Philosophie vom Bleiben

Moral im Tierreich und die Ethik der Menschen

Zuletzt aktualisiert am 4. Juli 2019 um 10:02

In diesem Beitrag geht’s um Moral im Tierreich als mögliche Wurzel unserer Werte und Normen. Dass unsere moralischen Werte vielleicht angeboren sind, das besagte die Moral-Sense-Theorie. Doch ob die stimmt, das prüft die Wissenschaft noch. [1] Dass ethische Normen hingegen zuweilen in Stein gemeißelt sind – das wissen wir mit einiger Sicherheit, steht ja in der Bibel. [2] Doch wissenschaftliche Theorien und biblische Steintafeln hin oder her, eines hat die Geschichte gelehrt: Werte und Normen können sich ändern.

Gorilla im Wald, Beitragsbild zu »Moral im Tierreich«

Eben weil Werte und Normen sich ändern können, sind wir in der Pflicht, diese Werte und Normen hin und wieder darauf abzuklopfen, ob sie noch zeitgemäß sind. Sei es als Gesellschaft, als Institution oder Einzelpersonen. Ein Staat stellt die Todesstrafe in Frage, die Kirche das Zölibat und eine Familie ihre Zoobesuche. Werte und Normen begegnen uns überall und betreffen uns ganz persönlich.

Hier gibt’s den Blogbeitrag in Bild und Ton:

Once upon a time… in Arnhem

Vorausgesetzt, wir lassen uns darauf ein. Als ich ein Kind war, hatte ich viele moralische Fragen noch nicht auf dem Schirm und überließ das mit den Werten meinen Eltern – die wussten schon, was richtig ist. Zoobesuche jedenfalls waren damals kein Problem. Ich bin nahe der Grenze zu den Niederlanden aufgewachsen. Der Zoo unserer Wahl war meist Burgers’ Zoo in Arnhem – zufällig derselbe Zoo, in dem der Verhaltensforscher Frans de Waal jahrelang Schimpansen beobachtete und darüber sein erstes Buch schrieb, Chimpanzee Politics, das 1982 erstmals erschien. Heute ist de Waal ein weltbekannter Primatologe und Mitautor von Werken wie Primaten und Philosophen: Wie die Evolution die Moral hervorbrachte (2008). Für ihn steht außer Zweifel, daß die Säulen unserer Moralfähigkeit – nämlich Reziprozität, also Fairness, und Empathie, also Mitgefühl – schon bei Tieren – und damit auch Moral im Tierreich – vorhanden sind. [3]

Ein kontroverses Thema

Dazu gibt’s Gegenstimmen aus der Philosophie, die sowas wie Gerechtigkeitssinn je nach Denkschule zum Beispiel als Resultat der Französischen Revolution ansehen. Demnach wäre Moral etwas strikt Menschliches. Und es gibt Gläubige, die Moral als gottgegeben und ebenfalls allein dem Menschen vorbehalten betrachten. Das sind nur zwei weitere Positionen von recht vielen – denn Moral ist ein kontroverses Thema.

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Moral im Tierreich

Da es in Zeiten von YouTube möglich ist, sich etliche Experimente zu tierischem Verhalten – nicht nur von Katzen! – online anzuschauen, was ich liebend gerne tue, hat de Waal mich persönlich mit seinem Denkansatz von der Moral im Tierreich überzeugt. Wer sich ein eigenes Bild machen möchte, einfach mal die Stichworte »morality« und »animals« bei YouTube eingeben.

TED Talk von Frans de Waal:

Doch selbst wenn wir die Wurzeln unserer Moral im Tierreich sehen, bringt uns das im menschlichen Miteinander nicht entscheidend weiter. Folge ich dem evolutionären Gedankengang, so scheint der wichtigste Entwicklungsschritt die kognitive Revolution gewesen zu sein, wie sie Yuval Noah Harari in dem Buch Eine kurze Geschichte der Menschheit sehr anschaulich beschreibt. Demnach ereignete sich vor rund 70.000 Jahren eine kleine »Verschiebung in der Struktur des Gehirns«, die aus dem lange den Schimpansen gar nicht so unähnlichen Menschenaffen diejenigen Wesen machte, die Mammuts jagen, Metropolen aufbauen und Mondmissionen starten.

Die Ethik der Menschen

Was uns Menschen von anderen Tierarten unterscheidet, ist die Fähigkeit, in Gruppen von über 150 Individuen in komplexer Weise kooperieren zu können, als etwa ein Fisch- oder Vogelschwarm es kann – der Sprache sei Dank. [4] Doch sobald das Zusammenleben nicht bloß im Kreise einer Familie sondern einer ganzen Gesellschaft funktionieren muss, braucht es mehr als moralische Werte, wie sie schon Affen dazu bringen mögen, die Schwachen in ihrem Rudel zu schützen.

Denn wir sind nicht immer in unserem Rudel unterwegs – im Gegenteil: Insbesondere in Großstädten laufen wir tagtäglich Dutzenden wildfremder Artgenossen über den Weg. Im Dschungel wäre da Vorsicht geboten. Im Alltag hingegen dürfen wir uns vergleichsweise sicher fühlen. Dass liegt daran, dass Millionen von Menschen sich auf ethische Normen einigen können. Ethik, also eine Wissenschaft der Moral, haben tatsächlich wir Menschen ganz allein und exklusiv hervorgebracht – zumindest auf diesem Planeten.

Ethik ist aus dem Drang entstanden, über moralisches Verhalten nachdenken und sprechen zu können, unter der Leitfrage: Was soll ich tun? Dazu ist es wichtig, Begriffe zu haben, die das Nachdenken und Sprechen überhaupt erst ermöglichen. Hier geht’s zu einem Blogbeitrag über die Begriffe »Ethik« und »Moral« und die Unterscheidung zwischen den beiden – und hier haben wir einen Blobbeitrag über die Unterscheidung der Begriffe »Werte« und »Normen«.

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[1] https://plato.stanford.edu/entries/moral-sentimentalism/#MorSenThe

[2] https://www.bibleserver.com/text/EU/2.Mose31

[3] https://www.youtube.com/watch?v=GcJxRqTs5nk

[4] Vgl. Yuval Noah Harari: Eine kurze Geschichte der Menschheit, S. 42.

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