex Education

Hier eine Auswahl denkwürdiger Zitate aus der Serie Sex Education (im englischen Original, ohne bestimmte Reihenfolge). Für eine freie Übersetzung empfehle ich den DeepL Translator.

Sometimes the people we like don’t like us back, and there’s nothing you can do about it.

Otis Milburn

We’re just f***ing, Jackson. We don’t need to know each other’s postcodes.

Maeve Wiley

If you’re going to do drugs tonight, remember to buddy up.

Jean Milburn (Otis‘ Mutter)

She’s not an object! You keep describing her as inanimate objects, but she is a person.

Otis Milburn

Don’t go too deep. Looks awkward.

Eric Effiong

Only you could turn the topic of dreams into existential angst.

Otis zu Maeve

It’s an appropriated American tradition that celebrates sexism and peddles an unrealistic portrayal of romantic love.

Otis Milburn über einen Schulball

I don’t do boyfriends.

Maeve Wiley

She touched me eyebrows and now I have an erection.

Otis Milburn

We all mess up and do impure things. Doesn’t mean we’re bad people.

Otis Milburn

You jizzed your pants, you’re not Hannibal Lecter.

Eric Effiong

Love isn’t about grand gestures, or the moon and the stars. It’s just dumb luck. And sometimes, you meet someone who feels the same way. And then, sometimes, you’re unlucky. But one day, you’re gonna meet someone who appreciates you for who you are. I mean, there’s seven billion people on the planet. I know one of them is gonna climb up on a moon for you.

Otis Milburn über die Liebe

Fußnoten

  1. https://www.tvguide.com/news/sex-education-netflix-laurie-nunn-interview/

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