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Ich spucke auf euch · von Nawal El Saadawi | Buch 1984 | Kritik

Zuletzt aktualisiert am 5. Juni 2019 um 21:25

Ich spucke auf euch ist der »Bericht einer Frau am Punkt Null«. Es handelt sich um eine kurze Schrift, die 1977 im Original erschienen ist – und 1984 in deutscher Übersetzung. Die Autorin ist die ägyptische Menschenrechtskämpferin Nawal El Saadawi. Sie hat die Ehrendoktorwürde etlicher Universitäten inne und wurde mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet. Ihrem Thema ist sie dabei seit jeher treu geblieben. Die Unterdrückung der Frau ist es, die El Saadawi sichtbar und spürbar machen will. Dahingehend ist das Buch Ich spucke auf euch vergleichbar mit Siba Shakibs Nach Afghanistan kommt Gott nur noch zum Weinen (2002).

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Beitragsbild zur Buchkritik »Ich spucke auf euch«

Kinder wie Küken

Punkt Null ist der Todestrakt. Dort sitzt Firdaus und wartet auf ihre Hinrichtung. Kurz, bevor es soweit ist, erzählt sie ihre Geschichte – in aller Kürze, in aller gegebenen Wut. »Lassen Sie mich sprechen«, sagt sie, »unterbrechen Sie mich nicht. Ich habe keine Zeit, Ihnen zuzuhören. Heute Abend um sechs Uhr holen sie mich. Morgen früh werde ich nicht mehr hier sein und auch an keinem den Menschen bekannten Ort. Diese Reise ins Nirgendwo erfüllt mich mit Stolz.« Als Mörderin soll sie hingerichtet werden. Wie es soweit kommen konnte, davon handelt Ich spucke auf euch. Dazu beginnt die Lebensgeschichte von Firdaus ganz am Anfang, im Kindesalter und der unbarmherzigen Umgebung ihrer eigenen Familie.

Auszüge aus Ich spucke auf euch

[…] wie die meisten anderen Menschen hatte ich viele Geschwister. Sie waren wie Küken, die sich im Frühling vermehrten, im Winter froren und ihr Gefieder verloren und im Sommer darauf Durchfall bekamen, zusehends schwächer wurden und sich eines nach dem anderen in eine Ecke verkrochen und starben. | S. 21

Mein Vater, ein armer Bauer, der weder lesen noch schreiben konnte, kannte sich nur in wenigen Dingen aus. Er wußte, wie man Getreide anbaut, wie man einen vom Feind vergifteten Büffel verkauft, bevor er stirbt, wie man, bevor es zu spät ist, seine unberührte Tochter gegen eine Mitgift eintauscht, wie man schneller als der Nachbar das eben reife Getreide vom Feld stiehlt. | S. 14

[…] mein Onkel erklärte mir, alle Männer würden ihre Frauen schlagen, und die Frau meines Onkels fügte hinzu, daß ihr Mann sie oft schlug. Ich sagte, mein Onkel sei ein geachteter Scheich und in den Religionslehren bewandert und könne aus diesem Grund unmöglich die Gewohnheit haben, seine Frau zu schlagen. Sie antwortete, daß es gerade in den Religionslehren bewanderte Männer seien, die ihre Frauen schlugen. Die göttlichen Gebote sähen eine solche Bestrafung vor. Eine tugendhafte Frau dürfte sich nicht über ihren Mann beklagen. Absoluter Gehorsam sei ihre Pflicht. | S. 50

Ferner als das erinnerte Lebensalter

Später, wenn Firdaus erwachsen ist und bereits einen langen, beschwerlichen Weg hinter sich hat, lässt die Autorin Nawal El Saadawi auf wundersame Weise lässt Erinnerungen widerhallen, von »früher«. Sie gibt den Lesenden in Ich spucke auf euch selbst das Gefühl, ein Déjà-vu zu erleben, ehe der dann so nachvollziehbare Gedanke folgt: »Es war, als hätte ich mich gerade an etwas erinnert und es sogleich wieder vergessen.« Wie eine solche Erinnerung, die sie in haltloser Ferne mit sich herumträgt, ist für Firdaus ihr Lustgefühl. Sie hat die Wahl zwischen dem Leben einer Ehefrau und dem einer Prostituierten – und wächst in einer Welt auf, die keinen Unterschied erkennen lässt. So oder so ist sie sexueller Ausbeutung ausgesetzt. Dabei ist körperliche Liebe für Firdaus seit jeher eine unmögliche Erfahrung, seit sie als Kind beschnitten wurde.

