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Mudbound · Südstaaten-Drama von Dee Rees | Film 2017 | Kritik

Zuletzt aktualisiert am 6. Juli 2019 um 7:19

Das 40er-Jahre-Drama Mudbound von der Regisseurin Dee Rees feierte am 21. Januar 2017 seine Weltpremiere – im Rahmen des Sundance Film Festivals. »Ein Epos, das sich über dich hermacht«, schrieb noch am selben Tag der Filmkritiker David Rooney (The Hollywood Reporter). Er lobte die Intelligenz, Eleganz und ausgewogene Balance von Mudbound. Dabei bewegt sich die Literaturverfilmung – basierend auf dem gleichnamigen Roman aus dem Jahr 2009 – in der Tat auf einem schmalen Grat. Das Werk hätte leicht ins Pathetische kippen können.

Score vom Bleiben
Beitragsbild zum Film »Mudbound«

Zum Inhalt: Mississippi, 1940er Jahre. Zwei weiße Männer heben auf einem Feld ein Grab aus – bis der Platzregen so stark wird, dass schlammbraunes Wasser das Loch füllt. Die Männer gehören der Familie McAllan an. Sie besitzen dieses Stück Land im rassistischen Süden der USA. Die Familie von Hap Jackson hingegen, in fußläufiger Entfernung wohnend, sind nur Pächter – und als schwarze Nachkommen ehemaliger Sklav*innen an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Der Krieg und andere Krisen sorgen dafür, dass die Schicksale beider Familie miteinander verstrickt werden.

Die Farbe Braun

Während der Südstaaten-Klassiker Die Farbe Lila (1985) von Steven Spielberg – basierend auf dem Roman von Alice Walker – den Bogen von Anfang des 20. Jahrhunderts bis in die späten 30er Jahre spannt, ist Mudbound vielmehr eine Momentaufnahme, zeitlich etwas später angesiedelt. Und doch sind die Protagonist*innen der Geschichte noch ganz in althergebrachten Hierarchien gefangen. Die Regisseurin zum Zeitaspekt:

Es gibt kein »damals« und kein »wird sein«, es gibt nur das Jetzt. Alles ist jetzt. Wir können unsere Geschichte nicht aufgeben und sagten, dass wir ein Produkt unserer Zeit sein. Wir sind selbst die Zeit und wir entscheiden, welche Art von Nation wird sein werden.

Dee Rees im Gespräch mit Deadline

Obwohl die Dreharbeiten im Sommer vor der Präsidentschaftswahl 2016 stattfanden, funktioniert Mudbound als Film der Trump-Ära. In unserer rückwärts-gewandten Gegenwart, da Rassisten die Rückendeckung der Regierung erfahren. Mudbound erinnert an eine gar nicht ferne Vergangenheit, in der weiße Machos ihre schwarzen Mitbürger*innen auf offener Straße drangsalierten – und weit Schlimmeres anrichteten. Am Schlimmsten ist jedoch die Gewissheit, dass Rassismus heute, rund 70 Jahre später, immer noch ein Thema ist, an dem sich die Gemüter erhitzen.

Filmtipp: Trumps Amerika im dokumentarischen Querschnitt vermittelt Michael Moores neuer Film Fahrenheit 11/9 (2018). Ebenfalls sehenswert ich Childish Gambinos Musikvideo This is America (2018), das mit inzwischen knapp einer halbe Milliarde Views auf YouTube zu sehen ist.

Dee Rees‘ Durchbruch

Zur Person: Dee Rees wurde in Nashville, Tennessee – einem Nachbarstaat von Mississippi – geboren. Sie studierte an der New York University for film, unter anderem bei dem Regisseur Spike Lee (Oldboy, BlacKkKlansman). Ihr Spielfilmdebüt Pariah (2011) über eine 17-jährige Afroamerikanin, die ihre Homosexualität zu akzeptieren beginnt, bescherte Dee Rees den Gotham Award in der Kategorie »Breakthrough Director«. Als richtigen Durchbruch wird man nun das epochale, starbesetzte Drama Mudbound bezeichnen dürfen. Das Ensemble umfasst unter anderem Carey Mulligan (Suffragette), Jason Mitchell (Straight Outta Compton) und Jason Clarke (Aufbruch zum Mond, Planet der Affen). Mit dabei ist außerdem Jonathan Banks (»Mike« aus Breaking Bad). Er spielt die Rolle des unausstehlich hasserfüllten Großvaters, der mit den McAllans auf ihrer Farm wohnt.

Wenn ich an die Farm denke, denke ich an Schlamm… Man kam nicht gegen ihn an. Der Schlamm bedeckte alles. Ich träumte in Braun. | Laura, in: Mudbound

Neben dem ständig schwelenden Rassismus ist auch die Rolle der Frau in den 40er Jahren ein Thema in Mudbound. Insbesondere veranschaulicht an der von Carey Mulligan gespielten Laura. Nachdem sie wie das Eigentum des Mannes über dessen Schwelle getragen wurde, erlebt Laura seitens Henry eine ähnliche Bevormundung, wie ihre gemeinsamen Kinder.

Die junge Mutter Laura wird niedergeschlagen durch die Entscheidung ihres Mannes, von der Stadt auf den Bauernhof umzuziehen, und Florenz (eine herausragende Leistung einer nicht wiederzuerkennenden Mary J. Blige), Hap’s Frau und die Matriarchin der Jacksons, bietet oft eine parallele Erfahrung. Leise und intelligent, mit dunklen Sonnenbrillen, die ihre Emotionen verbergen, ist Florenz die Säule ihrer Familie.

Katie Goh (Another Gaze) · aus dem Englischen übersetzt

Fazit zu Mudbound

Starkes Schauspiel, festgehalten in grandiosen Bilder. (Kamerafrau Rachel Morrison ist für ihre Arbeit in Black Panther bei den Oscars 2019 als erste Frau in dieser Kategorie nominiert – die Oscars werden seit nunmehr 90 Jahren verliehen.) Mudbound baut in bedächtigem Tempo ein Beziehungsgeflecht auf, das zunehmend fesselt und im finalen Akt wirkungsvoll mitleiden lässt. Ein Film, der weh tut.

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