Cinemathek

Die Glocken · Game of Thrones, Episode 8.5 | Kritik

Die fünfte und vorletzte Episode der Serie Game of Thrones trägt den schlichten Titel Die Glocken (im Original: The Bells). Geschrieben von den Showrunnern David Benioff und D. B. Weiss war diese Folge erwartungsgemäß ein erbarmungsloses Gemetzel sondergleichen. Die Regie übernahm der Schlachten-Fachmann Miguel Sapochnik. Mit dem deutschen Kameramann Fabian Wagner an seiner Seite übertraf er den Gewalt-Exzess aus seiner bis dato imposantesten Episode, The Long Night (8.3), um einiges. Die Glocken wurde am 12. Mai 2019 veröffentlicht und von über 12 Millionen Menschen gesehen – mehr denn je zuvor. Seitdem scheint das Internet in Flammen zu stehen.

Score vom Bleiben
Beitragsbild zur Game-of-Thrones-Episode »Die Glocken«

Hinweis: Dieser Blogbeitrag enthält Spoiler zum Verlauf der achten Staffel von Game of Thrones. Hier geht’s zu einem spoilerfreien Beitrag über den Auftakt dieser Staffel: Winterfell.

Die Glocken läuten, die Masse schreit

Als Varys (Conleth Hill) in The Last of the Starks den Gedanken äußerte, sich auf seine Weise um die Thronfolge in Westeros zu kümmern, war er angezählt. Ausgerechnet sein wohl größter Freund in dieser feindseligen Welt fällt ihm daraufhin in den Rücken und besiegelt das Schicksal dieses weisen Mannes. Daenerys (Emilia Clarke) unterstreicht im Zuge dessen einmal mehr, wie gnadenlos sie Gewalt auszuüben bereit ist – und bald auch: wie sinnlos. Dass in der Hauptstadt Königsmund, die zu erobern die »Mutter der Drachen« gekommen ist, tausende Unschuldige regelrecht als Geiseln von Cersei Lannister (Lena Headey) um ihr Leben bangen, bremst ihre blinde Wut jedenfalls nicht aus.

Die Tatsache, dass Game of Thrones so kurz vor Schluß wirklich alles zuzutrauen war, ist dieser Serie hoch anzurechnen. Eben so hoch, wie die Fantasy-Saga im Ansehen eines Millionen-Publikums steht. Doch mit der Höhe einher geht bekanntlich die Tiefe des möglichen Falls.

Was wollten wir denn, von der Episode Die Glocken eigentlich Stellvertretend für die Gesamtschaft aller Fans wage ich mal zu spekulieren: (1) Eine weitere, letzte, ultimative Schlacht, die dem Budget und bisherigen VFX-Standards von Game of Thrones alle Ehre macht. (2) Ein paar dramatische Tode von über Jahre zu Ikonen gewordenen Hauptfiguren – mit dem grausig-wohligen Kribbeln, dass es tatsächlich jede treffen kann. (3) Wie üblich wenigstens eine überraschende Wendung, die unsere unzähligen Fan-Theorien in Schutt und Aschen zerlegt. Oh, und apropos: (4) Dracarys, motherfuckers!!! Derbste Drachen-Action mit extra viel Biss, bitte.

Drogon, der letzte seiner Art

Letzteres vorweg: check!, absolut abgeliefert. Als leidenschaftlicher Drachen-Nerd möchte ich behaupten, dass den fliegenden Riesen-Reptilien in dieser Serie nun mehr als genug Screentime eingeräumt wurde. Der Schauwert episch dahinsegelnder, niederjagender und nichts-verschonender Drachen hat sich für mich nie verbraucht. Auch wurde mir nun das Ausmaß der Zerstörungskraft eines einzelnen Exemplars derart eindrucksvoll vorgeführt, dass mein Neid um so einen kleinen Hausdrachen aus erfolgreich ausgebrütetem Mystery-Ei bis auf Weiteres gestillt ist. Danke dafür!

Bevor wir aber nun die ersten drei Punkte durchgehen, hier noch die Frage: Was war das Ziel der Showrunner mit dieser Episode? Die Antwort lieferte David Benioff im sehenswerten Making-of zu Die Glocken ziemlich klar und deutlich, wenn auch fast nebenbei: »Du musst vermeiden, dem Publikum exakt das zu geben, was es will – denn dann wird’s vorhersehbar.« In diesem Sinne, der Reihe nach:

Die Schlacht, die keine war

Punkt 1: Die ultimative Schlacht war, ähnlich wie Battle of the Bastards (6.9) ein blutiger Alptraum aus brachialer Gewalt und klammer Panik – plus »Feuer von oben« und »Tausende Unschuldige«. Kurzum: kein Ponyhof. Während Battle of the Bastards noch an die Schlacht von Cannae erinnerte, in der Hannibal im Jahr 216 v. Chr. die überlegenen Römer zerhackte, sollte der Kampf um Königsmund vielmehr an die Luftangriffe aus Dresden im Jahr 1945 erinnern – so die Referenz der Showrunner. Angesichts der schieren Naturgewalt eines feuerspeienden Drachen dachte ich beim Anblick der verkohlten Leichen eher an Pompeji.