Dann holte sie eine Frau, die ein kleines Messer oder eine Rasierklinge in der Hand hatte. Sie schnitten ein Stückchen Fleisch zwischen meinen Schenkeln heraus. | S. 16

Auch davon handelt Ich spucke auf euch.

Bewegte Biografie

Das Gefängnis, in dem Ich spucke auf euch zum Teil spielt, erlebte die Schriftstellerin Nawal El Saadawi (*1931) selbst als Insassin. Schon als kleines Mädchen, das in der Schule ihren Namen aufschreiben sollte, ihren ganzen Namen, also den Zunamen ihrer Mutter dazuschrieb (die ihr das Schreiben beigebracht hat), und der Lehrer diesen Namen zornig durchstrich, weil nur des Vaters Namen galt – schon da regte sich in El Saadawi der Ärger am Patriarchat. »Mädchen werden Feministinnen, ohne den Begriff zu kennen«, sagte sie. Als Autorin geriet sie gleich mit ihrem ersten Buch in Konflikt mit den Behörden: Für Frauen und Sexualität (1971) wurde El Saadawi ihres Amtes am Gesundheitsministeriums enthoben, wurden ihre Zeitschrift Die Gesundheit eingestellt und ihr Buch auf den Index gesetzt. 10 Jahre später wurde sie als Oppositionelle verhaftet und kam für einige Monate in Gefangenschaft.

Ihre bewegte Biografie führte El Saadawi später ins Exil in die USA, dann wieder zurück in die Heimat, als Kandidatin in den Wahlkampf – und aus Protest wieder raus aus dem Rennen. Um die Präsidentschaft wurde mit unfairen Mitteln gekämpft. In vielerlei Hinsicht machte El Saadawi ähnliche Erfahrungen wie Malalai Joya in Afghanistan (siehe: Ich erhebe meine Stimme).

Mit törichter Hartnäckigkeit

An einer Stelle des Buchs Ich spucke auf euch kommentiert El Saadawi durch ihre Protagonistin Firdaus die Geschichte ihres Landes:

Ich las von einem Herrscher, dessen Dienerinnen und Konkubinen so zahlreich waren wie sein Heer, und von einem anderen, den am Leben ausschließlich Wein, Frauen und das Auspeitschen von Sklaven interessierten. Ein dritter machte sich nichts aus Frauen, fand dagegen Gefallen an Krieg, Mord und Folterungen. Wieder ein anderer […]

Mit fiel auf, daß diese Herrscher ausschließlich Männer waren. Alle hatten einen habsüchtigen, überspannten Charakter, unersättlichen Appetit auf Geld, Sex und grenzenlose Macht. Es waren Männer, die Korruption in der Welt verbreiteten, das Volk auspreßten, Männer, die über kräftige Stimmen und Überredungskünste verfügten, die schmeichelhafte Reden führten und vergiftete Pfeile abschießen konnten. Deswegen wurde die Wahrheit über sie erst nach ihrem Tod bekannt. Ich machte die Entdeckung, daß Geschichte dazu neigt, sich mit törichter Hartnäckigkeit zu wiederholen. | S. 30

Lesetipp: Eine Geschichte, die von Männern geschrieben wird – das kommt uns bekannt vor. Hier unsere Buchkritik über Kleine Geschichte Afghanistans von Conrad Schetter.

[…] Man kann also sagen, die Unterdrückung der Frau ist im globalen, post-modernen Kapitalismus angelegt, das durch den religiösen Fundamentalismus Unterstützung erfährt.Nawal El Saadawi im Interview (hier in voller Länge)

Fazit zu Ich spucke auf euch

Sie schreibt von der Sanftheit des Tötens und der Härte des Lebens. Nawal El Saadawis Ich spucke auf euch ist geradezu hastig erzählt, passend zum Konzept: kurz, ohne Schnörkel, voller Schmerz und Wut über eine Welt der »Herren und Sklaven«. Auf nur rund 120 Seiten1 hinterlässt hier eine hochtalentierte Schriftstellerin einen tiefen Eindruck von einer Gesellschaft, in der »Ehre viel Geld voraussetzt, mit dem man sie verteidigen kann« – und niemand viel Geld »erwirbt, ohne seine Ehre zu verlieren.« Der von innen und außen und ungleich bemessene Wert eines Menschen, das ist das wiederkehrende Motiv dieses lesenswerten Buchs.

Im Jahr 2018 veröffentlichte Channel 4 News noch ein spannendes Interview mit Nawal El Saadawi – über Feminismus, Fiktion und der Illusion von Demokratie:

Fußnoten

  1. Vorliegende Ausgabe: El Saadawi, Nawal: Ich spucke auf euch. München 1991. ISBN: 3-88897-109-8

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