In diesem Sinne lieferte Die Glocken auch nicht ultimative Schlacht. Stattdessen: totale Zerstörung ohne den Hauch einer Chance.

Erstens versagen die »Skorpione« ihren Dienst als Drachentöter. In der vorausgegangenen Episode wurde mit diesen gewaltigen Speer-Geschossen noch erfolgreich eine Riesenechse vom Himmel geholt – allerdings mit dem Überraschungseffekt auf Seiten der Angreifer. Schon beim Standoff gen Ende von The Last of the Starks fragte ich mich, ob ein Drache mit geschicktem Flugmanöver nicht kurzen Prozess mit dieser Art von Gegenwehr machen könnte. Die Glocken zeigte: Ja, könnte ein Drache. Ende der Geschichte.

Zweitens wird die »Goldene Kompanie«, jene berüchtigte Sölder-Kompanie, die Cersei Lannister zu ihrem Schutz anheuert, binnen Sekunden vom Feuer verzehrt. Und zwar indem der Dache (auch so eine Frage, die mir beim Panorama der Hauptstadt stellte) einfach von hinten, bzw. oben, bzw. innen angreift. Dieser für mein Empfinden durchaus realistische »Schachzug« (der wenig Genie abverlangt), machte alle mobilisierten (aber eben nicht derart mobilen) Kräfte der Königin zunichte.

Die Tode, die keiner wollte

Es ist paradox: Game of Thrones ließ seine Hauptfiguren sterben, wenn der Tod für sie einfach wahrscheinlich war – und überraschte damit alle, ein ums andere Mal. In der Episode Die Glocken segnen gleich mehrere »major characters« das Zeitliche. Insgesamt sieben sind’s, um noch einmal diese bedeutungsschwangere Zahl in den »Sieben Königslanden« zu bemühen. Jeder dieser Tode ist wahrscheinlich und tatsächlich (wir sind immerhin in Staffel 8) nicht mehr so überraschend.

Dass dabei zwei besonders grandios-böse Antagonisten keine Hinrichtung durch die Hand unserer Held*innen erfahren, sondern verschüttet werden, das erscheint unbefriedigend – und ja, das ist überraschend! Danke dafür, Game of Thrones, dass du nach acht Staffeln immer noch zu überraschen weißt, ohne eben auf Befriedigung zu zielen. Jetzt, nach dem unmittelbaren Seh-Erlebnis, schmerzt die versagte Genugtuung gewaltig. Doch auf lange Sicht ist der Serie damit, denke ich, der größere Dienst erwiesen.

Überleben im Untergang

Dass eine andere Figur, obwohl mitten in der brennenden Stadt gefangen, die Massenpanik samt Trümmerregen überlebt, ist für viele Fans unglaubwürdig. Warum eigentlich? Dass ein paar wenige Überlebende aus den lodernden Ruinen kriechen, ist durchaus realistisch. (In Japan gibt es für die Überlebenden der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki einen eigenen Begriff: Hibakusha.) Dass diese wenigen Überlebenden zuvor dem knappen Tod entgangen sein müssen – geschenkt. Sonst wären sie nicht Überlebende, sondern schlicht Lebende. Nun ist die hier besprochene Überlebende aber auch eine Legende, eine Heldin der Herzen und der gesamten Serie.

Was mich an Die Glocken beeindruckt hat, war die Demontage dieser heroischen, kampferprobten, gerade 18-jährigen Frau in stylischer Rüstung und voller Selbstvertrauen hin zu einem schockierten Kind mit blut- und staubverklebten Augen. Ich hätte der Serie für ein paar packende, atemlose Sekunden tatsächlich zugetraut, diese Figur nach ihrer großartigen Heldentat nur wenige Episoden zuvor nun am Boden einer Gasse von der anonymen Masse zertrampeln zu lassen. Das wäre wirklich, wirklich böse gewesen und ja, vielleicht das, was Game of Thrones »früher« gemacht hätte. Eben deshalb empfand ich die Szene als dermaßen packend und mochte kaum hinschauen; weil ich damit rechnen musste. Für solches Mitfiebern bin ich der Serie dankbar – und auch dafür, dass die Showrunner in diesem Fall haben Gnade walten lassen. Ist es unrealistisch, dass jemand der Frau am Boden auf die Beine hilft und vor dem Tod bewahrt? Warum?

Gewiss, am Ende kriecht unsere Heldin nicht aus den lodernden Ruinen. Sie galoppiert auf einem weißen Pferd aus der verkohlten Kulisse. Diese Idee lässt das Realismus-Argument in letzter Instanz ohnehin ins Leere laufen – handelt es sich doch um ein kraftvolles, symbolisches Schlussbild. Zum Symbol-Charakter des weißen Pferdes schreibt, in gebührender Ausführlichkeit, die Time-Autorin Eliana Dockterman (hier nachzulesen, auf Englisch).

Plötzlich Verräter

Zuletzt ein Wort zum ersten Tod der Episode Die Glocken. Denn dieser wirkt, da stimme ich den kritischen Stimmen zu, arg übereilt eingefügt. Hab nochmal nachgeschaut: Zwischen den ersten Zweifeln, die Lord Varys an seiner Königin Daenerys äußert (nach ganzen Staffeln seiner Loyalität) und dem Moment, da dieser stoische Charakter als Verräter verbrannt wird, vergehen 27 Minuten. Zur Relation: Game of Thrones umfasst inzwischen über 4200 Minuten Laufzeit.

Also ja, der Tod von Lord Varys war ein viel zu forcierter Plot-Punkt. Dass die Autoren ihn nicht bereits in The Long Night haben sterben lassen, in der Krypta, war wahrscheinlich der Idee geschuldet, die Kaltblütigkeit von Daenerys nochmals unterstreichen zu wollen. Das wäre nachvollziehbar, denn damit geht das zweite »Problem« der aktuellen Staffel einher: Das Schicksal der Drachenmutter.

Die Wendung, die den Kreis schließt

Ist jetzt ein für alle Mal bewiesen, dass es nicht die dollste Entscheidung ist, das eigene Kind nach einer Serienfigur zu benennen, deren Geschichte noch nicht zu Ende erzählt ist? (Rolling Stone schreibt über die Scham der Eltern, die ihrem Nachwuchs den Namen einer brutalen Tyrannin gaben.) Mit dem Feuersturm von Daenerys, die verbittert und rachsüchtig massenhaft Kinder und andere Unschuldige ermordet, bewahrheitet sich in Die Glocken die wohl größte Wendung von Game of Thrones: Die »Beschützerin des Reiches« und »Sprengerin der Ketten« tritt in die Fußstapfen ihres Vaters, Aerys II. Targaryen. Besser bekannt als der »irre König«.

Diese Wendung ist gewiss nicht so überraschend, wie die überraschende Wendung am Ende von The Long Night. Schon seit Beginn von Staffel 8 zeichnete sich das düstere Schicksal von Daenerys spürbar ab. Trotzdem ist der Vorwurf, die Showrunner hätten diese Wendung aus dem Hut gezaubert und »brächen« mit dem Charakter dieser strahlenden Hauptfigur, nicht ganz fair. Der Wahnsinn war immer ein Begleiter von Daenerys, sein Ausbruch stets eine Bedrohung.

Fazit zu Die Glocken

Befriedigend war die vorletzte Episode von Game of Thrones sicher nicht. Es gab keine Jubelmomente und kein Staunen mehr – nur noch blankes Entsetzen ob des Exzesses. Das Maß an Gewalt und Grausamkeit, mit dem sich diese Serie einen maßgeblichen Teil ihres Ruhms verschafft hat, erreicht in Die Glocken einen schmerzhaften Höhepunkt. Dabei werden »die Guten« selbst zu einer mordenden Front und zeigen mit aller Deutlichkeit: Im Krieg gibt es keinen Sieg, nur Verlierer*innen auf allen Seiten.

In einer Welt mit Schattenwölfen, Schneebären und Drachen sind Menschen die monströsesten Kreaturen. Der »Splitter im eigenen Auge« kommt in Form eines Dolches daher, den ein entstellter Mann seinem noch entstellteren Bruder durch die Pupille rammt. Dass das Menschenmonster auch damit nicht totzukriegen ist, passt nur zu gut ins Gesamtbild. Game of Thrones – das Spiel der Throne – ist eine allzu reale Fantasy-Saga ohne romantischen Ausklang. Was auch immer im Finale passieren mag, wer auch immer auf dem Thron sitzen mag – der Kampf darum war ebenso wenig ein Spiel, wie »The Great Game« oder »The New Great Game« zwischen echten Großmächten je eines war oder sein wird.

Kurzum: Die Glocken war ein deprimierend-gelungenes Kapitel für eine abgefuckte Fantasie-Geschichte, mit der wir uns so gerne von der deprimierend-misslungenen Geschichte unserer viel abgefuckteren Welt ablenken würden. Not today.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.